Krimi-Baukasten

Okay, ich geb‘s ja zu, ich schaue viel zu viele (minderwertige) TV-Krimis. Hier habe ich nun ein paar Regeln zusammen getragen, die zwingend zu beachten sind, wenn man einen jener normierten, standardisierten Krimis schreiben möchte.

1)  Ohne Leiche kein Krimi – spätestens mach drei Minuten muss ein Toter gefunden werden, sonst meutert das Publikum.

2) Die Leiche hat immer Ausweis und riesige Mengen Bargeld oder Wertsachen bei sich – wäre ja sonst nur ein schnöder, zufälliger Raubmord ohne weitere Verwicklungen und so.

3) Natürlich wird beim Toten auch immer ein Telefon gefunden, auf dessen Mailbox verdächtige letzte Anrufe abzuhören sind.

4) Toll wäre, wenn einzelne Ermittler schon am Tatort sein könnten, bevor überhaupt ein Verbrechen verübt wird. Das macht die Story kompakter. Und man ist schon mal im Bild.

5) Persönliche Beziehungen der Ermittler zu Opfern und /  oder / aber Verdächtigen sind auch immer gerne gesehen. Bietet dies doch Gelegenheit für Irrungen und Wirrungen.

6) Hat ein Gesetzeshüter deutliche Sympathien oder gar eine amoröse Affäre mit einem der Verdächtigen kann man mit 87%-iger Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass dieser nicht nur verdächtigt sondern am Ende auch wirklich der Täter ist.

7) Schön sind auch immer Konflikte mit LKA oder BKA, die dem rechtschaffenden, kleinen Kriminalbeamten den Fall aus nicht ersichtlichen Gründen entziehen. Natürlich löst anschließend die Kripo den Fall und LKA / BKA entpuppt sich als unfähiger oder sogar korrupter Haufen.

8) Natürlich kommt der redlich arbeitende Kriminalbeamte mit seinem Vorgesetzten in Konflikt, weil er angeblich irgendwie befangen ist, muss Zwangsurlaub nehmen und seine Knarre abgeben – was ihn natürlich nicht daran hindert, weiter zu ermitteln.

9) Will man einen besonders umfangreichen Krimi schreiben, fügt man noch einen weiteren Handlungsstrang in die Story ein, der nur am Rande etwas mit der eigentlichen Geschichte zu tun hat. Dieser muss daher am Ende auch nicht richtig aufgelöst werden.

10) Problemkinder und -Teenager geben dem Krimi erst die Würze. Am besten sind Mißbrauchsopfer, die auf ihrem Computer brutale Baller-Games spielen.

11) Merke: Täter sind auch Opfer. Aber meistens sind Täter nur Täter. Manchmal auch Wohltäter, die ihre ach so saubere Fassade aufrecht erhalten wollen.

12) Populäre Motive: Liebe, Eifersucht und Eifersucht. Manchmal auch Beziehungsprobleme.

13) Irgendwann stecken die Ermittlungen in der Sackgasse und der Kommissar bzw. die Kommissarin sagt „Wir müssen etwas übersehen haben, wir gehen alles noch mal durch!“.

14) Gerne werden mal so Kleinigkeiten übersehen wie „Ach, der Mädchenname vom Frau Meier war ja Müller und somit ist sie ja die Schwester von…“. Konnte natürlich keiner ahnen.

15) Für etwas mehr Action darf ein SEK-Einsatz nicht fehlen. Natürlich überlassen die Kommissare nicht alles den Spezialisten und mischen sich unter die schwerbewaffneten Männer in Schutzanzügen und Helmen. Die normalen Kripo-Leute tragen selbstverständlich keine Helme, höchstens kugelsichere Westen – sie kommen ja sowieso unbeschadet aus dieser Situation wieder raus.

16) Wenn man‘s ganz spannend machen will, zaubert man am Ende einen Täter aus dem Hut, an den noch keiner gedacht hat. Diese Person war zuvor natürlich nur im Hintergrund zu sehen, hat nie etwas gesagt und wirkte immer ganz lieb und war die Höflichkeit selbst.

17) Könnte aber auch ein Unfall gewesen sein.

usw.
usf.

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2 Antworten to “Krimi-Baukasten”

  1. Stefan Hetzel Says:

    Wann dürfen wir mr.boredom’s erstes Drehbuch für „SOKO Wismar“ lesen?

  2. Stefan Hetzel Says:

    Eine witzige allwöchentliche Krimikritik, die sich durchaus auf der Höhe deiner Betrachtungen bewegt, gibt’s immer sonntags punkt 21:45 Uhr in der Online-Ausgabe des „Freitags“, z. B. hier: http://www.freitag.de/kultur/1201-boaah-ne-cobra

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