Das unsichtbare Monument

Michaela Meliáns Memory Loops

Am 23. September 2010 wurde das virtuelle und dezentrale Denkmal „Memory Loops – 300 Tonspuren zu Orten des NS-Terrors in München 1933-1945“ der Künstlerin Michaela Melián offiziell in Betrieb genommen. Nach umfangreicher Recherchearbeit hat Melián, die seit 30 Jahren auch mit der Band Freiwillige Selbstkontrolle unterwegs ist, 300 Audio-Miniaturen in deutscher und 175 in englischer Sprache erarbeitet, die jeweils zu einem bestimmten Ort in München das Schicksal einzelner Menschen während des NS-Regimes erzählen. Diese Dateien kann man mittels einer Website, auf der die entsprechenden Tonspuren in einem stilisierten Stadtplan verortet werden, auswählen, downloaden und zu Tracklists zusammenstellen. Man kann sich aber auch Abspielgeräte in verschiedenen Münchner Museen ausleihen oder an 60 beschilderten Orten per Telefon die passenden Tracks abrufen. Für den Bayerischen Rundfunk, Abteilung Hörspiel- und Medienkunst, wurden fünf lange Memory Loops (zu jeweils ca. 55 Minuten) produziert, die im Herbst 2010 gesendet wurden und ebenfalls als kostenlose Downloads zugänglich sind.

Machart und Ästethik der Memory Loops lehnen sich an Michaela Meliáns Werk „Föhrenwald“ aus dem Jahr 2005 an. Die individuellen „Geschichten“, aus Archivmaterial und Interviews herausdestilliert, werden von Sprechern mit ruhiger, leiser Stimme gelesen und Kinder tragen behördliche Anordnungen und andere offiziellen Verlautbarungen vor. Unterlegt wird dies mit ambienten, reduzierten Loops, die manchmal von Klaviertönen akzentuiert werden. Nichts lenkt vom Thema ab. Durch den Bezug der jeweiligen Hörstückchen zu einzelnen Orten des damaligen Geschehens wird das Gedenken an diese üble Zeit aus seiner Abstraktion geholt und geerdet. Auch für Nicht-Münchner ist das alles mehr als hörenswert und sehr interessant.

PS: Interessant finde ich übrigens auch, daß sich die Stadt München zu so einem flächendeckenden Denkmal durchringen konnte – während das ebenfalls dezentrale Gedenk-Konzept der Stolpersteine meines Wissens dort immernoch nicht genehmigt wurde…

Nachtrag:
Im Mai 2012 wurde Memory Loops für den „Grimme Online Award SPEZIAL“ nominiert.
Siehe: Grimme.

Die Website:
www.memoryloops.net

Die Memory Loops beim Bayerischen Rundfunk:
www.br-online.de

 

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Eine Antwort to “Das unsichtbare Monument”

  1. popkontext | Memory Loops – Neues Projekt von Michaela Melián Says:

    […] Update: Hier kann man einen Podcast vom Projekt herunterladen (Rezension bei Mr. Boredom’s) […]

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