Arschloch Gonzales

The Unspeakable Chilly Gonzales with his String Quartet
(live, Überjazz Festival, Kampnagel, Hamburg, 28.10.2011)

War eigentlich ein schöner Abend, dieses Konzert von und mit Chilly Gonzales: schöne Musik, er am Flügel, begleitet von einem Streichquartett. Er erzählt viel und mit seinen Geschichten und Ansichten hält er  das  Publikum fest in der Hand. Da demonstriert er ad hoc zusammen mit seinen „unterbezahlten“ Musikern (sinngemäß seine Worte) wie schnell und einfach man mit ein paar Noten ein Stück komponieren kann. Das Publikum darf dem „musical genius“ (seine Worte) ein paar Noten zuwerfen. Und ruck zuck ist die Komposition fertig. Natürlich erwähn er auch, dass man mit drei Noten ganz schön viel Geld machen kann, z.B. wenn man wie er diese als Bestandteil einer App fürs iPad verkaufen kann. „I don’t think you can imagine how much money I made from three notes“ sagt dieser Angeber dann auch, das Publikum findet das witzig und lacht.

Offensichtlich hat er Spaß daran mit dem Publikum zu arbeiten und seine Art von musikalischer Erziehung zu praktizieren. So werden zweimal Leute auf die Bühne gebeten um für Herrn Jason Charles Beck Kleinigkeiten in die Tasten zu hauen. Beim ersten mal klappt das auch ganz gut. Angeblich ohne Vorkenntnisse macht der junge Mann aus dem Publikum seine Arbeit gut.

Beim Finale geht Gonzales ins Auditorium um eine Frau auf die Bühne zu bitten. Als diese dann ablehnt deutet er ihren Mann als Ersatz aus, der jedoch ebenfalls ablehnt. Doch Chilly Gonzales ist von der fixen Idee besessen, dass dieser Mann jetzt Klavier spielen soll, die jungen unrasierten Hipster will er nicht, er will unbedingt diesen Typen. Gonzales schaltet auf stur und wartet ab. Doch der Herr aus dem Publikum verweist auf sein Recht nein sagen zu dürfen, was der Künstler mit „Nein! Du bis in meiner Welt“ (oder so ähnlich) beantwortet. Besagter Herr bleibt konsequent, Gonzales ebenso. Da haben sich ja zwei Dickschädel getroffen, was letzter mit einem „He’s an asshole, I’m an asshole too“ (so sinngemäß) kommentiert. So geht das geschätzte zehn Minuten hin und her bis nicht nur ich ein bißchen genervt den großen Saal verlasse. Schade, daß Gonzales auf diese Weise ein echt häßliches Finale provoziert hat. Aber ungemütliche Situationen mag der Herr ja offenichtlich. Anscheinend wird er so langsam größenwahnsinnig oder nimmt die falschen Drogen. Oder mußte er einfach wiedermal etwas für sein Genie-und-Wahnsinn-Image tun? Man muß ja im Gespräch bleiben und Crowd Surfing hatte er ja vor einem halben Jahr schon.

Wie diese Patt-Situation schließlich ausgegangen ist, weiß ich leider nicht.

Im Netz sind bereits folgende Aufnahmen aus dem Publikum aufgetaucht:
Beans
Unknown
The Grudge
Never Stop

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3 Antworten to “Arschloch Gonzales”

  1. Stefan Hetzel Says:

    Fachleute nennen dieses Verhalten übrigens auch „Lars-von-Trier-Syndrom“😉

  2. Hendrik Says:

    Um Aufklärung zu geben:
    1.) Die „three notes“ sind kein Bestandteil einer App, sondern Apple hat seinen Song „Never Stop“ zur Untermalung der damals ersten TV-Commercials für das iPad genommen. Deshalb auch (der scheinbar) große finanzielle Erfolg durch das Lied.

    2.) Am Ende hat Chilly aufgegeben. Er hat den Mann noch ein „größeres Arschloch als ich“ betitelt und ist dann gegangen.

    Ich selbst sehe die Aktion zwiegespalten. Auf der einen Seite weiß ich nicht, wie ich reagiert hätte. Zum anderen muss man allerdings so etwas einkalkulieren wenn man zu einem Chilly-Auftritt geht.

  3. heiligemakrele Says:

    [halb off-topic]

    Lars von Trier wurde missverstanden, selbst der dümmste Presseverteter oder Festivalmacher aus Cannes hätte das merken müssen, aber die komplette Presse hat sich lieber auf ihn gestürzt, da man einen Skandal immer gut verkaufen kann (vor allem schön über mehrere Ausgaben hinweg). Und ein sehr dünnhäutiges Festivalkommittée hatte nicht mal Rückgrat genug, um die Dinge wieder zurechtzurücken, sondern sind den Weg des geringsten Widerstands gegangen und haben ihn danach auch noch zum Antichristen gemacht. Er hat natürlich einen sehr komplexen Charakter und hatte einen recht unglücklichen (vielleicht sogar dummen) Vergleich gewählt und dann gemerkt, dass er da nicht mehr unbeschadet herauskommen wird, also sagte er, als er merkte, dass jedes Weiter-Argumentieren die Sache eh nur noch schlimmer machen würde (sinngemäß) „OK, I’m a Nazi“…wie dumm muss man eigentlich sein, um ihn danach TATSÄCHLICH als Nazi einzustufen? Die Antwort lautet: „Genau so dumm, für wie uns die Presse verkauft hat.“

    Chilly war sicherlich auch dumm, aber Fremdschämen als Teil eines Konertereignisses ist ja mal was komplett Neues für uns Betrachter – meine Konzertbegleiter und ich konnten es jedenfalls nicht glauben und mussten mehrmals loslachen, wie abgefahren und „politisch unkorrekt“ das alles war!🙂

    Ach ja: total geiles Festival!!!

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