Archive for Juni 2011

Mit 66 fängt das Leben erst an

Juni 30, 2011

Blondie – Panic Of Girls
(LP/CD/DL, Five Seven Music/EMI, 2011)

Die neuen Blondie-CD hat ein ziemlich häßliches Cover – auf der Rückseite sieht das Gesicht von Deborah Harry bizarr verzerrt wie das eines Aliens aus. In Echt ist diese alte Schachtel doch viel hübscher!

Elf neue Songs gibt es zu hören. Gleich die ersten beweisen, dass man auch im hohen Alter noch „gut abrocken“ kann. Alles fett produziert, mit knackigen Gitarren-Riffs, maschinenartigem Schlagzeug und Keyboards, die alles zukleistern. Die Stimme wird manchmal mit einem Autotune-Effekt (oder wie auch immer dieser unnötige Sound-Design-Schnick-Schnack sich nennen mag) belegt, was mich tendenziell anekelt. Nach drei Knallern wird das Tempo etwas herausgenommen und es geht eher in eine Richtung, die an alte Hits wie „The Tide Is High“ (gewiss nicht mein Lieblingslied von Blondie) denken läßt. Die Leichtigkeit von damals vermisse ich etwas. Alles ist so gnaden- und seelenlos hart überproduziert, dass der Sound und auch diese Musik mir keinen Spaß machen. Auch nicht, wenn es dann noch etwas mehr reggae-mäßig oder gar südamerikanisch angehaucht weiter geht. „Love Doesn‘t Frighten Me“ könnte – anders produziert – vielleicht eine klassisches Blondie-Stück sein und wird nach radiotauglichen drei Minuten ausgeblendet (es gibt nichts einfallsloseres als eine Ausblende!).
Zusammenfassung meines ersten und zweiten Höreindrucks:
Schade eigentlich.

Vertrieben wir diese CD – ähnlich wie die letzte Prince-CD im August 2010 – vorab als Beigabe zur Juli-Ausgabe des (deutschen) Rolling Stones, heute ist Erstverkaufstag. Ab 15. Juli 2011 wird es dann wohl u.a. noch eine „Chris Stein Doppel CD Edition“ und Vinyl geben.
Zum Rolling Stone-Heft und dem dort enthaltenen „35 Jahre Punk Special“ sag ich lieber erstmal nix – das wäre eine Geschichte für sich…

Nachtrag vom 1. Juli 2011:
Alles Gute zum 66. Geburtstag, liebe Deborah Harry!

Noch ein Nachtrag, diesmal vom 28. Juli 2011:
Irgendwie stand ich da völlig auf dem Schlauch, aber meine Schwester hat sofort erkannt, daß es sich bei „Sunday Smile“ um eine Cover-Version handelt. Das Original stammt von Beirut (die Band von Zach Condon) und ist einfach herrlich schön. Etwas besseres kann jemandem an einem Sonntagmorgen kaum passieren. Aber in der Version von Blondie wird daraus eine charmelose Schmonzette. Das gibt nochmals Punk(t)abzug.

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Verschwundene Lokalitäten (3)

Juni 29, 2011

POP
Musik und Mode
(… und Milchkaffee, Klosterallee 100, 20144 Hamburg, bis Juni 2011)

Aural Screen Savers

Juni 28, 2011

Dies ist mir beim umzugsbedingten Sortieren wiedermal in die Hände gefallen: Ein Artikel über den Musiker und Komponisten Stefan Hetzel, der im Würzburger Stadtmagazin Herr Schmidt (Heftpreis 3 DM) im Februar 1998 veröffentlicht wurde.

Ohrschirmschoner aus Eibelstadt

In Unterfranken gibt es nicht nur selbstgebrannten Schnaps, sondern auch Musiker, die ihre ungewöhnliche Musik auf CDs in Kleinstauflagen veröffentlichen — also ebenfalls so gut wie selbstgebrannt.

Im romantischen Eibelstadt hat sich ein solcher Musiker namens Stefan Hetzel in einer ehemaligen Pension eingemietet und komponiert dort seit einigen Jahren, meist für rechnergesteuertes Digital-Klavier. Zumindest soweit dies seine kaufmännische Erwerbstätigkeit erlaubt. Nebenbei gibt er noch das Literaturmagazin mit dem sinnigen Titel „Ich“ heraus – im Buchladen Neuer Weg erhältlich – und schreibt Essays über Jazz und Minimal Music für das Würzburger Fanzine „Bad Alchemy“. Womit bereits zwei Referenzpunkte erwähnt wurden, die für Hetzels Musik eine große Rolle spielen. Bei den Kompositionen für rechnergesteuertes Klavier, die er im März 1997 in der Produzentengalerie Nulldrei vorgestellt und im November auf CD mit dem bescheidenen Titel „Aural Screen Savers“ („akustische Bildschirmschoner“) veröffentlicht hat, ließ er sich u.a. von den Großmeistern der Minimal Music (Morton Feldman, Steve Reich, Philip Glass) inspirieren. Aber auch der letztes Jahr verstorbene Conlon Nancarrow hat hier Spuren hinterlassen: dieser Eigenbrötler schrieb – für normale Pianisten unspielbare – Kompositionen, die Pianolas mittels Walzen oder Lochstreifen realisierten. Auch bei Stefan Hetzel wird ein Musikautomat angesteuert: von einem im Omikron-Basic
geschriebenen Programm über einen Atari-Computer auf ein Digital-Klavier bzw. ein Soundmodul, das quasi dem Player Piano von Nancarrow entspricht.

Trotz all dieser Bezüge, die von Stefan Hetzel keineswegs verschwiegen werden, klingen die Stücke auf „Aural Screen Savers“ gottseidank nicht so wie die Kompositionen der Leute, denen sie gewidmet sind. Weder klingt „Romantic Loop“ nach Wim Mertens harmonischem Kitsch, noch strahlt der dritte Satz von „Triptychon“ die minimalistische Unruhe eines Steve Reich aus.

Außer vorgegebenen Strukturen spielen Zufälle eine große Rolle; aleatorische Parameter lassen das zu. Bei jeder Aufführung bzw. nach jedem Programmstart kann dasselbe Stück in engen Grenzen anders klingen. Bei einer Komposition werden beispielsweise die festgelegten Patterns mit Tönen gefüllt, deren Höhe dem Zufall überlassen wird. Mit alldem sitzt der Schöpfer freilich zwischen den Klavierhockern. Teilweise kann man es als zeitgemäße instrumentale Electronic Listening Music mit Ambient-Charakter verstehen – oder aber als ernstzunehmende Neue Musik, mit der man sich in Ruhe befassen muß. Also weder was für Kids noch für Professoren? Dafür jedenfalls etwas für Musikliebhaber, die auf Grenzüberschreitendes stehen. Die erwähnte CD ist im Plattenladen monophon in der Sartoriusstraße 2 und beim Komponisten selbst erhältlich.

Eine weitere seiner grenzüberschreitenden Tätigkeiten ist übrigens das Spielen von Jazz-Standards aus Spaß an der Freude. Das kann man jeden zweiten Donnerstag im Würzburger Residenz-Cafe erleben.

Guido Zimmermann,
1998

Hier nochmal als PDF:
Stefan Hetzel in Herr Schmidt 02/1998

Verschwundene Lokalitäten (2)

Juni 27, 2011

Corso Kino-Center
(Würzburg, 1949 bis 2009)

Verschwundene Lokalitäten (1)

Juni 27, 2011

Rex Melodica
(Plattenladen, Bamberg, 1999 bis 2009)