Archive for September 2011

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September 25, 2011

Mein Eindruck vom Reeperbahn-Festival 2011
(22.-24. September 2011, verschiedenste Örtlichkeiten, Hamburg)

Schon wahnsinnig, da kommen fast 200 Bands an drei Tagen nach Hamburg auf das Reeperbahn-Festival. Einige sind etwas bekannter, die meisten eher nicht. Und so muss man sich bei der eigenen Programmgestaltung und der damit verbundenen Auswahl am besten auf Tipps von Freunden, den eigenen Instinkt oder den Zufall verlassen. Ich habe mir meist ein paar Fixpunkte gesetzt mit Bands, die ich auf jeden Fall mal sehen wollte, der Rest durfte sich ergeben.

Nicht nur die Bands und Veranstaltungsorte wurden immer mehr, auch das Beiprogramm mit Kunst und Campus (anscheinend so eine Art Branchentreff oder wasauchimmer) umfangreicher. Es gab sogar Lesungen und einen Poetry Slam. Die täglichen Programmzettel wurden dadurch ganz schön breit.

Die interessanteren Konzerte fanden eher in den kleinen Clubs statt. So gibt es in der Hasenschaukel meist interessante LiedermacherInnen zu erleben, beispielsweise MIREL WAGNER mit wunderbaren, etwas düstere Songs und eher zurückhaltendem Gitarrenspiel. Ihr Song „No Death Can Tear Us Apart“ ist einfach faszinierend. Schade nur, dass diese kompakten Veranstaltungsorte immer so schnell überfüllt sind. In der Molotow Bar musste man sich richtig rausquetschen um zum nächsten Konzert zu hechten.
Dort überraschte mich das Power Trio PAPER (Drums, Gitarre, Keyboards, Gesang) aus Schweden mit Ihrer gnadenlosen Mischung aus Punk Rock und Synthie Pop. Hätte vielleicht gut zur APPARAT ORGAN BAND gepasst, die ich mir gerne angesehen hätte, wenn sich deren Gig nicht mit dem von HERMAN DUNE überschnitten hätte. Dieser legte mit zwei Mitmusikern in der gediegenen Atmosphäre der Fliegenden Bauten einen schönen Auftritt hin, der mir anfangs etwas zu rockistisch erschien, mir aber später immer besser gefiel. Sympathischer Singer-Songwriter-Folk-Rock, jetzt ganz ohne „Anti-“ vor dem „Folk“.

Gut gefallen hat mir auch der Auftritt der Hamburger Frauenband DIE HEITERHEIT. Ich vermute, dass sich die Musikerinnen gerne auch Parole Trixi und Britta anhören. Schöne schrammelige, melancholische Gitarrenmusik mit deutschsprachigen, von einer relativ tiefen, angenehmen Stimme vorgetragenen Texten, für die manchmal fast ein Einzeiler genügt. Danach spielte ANNIE B SWEET in Angie‘s Nightclub. Aber das war mir zu süss und zuviel La La und dann coverte sie auch noch diesen langweiligen Hit von Aha.

GABBY YOUNG & OTHER ANIMALS war so ungefähr das Gegenteil von DIE HEITERKEIT, nämlich eine extrovertierte Jazz-Pop-Showtime mit abwechslungsreicher Musik, zum Mitsingen und Mitklaschen. Young wäre wohl gerne Opernsängerin geworden und singt in den höchsten Tönen, während ihre Musiker Freude daran haben dem Publikum ihre Könnerschaft unter Beweis stellen zu können. Das ist Entertainment pur. Aber ich möchte nicht unterhalten werden – ich möchte interessante Musik hören.

Das Konzert vom MICHAELA MEISE fiel am stärksten aus diesem Singer-Songwriter-Indie-Pop-Rock-Rahmen. In der (evangelischen) St. Pauli Kirche spielte sie alte (katholische) Kirchenlieder, die bis ins 16. oder 17. Jahrhundert zurück reichen – und zwar auf einem Akkordeon! Als Einstieg interpretierte sie aber noch das Lied „König“ von Nico. Durch das schnörkellose Akkordeon-Spiel und ihrer hellen Stimme bekommen diese Lieder eine schlichte Schönheit. Bei den letzten beiden Liedern wurde sich noch von Anna Voswinckel gesanglich unterstützt (selbiges tat übrigens auch Dirk von Tocotronic von Lowtzow auf ihrer LP bei „Preis dem Todesüberwinder“). Schade, dass nicht so viele Leute den Weg in die Kirche gefunden haben.

Am letzten Tag habe ich als erstes den Weg in eine Lesung geschafft. Im Imperial Theater trug TINO HEINEKAMP Ausschnitte aus seinem Klub-und-Kiez-Roman „Sowas von da“ vor. Ebenso wie sein Buch begann diese Lesung mit einem Knall. Schreckschusspistole. Das Ganze war sehr amüsant, da er gerne auch auf das Publikum eingeht, sich selbst unterbricht um Sachen anzumerken oder im Text erwähnte Songs einspielt. Als Intro wurden filmische Sankt-Pauli-Impressionen aus den 50er Jahren gezeigt; in der Halbzeitpause wurde Andreas Dorau gespielt.
Den zweiten Teil erlebte ich nicht mehr, weil ich noch Francis International Airport im Grünen Jäger sehen wollte und der ist ungefähr einen Kilometer von der Reeperbahn entfernt (vielleicht sollte man sich einen neuen Namen für das Reeperbahn-Festival ausdenken?). Der Grüne Jäger ist übrigens eine optimale Location wenn man nur ein paar Meter vor der Bühne stehen und gleichzeitig die Band doch nicht sehen möchte. Hören konnte man jedenfalls angenehmen Indie-Pop mit schönen Feedback-Flächen.
Im Molotow hatte dann die englische Band FIXERS ihr Debüt auf dem europäischen Festland und gab nervösen Indie-Rock zum besten, der hinsichtlich Gesang und Electronics stellenweise Anleihen bei Animal Collective nahm, aber ansonsten viel strukturierter und härter als diese daher kam.
Das Konzert von Ja,Panik! im Grünspan war für mich dann der krönende Abschluss. Indie-Gitarren-Mucke mit Klavier und deutsch-englischsprachiger Kauderwelsch-Lyrik. War eh klar, dass das gut wird.

Dummer Nebeneffekt des Reeperbahn-Festivals:
Ab sofort kann ich keine Gitarrenmusik mehr hören. Überall Gitarren, Gitarren, Gitarren. In jeder Band mindestens eine. Ich kann nicht mehr. Jetzt erstmal als Gegengift Musik von The Gamelan Orchestra From Pliatan hören…

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Pechschwarzes Vinyl

September 12, 2011

Andreas Dorau – Todesmelodien
(CD / LP+CD / DL, Staatsakt, 2011)

Bereits 1992 hatte Andreas Dorau (*1964) Ärger mit der Unsterblichkeit (so der Titel seines damaligen Albums), vor ein paar Monaten erschienen seine zwölf „Todesmelodien“, die so garnicht traurig klingen, eher munter – auch wenn sie teilweise wirklich ernste Themen beinhalten. Durch den Tod seiner Mutter beschäftigte sich Dorau wohl mit Sachen wie Altenheim („Ausruhen“), Übergang zwischen Leben und Tod („Es war hell“) oder  Gedenken an die Verstorbenen („Edelstein“). Aber von einem Konzept-Album zum Thema Tod zu reden wäre nicht zutreffend. Denn es werden auch andere, durchaus diesseitige Dinge angesprochen wie „Inkonzequenz“, „Größenwahn“ oder „Neid“.  Aber er fragt auch, ob es die Natur wirklich so gewollt hat, dass das Federkleid eines Vogels die Farben der deutschen Flagge trägt. Das Lied „Single“ ist eine Ode auf das selbige Tonträger-Format – der Text kann aber auch bei weniger genauem Hinhören als Abhandlung des Alleinstehenden-Daseins von Leuten Mitte 40 interpretiert werden.

Bei der Produktion haben ihm so einige Freunde in Hamburg und Berlin geholfen. Wolfgang Müller (Die Tödliche Doris) hat ein paar Texte beigesteuert, Françoise Cactus (Les Lolitas, Stereo Total, Wollita) singt nebenbei mit, ebenso wie Inga Humpe (Neonbabies, 2raumwohnung). So manchen Track hat Mense Reents (Das Neue Brot, Stella, Die Goldenen Zitronen, Die Vögel) produziert und für nicht nur geblasene Wohlklänge sorgt Jakobus Siebels (Das Neue Brot, JaKönigJa, Die Vögel). Justus Köhncke (Whirlpool Productions), Moritz Reichelt (Der Plan) und Ebba Durstewitz (JaKönigJa) tauchen auch noch auf. Und Erobique sorgt für einen eleganten Abschluss dieses Albums. Um nur ein paar Namen zu nennen.

Da gibt es Lieder mit 70er-Jahre-Streicher-Disco-Arrangement (wie im gerade erwähnten Finale), aber auch ein minimalistisches, fast nur auf Rhythmus und Gesang reduziertes Stück. Flott kommt so manch anderer Track daher. Da sitzt jeder Ton, selbst Störgeräusche werden perfekt integriert. Klar wurde da so einiges elektronisch sequenziert und zusammengesampelt, aber dank verschiedener, in diesen Kreisen eher weniger genutzten Instrumenten wie Banjo, Posaune oder Tuba kommen angenehme Klangfarben ins Spiel. Bester Post Dancefloor Pop!

Irgendwie gefällt mir diese Platte immer besser. Würde mich nicht wundern, wenn sie in meiner Favoritenliste für das Jahr 2011 auftaucht…

Das Ganze gibt es übrigens auch gepresst „in pechschwarzes Vinyl“.

Hörproben:
Andreas Dorau – Stimmen in der Nacht
Andreas Dorau – Größenwahn

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One unforgettable day

September 5, 2011

Foto: Stefan Hetzel

New York, September 2001
(Super-8-Film, fast 6 Minuten, 2004)

Kein schönes Jubiläum. Aber Jahrestage müssen abgefeiert werden. So steht es in den allgemeinen Geschäftsbedingungen der Medien. Wer auch immer diese sein mögen. So entsteht zehn Jahre nach diesem als 9/11®  „gebrandeten“ Ereignis wieder eine wortreiche Informationsflut, die niemand verarbeiten wird. Genauso wenig wie die damals im Fernsehen und auch im Radio auf Endlosschleife drehenden Informationen der Marke Nix-genaues-weiss-man-nicht.

Grund genug, auf einen kurzen, experimentellen Super-8-Film hinzuweisen, der die Ereignisse des 11. September 2001 in New York in beeindruckender Weise zeigt.

Der Komponist Stefan Hetzel (Eibelstadt) und der Filmemacher Ralf Schuster (Cottbus), beides alte Freunde, die schon in den 1980er Jahren im unterfränkischen Ochsenfurt filmisch und musikalisch zusammen unterwegs waren, machen im September 2001 Urlaub in New York. Schuster hat eine Super-8-Kamera dabei um mit Einzelbildern die Reise zu dokumentieren. Als die beiden eines Tages im Hotel aufwachen, werden sie Zeugen der Auswirkungen dieses Terroranschlages auf die Türme des World Trade Center. Und Schuster filmt.

Aber erst ein paar Jahre später wird der Film fertig gestellt. Und Hetzel komponiert eine Musik dazu, die einfach passt und stellenweise diese eher ruhige als nervöse Beklemmung wiederspiegelt. Eine der ersten Aufführungen diese Filmes fand vermutlich in der Gambacher Scheune des bildenden Künstlers Christian Walter statt. Irgendwann wurden die Bilder digitalisiert und via Archive.org zugänglich gemacht. Somit braucht es nur noch einen Klick um sich diesen Film ohne Worte anzusehen:
Klick hier
oder hier
Play full screen!
Play loud!

Interessant auch die Anmerkungen von Stefan Hetzel zu dieser Sache auf seiner Site:
stefanhetzel.de

Meine Reeperbahn Fest 2011 Empfehlungen

September 5, 2011

2010 in der Hasenschaukel

Hier nun also meine Empfehlungen für das diesjährige Reeperbahn-Festival in Hamburg, Germany.
Seit ein paar Tagen ist der Zeitplan online. Und wie so oft kenne ich nur einen sehr kleinen Bruchteil der Bandnamen. Aber folgende Künstler sind mir dennoch aufgefallen.

Donnerstag, 22. September 2011

20:00 Uhr, Docks
The Raveonettes
Sixties-beeinflußter Shoegazer Sound aus Dänemark.
The Raveonettes – War In Heaven
Nachtrag vom 20.09.2011:
Das Konzert der The Raveonettes fällt leider aus gesundheitlichen Gründen aus.

21:20 Uhr, Angie‘s Nightclub
Die Heiterkeit
Neue Hamburger Frauenband.
Die Heiterkeit – Alle Menschen

Freitag, 23. September 2011

20:00 Uhr, Docks
Findus
Laute Gitarren, deutschsprachige Texte.
Findus – Gehen im Schnee

21:30 Uhr, Fliegende Bauten
Christiane Rösinger
Das Konzert dieser Pärchen-Hasserin vor ein paar Monaten im Uebel & Gefährlich war ziemlich gut. In ihrer Band befanden sich neben zwo Leuten von Ja,Panik! auch die Gitarristin der Jolly Goods.
Christiane Rösinger – Berlin

23:10 Uhr, Fliegende Bauten
Herman Dune
Früher Anti-Folk, jetzt Rock‘n‘Roll Duo (zumindest behaupten sie das…).
Herman Dune – Tell Me Something I Don‘t Know

23:20 Uhr, Moondoo
Apparat Organ Quartet
(Nicht zu verwechseln mit der Band Apparat).
Die Instrumentierung erinnert mich an das finnische Trio Aavikko:
1 Schlagzeug + Keyboards – in diesem Falle vier.
Apparat Organ Quartet – Sirius Alfa

Samstag, 24. September 2011

20:30 Uhr, Grüner Jäger
Francis International Airport
Schöner Indie-Pop aus Österreich.
Francis International Airport – Monsters

23:20 Uhr, Grünspan
Ja,Panik!
Schrammeln-Gitarren mit deutsch-englischer Kauderwelsch Lyrik.
Ja,Panik! – Totengräber gegen Geisterjäger

23:15 Uhr, Grüner Jäger
206
Gitarren-Band aus Halle; deutschsprachige Texte; ihre erste Platte erschien bei Zickzack.
206 – Hallo Hölle

Alle Orts- und Terminangaben wie immer ohne Gewehr.

Stundenplan zum Selbstentdecken:
reeperbahnfestival.com/timetable

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