Archive for März 2011

Hinweis: Unerhört! 2011

März 28, 2011

Unerhört! Musikfilmfestival Hamburg
7. bis 10. April 2011

Eigentlich war das 4. Unerhört! Musikfilmfestival für Dezember 2010 geplant und terminiert. Aber da es Probleme mit der Finanzierung gab, wurde dieses Festival auf unbestimmte Zeit verschoben. Nun kooperiert es offensichtlich mit der 8. Dokumentarfilmwoche Hamburg und hat dort acht Musikfilme untergebracht.

Am zweiten Tag der Dokumentarfilmwoche wird dann also das Unerhört! mit dem Film „Upside Down – The Creation Records Story“ eröffnet. Ein Film über dieses interessante englische Label, das seit 1983 Bands wie Felt, Jesus & Mary Chain und My Bloody Valentine, aber auch Primal Scream oder Oasis veröffentlicht hat.

Toll finde ich alleine schon den Titel des Films „We Don’t Care About Music Anyway“ über japanische Klangforschung. Neben mir unbekannten Namen taucht dort auch Otomo Yoshihide auf. Das dürfte also interessant werden.

Weitere Filme befassen sich mit Musikern und Bands wie Sly Stone, Youssou N’Dour und Staff Benda Bilili (aus Kinshasa). Oder mit der Entstehung der muslimischen Punk-Szene.

Heiß und funky wird es wohl bei „Coals to Newcastle“ zugehen, während bei „Music From The Moon“ eher eine Reise durch kühle nordische (Musik-) Landschaften zu erwarten ist.

Die Leute von der Dokumentarfilmwoche haben übrigens noch zwei  weitere Musikfilme im Programm: einen über Die Sterne und einen über den Auftritt von Jimi Hendrix auf Fehmarn.

So schaut der Programmplan vom Unerhört! 2011 aus:

Donnerstag, 07.04.2011,  21:15 Uhr, Metropolis
Upside Down – The Creation Records Story *

Freitag, 08.04.2011, 19:30 Uhr, B-Movie
Coming Back For More – Finding Sly Stone *

Freitag, 08.04.2011, 21:30 Uhr, B-Movie
Coals to Newcastle: The New Mastersounds From Leeds to New Orleans *

Samstag, 09.04.2011, 20:30 Uhr, Lichtmess
Music From The Moon *

Samstag, 09.04.2011, 21:00 Uhr, Metropolis
Benda Bilili!

Samstag, 09.04.2011, 22:30 Uhr, B-Movie
Taqwacore – The Birth of Punk Islam

Samstag, 09.04.2011, 23:00 Uhr, 3001
We Don’t Care About Music Anyway *

Sonntag, 10.04.2011, 21:30 Uhr, 3001
Youssou N’Dour: Rückkehr nach Gorée

Programmdetails siehe hier:
www.unerhoert-filmfest.de
www.dokfilmwoche.com

* wir sehen uns dann voraussichtlich bei diesen mit dem Stern der guten Hoffnung gekennzeichneten Filmen.

 

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Kein Echo für Christiane

März 24, 2011

Christiane Rösinger und Andreas Spechtl im Publikum beim Echo 2011

Hiermit möchte ich Frau Christiane Rösinger recht herzlich dazu gratulieren, keinen der Echo-Musikpreise 2011 gewonnen zu haben. Sie war zusammen mit Fritz Kalkbrenner, Pantha Du Prince, Kristof Schreuf und Tocotronic in der Kategorie Kritikerpreis nominiert.

In dieses kommerziell orientierte Echo-Umfeld passen ihre Lieder einfach nicht rein. Was diese Dauerwerbesendung von Brainpool, EMI, Sony und Universal auf der Frequenz eines öffentlich-rechtlichen Senders zu suchen hat, ist mir einfach schleierhaft. Okay, Annette Humpe hat einen Preis für ihr Lebenswerk durchaus verdient. Sympathische Frau! Aber der Rest der nominierten „Künstler“ ist wirklich deprimierend. Ich möchte keine Namen nennen. Und diese aus Hamburg stammende Moderatorin habe ich eh gefressen, warum schreit die immer nur so rum? Peinlich! Und wenn sich dann auch noch Bands – echt total witzig, ey – bei Take That oder Vattenfall bedanken, bedanke auch ich mich und kann diese debile Unterhaltungsindustrie noch weniger ertragen als vorher. Also gar gar gar gar gar gar gar gar gar gar gar gar gar gar gar gar gar gar gar gar gar gar gar gar nicht.

Danke, Christiane, für’s Nichtgewinnen!
Ist besser so.

Goldgrube Wasser

März 21, 2011

Water Makes Money – Wie private Konzerne aus Wasser Geld machen
(Dokumentarfilm, Deutschland, 2010, 90 Minuten)

Wasser ist einfach lebenswichtig und eigentich unbezahlbar. Wie internationale Konzerne mit undurchsichtigen Geschäftsmodellen Geld damit machen zeigt dieser Film, der im September 2010 Kino-Premiere hatte und am kommenden Weltwassertag im Fernsehen auf arte gezeigt wird.

Beginnend in Frankreich, der Heimat von Veolia und Suez, erklären die Filmemacher Leslie Franke und Herdolor Lorenz, wie dieses sogenannte Private Public Partnership (PPP) funktioniert. Die Kommune erhält ein „Eintrittsgeld“ vom privaten Partner und kann sich erstmal finanziell saniert fühlen. Dummerweise lastet dieser versteckte Kredit auf dem Verbraucher und wird von diesem dann mehrfach bezahlt. Die Wasserpreise steigen, gleichzeitig wird die Wartung zurückgefahren und die Qualität des Wassers verschlechtert sich. Die privaten Firmen haben kein Interesse an extrem langfristigen Investitionen in die Infrastruktur. Statt von der Quelle an sauberes Wasser zu produzieren und den ökologischen Landbau in Wasserschutzzonen zu unterstützen, setzen die Konzerne lieber auf Filtertechnik und der Zugabe von Chlor im (französischen) Leitungswasser.

Dank eines weit verzweigtes Lobbynetzes, das bis in die Forschung reicht, wurde Veolia die Nummer 1 auf dem weltweiten Wassermarkt. In Deutschland ist Veolia in 300 Gemeinden beteiligt, u.a. in Braunschweig. Aber die Rekommunalisierung ist mittlerweile weltweit Trend, auch in der Veolia-Hochburg Paris. Und Beispiele wie Augsburg oder München zeigen, welche positiven Effekte es hat, wenn die Wasservervorgung in öffentlicher Hand bleibt.

Der Konzern Veolia hat gegen die Filmemacher übrigens rechtliche Schritte eingeleitet. „Man klage gegen den Vorwurf der Korruption, vor allem die Verwendung des Begriffs „Korruption“ im Film“, heißt es in einem elektronischen Rundschreiben der Filmemacher vom 18.02.2011. Und trotz des telefonischen Protests des Suez-CEO bei der Präsidentin von arte hält diese Fernsehanstalt an dem Sendetermin fest. Man darf gespannt sein, wie diese Sache ausgeht und ob dieser Film dann noch verbreitet werden darf. Aber das wird noch etwas dauern. Also schnell den Fernseher einschalten, ins Kino gehen oder die DVD einschieben.

Trailer:
www.youtube.com/watch?v=CVqGOnm4A78

Weitere Aufführungen siehe:
www.watermakesmoney.org

Weitere Infos bei KernFilm

Die wundervollen Sümpfe von Pornesien

März 17, 2011

Christian Keßler – Die läufige Leinwand
(live, Lichtmess-Kino, Hamburg, 03.03.2011)

Vor vierzehn Tagen war ich auf keiner Lesung, sondern bei einem freien Vortrag mit Filmschnipseln. Der Film-Journalist und Schreiber für „Splatting Image“ Christian Keßler stelle im Hamburger Lichtmess-Kino, einer kleinen industriellen Kathedrale des Lichts, sein neues Buch mit dem etwas seltsamen Titel „Die läufige Leinwand“ vor. Sein Verleger Martin Schmitz hatte dazu eingeladen. Eigentlich habe ich mich bisher noch nicht für amerikanische Hardcorefilme von 1970 bis 1985 interessiert, aber nachdem aus diesem Verlag so einige interessante Bücher kamen, konnte ich nicht Nein sagen und machte mich auf den Weg nach Ottensen.

Autor Christian Keßler, Jahrgang 1968, wirkt keinswegs wie ein Sex Dwarf, eher wie ein angenehmer Film Nerd, der mit einem zum „Winkelement“ umfunktionierten Stofftier dem Filmvorführer Zeichen gibt. Bei seinem Vortrag erzählte er wie er als ca. 13-Jähriger das erste Mal mit sexuell aufgeladenen Filmen in Berührung gekommen ist. Irgendwie schaffte er es damals dann auch, trotz Minderjährigkeit, heißen Stoff aus Videotheken zu schleusen. Damit war wohl das Fundament für eine ewige Vorliebe für solche Filme gelegt. Aber Keßler hat kein Interesse an  Sachen, wie sie heutzutage u.a. bei youporn laufen und die nur der schnellen Befriedigung dienen. In den 1970er Jahren war der amerikanische Schmuddelfilm ein wahres Experimentierfeld. Da wurde nicht ausschließlich zielorientiert kopuliert, sondern auch noch Geschichten dazu erzählt.

Schon das erste Filmbeispiel, welches Keßler eloquent vorstellte, verwundert. Da gab es eine Alice In Wonderland-Adaption, als Musical! Und die Leute unterhielten sich singend über Sexualität während des Aktes. Unglaublich. Auch andere Genres wurden damals herangezogen. So konnte man eine witzige, pseudo-wissenschaftliche Abhandlung zum Thema sehen, ebenso wie vollkommen surreale Filmszenen. Von amüsant bis absurd war da einiges geboten. Trotzdem waren die gezeigten Beispiele eher harmlos, fast schon jugendfrei.

Das Buch habe ich noch nicht gelesen. Es ist eher ein Nachschlagewerk, versammelt aber auch Interviews mit Dave Friedman, Eduardo Cemano, Howard Ziehm, Zachary Youngblood, Zebedy Colt, Annette Haven, Ann Perry-Rhine, Jamie Gillis, Bill Margold, John Seeman und Veronica Hart. Alles Namen, die ich bislang nicht kannte. Und ein gewisser Arzt namens Dirk Felsenheimer aka Bela B. hat das Vorwort geschrieben. Und Bilder sind auch abgedruckt in diesem Hardcore Hardcover Buch!

Christian Keßler ist weiterhin auf „Lese“-Tour. Ich kann nur empfehlen, diese Gelegenheit, eine vollkommen neue alte Filmwelt kennenzulernen, wahrzunehmen. So ein Abend ist nicht nur lehrreich, sondern auch sehr amüsant. Die Widmung,  die der Autor in mein Exemplar schrieb, gilt auch für Euch: „Viel Spaß beim Erkunden der wundervollen Sümpfe von Pornesien!“.

Weitere Termine:

17. März 2011, Kultursalon Roderich, Berlin
18. März 2011, Ilses Erika, Leipzig
24. März 2011, King Georg Klubbar, Köln
09. April 2011, Folge Eins, Wien
10. April 2011, Werkstattkino, München
29. Juni 2011, Initiative Bielefelder Subkultur e.V., Bielefeld

Näheres & weiteres siehe: www.martin-schmitz-verlag.de/Termine

Das Buch kann man direkt beim Verlag bestellen:
www.martin-schmitz-verlag.de

 

Haus Vaterland

März 14, 2011

Walter Welke geboren Thielsch (1950 – 2011)

Haus Vaterland
(Musikfilm, Deutschland, 1983-84, 3 x 60 Minuten)

Am 13.03.2011 wurde im Hamburger Metropolis-Kino eine Horst Königstein-Retrospektive mit dieser 3-stündigen Musikrevue beendet. Und, wie es im Untertitel heißt, mit einer „sehr deutschen“.

Entstanden ist dieser Film 1983, zu einer Zeit als die sogenannte Neue Deutsche Welle (NDW) ihren Zenit bereits überschritten hatte, die interessantesten Sachen bereits gelaufen waren und dann von der Musikindustrie zu Tode geplätschert wurde. Genau zu diesem Zeitpunkt wurde im „Haus Vaterland“ ein Blick in die nicht nur musikalische Vergangenheit gewagt, zurück bis in die 1920er Jahre, ein Blick, der ansonsten durch die Geschichten des 2. Weltkriegs verstellt wird.

Der Titel „Haus Vaterland“ hat aber nix mit Teutschtümelei zu tun. Laut Wikipedia war das Haus Vaterland „von 1928 bis 1943 ein großer Gaststättenbetrieb und Vergnügungspalast am Potsdamer Platz in Berlin mit rund einer Million Besuchern im Jahr, der als Vorläufer der heutigen Erlebnisgastronomie angesehen werden kann“. In diesem Kempinski-Betrieb gab es Themenrestaurants entsprechend der verschiedensten deutschen Regionen. Allerdings war das nur etwas für Kaffer, Provinzler, also alle außerhalb Berlins (so die Kommentare von Zeitzeugen in diesem Film) oder wie man heutzutage sagen würde: Touristen. Andererseits gab es auch in Hamburg bis ca. 1972 ein Haus Vaterland, wohl ein klassisches Varietéhaus am Ballindamm. Und genau das ist das Hauptthema dieser in Hamburg produzierten Revue: Varieté. Aber auch alte deutsche Filme sind ein Thema.

Leuten wie Hans Albers oder Heinz Rühmann und vielen anderen begegnet man in schwarzweissen Ausschnitten aus historischen Musik- und Revuefilmen. Aber dann sind da noch die Sänger und Sängerinnen von damals wie beispielsweise Robert Biberti (von den Comedian Harmonists), Curt Bois, Ilse Werner oder Blandine Ebinger und viele mehr, die hier Lieder zum besten geben, aber auch interviewt werden – teilweise von Annette und Inga Humpe (Ideal, Neonbabies, Humpe & Humpe, Ich + Ich, Zweiraumwohnung) sowie Peter Glaser (hier auch am Drehbuch beteiligt; ansonsten Co-Autor von „Der große Hirnriss“, heutzutage Internet-Kolumnist).

Gerade dieses Holen der Vergangenheit in die damals aktuellen 1980er Jahre machen diesen Dreiteiler für mich so interessant. Denn hier gibt es auch zeitgenössische Interpretationen z.B. von „Goodbye Johnny“ von den späten Palais Schaumburg (also ohne Holger Hiller), die ansonsten nicht zugänglich sind. Auch die Version des Chansons „Nuit et jour“ von Humpe & Humpe dürfte eher selten zu sehen sein. Schön auch die visuelle Umsetzung der elektronischen Interpretation der Hindemith‘schen Kinderoper „Wir bauen eine neue Stadt“ von Holger Hiller und Thomas Fehlmann, bei der Kinder in comic-artigen Kulissen schauspielern dürfen (zu sehen am Anfang von Folge 3 dieses Dreiteilers). Auch ist meines Erachtens kurz Moritz von Oswald (Palais Schaumburg, Basic Channel, Maurizio, Rhythm & Sound, Moritz von Oswald Trio) Schlagzeug spielend zu sehen, als Begleitung eines Steptänzers, der seiner Faszination für die 20er Jahre Ausdruck verleiht. Aus dem wavigen Kühl der Neuinterpretationen brechen Heiner Goebbels und Alfred 23 Harth zusammen mit Ernst Stötzner während der Darbietung eines Liedes von Friedrich Hollaender in freejazzigen Krach aus (herrlich!). Ebenfalls der Hammer ist die schnörkellose Darbietung von „Johnny zum Geburtstag“ durch Original-Interpretin Blandine Ebinger, einer Freundin (bzw. Ehefrau) von Friedrich Hollaender. Der Text ist sowas von ‚politisch unkorrekt‘, dass es eine wahre Freude ist.

Was Peter Gabriel und seine deutschsprachige Version von „The Flood“ in diesem Zusammenhang zu suchen hat, ist mir eher schleierhaft (okay, Regisseur Horst Königstein hat den deutschen Text für Gabriel geschrieben).

Im Netz sind leider keine Ausschnitte aus „Haus Vaterland“ mehr zu finden.
Folgende Clips wurden bei youtube entfernt:
Palais Schaumburg / Hans Albers – Goodbye Johnny
Blandine Ebinger – Johnny zum Geburtstag
Blandine Ebinger – Die Trommlerin
Annette & Inga Humpe – Nuit et jour
Inga Humpe & Thomas Fehlmann – Staubige Worte
Curt Bois – Im Jahre des Heils