Archive for September 2010

Mein Reeperbahnfestival 2010

September 27, 2010

Various Artists: Reeperbahnfestival 2010
Hamburg, 23.-25.09.2010

Das Reeperbahnfestival wird auch immer größer. In diesem Jahr sind einige neue Veranstaltungsorte hinzugekommen, vom Striptease-Lokal bis zur Kirche. Ungefähr 188 Bands an drei Tagen, was für ein Irrsinn! Aber perfekt, wenn man neue Musik entdecken will, man muss halt von Ort zu Ort hoppen. Aber sensationell neues gibt es hier nicht. Ernsthafte Experimente darf man nicht erwarten. Singer-Songwriter gab es wie Sand am Meer und auffallend viele nordeuropäische Musiker. Dort scheint die Musikförderung anders zu funktionieren als hierzulande.

Im Imperial Theater waren in der Kulisse zu einem Edgar Wallace-Stück (vermute ich mal), in gediegender Atmosphäre, Künstler wie Caitlin Rose (sympathisch entspannte Country-Songs), Ólöf Arnalds (netter nordisch Folk) oder Kat Frankie zu hören, die mit ihrer Band einen für Festivalverhältnisse recht ausführlichen und sehr überzeugenden Gig zum Besten gaben. Immer wieder wechselte sie und ihre Mitmusiker die Instrumente, so war vom Klang her immer für Abwechslung gesorgt.

In der kleinen Hasenschaukel hatte ich nur einmal die Ehre Gast sein zu dürfen. Der Kanadier Woodpigeon, ein Mann an der akustischen Gitarre, der sich seine musikalische Begleitung gerne live Schicht für Schicht zusammen samplete (nichts ungewöhnliches mehr, Petula beispielsweise, ein Alleinunterhalter mit E-Gitarre, machte das nebenan im Silber ebenfalls –  und viele mehr). Nur beim letzten Lied, einem „american folk song“, der sich als Daniel Johnston-Cover-Version entpuppte, halfen ihm Freunde an Drums und Singender Säge.

Die zum Molotow gehörende Meanie Bar war diesmal ebenfalls Austragungsort verschiedenster Konzerte. Die High Quality Girls schafften es mit ihrer trashigen Musik, die Bar angenehm leer zu spielen. Normalerweise war sie ruckzuck überfüllt. Verpaßt habe ich hier Torpedo, aber was ich am Ende ihres Sets zufällig hören durfte, hat gut krautgerockt. In diesem  Rahmen bemerkenswert war die Instrumentierung von Parfum Brutal: Cello, Sängerin mit Geige, E-Piano und ein Schlagzeuger, der auch  mal eine Decke übers Schlagzeug warf um den Klang zu dämpfen. Soetwas sieht man im Pop eher selten. Popmusik mit kammermusikalischen Mitteln und womöglich jazzigem Background, sehr erfrischend.

Auch im Cafe vom Beatlemania, dem privaten Hamburger Beatles-Museum, gab es Konzerte. Die Betonwände sind jetzt nicht so gemütlich. Aber hier hat Lydia Daher mit Band ihre neue, im Oktober bei Trikont Records erscheinende Platte vorgestellt. Ihr Debut-Album hatte sie ja im Alleingang eingespielt. Nun ist die mit einem Schlagzeuger und einem Bassisten unterwegs und präsentiert ihre textlastigen, deutschsprachigen Songs. Sie selbst spielt Gitarre (für Linkshänder – das paßt gut ins Beatles-Museum) und singt, klar und schnörkellos sind die Gitarrenriffs und Basslinien. Sympathische Angelegenheit!

Natürlich gab es auch große Namen auf diesem Festival. Edwyn Collins beispielsweise zeigte, dass er immernoch gute Popmusik macht. Und Chilly Gonzales überzeugte am Klavier solo, sehr unterhaltsam und mit Schalk im Nacken, bevor sein Film „Ivory Tower“ Deutschland-Premiere hatte.

So ungefähr war das bei mir.

 

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Valeska

September 19, 2010

Wolfgang Müller – Valeska Gert: Ästhetik der Präsenzen
(Taschenbuch, Martin Schmitz Verlag, ISBN 978-3-927795-51-8)

Valeska Gert – Baby
(7“, Martin Schmitz Verlag, 2010)

Obwohl ich keine Ahnung von Tanz habe, finde ich dieses neue Buch von Wolfgang Müller (Die Tödliche Doris) sehr interessant. Denn hier stellt er nicht nur dar, welche Bedeutung Valeska Gert (1891 – 1978) für den Modernen Tanz hat, sondern auch den Einfluss auf ihn selbst und den Kreis der Genialen Dilletanten im Westberlin der frühesten 1980er Jahre. Müller selbst hat sie Mitte der 70er Jahre, als er noch in Wolfsburg wohnte, in einer Talkshow gesehen. Die Faszination an dieser Person scheint ihn bis heute nicht losgelassen zu haben. Aber auch Frieder Butzmann hat sie damals für sich entdeckt, was dazu führte, dass er einen Song mit dem Titel „Valeska“ aufnahm, eine Hommage an verschiedene starke Frauen (zu hören auf Butzmann & Sanja – Valeska / Spanish Fly / Waschsalon Berlin, 7“, Marat, 1979).

Auf dem Cover zitiert er eine kurze Passage aus Gerts Buch „Mein Weg“ aus dem Jahr 1931 (welches ergänzend als Anhang in Müllers Buch komplett mit abgedruckt wurde), die zeigt,  welche zukunftsweisenden Ansichten sie damals bereits hatte. Inspiriert durch neu aufkommende Technologien (z.B. Tonfilm)  brachte sie neue Elemente in den Tanz ein, der wohl fast schon Performance-Charakter hatte (bei dieser Gelegenheit kommt Müller auf das Thema Gebärdensprache zu sprechen, das ihn auch schon lange begleitet). Und auch das Konzept der Künstler-Kneipen, in den 1980ern gab es in Berlin beispielsweise das Kumpelnest 3000, hat Valeska Gert an verschiedensten Orten dieser Welt vorweggenommen. Und nicht nur das.

Parallel zum Buch wurde eine auf 400 Exemplare limitierte Vinyl-Single veröffentlicht. „Baby“ sollte in den 1960er Jahren bei der Deutschen Grammophon erscheinen. Aber anscheinend waren die damals entstandenen Aufnahmen immernoch zu revolutionär um veröffentlicht zu werden und sind verschollen. 2009 tauchte ein 40 Jahre altes Video auf und wurde vom ZKM in Karlsruhe digitalisiert. Die Tonspur kann man nun auf dieser Single hören: abstrakte, knurrige, mit Mund und Kehlkopf generierte Geräusche, Röcheln, Schreie. Ob Free Impro Vokalist Phil Minton auch mal so angefangen hat? Schade, dass man das dazugehörige Video und Gerts Mienenspiel nicht sehen kann. Aber im Buch wurde dies ja zumindest als schönes Daumenkino abgebildet.

Anlässlich dieser Veröffentlichung findet bis zum 6. Februar 2011 eine Ausstellung im Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart, in Berlin statt: Pause. Valeska Gert: Bewegte Fragmente
www.hamburgerbahnhof.de

Das Buch und die Schallplatte kann man direkt beim Verlag bestellen:
www.martin-schmitz-verlag.de

Hinweis: Mars & The Orbiters play Paracelsus

September 12, 2010

Ich habe keine Ahnung, was das werden wird, aber es klingt interessant und ein bißchen verrückt. Ich zitiere einfach mal aus der Einladung:

Nachdem wir nun ein ganze Weile an unserem Paracelsus-Rock’n’Roll-Konzept weiter gefeilt haben, möchten wir Euch zum nächsten Gig einladen:

MARS & THE ORBITERS:
Paracelsus – Spirit for Spagyrik

(Science & Art & Rock’n’Roll)

Samstag, 02.10.2010
Loft, Friedenstr. 22, 81671 München
Beginn: 20:30 Uhr
Eintritt: 7 EUR

Wie viele von Euch wissen, haben wir über das Leben und Wirken des ungewöhnlichen Arztes, Alchemisten und Naturphilosophen Theophrastus Bombastus von Hohenheim (Paracelsus) eine ganze Menge Songs sowie ein alchemistisches Rock’n’Roll-Metaphysikal geschrieben. Unser Ziel ist, damit auf Tour durch alle Orte zu gehen, an denen Paracelsus längere Zeit gelebt hat. Doch vorher werden wir ein paar Mal in München auftreten.

Diesmal haben wir für den Science-Part mit an Bord:

Lic. phil. Thomas Hofmeier
Alchemiehistoriker
Leiter des Instituts für Geheimwissenschaften in Basel

Magister Hofmeier hat sich geisteswissenschaftlich mit Alchemie befasst und ist ein ausgezeichneter Kenner Hohenheims. Er wird eine originelle Präsentation über Paracelsus und Basilisken halten.

Na dann bin ich mal gespannt!

*****

Nachtrag:

Dieses Quartett ist eine wirklich gute Rock-Band – und wenn sie mal leise spielt klingt es so:

Leben heißt das Loch

September 12, 2010

Mutter live at Dockville Festival, Hamburg, 15.08.2010

MUTTER – Trinken Singen Schiessen
(CD / DoLP, Die Eigene Gesellschaft, DEG 006, 2010)

Schon das erste Lied dieses Albums zeigt, dass die Berliner Band Mutter immernoch keine allzu positive Sicht auf dieses Ding namens Leben hat. Dabei stammt der Text von „Loch“ ausnahmsweise nicht von Max Müller, sondern von Dieter Roth, einem Künstler, der ebenso wie Müllers Bruder Wolfgang, temporär auf Island aktiv war.*

Mutter blickt etwas genervt auf verschiedene Aspekte des Lebens, u.a. Liebe, Freiheit, Jung, Alt. Und auf Idioten, die einen dazu bringen sich selbst zum Idioten zu machen. In einem Lied geht es um das Verhältnis zwischen Wohltätern und Opfern. Eine Blasmusik-Version dieses Liedes am Ende des Albums nennt sich „Wohlopfer“. Dialektik ohne Ende.

Dabei bewegt sich Mutter musikalisch zwischen eher langsamen, manchmal malmenden Songs – ein Stück erinnerte mich entfernt an Bohren Und Der Club Of Gore, nur munterer sowie mit Gesang – und relativ flott und locker dahin gelegten, vermeintlichen Popsongs. Das Keyboard bringt stellenweise orchestrale Klangfarben mit ein in den von Gitarre, Schlagzeug und Bass dominierten Mutter-Klang. Aber es gibt auch eine seltsame Kinderstimme zu hören sowie feminine Background-Vocals, die – ba ba ba ba ba ba – eine gewisse Leichtigkeit in „Der Zug“ bringt. Gegend Ende ist sogar noch eine schöne akustische Gitarre zu hören. Es ist also durchaus für bunte Klangtupfer und Abwechslung gesorgt.

Wird wohl eine meiner Lieblingsplatten des Jahres 2010 werden.

_____________

Anmerkung:
* Das ist nicht die erste Dieter Roth-Cover-Version dieser Band – auf der Compilation „Das Dieter Roth oRchester spielt kleine wolken, typische scheiße und nie gehörte musik“ wurde bereits „Warum ist das so?“ zu einem Song verarbeitet.

Hörproben: myspace.com/muttermusik

Mutter auf Tournee:
07.10.2010 Köln, Gebäude 9
08.10.2010 Trier, Exhaus
09.10.2010 München, 59 to 1
10.12.2010 Schorndorf, Manufaktur
11.12.2010 Weinheim, Café Central
16.12.2010 Hamburg, Hafenklang
17.12.2010 Husum, Speicher
18.12.2010 Wolfsburg, Hallenbad
(Quelle: www.muttermusik.de)

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