Notizen aus der Provinz

Klaus Fischer – Trips & Träume
(Klaus Fischer / Books on Demand, ISBN 978-383703183-6)

Es sind schon ein paar Monate vergangen seit ich dieses im Jahr 2008 erschienene Buch mit dem Untertitel „Ein Roman über die wilden Krautrock-Jahre“ gelesen habe. Dieses Buch ist also keine dokumentarische Abhandlung über die Musik der frühen 1970er Jahre. Vielmehr erzählt Klaus Fischer wie es damals abging, bestimmt sind seine frühen Erfahrungen mit Drogen, Mädchen und Musik hier eingeflossen. Irgendwo in der Gegend von Koblenz bzw. Lahnstein muss er aufgewachsen sein, war Schlagzeuger in verschiedensten Bands, hat das Journalisten-Handwerk gelernt und ist über Frankfurt am Main vor ein paar Jahren wieder in der Provinz gelandet. In Würzburg arbeitet er für einen Konzertveranstalter und hat nebenher dieses umfangreiche Buch geschrieben. Nach dem Einstieg über eine Rahmengeschichte – die er sich von mir aus hätte sparen können – wird der Leser ins Jahr 1971 gebeamt und bekommt gleich die Alte-Spießer-versus-Jugendliche-Hippies-Stimmung mit. Ab da wird man in die Musik-Szene einer Kleinstadt gezogen, in der zur richtigen Zeit Guru Guru aufspielt und sich eine überdurchschnittliche Band-Vielfalt entwickelt. Alles im Zeichen dieser freakigen Rockmusik aus deutschen Landen. Das ganze Hinundher um Bandgründungen, regionale und internationale Musikfestivals, Instrumente-Besorgen, aus der Band wieder aussteigen, in der Musikkneipe Jazz hören, üben, auf der Bühne versagen oder auch nicht, den Krautrock-Impressario treffen usw. usf. beschreibt Fischer so lebendig als hätte er das damals wirklich so erlebt. Dabei ist sein Roman bestimmt mehr Legende als Wahrheit, das verrät schon das Motto, das er seinem Buch voranstellt. Aber nicht alles ist fiktional, historisch wichtige Gruppen werden mit ihren richtigen Namen genannt, man erfährt auch musikhistorische Fakten, die als Brücken zwischen Erfundenem und der offizieller Geschichtsschreibung dienen. Da kommt etwas der Journalist im Autor durch – aber man muss nicht jedes Detail erklären, z.B. dass man das dicke Kabel zwischen Bühne und Mischpult Multicore nennt, ist für die Handlung unwichtig. Ich bin überzeugt, dass Mitglieder der regionalen Szene, in der sich Klaus Fischer damals bewegte, dessen Anspielungen auf damalige Formationen dechiffrieren können. Eine Anspielung auf einen Würzburger Musik-Freak habe sogar ich verstanden. Aber davon lebt dieses Buch nicht, vielmehr zeigt es, wie es sich damals so angefühlt haben muss mit dem Krautrock in der westdeutschen Provinz.  Lesenswert!

Interessant sind übrigens auch Klaus Fischers Lesungen. Mit einem kurzen Film stimmt er auf die Krautrockzeit ein und spielt zwischendurch immer wieder Musik von Bands, die in seinem Roman erwähnt werden. Sehenswert!

13.04.2010

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