Free The Jazz!

Notizen vom TAKTLOS-Festival 2006

Im Mai 2006 fand in der Roten Fabrik in Zürich das 23. Taktlos-Festival statt. Man könnte es der Einfachkeit halber als Jazz-Festival bezeichnen – aber eines der wirklich interessanten Sorte, das diesmal eine Bandbreite von Neuer Musik bis hin zur Freien Improvisation aufweisen konnte. Experimentelle elektronische Musik oder Turntableism, sonst nichts ungewöhnliches in diesem Rahmen, blieb diesmal allerdings außen vor.

Eröffnet wurde Taktlos 2006 mit Klassikern der sogenannten Neuen Musik. PETRA RONNER und CLAUDIA RÜEGG, beide am Flügel, spielten je eine Komposition von John Cage und George Crumb. „Three Dances“ für zwei präparierte Flügel bestacht durch seinen typischen Cage-Sound, der mich an exotische Gamelan-Musik erinnerte. Erfrischend, solche alte Neue Musik wieder einmal zu hören. Für „Celestial Mechanics“ wurde ein Flügel beiseite geschoben und der andere wieder ent-präpariert. Jetzt wurde vierhändig gespielt – stellenweise durfte der Page Turner mit ins Geschehen eingreifen. Dies ist durchaus wörtlich zu verstehen, nämlich ins Innere des Piano. Harfenklänge und vereinzelte Klopfgeräusche wurden so diesem Instrument zusätzlich entlockt. Zur Klangverfremdung wurden auch gerne mal Eisenstangen im Inneren plaziert. Diese Spielweise konnte man auf diesem Festival auch noch bei anderen PianistInnen des mehr oder weniger freien Jazz beobachten.

Laut Programmheft kommt die Vokalistin FRANCOISE KUBLER unter anderem auch aus dem Bereich Neue Musik, hat aber im Zusammenspiel mit der Pianistin IRÈNE SCHWEIZER die grüne Grenze in Richtung Improvisation überschritten. Beide schienen gut aufeinander eingestellt zu sein, so gut hat das zusammen gepaßt, was da so improvisiert wurde. Schweizer spielte den für sie typischen, recht perkussiven Klavierstil. Kubler sang im polylingualen Kauderwelsch vermutlich Sinnfreies daher und besang auch den roten Wein. Auf mich wirkte sie wie eine operettenhafte, jüngere Maggie Nichols ohne deren esoterischen Einschlag. Kubler konnte faszinierenderweise sogar bei Schweizers Stakkato-Rhythmen vocal mithalten und bekam gerade noch die Kurve um nicht im selbstverliebten Scat-Gesang zu enden. Ab und zu spielte sie auch mit Rahmentrommel, Daumenklavier, knisternder Folie oder Dosen, die Tierlaute von sich geben. Und als Irène Schweizer wieder einmal das Innere des Flügels erforschte ließ Francoise Kubler es sich nicht nehmen ebenfalls nach dem rechten zu schauen und dort hinein zu singen. Eine kurzweilige Angelegenheit!

Ebenfalls zu zweit traten die Urgesteine WADADA LEO SMITH und GÜNTER SOMMER auf. Das erweiterte Schlagzeug des letztgenannten nahm viel Platz auf der Bühne ein mitsamt Pauke, Gong, klingenden Röhren und vielem mehr. Das faszinierende an Sommer ist, daß sein Spiel gut klingt – egal auf was er einschlägt. Selbst wenn er im irren Tempo Blech und Eisen bearbeitet so daß die Funken sprühen: es klingt nicht nach Schrott! Selbst einem Sprungkasten aus dem Schulsport kann er Wohlkang entlocken. Smith scheint das nicht allzu sehr zu beeindrucken. Er spielt seine coole, elektrifizerte und teils mit Effekten versehene Trompete eher flächig, fast schon a-rhythmisch.

Ganz alleine eröffnete NOËL AKCHOTÉ den zweiten Festivaltag. Sein dem legendären Sonny Sharrock verschriebenes Programm steigerte sich vom fast akustischen, unverzerrten Stück über gemäßigt-eruptive Sharrock-Hommagen zu einem geräuschhaften Finale. Obwohl er nur mit Gitarre samt Verstärker und wenigen Effekten arbeitete, ließ er mit diesen wenigen Mitteln ein spannendes, sich ständig veränderndes Klangbild entstehen. Teils huldigte er Sharrock, teils griff er dessen Blues-Wurzeln auf. Effektgeräte (wenn‘s denn mehr als eines war) wurden nur sehr sparsam eingesetzt und dann sogar per Hand bedient. Für Effekte machte Noël Akchoté keinen Zehen krumm. Zuletzt wurde die halbakustische gegen eine E-Gitarre getauscht – und ohne eine Saite zu berühren entlockte Akchoté dem System Gitarre-Verstärker-Effektgerät wohlgesetzte Geräusche, nur durch Betätigen der Kipp- und Drehschalter, durch Berührungen des Korpus, manchmal auch mit dem feuchten Finger. Ein Stück, das er kleinlaut dem Ende letzten Jahres verstorbenen Derek Bailey widmete.

Sonny Sharrock hatte in der Allstar-Band Last Exit auch mit einem Saxophonisten namens Brötzmann zu tun. Dieser durfte mit seinem international besetzten PETER BRÖTZMANN CHICAGO TENTET das Festival zu einem wunderbaren Ende bringen. Wobei Chicago in diesem Falle nicht nur in USA liegt, sonder auch in Deutschland, Schweden und Norwegen. Zumindest kommen die Musiker dieser Formation aus diesen Ländern. Die Besetzung liest sich wie ein Who Is Who der aktuellen Free Jazz Oder Wasauchimmer Szene: Johnnes Bauer, Mats Gustafsson, Per-Ake Holmlander, Fred Lonberg-Holm, Kent Kessler, Joe McPhee, Paal Nilssen-Love, Ken Vandermark, Michael Zerang und natürlich Peter Brötzmann himself. Zwei Schlagzeuger, ein Bassist und ein Cellist teilten sich mit einer Überzahl an Blasinstrumenten die Bühne und ließen es geradezu rotzig rocken. Beim Finale – als alle gleichzeitig spielten – kam es mir so vor als ob Speed Metal und Free Jazz nahe Verwandte wären. Diese Energie, die da von der Bühne kommt, bläst einem schön die Ohren durch. Aber es gab zuvor auch weniger heftige Momente. Johannes Bauer sorgte solo für einen kurzen, geradezu lyrischen Moment. Und auch die Nicht-Blasinstrumente bekamen ihre Freiräume, ebenso wie die anderen Musiker, die sich in immer wieder neuen personellen Kombinationen musikalisch äußern durften. Hier herrschte eine Spielfreude vor, die sich auch dann zeigte, wenn ein gerade mal nicht spielender Musiker dem Vortrag seiner Kollegen mit einem Lächeln im Gesicht folgte. „Free The Jazz“ war auf dem T-Shirt von Mats Gustafsson zu lesen. Genau, befreit den Jazz von Leuten, die ihn allzu ernst nehmen!

Aus den Niederlanden reisten zwei jeweils siebenköpfige Formationen an, denen etwas mehr Kraft und Spielfreude gut zu Gesicht gestanden hätte. Zum einem war dies Cor Fuhler mit seinem CORKESTRA (bestehend aus zwei Schlagzeugen, Flöte, Saxophon, Bass, Klavier, Electronics und einem Cimbalon, das mich an eine Art Hackbrett erinnert hat). Auf und abschwellender orchestraler Jazz, etwas seelenlos vom Blatt gespielt. Der voluminös-verzerrte Sound der Keyboards beschwörte den Geist eines Sun Ra. Zum anderen war dies Peter van Bergen mit seiner Formation LOOS (inklusive zweier afrikanischstämmiger Musiker an Gitarre und Percussion). Unter dem Motto „Loos plays the Magrebh“ gab es hier eine wenig interessante Mischung aus nordafrikanischer Musik und europäischem Jazz zu hören, die sich nur schwerfällig bewegte.

Wo der Bartel den Most holt zeige dagegen AKI TAKASE mit ihren „gut aussehenden“ Jungs: Paul Lovens, Rudi Mahall, Thomas Heberer und Eugene Chadbourne. Diese ließen die goldene 20er Jahre, Ragtime, Vaudeville und so, aufleben. Oder hauchten dieser Periode mit Preßluft wieder Atem ein. Kompositionen von Fats Waller (aber auch von W.C. Handy) wurden gespielt. Allerdings nicht ohne zu vergessen, daß man eigentlich vom Free Jazz der 70er Jahre kommt. Und alles unter der Führung von Energiebündel Aki Takase, die auch gerne mal mit dem Unterarmen auf die Tasten haut oder irgendwelche Gegenstände ins Innere des Flügels legt. Und als einzige Künstlerin des Festivals kurze Ansagen zwischen den Stücken machte. Lovens brachte seinen kleinen Drumset zum knarzen. Die Bläser genossen ihre Freiheit. Rudi Mahall immer mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht. Und Eugene Chadbourne sang ab und zu einen Song und spielte Banjo sowie Gitarre, schön versteckt im Hintergrund sitzend. Alles mit einer Lust an der Musik gespielt, dass es eine wahre Freude war. So lasse ich mir alte Jazz-Legenden gerne näher bringen.

Guido Zimmermann
im Mai 2006

First published in Bad Alchemy 51

www.badalchemy.de

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