Archiv für die Kategorie ‘Bücher’

Fundbureau

März 14, 2013

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Brandstifter – Asphaltbibliotheque
Dokumente aus einem Fundzettel-Archiv in Bild und Text
(96 Seiten, Ventil-Verlag, ISBN 978-3-95575-004-6)

Den Brandstifter kennt man nicht nur als Solomusiker, der live vom Bügelbrett trashique Pop-Perlen präsentiert oder bei der Darmstädter Band The Dass Sägebett Gitarre spielt, sondern auch als sogenannten bildenden Künstler. Seit zirka 15 Jahren beschäftigt er sich mit im öffentlichen Raum vorgefundenen Zetteln und transformiert diese zu Kunst, verbunden mit absurder Bürokratie und nicht ohne Humor. Zuerst wurden diese Fundstücke mit dem Laubbläser in die Galerie befördert, mittlerweile ist Brandstifter mit seiner fluxen Konzeptkunst dada angekommen wo alle Kunst ihr Ende findet: im Museum. Nicht nur in Mainz hat er Aktionen mit seinen Zetteln veranstaltet sondern u.a. auch in Berlin und New York.

Im Ventil-Verlag erschien vor kurzem nun ein dünnes Buch, in dem diese 15 Jahre  dokumentiert werden. Der allseits geschätzte Martin Büsser (1968–2010) liefert das Vorwort. Den Rest erzählt Stefan Brand kurz selbst und viele Fotos zeigen, was die Straßen so hergeben. Das liest man gerne und macht neugierig auf kommende Aktionen.

Am besten direkt beim Erzeuger oder beim Brandstifter bestellen!

GZ,
14.03.2013

ÜBER MUTTI

Februar 28, 2013
Subkultur Westberlin, gesehen auf der Straße in Ostberlin

Subkultur Westberlin, gesehen auf der Straße in Ostberlin

Wolfgang Müller: Subkultur Westberlin 1979 – 1989
Freizeit
(Fundus Philo Fine Arts, 580 Seiten, ISBN 978-3-86572-671-1)

Wolfgang Müller hat wiedermal ein Buch geschrieben. Diesmal nicht über Elfen und auch kein kunstgeschichtlicher Zukunftsroman, sondern eine kleinformatige aber umfangreiche Hardcover-Ausgabe über Freizeit im Westberlin der 1980er Jahre. Der Titel grenzt das Thema ziemlich exakt ein: “Subkultur Westberlin 1979 – 1989″, was den Hobby-Ornithologen nicht daran hindert, diese zeitliche Eingrenzung in alle Richtungen zu überschreiten. Der Ex-Wolfsburger Müller berichtet über damalige Lokalitäten, Menschen, Künstler, Musiker, Filmemacher und deren Aktionen. Dabei berichtet Wolfgang Müller auch gerne über einen gewissen Wolfgang Müller, wie er z.B. im Risiko zusammen mit vielen anderen Leuten performt. Er kennt all die für die New Wave und Post Punk Bewegung wichtigen Läden und weiss darüber in kurzen Abschnitten zu berichten, allerdings nicht ohne abzuschweifen. Man erfährt immer wieder kurz, was aus diesen oder jenen Personen Jahre später geworden ist. Auch Vorfahren des sogenannten Genialen Dilletantismus werden beleuchtet. Von Oswald Wiener im Exil zu Sarah Wiener ist es nur ein paar Jährchen weit.

Als Noch-Nicht-Ganz-Berliner, der erst seit ein paar Monaten ausgerechnet in Ostberlin lebt, kann ich natürlich nicht beurteilen, wie korrekt und allumfassend der Müller’sche Blick auf das damalige Westberlin ist. Jeder Mensch hat seine eigene Wahrnehmung und Wirkungskreis, so dass so ein Buch nie den Anspruch auf objektive, allumfassende Wahrheit haben kann. Klar, dass hier insbesondere die Dilletanten und auch schwulesbi_schtrans*e Aspekte durchaus im Vordergrund stehen. Das ist Teil des Müller’schen Kosmas. Und dann ist da natürlich noch Die Tödliche Doris, die Band oder besser Künstlergruppe, in welcher der Buchautor damals tätig war. Müller lässt es sich nicht nehmen, in diesem Rahmen ausführlich ÜBER DORIS zu erzählen. Es kommt sogar vor, dass das Wort an Doris direkt übergeben wird. Obwohl es im wunderbaren Martin Schmitz Verlag bereits mehrere empfehlenswerte Bücher über Musik, Kunst und Filme von Die Tödliche Doris gibt, erzählt Müller hier nochmal deren Historie in eigenen Worten und setzt sie in Kontext zur damaligen berlinischen Freizeitkultur. Das ist ein bisschen doriszentrisch, aber durchaus interessant.

Dass es keine eindeutige Wahrheit gibt, zeigt der Missverständnisforscher Müller exemplarisch an Martin Kippenbergers Dialog mit der Jugend. Als Kippi für ein paar Monate das SO36 unter sich hatte, wurde er von Ratten-Jenny mit einem zerbrochenen Glas malträtiert, nachdem er sie aus dem Lokal entfernen wollte. So legt sie es in einen für “Subkultur Westberlin” geführten Interview dar. Davon abweichend gibt es mindestens zwei weitere Versionen der gleichen Gegebenheit, die diese sogar an andere Orte verlegt. Man weiss also nicht, was man glauben soll. Und war das SO36 nicht gerade für seine fliegenden Bierdosen bekannt? Apropos Dosenbier: dank Doris und Bierfront haben es solche Dosen bis auf die Documeta in Kassel gebracht. Auch so etwas lernt man bei der Lektüre dieses drucktechnischen Erzeugnisses.

Offensichtlich hat Wolfgang Müller mit vielen verschiedenen Leuten über die damalige Zeit gesprochen. Im umfangreichen Anhang tauchen viele Verweise auf Gespräche und elektronischen Schriftverkehr mit dem Autor auf.

Trotz viel Doris erfährt man viel über die damalige, spezielle insuläre Situation der Westberliner. Wer einen objektiven Zeitreiseführer erwartet, wird enttäuscht sein. Wer sich aber auch für Wolfgang, Doris, Geniale Dilletanten und so interessiert und offen für Abschweifungen sowie Querverbindungen ist, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt.

GZ,
27.02.2013

Hard Travellin’

Oktober 3, 2012

Barbara Mürdter: Woody Guthrie – Die Stimme des anderen Amerika
(Verlag Neues Leben, 2012, ISBN 978-3-355-01801-02)

Fast jeder kennt Woody Guthrie (1912 – 1967) ohne sich dessen bewusst zu sein – oder zumindest sein Lied “This Land Is Your Land”, fast schon eine alternative amerikanische Nationalhymne. In USA kann man dieses Lied in Schulbüchern finden und wenn man eine engagierte Englischlehrerin hatte, konnte man es vielleicht sogar in deutschen Schulen kennenlernen. Oder einfach so. Sogar Sharon Jones & The Dap-Kings haben anno 2004 eine Soul-Version veröffentlicht. Auch bei Barack Obamas Amtseinführung wurde dieser Song von Pete Seeger und Bruce Springsteen in seiner vollen Länge zum besten gegeben (zwei sozialkritische Strophen gerieten lange Zeit in Vergessenheit).

Aber trotzdem wußte ich nicht mehr über diesen Mann. In ihrem Buch “Woody Guthrie – Die Stimme des anderen Amerika” zeichnet die Anglistin Barbara Mürdter, die auch www.popkontext.de betreibt, das Leben dieser Folk-Legende und Geschichtenerzählers nach. Anfangs spielte er in Oklahoma noch harmlose Hillbilly Music und war von der Carter Family ziemlich begeistert. Er war in mehreren Radio Shows zu hören und wurde erst relativ spät politisiert. Nach langer Odyssee landete Guthrie schließlich Anfang der 1940er Jahre in New York und durfte dort Platten aufnehmen und wiederum Radiosendungen machen. In dieser Stadt traf er dann auch auf Bewunderer wie beispielsweise Bob Dylan.

In dieser Biographie erfährt man auch so einiges über amerikanische Geschichte. Denn viele persönlichen Entwicklungen werden von politischen und anderen historischen Gegebenheiten beeinflusst. So provozierten menschgemachte Naturkatastrophen wie die “Dust Bowl” Migrationsbewegungen. Auch Guthrie ist on the road und wird Zeuge des Elends. Anderes Beispiel: Auftrittsmöglichkeiten für kritische Musiker bei Gewerkschafts-Veranstaltungen werden Zunichte gemacht, als die ganze USA dem Kommunismus abschwören muss.

Ein paar Legenden rückt Mürdter zurecht: der illegal auf Güterzügen reisende Hobo war Woody Guthrie dann doch nicht so ganz. Er stammte aus einer eher bürgerlichen Familie, die sich allerdings auf dem absteigenden Ast befand. Und Autostopp war wohl auch ganz okay.

Näheres kann man in dem empfehlenswerten Buch von Barbara Mürdter nachlesen.

Und jetzt muss ich noch etwas Musik von Woody Guthrie nachhören.

Am 14. Juli 2012 wäre er 100 Jahre alt geworden.
Heute vor 45 Jahren, am 3. Oktober 1967 starb Woody Guthrie  an Chorea Huntington.

GZ,
02./03.10.2012

Ola!

Juni 30, 2012

Alexandra Tobor – Sitzen vier Polen im Auto
Teutonische Abenteuer
(Taschenbuch, Ullstein, 2012)

So richtig schön werden sogenannte soziale Netzwerke erst, wenn sie ins Echtleben (RL) übergreifen, wenn man den Menschen, die hinter den Avataren stecken, plötzlich über den Weg läuft – oder sich deren Werke materialisieren, beispielsweise als Bilder oder Bücher. Die allseits bekannte Twitterin @silenttiffy aka Alexandra Tobor (* 1981), Urheberin des Begriffs “Öpve”, hat nun ihr erstes Buch veröffentlich, in dem sie ihren sogenannten Migrationshintergrund (seltsames Wort, btw.) verarbeitet. Das verwundert nicht, schließlich hat sie auch schon mal einen Text zum Thema Heimat in einer Broschüre der Wiesbadener Designagentur Stijlroyal veröffentlicht.

Tobor erzählt in ihrem Buch die Geschichte eines 8-jährigen  Mädchens, das mit ihrer Familie von Polen nach Westdeutschland ausreist, ausgerechnet kurz bevor der Eiserne Vorhang fällt. Für Leute wie mich, die in Deutschland geboren wurden, ist der neugierig-naive Blick eines ausländischen Kindes sehr interessant. Was hier allgegenwärtig war, hatte dort fast schon Kultstatus. Und wie es so in einem Übergangslager seinerzeit zuging wußte ich auch nicht wirklich. Alexandra Tobor hat das alles erlebt und weiß darüber durchaus amüsant zu erzählen. Schließlich geht es ja nicht nur ums Aus- und Einwandern, sondern auch ums Aufwachsen, um Schule, Freunde und Freundinnen. Und natürlich um die resolute Oma Greta, die gegen Ende einen filmreifen Auftritt bei ihrer überraschenden Ankunft im Übergangsheim ihrer Nachkommen hat.

Das alles beschreibt Alexandra Tobor in einer wunderbar zu lesenden, schnörkelfreien, präzisen Sprache, die einen einfach im Lesefluß hält. Die Geschichte endet so ungefähr mit der Erstkommunion der Ich-Erzählerin, die zufälligerweise den Vornamen der Autorin trägt. So manches mag also irgendwie autobiographisch sein, aber letzten Endes wird es doch ein fiktionales Destillat darstellen.

Schade, daß hier nichts aus pubertären Phasen berichtet wird. Vielleicht wäre es in Richtung “Autobigophonie” von Françoise Cactus (Lolitas, Stereo Total, Wollita) gegangen. Aber das wäre reine Spekulation.

Auf Soundcloud gibt es die ersten beiden Kapitel übrigens als “Hörspiel-Teaser”. Anhören!

Ach, und hier hat Daniel Decker die Autorin ausgefragt:
www.kotzendes-einhorn.de

PS:
Bitte nicht vom Buchtitel abschrecken lassen, der klingt wie die ersten Worte eines schlechten Witzes. Das hat wohl der Verlag verbrochen.

GZ,
26.06.2012

Miss.Tic Présidente

Juni 16, 2012

Jorinde Reznikoff und KP Flügel – BOMB IT, MISS.TIC!
Mit der Graffiti-Künstlerin in Paris

(Taschenbuch, Kleine Bücherei Nautilus, 2011)

In Hamburg kennt man die AutorInnen Reznikoff und Flügel als MacherInnen der Neopostdadasurrealpunkshow auf Radio FSK (Freies Sender Kombinat). Und irgendwie scheinen die beiden etwas mehr als frankophil zu sein. So haben sie in ihrer Radio-Sendung über französische Musikfestivals berichtet oder das Label Le Son du Maquis porträtiert und die Komponistin Eliane Radigue interviewt.

In diesem handlichen Taschenbuch wird nun die Pariser (Street Art) Künstlerin Miss.Tic (* 1956) in ihren eigenen Worten vorgestellt, eine Frau, die sich von keiner politischen Richtung vereinnahmen läßt und auch von mancher Feministin angefeindet wurde. Das editierte Interview (die Fragen wurden weggelassen) wird durch ausgewählte Zitate anderer Künstler und Autoren ergänzt. Da taucht dann neben französischen Schriftstellern und Philosophen auch mal ein Gabi Delgado-López (Deutsch Französische … äh nee … Deutsch Amerikanische Freundschaft, natürlich) auf oder John Lydon (Public Image Limited) und Lydia Lunch (Teenage Jesus And The Jerks, 8 Eyed Spy). Da kommt etwas die Vorliebe der AutorInnen bzw. HerausgeberInnen für Post Punk und No Wave durch.

Vor der Lektüre dieses Buches kannte ich die Künstlerin Miss.Tic gar nicht. In den 1980er Jahren machte sie ihre ersten Ausstellungen indem sie mittels Schablonen ihre (Frauen-) Figuren an die Wände im öffentlichen Raum sprühte. Zahlreiche Schwarzweiss-Abbildungen zeigen ihre Text-Bild-Montagen, die voller Wortspiele und Anspielungen zu strotzen scheinen. Schade, daß ich mit der französischen Sprache nix am Hut habe (warum habe ich damals in der Schule nur Latein gebüffelt?). Gottseidank werden diese Spielereien in der Übersetzung der Bildtexte erklärt.

Empfehlenswertes Buch, nicht nur für Leute, die sich für Street Art interessieren.
Denn Kunst ist überall!
Auf Mauern, Bauzäunen und sogar in Galerien…

GZ,
13.06.2012

Blechluft 6

Juni 16, 2012

Günter Sahler – Lass und über Musikkontexte reden
(Taschenbuch, Edition Blechluft 6, 2012)

Hier wird keine heiße Luft verbreitet und kein Blech geredet. Hier geht es um die neuere Historie deutscher experimenteller Musik, deren Urheber, den verwendeten elektronischen Mitteln (vom Theremin bis Laptop-Software) und Speichermedien (von Noten über CompactCassetten – die ja auch den Umschlag dieses Buchs zieren – bis hin zur mp3-Datei und der Cloud).

In Interviews erzählen Musiker wie Asmus Tietchens, Hans Castrup (von den Poison Dwarfs, einer Cassetten-Band der frühen 1980er Jahre, die anno 2012 ein neues Album veröffentlicht hat), Ulli Putsch (S.Y.P.H.), Markus Detmer (Staubgold-Label-Macher und Musiker bei Klangwart), Tom Scheutzlich (Mutter) oder Torstn Kauke (Superstolk) und andere, wie ihre Musik entsteht bzw. entstand. Diese Gespräche sind nicht säuberlich in einzelne Kapitel unterteilt sondern werden mit Zitaten anderer Künstler oder technischen Texten collagiert. Da treffen Erlebnisberichte auf Technikgeschichte, Hardware auf Software, Stockhausen auf Punk Rock. Und auch Damo Suzuki schaut auf einen Sprung vorbei. Es werden die Nischen der deutschen Popkultur ausgeleuchtet – erfreulicherweise auch in der vermeintlich düsteren Provinz. Für diesen Verdienst sollte man dem Editor Günter Sahler eine Ehrenurkunde überreichen.

GZ,
13.06.2012

Das Buch kann man hier bestellen:
www.blechluft.de.vu/

Späte Rose

Juni 16, 2012

Gestern nahm ich in der S-Bahn auf dem Weg nach Esslingen am Neckar (zum hervorragenden Konzert der Band Extra Life, btw.) neben einer ganz in Gelb gekleideten ‘älteren Dame’ Platz. Sie nahm ein dünnes aber nicht kleinformatiges Buch aus ihrer Tasche – skurillerweise ein Liederbuch. “Karl Marx – 14 Lieder” glaubte ich zu entziffern (kann das sein?*). Die Schrift war in Fraktur gesetzt.

Und da saß sie nun, las Lied für Lied, las den Text und las die Noten. Während ich neben ihr mit meinem mp3-Player saß und gegenüber noch ein Typ mit zwei Handys, die er auch noch ständig benutzte, las sie Musik, ließ die Lieder in ihrem Kopf entstehen, in ihrer eigenen Interpretation. Das ist auf sympathische Weise very old school! Und verschwendet keinen Strom.

GZ,
07.06.2012

* meine spätere Recherche ergab: ja, das kann sein.

Freak Out!

Februar 22, 2012
Frank Zappa by Andreas Rausch

Frank Zappa by Andreas Rausch

Andreas Rausch – Zappaesk
(235 Seiten, Ehapa Comic Collection, 2002/2005)

So ein riesiger Fan von Frank Zappa (1940 – 1993) war ich ja eigentlich nie. Okay, die “Over-nite Sensation” hatte ich mir bereits als Teenager gekauft, aber dann kam lange nichts. Erst als mir Meve diese 2004 auf Cordelia Records (dem Label von Alan Jenkins) erschienene Compilation “Lemme Take You To The Beach” mit Cover-Versionen von Zappa-Songs im Surf-Stil schenkte, wurde ich wieder neugierig. Und wenn man sich dann so nach und nach die Originale anhört, merkt man, daß das alles ja super interessant ist. Ziemlich eigenartiger Typ, dieser Frank Zappa.

Ein richtiger Zappa-Fan ist dagegen Andreas Rausch (*1963) aus Bamberg. Mit dem Comic “Zappaesk” hat er eine “Hommage an die Mutter der Erfindungen”, wie es im Untertitel heißt, geschaffen, die seines gleichen sucht. Das ist aber keine Biographie als sauber chronologisch erzählte Graphic Novel oder gar so etwas wie “Zappa für Dummies”. Keineswegs! Hier taucht ein Freak ins Zappa-Universum ein und läßt sich vom Lebenslauf des Künstlers, seiner Musik, den Song-Texten, aber auch von den Artworks der vielen Zappa-Platten inspirieren. Ein bißchen Kunstgeschichte, Goethes Faust und Philosophie ist auch dabei. Das Ganze kommt durchaus sprung- und collagenhaft daher, es wir ein- und ausgezoomt und einzelne Teile durch harte Schnitte verbunden. Der Stil der schwarzweißen Panels ist recht heterogen und changiert zwischen 70er-Jahre-Wimmelbildern und klaren, zeitlosen Einzelseiten. In diesen Bildern stecken so viele Details und Anspielungen auf das Werk des Künstlers Zappa, daß diese in einem umfang- und lehrreichen Anhang erklärt werden. Darüber bin ich als Zappa-Anfänger äußerst dankbar. Wenn man die ein oder andere Zappa-Biographie bereits gelesen hat, ist die Lektüre dieses Comics wahrscheinlich noch amüsanter, weil man da die eine oder andere Anspielung besser erkennt. Aber auch so ist das schon ziemlich klasse.
Kurioserweise ist der Text dieses Buches durchgehend in deutscher Sprache gehalten, auch in Passagen, die sich auf die amerikanischen Songtexte beziehen. Nicht auszudenken, was passiert, wenn eine englisch-sprachige Version dieses Comics erscheinen würde. Vielleicht würde das bei den amerikanischen Freaks wie warme Semmeln weggehen?

Krimi-Baukasten

Januar 6, 2012

Okay, ich geb‘s ja zu, ich schaue viel zu viele (minderwertige) TV-Krimis. Hier habe ich nun ein paar Regeln zusammen getragen, die zwingend zu beachten sind, wenn man einen jener normierten, standardisierten Krimis schreiben möchte.

1)  Ohne Leiche kein Krimi – spätestens mach drei Minuten muss ein Toter gefunden werden, sonst meutert das Publikum.

2) Die Leiche hat immer Ausweis und riesige Mengen Bargeld oder Wertsachen bei sich – wäre ja sonst nur ein schnöder, zufälliger Raubmord ohne weitere Verwicklungen und so.

3) Natürlich wird beim Toten auch immer ein Telefon gefunden, auf dessen Mailbox verdächtige letzte Anrufe abzuhören sind.

4) Toll wäre, wenn einzelne Ermittler schon am Tatort sein könnten, bevor überhaupt ein Verbrechen verübt wird. Das macht die Story kompakter. Und man ist schon mal im Bild.

5) Persönliche Beziehungen der Ermittler zu Opfern und /  oder / aber Verdächtigen sind auch immer gerne gesehen. Bietet dies doch Gelegenheit für Irrungen und Wirrungen.

6) Hat ein Gesetzeshüter deutliche Sympathien oder gar eine amoröse Affäre mit einem der Verdächtigen kann man mit 87%-iger Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass dieser nicht nur verdächtigt sondern am Ende auch wirklich der Täter ist.

7) Schön sind auch immer Konflikte mit LKA oder BKA, die dem rechtschaffenden, kleinen Kriminalbeamten den Fall aus nicht ersichtlichen Gründen entziehen. Natürlich löst anschließend die Kripo den Fall und LKA / BKA entpuppt sich als unfähiger oder sogar korrupter Haufen.

8) Natürlich kommt der redlich arbeitende Kriminalbeamte mit seinem Vorgesetzten in Konflikt, weil er angeblich irgendwie befangen ist, muss Zwangsurlaub nehmen und seine Knarre abgeben – was ihn natürlich nicht daran hindert, weiter zu ermitteln.

9) Will man einen besonders umfangreichen Krimi schreiben, fügt man noch einen weiteren Handlungsstrang in die Story ein, der nur am Rande etwas mit der eigentlichen Geschichte zu tun hat. Dieser muss daher am Ende auch nicht richtig aufgelöst werden.

10) Problemkinder und -Teenager geben dem Krimi erst die Würze. Am besten sind Mißbrauchsopfer, die auf ihrem Computer brutale Baller-Games spielen.

11) Merke: Täter sind auch Opfer. Aber meistens sind Täter nur Täter. Manchmal auch Wohltäter, die ihre ach so saubere Fassade aufrecht erhalten wollen.

12) Populäre Motive: Liebe, Eifersucht und Eifersucht. Manchmal auch Beziehungsprobleme.

13) Irgendwann stecken die Ermittlungen in der Sackgasse und der Kommissar bzw. die Kommissarin sagt „Wir müssen etwas übersehen haben, wir gehen alles noch mal durch!“.

14) Gerne werden mal so Kleinigkeiten übersehen wie „Ach, der Mädchenname vom Frau Meier war ja Müller und somit ist sie ja die Schwester von…“. Konnte natürlich keiner ahnen.

15) Für etwas mehr Action darf ein SEK-Einsatz nicht fehlen. Natürlich überlassen die Kommissare nicht alles den Spezialisten und mischen sich unter die schwerbewaffneten Männer in Schutzanzügen und Helmen. Die normalen Kripo-Leute tragen selbstverständlich keine Helme, höchstens kugelsichere Westen – sie kommen ja sowieso unbeschadet aus dieser Situation wieder raus.

16) Wenn man‘s ganz spannend machen will, zaubert man am Ende einen Täter aus dem Hut, an den noch keiner gedacht hat. Diese Person war zuvor natürlich nur im Hintergrund zu sehen, hat nie etwas gesagt und wirkte immer ganz lieb und war die Höflichkeit selbst.

17) Könnte aber auch ein Unfall gewesen sein.

usw.
usf.

Hollow Punk

Dezember 5, 2011

Hollow Skai:
Punk – Versuch der künstlerischen Realisierung einer neuen Lebenshaltung.
(Sounds-Buch)

Schon 1980 versuchte Hollow Skai in diesem Buch etwas von dem Drive des Punk für die Nachwelt festzuhalten. So spricht Hollow quasi aus den Herzen der Scene, und wenn man es nicht zweimal liest, glaubt man es nicht: Es war seine Magisterarbeit, in der er (wissenschaftlich-) analysierende Prosa mit dem LayOut eines Fanzines verband und den eigentl. Punk als Ausbruch aus der Langweile Mitte der 70er charakterisierte.

Gleich zu Anfang des Buches zerstört Hollow Skai jede Hoffnung auf ein ‘Happy End’. Sämtliche Thesen zur Festlegung des Begriffs ‘Punk’ werden über den Haufen geworfen, um am Ende zu dem Schluß zu kommen, Punk sei immer mehr als… . Seine Festlegung bedeute seinen Tod. Daher jedoch erörtert Hollow von den SEX PISTOLS in England über Fanzines, etc. bis zu Art Attaks in Amerika, alles was irgendwie mit Punk zusammenhängt. Dies geschieht in umfangreicher Form, ist wegen des abwechslungsreichen Schreibstils aber nie ermüdent. Auch die Reaktion der öffentlichen Presse kommt in vielen eingefügten Original-Artikeln nicht zu kurz und wirkt bisweilen grotesk bis erheiternd. Besonders gut gefallen mir die Artikel über Fanzines und der Anhang “Der destruktive Charakter” in dem nocheinmal sämtliche (polit.) Schablonen zerstört werden und der Mensch und seine Kultur als einziges übrig bleibt.

Kein Buch über Punk, sondern ein Buch der Punk-Scene für Leute, die’s nicht (von Anfang an) miterlebt haben und es trotzdem ‘verstehen’ wollen. Aber natürlich auch für andere.

Erhältlich leider nur noch in der Stadtbücherei; dort aber im ‘Sonderangebot’: Entweder kostenlos (nicht weitersagen!!) oder für 13,20 dm (66 Verkleinerungen).

cl.g.

Dieser Text stammt aus dem 4. Heft des Würzburger Fanzines Oi Oi Oi! (später 10.15 bzw. 10.16 Megazine), erschienen im Juli 1984.
Autor: Claus-Georg Pleyer


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