Archiv für die Kategorie ‘Musikfilme’

Durchschnitt

November 9, 2012

Wir werden immer weiter gehen
(95 Minuten, Dokumentarfilm, Deutschland, 2012)

Am vergangenen Sonntag habe ich es doch noch geschafft für einen Film auf das Berliner Musikfilmfestival In-Edit zu gehen. Es lief nochmal der Eröffnungsfilm “Wir werden immer weiter gehen” von George Lindt und Ingolf Rech, der sich “Berlin und Hamburg als Epizentren deutscher Musikproduktion” (so zu lesen in der Ankündigung) widmet.

Im Vorspann wird diese Dokumentation als Kaleidoskop betitelt – aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass es sich hier eher um ein Sammelsurium kurzer Schnipsel aus der Indie Rock Pop Szene besagter Städte handelt. Es fängt recht gut gelaunt mit  kurzen Interviewpassagen und Konzertmitschnitten der Berliner Rockgruppe Stereo Total an. Und viele weitere Live- und Gesprächsmitschnitte folgen. Rocko Schamoni (Motion, Little Machine, Studio Braun, Fraktus), Schorsch Kamerum (Die Goldenen Zitronen), Christiane Rösinger (Lassie Singers, Britta), Dirk von Lowtzow (Tocotronic) oder Alec Empire (Atari Teenage Riot) tauchen beispielsweise auf, aber auch die Betreiber von Clubs wie dem Tresor in Berlin oder der Tanzhalle in Hamburg, Plattenläden wie Michelle Records oder Mr Dead & Mrs Free, Plattenlabel wie Buback, Zickzack, Vielklang (auch ein Studio) oder Kitty-yo und sogar ein Berliner CD-Presswerk oder ein Hamburger Gitarrenfachgeschäft. Und Nikel Pallat, der früher bei Ton Steine Scherben mit von der Partie war (und in irgendeiner WDR-Talkshow anno 1971 einen Tisch mit der Axt malträtierte sowie mit der Würzburger Jazzrockband Munju eine Solo-LP aufgenommen hat) zeigt wie es beim Indigo-Vertrieb im Lager und Versand zugeht. So wie diese Aufzählung pendelt auch der Film zwischen den Orten. Die Sequenzen wirken auf mich zumeist mehr oder weniger zufällig aneinandergereiht. Kaleidoskop halt. Das macht den Film aber nicht besonders spannend, die Filmemacher gehen einfach immer weiter in die Breite. Und der Fan geht mit.

Leider wird nie konkret dokumentiert, aus welchem Jahr die Bilder stammen. Als Uli Rehberg in seinem Plattenladen Unterm Durchschnitt, den er bis ca. 2003 in Hamburg betrieb, auftaucht, wird schnell klar, dass es sich hier vorwiegend um Material aus den frühen Nuller-Jahren handelt. Gegen Ende des Films wird in Schwarzweiss schnell noch der aktuelle Stand – “10 Jahre später” – nachgereicht. Viele machen immernoch Musik, manche haben Kinder, einige sind am Theater gelandet oder schreiben Bücher, weil man mit Musik ja kein Geld mehr verdienen kann.

Eine schöne Überraschung war für mich das Auftauchen von eben erwähntem Uli Rehberg (aka Ditterich von Euler-Donnersperg, Dr. Kurt Euler), einem herrlichen Kauz, der so manche launige Meinungsäußerung von sich gab, mit einem Kind auf dem Arm. Über diesen Mann sollte mal jemand einen Dokumentarfilm machen. Unvergessen sein Label Walter Ulbricht Schallfolien und die Pelzwurstlieder! Auf sein Buch – er arbeitet angeblich an einem Industrial-Roman (?) – darf man gespannt sein.

Ein Buch zu diesem Film gibt es übrigens bereits, aber ich kenne es noch nicht.

GZ,
04. / 08.11.2012

Hinweis: Unerhört! 2012

Mai 6, 2012

Unerhört! Musikfilmfestival Hamburg
11. bis 13. Mai 2012

Ihr habt es bestimmt schon mitbekommen, am kommenden Wochenende findet das 5. Unerhört! Musikfilmfestival im B-Movie Kino statt – diesmal wieder als eigenständige Veranstaltung und nicht wie im Vorjahr als Gast bei einem anderen Festival. Zwölf Spieltermine stehen an diesen drei Tagen auf dem Plan, inklusive eines kleinen Asien-Schwerpunkts am Samstagabend mit zwei Filmen über Myanmar und China.

Sonntags gibt es eine dreistündige (!) Matinée mit “Neuer Aktueller Musik” – mit dabei u.a. ein Kurzfilm über den Free Impro Vocalisten Phil Minton.  Und am Freitag werde ich mir auf jeden Fall die bestimmt interessante Dokumentation über den Free Jazzer Ornette Coleman ansehen.

Auch für sogenannte Indie-Fans ist etwas dabei: Es gibt Filme über Tortoise und das letzte PJ Harvey-Album. Und der empfehlenswerte Liebesfilm “The Ballad Of Genesis And Lady Jaye” über Genesis P-Orridge, Jaye Breyer, Industrial Music, Kunst und Plastische Chirurgie wird hier ebenfalls gezeigt (obwohl er schon auf mehreren Festivals lief, auch in Hamburg).

Weitere vertretene Musikrichtungen: Afrobeat, Kuduro, Neue Musik, Pop, Punk, Rap etc.

Check out!
www.unerhoert-filmfest.de

Holger, Alexander, Evan und Paul

April 14, 2012

Gestern (am 13.04.2012) gab es im Lichtmeß-Kino im Rahmen der 9. Dokumentarfilmwoche Hamburg zwei relativ kurze, wunderbare Musikfilme zu sehen. Erst einer über Holger Hiller und dann ging es weiter mit dem  Schlippenbach Trio. Free Jazz nach Samplingkunst.
Wie es sich für ein Festival gehört, waren die beiden FilmmacherInnen anwesend und ließen sich zu ihren Werken von der Moderatorin und dem Publikum befragen.

Oben im Eck – Holger Hiller
(Janine Jembere, Musik-Dokumentation, 34 min., 2012)

Kurz vor Weihnachten 2011 war Holger Hiller (*1956) mit seiner alten Band Palais Schaumburg, die er nach der ersten LP verlassen hatte, live zu bewundern. Und jetzt hat dieser Film über ihn Premiere. Schöner Zufall!
Hier nähert sich Janine Jembere (*1985) an Hiller an, die dessen Musik nicht von früher kennt sondern erst in einem Seminar damit in Kontakt kam. Ein Jahr bevor Hillers Solo-Album “Oben im Eck“ auf Mute erschien wurde sie in Magdeburg geboren. Daher kommt dieses Portrait erfreulicherweise ohne nostalgische Schwelgereien aus. Aufnahmen aus der Jetztzeit, z.B. von Proben mit zwei Musikerinnen, werden kombiniert mit Archivmaterial – Ausschnitte aus der Fernsehrevue “Dreiklangsdimensionen” beispielsweise oder dem Video von Ohi Ho Bang Bang u.v.m.
Anhand von Privat-Fotos zeigt Hiller seine Stationen auf: Hamburg, London, Berlin. Es gibt keine Interviews und keine Fakten aus dem Off – im ganzen Film ist fast nur die Stimme von Holger Hiller zu hören, beim Proben, Bilderzeigen, Instruktionsvideogucken und Verlesen für diesen Film selbst geschriebener Texte. Für frei gesprochene Interviews war er wohl nicht zu haben, da er sicher sein wollte, daß keine Ungenauigkeiten verbreitet werden. Das ganze beginnt am Berliner Hauptbahnhof (vermute ich jetzt mal), Hiller auf der Rolltreppe und Jembere im Aufzug, dazu ein Ausschnitt aus dem wunderbaren Hörspiel “Little Present”, in dem er den Besuch bei seinem vierjährigen Sohn in Tokio akustisch verarbeitet hat. Am Ende betritt Holger Hiller zwar zusammen mit den beiden bereits erwähnten Musikerinnen eine Bühne in Paris, dann wird die Leinwand schwarz, Abspann.
Die Palais Schaumburg-Reunion ist hier übrigens kein Thema, die Dreharbeiten waren wohl schon abgeschlossen als diese Idee aufkam. Ein wunderbarer Film über einen wirklich interessanten Künstler.
Diese empfehlenswerte Doku entstand übrigens als Abschlussfilm an der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HFBK) und wird zusammen mit 12 anderen Abschlussfilmen am 26. April 2012 im Metropolis Kino gezeigt.

Aber das Wort Hund bellt ja nicht
(Bernd Schoch, Musik-Dokumentation, 48 min., 2011)

Bernd Schoch (*1971) ist u.a. auch Dozent an eben erwähnter HFBK und war 2009 auf dem Unerhört! Musikfilm-Festival mit “Slide Guitar Ride” über Bob Log III vertreten.
Jetzt hat er sich den Spaß erlaubt, drei Free Jazzer abzulichten: Alexander von Schlippenbach (*1938, Piano), Evan Parker (*1944, Saxophon) und Paul Lovens (*1949, Schlagzeug). Unter der Firmierung Schlippenbach Trio machen diese Herren jeden Winter eine Tour und an vier aufeinanderfolgenden Jahren wurden ihre Konzerte in immer dem selben Jazzclub in Karlsruhe (Schoch kommt offensichtlich aus dieser Gegend) aufgenommen. Fast wäre es ein Triptychon geworden – jedem der drei wird eine längere Sequenz gewidmet. Die Mitmusiker sind nur zu hören. Als Zuschauer ist man so nah an ihnen und ihren Instrumenten dran, daß man die Personen fast schon nicht mehr sieht. Da gleiten Finger über Tasten, ein Schweißtropfen perlt herab, man glaubt fast selbst im Schlagzeug zu sitzen. Man kann die Konzentration spüren mit der diese Musik entsteht und sehen, wie ein Musiker auch erstmal hineinhört bevor er weiterspielt. Die drei Herren sind nie gleichzeitig im Bild zu sehen und es gibt auch keine langweilige Totale. Statt Interviews gibt es von jedem der Drei ein Statement zu ihrer Musik und den Ritualen auf ihrer Reise zu hören. Diese dienen als Zwischenspiel und Trennung der dann doch vier Konzertsequenzen. “Aber das Wort Hund bellt ja nicht” ist somit weder eine klassische Doku noch ein herkömmlicher Konzertfilm sondern fast schon selbst Musik. Alles ist im Fluß. Und wie bei einem guten Konzert hätte ich gerne ab und zu mal die Augen geschlossen um mehr zu hören. Aber das wäre ziemlich doof gewesen bei einem so sehenswerten Film!

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Filmvorschau

März 20, 2012

Meine Auswahl für das 38. Filmwochenende Würzburg,
Cinemaxx und Kino Central, 22. bis 25. März 2012

Am kommenden Donnerstag beginnt das Filmwochenende Würzburg. Diesmal bin ich wieder dabei und habe schonmal meine willkürliche Vorab-Aufwahl getroffen. Nach dem Zappen durch eine Playlist mit 56 Trailern habe ich mir folgende Filme notiert:

Do it again
Dokumentarfilm über einen Typen, der versucht The Kinks wieder zusammenzubringen…
Donnerstag 22. März 2012, 20:30 Uhr
Sonntag 25. März 2012, 11:00 Uhr

Extraterrestre
Julia, Julio und Aliens…?
Donnerstag 22. März 2012, 22:15 Uhr
Samstag 24. März 2012, 23:15 Uhr

Shadow of the unnamable

Gruselkurzfilm, u.a. gedreht in Würzburg, Werneck und Unterpleichfeld…
Freitag 23. März 2012, 16:45 Uhr
Sonderveranstaltung – Eintritt frei

Viva Riva!

Trieb und Treibstoff…?
In der taz war darüber zu lesen:
Blaxploitation im Kongo
Freitag 23. März 2012, 23:15 Uhr
Samstag 24. März 2012, 19:00 Uhr

Louisa
Dokumentarfilm über eine 23-jährige Frau, die ihr Gehör verloren hat…
Samstag 24. März 2012, 17:15 Uhr
Sonntag 25. März 2012, 11:00 Uhr

Work Hard – Play Hard
Dokumentarfilm über die schöne neue Arbeitswelt…
Samstag 24. März 2012, 20:45 Uhr
Sonntag 25. März 2012, 11:00 Uhr

Das Cafe Cairo zeigt übrigens im Rahmenprogramm noch ein paar Musikfilme (im bei Coworking eingerichteten Festivaltreff in der Veitshöchheimer Straße 14). Darunter der Dokumentarfilm “Music from the Moon”, der auch schon auf dem Unerhört! Musikfilmfestival 2011 in Hamburg lief.

(Alle Terminangaben sind natürlich wie immer ohne Gewehr!)

Step Across The Border

Januar 19, 2012

Fred Frith – Step Across The Border
(Deutschland, 1990, ca. 85 Minuten)

Der Schwarzweißfilm “Step Across The Border” ist nicht direkt ein Musikfilm über den Gitarrenvirtuosen Fred Frith, sondern  eher eine improvisierte Collage aus Material, das die beiden Regisseure Nicolas Humbert und Werner Penzel auf ihrer gemeinsamen Reise mit Frith durch die halbe Welt auf Celluloid belichtet haben. Werner Penzel hat übrigens auch schon vor zehn Jahren (oder noch etwas früher) die Welttournee der Ethnorockformation Embryo in seinem 16mm-Film “Vagabundenkarawane” dokumentiert. “Step Across The Border” spielt zwar auch an verschiedensten über die ganze Welt verstreute Orte (New York, Tokyo, Schottland, Leipzig fallen mir jetzt spontan ein), ist allerdings kein Werk, das man als Dokumentar- oder Experimentalfilm abtun kann. In den eineinhalb Kinostunden sieht man Fred Frith mit den verschiedensten Leuten musizieren, man hört Statements von ihm, aber z.B. auch von Arto Lindsay. So mancher gibt in der U-Bahn Philosophisches zum besten, die Butterfly-Theorie wird erklärt oder ein Märchen wird von drei verschiedenen Menschen simultan erzählt. Immerwieder tauchen Fortbewegungsmittel wie Zug, U-Bahn, Auto oder Motorrad auf, man scheint ständig unterwegs zu sein. Brücken, Häuser, Felder und vieles mehr zieht vorbei. Und zwischendurch kann man Fred Frith von seinen verschiedensten Seiten sehen. Zum einen als wild improvisierenden Freistilmusiker und zum anderen als ruhigen Interviewpartner oder als den netten Onkel, der mit einem kleinen Kind und einer Harmonika spielt. Und wenn er mit seinen abgehackten Bewegungen den Dirigenten mimt, wird es sogar witzig. Oder: Fred Frith kauft in einem Supermarkt Haushaltswaren, Erbsen und ähnliches Zeug ein – anschließend sehen wir ihn wie er mit den eben eingekauften Dingen in der Küche seine homemade Tischgitarre bearbeitet…..

Die Musik, die in diesem Film als Soundtrack verwendet wurde, ist zu einem großen Teil von bereits erschienenen Fred Frith-Platten her bekannt. Allerdings sind auf der DoLP/CD teilweise Versionen, wie sie im Film nicht zu hören sind. Und wenn mich nicht alles täuscht, gibt es den auf dem Soundtrack-Album enthaltenen, titelgebenden Song (“The Border” von Skeleton Crew) garnicht im Film zu hören. Hervorzuheben sind zwei schöne Songs, bei denen Fred Frith seine Finger ziemlich heraushielt. Nämlich “After Dinner” mit Haco (Piano und Stimme) und “Morning Song” von Iva Bittova und Pavel Fajt. Ansonsten hört man viel Musik mit Frith solo sowie Bands oder Projekten wie Massacre, Skeleton Crew bzw. mit Musikern z.B. von Zamla usw. usf. Der interessierte Hörer kann in einem ausführlichen Beiblatt mit Discographie und Besetzungslisten der einzelnen Songs selbst das Gewirr der Frith‘schen Kollaborationen erforschen. Und als Einstieg in die nicht nur improvisierte Welt des Herren Frith ist diese DoLP/CD wunderbar geeignet. Abwechslungsreiche 70 Vinyl- bzw. 85 Filmminuten werden auf jeden Fall geboten. Freilich nichts für ‘normale’ Musik- und Filmkonsumer. Aber auch nicht nur ausschließlich für Fans!

(Der Soundtrack erschien bei Recommended Records Schweiz und sollte über EFA in jedem guten Laden erhältlich sein. In Deutschland kann man ihn via Mailorder auch bei Recommended No Man’s Land, Dominikanergasse 7, Postfach 110449, D-8700 Würzburg bestellen).

Guido Zimmermann,
1991

Dieser Text wurde zuerst im Oktober 1991 in Ausgabe 16 des 10.16 Megazine veröffentlicht und beim Digitalisieren am 19.01.2012 nur leicht editiert.

Der Film erschien 2003 bei Winter & Winter auf DVD (mit 12 Bonus Tracks).
Der Soundtrack wurde 2002 in Form einer CD auf Fred Records / ReR Megacorp wiederveröffentlicht.

Breyer P-Orridge

Oktober 3, 2011

Programm-Hinweis:

The Ballad of Genesis and Lady Jaye
(Dokumentarfilm von Marie Losier, 2011)

22. Lesbisch Schwule Filmtage Hamburg /
Hamburg International Queer Film Festival
Donnerstag, 20. Oktober 2011, 22:45 Uhr

Weitere, aktuelle Screenings:
ab 29.03.2012 (bis 04.04.2012?), Werkstattkino, München
10.04.2012, 20 Uhr im B-Movie / Dokumentarfilmsalon, Hamburg
12.05.2012, 17 Uhr im B-Movie / Unerhört! Musikfilmfestival, Hamburg

Während der kommenden Lesbisch Schwulen Filmtage in Hamburg wird ein Film gezeigt, der auch für Musikfreunde bzw. Fans von Industrial Music, Throbbing Gristle und Psychic TV interessant sein dürfte.

In „The Ballad of Genesis and Lady Jaye“ wird gezeigt, wie sich das Paar Genesis und Lady Jaye Breyer P-Orridge aneinander körperlich angleichen. Statt Kinder in die Welt zu setzen tranformieren sich die beiden aus lauter Liebe mittels kosmetischer Operationen in ein neues, pandrogynes Wesen. Da wird also nicht nur der Nachname aneinander angepasst sondern auch die Nasen zurecht gemacht, Brustimplantate eingebaut etc. – und das alles als Kunstaktion deklariert. Keine Ahnung, was das soll, aber dieser Film wird es wohl erklären.

Vermutlich wird es auch viel Musik aus dem Hause Genesis P-Orridge geben. Man darf gespannt sein.

Trailer:

Mehr zum Film:
balladofgenesisandladyjaye.com

Mehr zum Festival:
lsf-hamburg.de

Mehr zu Pandrogeny:
genesisbreyerporridge.com/pandrogyne
Pandrogeny Manifesto:
Part 1
Part 2
Part 3

Hittville B.R.D.

Mai 18, 2011

Utopia Ltd.
(Dokumentarfilm, Deutschland, 2008 – 2011, 90 Minuten)

Am vorletzten Dienstag hatte dieser Dokumentarfilm über die Band 1000 Robota im Abaton-Kino Hamburg-Premiere – zwei Tage vor dem offiziellen bundesweiten Kinostart am 12. Mai 2011. Auf der Berlinale wurde er bereits als Eröffnungsfilm der Reihe „Perspektive deutsches Kino“ gezeigt.

Filmemacherin und Cutterin Sandra Trostel hatte das Glück, auf diese – immer noch ziemlich junge – Band während eines ihrer ersten Konzertes anno 2008 im Knust gestossen zu sein, kurz bevor sie dann als Hype durchs Dorf getrieben wurde. Und das ist das besondere an diesem Film: man bekommt nicht tausend Jahre im Nachhinein erklärt wie es damals so ungefähr gewesen sein könnte, sondern man erlebt eine Band, die gerade am Sich-Entwickeln ist. Man erlebt mit, wie sie ihre erste Platte aufnehmen und Promotion-Touren auf sich nehmen. Aber auch, wie sie ihr Abitur in Hittfeld schreiben und ihren 18. Geburtstag mit der Familie feiern oder ins erste WG-Zimmer ziehen. Aber keinen Sex, keine Drugs (außer Bier), keinen Rock‘n‘Roll. Und das in diesem jungen Alter?!

Irgendwie haben sich die Filmemacherinnen so dezent verhalten, dass sie für die Beteiligten keine Rolle mehr spielten. So bekommt man als Zuschauer einen Eindruck vom Verhältnis zwischen der Band und ihrem damaligen Label und auch Einblick in Diskussionen bei bzw. nach den Aufnahmen zu ihrer ersten Platte. Schon da ging 1000 Robota so manches gegen den Strich – und sie trafen (instinktiv) so manche Entscheidung, die nicht immer nett war, aber ihre künstlerische Integrität gewährleistete. Ihr damaliges Label war beispielsweise so bescheuert, 1000 Robota für eine Vorentscheidung zu Stefan Raabs Song Contest schicken zu wollen, und die Band war so bescheuert erst zuzusagen, um dann später doch nicht dorthin zu gehen. Eine Entscheidung die  Respekt verdient! Label-Macher Dirk Darmstädter hat 2010 übrigens zusammen mit Bernd Begemann dort eine flotte Freddy-Cover-Version abgeliefert und ist grandios gescheitert. Schon blöd, sich als Kanonenfutter für Herrn Raab zu verdingen. Ob sie dadurch jemals eine Platte mehr verkauft haben? 1000 Robota spielten jedenfalls nicht mit und es hat ihnen nicht allzusehr geschadet. Es geht nun mal nicht immer nur um Verkaufszahlen.

Der Film kommt vollkommen ohne Off-Sprecher aus und auch ohne irgendwelche Musiker-Kollegen, die Statements über das Objekt dieses Dokumentarfilms abgeben. Also kein Distelmeyer, der erzählt wie toll Mutter ist. Und auch kein Nick Cave, der seinen Senf zu Blixa oder wemauchimmer abgibt. Nichts dergleichen. Selbst Interview-Fragen werden nur in zwei, drei Ausnahmefällen vom den Filmemacherinnen gestellt. Schließlich gibt die Promotion-Tour genügend Material her um den Umgang mit Musikpresse und Radio zu dokumentieren.

Das ganze ist ein dicht collagierter Film, bei dem mir die Musik fast ein  wenig zu kurz kommt. Es gibt es zwar immer wieder Konzertausschnitte, aber nicht sehr ausführlich.

Der Film endet Anfang 2010 – natürlich wäre es noch interessant gewesen mehr über den Wechsel der Band von der Tapete Records (Darmstaedter, Buskies GbR) zur Buback Tonträger GmbH zu erfahren oder über die Entstehung ihrer zweiten Platte. Aber irgendwann muss ja mal Schluß sein.

PS: Schön auch die Sequenz, bei der jemand durch die Tür des Burn Out Records Ladens geht – Schnitt – und dann im Inneren des Zardoz ankommt…

Die Site zum Film:
www.utopialimited-film.de

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Kinder, Koks und Krach

April 11, 2011

Mein Unerhört! Musikfilmfestival 2011
(07. bis 10. April 2011, Hamburg, verschiedene Lichtspielstätten)

Gottseidank fand in diesem Jahr das Unerhört! Musikfilmfestival wieder statt, wenn auch in geschrumpfter Form. In Kooperation mit bzw. im Rahmen der Dokumentarfilmwoche Hamburg zeigte Unerhört! acht Filme, von denen ich immerhin fünf gesehen habe. Am Samstag gab es leider Überschneidungen, so dass ich mich gegen „Taqwacore – The Birth of Punk Islam“ und „Benda Bilili!“ entscheiden mußte. Letztgenannter Film erhielt dann auch den Preis für die beste Musikdokumentation 2011. Entschieden hat das eine aus Ruben Jonas Schnell, Holger True und Ale Dumbsky bestehende Jury. Ich habe wohl ein Talent dafür das beste (?) zu verpassen (auch den Film über Youssou N’Dour)…

Eröffnet wurde das Festival mit einem Film über die ehemalige unabhängige Plattenfirma Creation und ihren Mitbegründer Alan McGee, einem drogen-befeuerten Musikverrückten mit dem Gespür für besondere Musik. Creation veröffentlichte im November 1984 die erste Single von The Jesus And Mary Chain (daher der Filmtitel: „Upside Down – The Creation Records Story“) und später so interessante Bands wie My Bloody Valentine, Momus und Felt, aber auch Teenage Fanclub, Boo Radleys  oder Oasis und viele mehr. Die Zeitreise führte von Glasgow über London nach Manchester, von der Gründung bis zum Zusammenbruch und den Einstieg von Sony. Es kommen viele Musiker, aber auch ehemalige Angestellte und Journalisten zu Wort. Alles dicht mit Informationen gefüllt und schnell geschnitten. Schade, dass der Schotte McGee so schlecht zu verstehen ist, aber Regisseur Danny O’Connor und Produzent Mark Gardener (ex Ride), beide bei der Aufführung anwesend, waren sich dessen bewußt und versprachen für die Zukunft Untertitel.

Der Freitag war dem Funk und Soul gewidmet.

Zuerst wurde im B-Movie „Coming Back For More – Finding Sly Stone“ gezeigt. Hier wird einerseits die Geschichte von Sly Stone erzählt, der in den 80ern von der Bildfläche verschwand, und andererseits von holländischen Fans, die ihm nachstellen, erst scheitern, aber am Ende das erste gefilmte Interview mit Sly Stone seit  über 20 Jahren führen. Durch detektivische Geduldsarbeit und dem langsamen Aufbau von Kontakten mit Sly Stones Umfeld konnte man ihn am Ende wirklich finden. Unterstützt wurde der Regisseur Willem Alkema durch zwei Fans, Zwillinge, die ein Buch über Sly Stone in Arbeit haben und auch einen Einblick in dessen musikalischer Biographie geben. Eine teilweise recht amüsante Mischung aus gelebtem Fantum und Musikdokumentation.

Der Titel des zweiten Films am Freitagabend verrät bereits die ganze darin dargebotene Geschichte: „Coals to Newcastle: The New Mastersounds From Leeds to New Orleans“. Die New Mastersounds sind eine Instrumental-Funkband aus Leeds und tragen Eulen nach Athen indem sie nach New Orleans reisen und dort ihre Version amerikanischer Musik darbieten. Anfangs wird die Band vorgestellt, alles nette Typen und teilweise auch Väter, die versuchen Kinder und Musik unter einen Hut zu bringen. Statt die musikalischen Wurzeln in New Orleans herauszuarbeiten mutiert der Film am Ende zu einem Konzertfilm. Fans der Band waren begeistert. Schade nur, dass mir diese Art von Funk schon zu daddelig und muckermäßig ist und mir recht bald auf den Butterkeks ging.

Samstags reiste ich zuerst in den hohen Norden, später nach Japan.

In „Music From The Moon“ ging man zusammen mit dem Hypno Theatre auf Tournee nach Island und Grönland. Eine international zusammengewürfelte Truppe führt Kindern ihr Puppenmusiktheater vor. Dabei erfährt man einiges über die jeweiligen Kulturen, die sich nicht nur von Land zu Land, sondern auch von Süd nach Nord (zumindest in Grönland) leicht unterscheiden. Man wird in private Wohnungen zu Einheimischen mitgenommen, aber auch zu Konzerten von unbekannten grönländischen und bekannteren isländischen Bands. Man trifft beispielsweise auf Emiliana Torrini und Benni Hemm Hemm. Schöne Landschaftsaufnahmen sind natürlich auch dabei.

Der interessanteste Film in diesem Jahr war für mich „We Don’t Care About Music Anyway“. In einer manchmal postapokalyptisch anmutenden Kulisse – Müllhalden, Schrottplätze, verfallene Häuser, Kellergewölbe – wird harshe experimentelle Musik dargeboten von Musikern bzw. Bands, die auf die Namen Sakamoto Hiromichi, Yamakawa Fuyuki, L?K?O, Numb, Saidrum, Takehisa Ken, Shimazaki Tomoko und Otomo Yoshihide hören (zumindesten letzteren könnte man als Turntableist, Gitarrist und Improvisator kennen). Deren Musik verschmilzt mit den Bildern und den dazugehörigen Umgebungsgeräuschen derart perfekt, dass es eine wahre Freude ist. Zumindest wenn man sich für japanische experimentelle, an Lärm grenzende Musik interessiert. Gitarren, Mischpulte, Sampler, Plattenspieler und auch ein gutbürgerliches Cello werden zweckentfremdet, manipuliert und mit Kontaktmikrophonen ausgestattet. Manchem Künstler genügt auch der eigene Herzschlag als pulsierende Klangquelle. Zwischendurch reden die beteiligten Künstler in einem abgedunkelten Raum über ihre Musik, Arbeitweise, Hintergründe, Umgebung. Oder geben einzeln kurze Statements ab. Und irgendwann bezweifelt einer der Musiker, dass diese Häuser hier in Zukunft, vielleicht in zehn Jahren, noch stehen könnten. Die Rede ist von Tokyo, Japan…

Hinweis: Unerhört! 2011

März 28, 2011

Unerhört! Musikfilmfestival Hamburg
7. bis 10. April 2011

Eigentlich war das 4. Unerhört! Musikfilmfestival für Dezember 2010 geplant und terminiert. Aber da es Probleme mit der Finanzierung gab, wurde dieses Festival auf unbestimmte Zeit verschoben. Nun kooperiert es offensichtlich mit der 8. Dokumentarfilmwoche Hamburg und hat dort acht Musikfilme untergebracht.

Am zweiten Tag der Dokumentarfilmwoche wird dann also das Unerhört! mit dem Film “Upside Down – The Creation Records Story” eröffnet. Ein Film über dieses interessante englische Label, das seit 1983 Bands wie Felt, Jesus & Mary Chain und My Bloody Valentine, aber auch Primal Scream oder Oasis veröffentlicht hat.

Toll finde ich alleine schon den Titel des Films „We Don’t Care About Music Anyway“ über japanische Klangforschung. Neben mir unbekannten Namen taucht dort auch Otomo Yoshihide auf. Das dürfte also interessant werden.

Weitere Filme befassen sich mit Musikern und Bands wie Sly Stone, Youssou N’Dour und Staff Benda Bilili (aus Kinshasa). Oder mit der Entstehung der muslimischen Punk-Szene.

Heiß und funky wird es wohl bei „Coals to Newcastle“ zugehen, während bei „Music From The Moon“ eher eine Reise durch kühle nordische (Musik-) Landschaften zu erwarten ist.

Die Leute von der Dokumentarfilmwoche haben übrigens noch zwei  weitere Musikfilme im Programm: einen über Die Sterne und einen über den Auftritt von Jimi Hendrix auf Fehmarn.

So schaut der Programmplan vom Unerhört! 2011 aus:

Donnerstag, 07.04.2011,  21:15 Uhr, Metropolis
Upside Down – The Creation Records Story *

Freitag, 08.04.2011, 19:30 Uhr, B-Movie
Coming Back For More – Finding Sly Stone *

Freitag, 08.04.2011, 21:30 Uhr, B-Movie
Coals to Newcastle: The New Mastersounds From Leeds to New Orleans *

Samstag, 09.04.2011, 20:30 Uhr, Lichtmess
Music From The Moon *

Samstag, 09.04.2011, 21:00 Uhr, Metropolis
Benda Bilili!

Samstag, 09.04.2011, 22:30 Uhr, B-Movie
Taqwacore – The Birth of Punk Islam

Samstag, 09.04.2011, 23:00 Uhr, 3001
We Don’t Care About Music Anyway *

Sonntag, 10.04.2011, 21:30 Uhr, 3001
Youssou N’Dour: Rückkehr nach Gorée

Programmdetails siehe hier:
www.unerhoert-filmfest.de
www.dokfilmwoche.com

* wir sehen uns dann voraussichtlich bei diesen mit dem Stern der guten Hoffnung gekennzeichneten Filmen.

 

Haus Vaterland

März 14, 2011

Walter Welke geboren Thielsch (1950 – 2011)

Haus Vaterland
(Musikfilm, Deutschland, 1983-84, 3 x 60 Minuten)

Am 13.03.2011 wurde im Hamburger Metropolis-Kino eine Horst Königstein-Retrospektive mit dieser 3-stündigen Musikrevue beendet. Und, wie es im Untertitel heißt, mit einer „sehr deutschen“.

Entstanden ist dieser Film 1983, zu einer Zeit als die sogenannte Neue Deutsche Welle (NDW) ihren Zenit bereits überschritten hatte, die interessantesten Sachen bereits gelaufen waren und dann von der Musikindustrie zu Tode geplätschert wurde. Genau zu diesem Zeitpunkt wurde im „Haus Vaterland“ ein Blick in die nicht nur musikalische Vergangenheit gewagt, zurück bis in die 1920er Jahre, ein Blick, der ansonsten durch die Geschichten des 2. Weltkriegs verstellt wird.

Der Titel „Haus Vaterland“ hat aber nix mit Teutschtümelei zu tun. Laut Wikipedia war das Haus Vaterland „von 1928 bis 1943 ein großer Gaststättenbetrieb und Vergnügungspalast am Potsdamer Platz in Berlin mit rund einer Million Besuchern im Jahr, der als Vorläufer der heutigen Erlebnisgastronomie angesehen werden kann“. In diesem Kempinski-Betrieb gab es Themenrestaurants entsprechend der verschiedensten deutschen Regionen. Allerdings war das nur etwas für Kaffer, Provinzler, also alle außerhalb Berlins (so die Kommentare von Zeitzeugen in diesem Film) oder wie man heutzutage sagen würde: Touristen. Andererseits gab es auch in Hamburg bis ca. 1972 ein Haus Vaterland, wohl ein klassisches Varietéhaus am Ballindamm. Und genau das ist das Hauptthema dieser in Hamburg produzierten Revue: Varieté. Aber auch alte deutsche Filme sind ein Thema.

Leuten wie Hans Albers oder Heinz Rühmann und vielen anderen begegnet man in schwarzweissen Ausschnitten aus historischen Musik- und Revuefilmen. Aber dann sind da noch die Sänger und Sängerinnen von damals wie beispielsweise Robert Biberti (von den Comedian Harmonists), Curt Bois, Ilse Werner oder Blandine Ebinger und viele mehr, die hier Lieder zum besten geben, aber auch interviewt werden – teilweise von Annette und Inga Humpe (Ideal, Neonbabies, Humpe & Humpe, Ich + Ich, Zweiraumwohnung) sowie Peter Glaser (hier auch am Drehbuch beteiligt; ansonsten Co-Autor von „Der große Hirnriss“, heutzutage Internet-Kolumnist).

Gerade dieses Holen der Vergangenheit in die damals aktuellen 1980er Jahre machen diesen Dreiteiler für mich so interessant. Denn hier gibt es auch zeitgenössische Interpretationen z.B. von „Goodbye Johnny“ von den späten Palais Schaumburg (also ohne Holger Hiller), die ansonsten nicht zugänglich sind. Auch die Version des Chansons „Nuit et jour“ von Humpe & Humpe dürfte eher selten zu sehen sein. Schön auch die visuelle Umsetzung der elektronischen Interpretation der Hindemith‘schen Kinderoper „Wir bauen eine neue Stadt“ von Holger Hiller und Thomas Fehlmann, bei der Kinder in comic-artigen Kulissen schauspielern dürfen (zu sehen am Anfang von Folge 3 dieses Dreiteilers). Auch ist meines Erachtens kurz Moritz von Oswald (Palais Schaumburg, Basic Channel, Maurizio, Rhythm & Sound, Moritz von Oswald Trio) Schlagzeug spielend zu sehen, als Begleitung eines Steptänzers, der seiner Faszination für die 20er Jahre Ausdruck verleiht. Aus dem wavigen Kühl der Neuinterpretationen brechen Heiner Goebbels und Alfred 23 Harth zusammen mit Ernst Stötzner während der Darbietung eines Liedes von Friedrich Hollaender in freejazzigen Krach aus (herrlich!). Ebenfalls der Hammer ist die schnörkellose Darbietung von „Johnny zum Geburtstag“ durch Original-Interpretin Blandine Ebinger, einer Freundin (bzw. Ehefrau) von Friedrich Hollaender. Der Text ist sowas von ‚politisch unkorrekt‘, dass es eine wahre Freude ist.

Was Peter Gabriel und seine deutschsprachige Version von „The Flood“ in diesem Zusammenhang zu suchen hat, ist mir eher schleierhaft (okay, Regisseur Horst Königstein hat den deutschen Text für Gabriel geschrieben).

Im Netz sind leider keine Ausschnitte aus „Haus Vaterland“ mehr zu finden.
Folgende Clips wurden bei youtube entfernt:
Palais Schaumburg / Hans Albers – Goodbye Johnny
Blandine Ebinger – Johnny zum Geburtstag
Blandine Ebinger – Die Trommlerin
Annette & Inga Humpe – Nuit et jour
Inga Humpe & Thomas Fehlmann – Staubige Worte
Curt Bois – Im Jahre des Heils


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