Über: Manafon / Amplified Gesture

Manafon

David Sylvian: Manafon / Amplified Gesture
(CD + DVD, Samadhisound, 2009)

In den letzten Jahren hatte ich David  Sylvian etwas aus den Augen verloren. Als ich vor Erscheinen seines aktuellen Album hörte, dass er nun mit vielen bad alchemistisch einschlägig bekannten Improvisateuren zusammenarbeitet, spitze ich die Ohren – und wunderte mich etwas darob. Was man allerdings gar nicht tun muss, wenn man weiß, dass Sylvian vor ein paar Jahren für „Blemish“ mit Derek Bailey kollaborierte. Auch schon kurz nach seiner Zeit bei der New Wave Band Japan waren auf den Platten von David Sylvian immer wieder interessante Gäste zu hören, beispielsweise Holger Czukay oder Jon Hassell. Auf „Manafon“ sind nun Musiker vertreten, die man u.a. von Ensembles wie AMM und Polwechsel kennt oder aus sich ständig wechselnden musikalischen Partnerschaften. Obwohl ich Name-dropping nicht mag, sollten diese erwähnt werden. Mit von der Partie sind Tetuzi Akiyama, Werner Dafeldecker, Christian Fennesz, Franz Hautzinger, Sachiko M, Marcio Mattos, Michael Moser, Toshimaru Nakamura, Evan Parker, Keith Rowe, Joel Ryan, Burkhard Stangl, John Tilbury und Otomo Yoshihide.
Für seine aktuellen Platte wurden Sessions dieser Impro-Musiker aufgezeichnet und anschließend von David Sylvian – mit Hilfe von Fennesz – bearbeitet, neu zusammengesetzt und editiert. Da knistert, fiept, bruzzelt und schmurgelt es, dass es eine wahre Freude ist. Ruhig, reduktionistisch. Echte Zuhörmusik. Über allem schwebt David Sylvian, der sich mit seiner rezitierenden Stimme – und auch mit Gitarre und Elektronik – nicht in die Riege der Improvisateure einreiht und somit ein bisschen die Sicht auf deren leise Töne versperrt. Seine Stimme drückt „Manafon“ sein Markenzeichen auf und macht dieses Album so zu einem typischen David Sylvian-Werk.

rowe

Parallel zu „Manafon“ entstand auch ein Film, der wohl als Making-of geplant war, aber am Ende zu einer „Introduction to free improvisation: practitioners and their philosphy“ wurde. „Amplified Gesture“ nennt sich dieser Dokumentarfilm von Phil Hopkins in schöner schwarz/weiss-Ästhetik. In sieben Kapiteln erzählen Musiker, die auch auf „Manafon“ zu hören sind (Dafeldecker, Fennesz, Sachiko M, Moser, Nakamura, Parker, Rowe,Tilbury, Yoshihide), aber auch John Butcher und Eddie Prévost davon, wie sie zur Musik und zur freien Improvisation kamen, über ihr Verhältnis zu ihren Instrumenten, der Interaktion mit ihren Mitmusikern, dem Publikum und der Architektur sowie ihren immerwährenden Antrieb zu improvisieren. Die Interviews führte Nick Luscombe. Ein Kapitel ist den Pionieren AMM gewidmet, die Mitte der 1960er Jahre mit ihren Gruppenimprovisationen anfingen. Damals wurde die Gitarre flach auf den Tisch gelegt, präpariert und malträtiert. Jahrzehnte später reduzierten andere Musiker ihr Mischpult zum no-input-mixing-desk (Nakamura) oder ihren Sampler zum Sinuswellengenerator (Sachiko M) um neue Möglichkeiten zu erforschen. Und gerade die alte Garde wundert und freut sich, dass improvisierte Musik von so vielen jungen Musikern betrieben wird, dass man garnicht mehr hinterher kommt, die neuen Talente unter die Lupe zu nehmen.
Der ca. einstündige Film „Amplified Gesture“ wurde zusammen mit der Surround Sound Version des Albums (wer braucht denn sowas?) auf DVD veröffentlicht – allerdings nur als Bestandteil der bereits ausverkauften „Manafon“-Deluxe Edition, die aus zwei schön gestaltete, dünnen Büchern im Schuber besteht. Der „Amplified Gesture“-Band enthält neben einem kurzen Vorwort des The Wire-Autors Clive Bell auch kleine Portraits – in Wort und Bild –  der im Film zu Wort kommenden Musiker.
Also die Augen offen halten – vielleicht wird dieser Film ja mal irgendwann irgendwo öffentlich aufgeführt!

(geschrieben im November 2009 für Bad Alchemy 65)

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