Aural Screen Savers

Dies ist mir beim umzugsbedingten Sortieren wiedermal in die Hände gefallen: Ein Artikel über den Musiker und Komponisten Stefan Hetzel, der im Würzburger Stadtmagazin Herr Schmidt (Heftpreis 3 DM) im Februar 1998 veröffentlicht wurde.

Ohrschirmschoner aus Eibelstadt

In Unterfranken gibt es nicht nur selbstgebrannten Schnaps, sondern auch Musiker, die ihre ungewöhnliche Musik auf CDs in Kleinstauflagen veröffentlichen — also ebenfalls so gut wie selbstgebrannt.

Im romantischen Eibelstadt hat sich ein solcher Musiker namens Stefan Hetzel in einer ehemaligen Pension eingemietet und komponiert dort seit einigen Jahren, meist für rechnergesteuertes Digital-Klavier. Zumindest soweit dies seine kaufmännische Erwerbstätigkeit erlaubt. Nebenbei gibt er noch das Literaturmagazin mit dem sinnigen Titel „Ich“ heraus – im Buchladen Neuer Weg erhältlich – und schreibt Essays über Jazz und Minimal Music für das Würzburger Fanzine „Bad Alchemy“. Womit bereits zwei Referenzpunkte erwähnt wurden, die für Hetzels Musik eine große Rolle spielen. Bei den Kompositionen für rechnergesteuertes Klavier, die er im März 1997 in der Produzentengalerie Nulldrei vorgestellt und im November auf CD mit dem bescheidenen Titel „Aural Screen Savers“ („akustische Bildschirmschoner“) veröffentlicht hat, ließ er sich u.a. von den Großmeistern der Minimal Music (Morton Feldman, Steve Reich, Philip Glass) inspirieren. Aber auch der letztes Jahr verstorbene Conlon Nancarrow hat hier Spuren hinterlassen: dieser Eigenbrötler schrieb – für normale Pianisten unspielbare – Kompositionen, die Pianolas mittels Walzen oder Lochstreifen realisierten. Auch bei Stefan Hetzel wird ein Musikautomat angesteuert: von einem im Omikron-Basic
geschriebenen Programm über einen Atari-Computer auf ein Digital-Klavier bzw. ein Soundmodul, das quasi dem Player Piano von Nancarrow entspricht.

Trotz all dieser Bezüge, die von Stefan Hetzel keineswegs verschwiegen werden, klingen die Stücke auf „Aural Screen Savers“ gottseidank nicht so wie die Kompositionen der Leute, denen sie gewidmet sind. Weder klingt „Romantic Loop“ nach Wim Mertens harmonischem Kitsch, noch strahlt der dritte Satz von „Triptychon“ die minimalistische Unruhe eines Steve Reich aus.

Außer vorgegebenen Strukturen spielen Zufälle eine große Rolle; aleatorische Parameter lassen das zu. Bei jeder Aufführung bzw. nach jedem Programmstart kann dasselbe Stück in engen Grenzen anders klingen. Bei einer Komposition werden beispielsweise die festgelegten Patterns mit Tönen gefüllt, deren Höhe dem Zufall überlassen wird. Mit alldem sitzt der Schöpfer freilich zwischen den Klavierhockern. Teilweise kann man es als zeitgemäße instrumentale Electronic Listening Music mit Ambient-Charakter verstehen – oder aber als ernstzunehmende Neue Musik, mit der man sich in Ruhe befassen muß. Also weder was für Kids noch für Professoren? Dafür jedenfalls etwas für Musikliebhaber, die auf Grenzüberschreitendes stehen. Die erwähnte CD ist im Plattenladen monophon in der Sartoriusstraße 2 und beim Komponisten selbst erhältlich.

Eine weitere seiner grenzüberschreitenden Tätigkeiten ist übrigens das Spielen von Jazz-Standards aus Spaß an der Freude. Das kann man jeden zweiten Donnerstag im Würzburger Residenz-Cafe erleben.

Guido Zimmermann,
1998

Hier nochmal als PDF:
Stefan Hetzel in Herr Schmidt 02/1998

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