Archive for März 2012

Die Tödliche Doris, ernster als sonst

März 27, 2012

Autogrammkarte als Titelbild, handcolorierte Xerographie, 1984

Die Tödliche Doris (siehe auch Titelseite) ernster als
Sonst:

Als hätte die tödliche Doris geahnt, daß es für die Leser unserer Zeitung sicherlich langweilig ist, wenn sie auf unsere (obskuren. dummen. gewollt ausgefallenen) Fragen genauso lustig/gewollt originell antworten wie der PLAN, haben sie etwas Ernst/Ehrlichkeit an den Tag gelegt. (Oder waren sie bloß zu faul, sich mehr auszudenken??) Wahrscheinlich liegt es daran, daß sich die tödliche Doris nicht berechnen lässt. So auch ihre Puppenschallplatte: Ein nachdenklicher, geradezu mystischer Roman, in dem mehrere Phrasen immer wieder an nichtvorhersehbarer Stelle wiederholt werden, und eben diese Phrasen werden auf den acht Schallplatten (je eine min. Spieldauer) gesungen, von Chören und Solisten, ganz ohne Instrumenttalbegleitung. Der Sound ist miserabel, der Kauf des acht-Platten-Sets (samt Plattenspieler und dem Kurzroman, für 34.–) lohnt sich sicherlich nicht, aber wenn man es erst einmal besitzt, ist es bisweilen faszinierend. Ein archaischer Musikgenuß. Geradezu humorlos, stattdessen präzise und unkonventionelle Wortkombinationen. Am besten lässt sich der Eindruck des kombinierten Musik-Romanwerkes durch ein Zitat aus des dem Fanzine Student Pago Info (5/84) beschreiben:.. man ahnt den tiefen Sinn der Worte, ohne ihn zu verstehen.
Chöre & Soli lässt ahnen!

SPI fragt: (Unter anderem)

Wie heißt ihr mit richtigem Namen? Wer ist für was zuständig (Instrumenteverteilung, Texte)?
Wie alt seid ihr? Wie lange lebt ihr schon in Berlin? (schon immer?)
Haltet ihr es für euch und eure Musik für wichtig in einer Metropole zu wohnen?
Was habt ihr gemacht, bevor es die tödliche Doris gab?
Wie unterscheidet ihr euch von anderen Menschen? Was hindert euch am Selbstmord? Warum veröffentlicht ihr eure
Saudumme Frage: Was bezweckt ihr mit eurem musizieren und sonstigem Wirken? Gebt ihr oft Konzerte? Wo und wann? Würdet ihr euch als berühmt bezeichnen? (Wenn ja, lohnt es sich berühmt zu sein?) Wodurch verdient ihr Geld? Habt ihr außer Musik und Frauen andere vitale Interessen? Wo wollt ihr im Sommer Urlaub machen?
Platz für Ergänzungen oder graph. Erläuterungen: Natürlich könnt ihr auch beliebig viele Zettel beilegen und überhaupt sind wir für jeden Mist dankbar!)

Die tödliche Doris antwortet: (Unter anderem)

Fragebogenbeantwortung für STUDENT POGO INFO
Käthe Kruse/Nikolaus Utermöhlen/Wolfgang Müller/(Tabea Blumenschein)/
Sie kommen aus Bünde, Konstanz, Wolfsburg, Würzburg und leben verschieden lange in Berlin. Inzwischen halten sie es nicht mehr für so wichtig, in einer Metropole zu wohnen. Auch glauben sie, daß sie sich immer weniger von anderen Menschen unterscheiden, die sich dabei ja auch nicht umbringen.
Die berühmten 4 haben schon an die 30 Konzerte im Laufe von 3 Jahren gegeben, sicher nicht nur mit Musik und Frauen, sondern auch mit anderen vitalenn Interessen ihr Geld verdient. Im Sommer 1984 werden sie vielleicht in der Umgebung Basel sein.
Natürlich ist damit noch lange nichts bezweckt, musiziert oder sonstig gewirkt. So sind sie immer dankbar für Anregungen, Kritik und beliebig viele Zettel.
Lesen kann man sie überall und alles. Wie „Chöre & Soli auch hören“

Neuere & Neueste Aktivitäten

„Die tödliche Doris informiert: Pressestimmen 81/82“
Poster, Berlin/ Eigenproduktion

„Tour 83“
Konzerte in: Kopenhagen, Wien „Töne & Gegentöne“, Hamburg „wildes Kino“, Frankfurt/Harmonie, Villingen-Schwenningen/ Zirkuszelt, München/Werkstattkino

„Die tödliche Doris auf Helgoland“
Reiseveranstaltung und Konzert Helgoland

„Chöre & Soli“
8 Miniphon Platten mit Abspielgerät, Berlin/gelbe Musik, Düsseldorf/pure freude

1984

„Chöre & Soli – live“
Konzert im Rahmen der H. Szeemann Ausstellung „Der Hang zum Gesamtkunstwerk“,
Sylvesternacht im Berliner Delphi-Kino.

„Tapete“
28-minütiger S8-Film in Breitleinwandformat

„30min. Kavaliere“
Konzert beim 4. 0snabrücker Experimentalfilm-Workshop

„Samplerbeitrag auf Dave Henderson (SOUNDS, England) LP“, London

„Die Tödliche Doris in THE KITCHEN“, NYC
Konzert in New York

„Die Tödliche Doris in TUBE“,
Beitrag für die englische Popsendung auf canal 4, London

Dieser Texte stammt aus dem Ochsenfurter Fanzine Student Pogo Info, erster Jahrgang, Heft 7,  August 1984 und wurde von Ralf C. Schuster verurhebert.
Digitalisiert und minimalinversiv editiert von Guido Zimmermann.
Unbedingt das Original-Layout begutachten! Hier als PDF:
Student Pogo Info_7_1984_Die Toedliche Doris

Advertisements

Nie erreicht

März 26, 2012

Neulich im Fanzine-Archiv: Da schaue ich ein paar Din A5-Hefte durch und stolpere über diese Collage, zu finden auf der Rückseite von „Sid Lupo und der Giftzwerg – der erste New Wave Comic der Welt“, welcher mich seinerzeit zusammen mit der ersten Cassette der Poison Dwarfs erreichte (C-10 , 1981, Eigenverlag). Plötzlich fühle ich mich wegen der pyramidalen Kopfbedeckung an das aktuelle Video dieser mehr als verzichtbaren Remmidemmi-Band aus Hamburg erinnert – nur mit dem Unterschied, daß die Pyramiden heutzutage im Bewegtbild eingesetzt werden und nicht nur den Kopf sondern auch noch das Gesicht bedecken.

„Oft kopiert – nie erreicht“.

Zufall.

PS:
Laut einem Kommentar von Poison Dwarfs-Mitglied Hans Castrup stammt die Gestaltung von Helmut Westerfeld – „Der ‚andere‘ Poison Dwarf von Anfang bis 1983. Späterer Skalp-Mitgründer…“
(Facebook, 02.04.2012, 15:48 Uhr)

Traum

März 21, 2012

Heute nachts hatte ich einen Traum, in dem ich mit Frank Zappa durch die Gegend lief. Er wollte ein Streichholz. Es war nachts. In einem Haus brannte noch Licht. Die Haustür stand offen. Ein Fotograf überreichte ihm ein einzelnes Streichholz … Dies passierte entweder kurz nach oder vor einem Konzert irgendwo in der Provinz … Letztes Bild: mehr erleuchtete Häuser, darunter ein Imbiss … eventuell mehr Streichhölzer …

Mehr weiss ich nicht mehr …

Normalerweise kann ich mich garnicht an Träume erinnern …

Filmvorschau

März 20, 2012

Meine Auswahl für das 38. Filmwochenende Würzburg,
Cinemaxx und Kino Central, 22. bis 25. März 2012

Am kommenden Donnerstag beginnt das Filmwochenende Würzburg. Diesmal bin ich wieder dabei und habe schonmal meine willkürliche Vorab-Aufwahl getroffen. Nach dem Zappen durch eine Playlist mit 56 Trailern habe ich mir folgende Filme notiert:

Do it again
Dokumentarfilm über einen Typen, der versucht The Kinks wieder zusammenzubringen…
Donnerstag 22. März 2012, 20:30 Uhr
Sonntag 25. März 2012, 11:00 Uhr

Extraterrestre
Julia, Julio und Aliens…?
Donnerstag 22. März 2012, 22:15 Uhr
Samstag 24. März 2012, 23:15 Uhr

Shadow of the unnamable

Gruselkurzfilm, u.a. gedreht in Würzburg, Werneck und Unterpleichfeld…
Freitag 23. März 2012, 16:45 Uhr
Sonderveranstaltung – Eintritt frei

Viva Riva!

Trieb und Treibstoff…?
In der taz war darüber zu lesen:
Blaxploitation im Kongo
Freitag 23. März 2012, 23:15 Uhr
Samstag 24. März 2012, 19:00 Uhr

Louisa
Dokumentarfilm über eine 23-jährige Frau, die ihr Gehör verloren hat…
Samstag 24. März 2012, 17:15 Uhr
Sonntag 25. März 2012, 11:00 Uhr

Work Hard – Play Hard
Dokumentarfilm über die schöne neue Arbeitswelt…
Samstag 24. März 2012, 20:45 Uhr
Sonntag 25. März 2012, 11:00 Uhr

Das Cafe Cairo zeigt übrigens im Rahmenprogramm noch ein paar Musikfilme (im bei Coworking eingerichteten Festivaltreff in der Veitshöchheimer Straße 14). Darunter der Dokumentarfilm „Music from the Moon“, der auch schon auf dem Unerhört! Musikfilmfestival 2011 in Hamburg lief.

(Alle Terminangaben sind natürlich wie immer ohne Gewehr!)

GO BETWEENS

März 19, 2012

Der 3.6.1986 – Welch ein historisches Datum für diese Zeitung. Unser erstes Interview. Mehrmals hatten wir telefonisch erfolglos versucht, den Interviewtermin und -Ort der Go Betweens in Erfahrung zu bringen, so daß wir uns um 18.00 Uhr nach viel Stress im verregneten Köln am Luxor einfanden, ohne etwas in der Hand zu haben. Aus dem Luxor hörten wir auch jemand ein Schlagzeug ausprobieren. Soundcheck. Sollten wir einfach anklopfen und sagen: „Hallo, wir sind von METRO-NOM, dürfen wir die Go Betweens interviewen?“ So standen wir da und diskutierten im Regen, ob es weise sei, jetzt einfach hereinzuplatzen. Nach 10 Minuten (wir waren uns immer noch nicht einig) öffnete sich die Tür, und wir gingen hinein. Dort trafen wir dann den Tour-Manager, der uns alles erklärte und („was, ihr seid von Metro-nom. Kenn ich garnicht“) uns auf die Gästeliste schrieb.

Die Vorstellung begann mit einem 20-minütigen Tanz-Theater-Projekt „Faces in the Crowd“. Es war interessant anzusehen, eine Mischung aus ägyptischen, orientalischen Bauchtänzen und Disco, wobei sich Breakdance-Einflüsse nicht leugnen ließen.
Danach betraten die Go Betweens mit einiger Verspätung die Bühne, dieses Jahr zu fünft, man hatte die 20-jährige Amanda Brown (Geige und Orgel) mit auf Tour genommen. Was nun folgte, war das, was sich jeder unter einem guten Konzert vorstellt.

A.
Schöne, manchmal etwas spröde Songs. Die schönsten Songs der Band stammen aus der Feder von Grant. Seine beiden Stücke („Bachelor Kisses“, „The wrong road“) sind wirklich große, melancholische Lieder. In ihrem Bannkreis denkt man unwillkürlich an die erste große Liebe, das erste verschwiegene Treffen und an die lange, schreckliche Zeit der Trennung. Für diese beiden Songs alleine haben die Go Betweens schon einen Platz auf dem Pop-Olymp verdient. Grant brachte diese Songs (die den Besuch eines Go Betweens Konzerts rechtfertigen) live rauher und ungeschliffener. Doch ihren Zauber spürte man ganz deutlich.

B.
Charisma. Der zweite Kopf der Band, Robert, schreibt schöne Songs („Bad Company“) aber keine genialen. Dafür besitzt er, der so aussieht, wie ein australischer David Byrne (längeres Haar) andere Qualiäten. Robert verfügt über ein reichhaltiges Repertoire an publikumswirksamer Gestik. Er reckt seine Arme beschwörend gegen die (ca. 3 m) hohe Hallendecke als sei in diesem Mikrokosmos die Antwort auf die große Frage nach der menschlichen Existenz greifbar. Auch als „Herbert von Karajan“, das Geigenspiel der zwanzigjährigen Gastmusikerin dirigierend, macht er eine gute Figur. Robert, der visuelle Anziehungspunkt der Gruppe, wirkt wie ein intellektueller Westentaschen-Sinatra (hieß doch die zweite LP der Go-Betweens bezeichnenderweise „Before Hollywood“). Seinen wahrlich größten Moment hatte dieses große Kind (dies bitte ich als Kompliment zu verstehen) als er sein Publikum an der Klangwelt von Tambourin und Gitarre teilhaben lassen wollte. Obwohl wir uns (das Publikum) bemühten, konnten wir ihm nicht ganz folgen. Trotzdem wirkte diese Geste nicht lächerlich, sondern schlichtweg ergreifend.

C.
Frauen. Man kann einwenden, Madonna sei hübscher als die beiden Frauen, die man auf der Bühne sah. Die beiden (Schlagzeugerin Lindy und Gastmusikerin) sahen aus wie weibliche Mitglieder in einer nicht nur Pop Band nun mal aussehen; nämlich eher unauffällig. Jedoch wirkten sie sympathisch, auch wenn man zehn Meter von der Bühne entfernt stand. Böse Zungen behaupten zwar, ich finde Lindy nur so sympathisch, weil sie mich im Laufe des Interviews dreimal anlächelte und mir mit der neuesten Ausgabe eines Kölner Magazins auf den Rücken klopfte. Aber das ist unwahr! Wahr ist vielmehr, daß sie mich während des Interviews mindestens fünfmal anlächelte und mir die neueste Ausgabe des Magazins auf den Hintern schlug.

D.
Entertainment. Auch das wurde uns geboten. Ob Grant nun wie ein Blinder über die Bühne tapste, um deutlich zu machen, daß ihn der Scheinwerfer blendete oder ob Robert Grants Satz „I’m a lonly one“ („The wrong road)“ mit Grimassen quittierte. Unterhaltung war angesagt. Besondere Leistung zeigte auch der ansonsten sehr stille Bassist. Fernab von jeder Allüre benutzte er seine Zunge ausschließlich dazu, sie gegen die Backe zu pressen. Dies hatte zur Folge, daß innerhalb des Publikums Wetten darüber abgeschlossen wurden, wie lange dieser arme, von Zahnschmerzen geplagte Mann noch auf der Büne stehen würde. Das war jedoch ein Irrtum. Wie wir erfuhren, ist der Bassist berühmt für seinen Zungentick.

E.
Langeweile. Wie bei fast allen schönen Dingen im Leben (denkt nur an Eure erste Klassenfahrt) stellte sich ab und an eine gediegene Langeweile ein. Man hatte Schwierigkeiten mit dem Sound (ein Gesangsmikro fiel teilweise aus) und die meisten Songs der Band sind wie gesagt gut aber nicht genial. Trotz dieser Längen war es ein gutes Konzert.

Epilog
Die Go-Betweens sind sympathische Leute, man wird sie mögen aber nicht lieben (ob live oder auf der Platte).

Nach dem Konzert sollte nun also das Interview stattfinden. Man wartete artig vor der Tür auf der Bühne, bis die Damen und Herren von einem mysteriösen Radiosender fertig wurden. Dann ging es hinein in einen winzigen überfüllten Raum, in dem extrem Partystimmung herrschte. Stimmengewirr, wo man sein Mikrofon nur hinstellte. Am besten war Drummerin Lindy Morrison gelaunt. Sie kreischte von einer Dinnerparty, zu der sie nicht eingeladen war und in die sie noch den Drummer der Sting-Rays mitgenommen hatte „Fantastic!“. Es muß sehr lustig gewesen sein. Zuerst diskutierten wir, mit wem wir nun sprechen sollten. Es war alles sehr aufregend! Gekreisch dort, Alkohol in der Ecke, berühmte Gesichter hier. Also schnappten wir uns Grant McLennan und wimmelten alle Leute ab, die ihn belagerten. „Hi, we are from METRO-NOM. Are you ready for an interview?“

METRO-NOM: Kannst du uns einige wichtige Ereignisse in deinem Leben nennen, die dich zu dem gemacht haben, was du heute bist, und was hast du vor der Gründung der Go Betweens gemacht?
GRANT: Also, bei dem wichtigsten Ereignis war ich nicht dabei, wenn meine Eltern nicht gewesen wären, säße ich jetzt wohl nicht hier, das muß ich betonen. Aber ich glaube, es fing an nachdem Robert und ich mit dem Studium fertig waren. Ich wußte nicht, was ich machen sollte. Ich dachte, ich bekäme keinen Job darum fing ich an, mit Robert zu spielen. Ja, und das war der Beginn der Band Ende 1977. Ist ’ne lange Zeit her, was?
METRO-NOM: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Eurem Namen „Go Betweens“ und Eurer Musik?
GRANT: Es gibt keine spezielle Bedeutung, aber ich glaube, als wir anfingen befanden wir uns zwischen zwei Arten von Musik. Wir lieben Patti Smith und ihre poetische Musik und genauso die Monkees, die Beatles, vor alle, gute Pop-Musik wie Prince und Madonna.
METRO-NOM: Hat Patti Smith Euch irgendwie musikalisch beeinflußt?
GRANT: Nein, das hat sie nicht getan. Ich kann Euch eine lustige Geschichte über sie erzählen. Wir schickten ihr unsere erste Single, genauer gesagt zu Lenny Kaye, ihrem Gitarristen. Dann, auf einer ihrer Platten war ein sehr sehr gutes Stück, und es war genau der Song, den wir ihnen geschickt hatten. Wir dachten daran juristisch gegen sie vorzugehen, aber die Version des Songs war so gut, daß Lenny Kaye uns sogar zurückschrieb und uns bat, noch einen anderen Song zu schicken. Er hatte echt Sinn für Humor.
METRO-NOM: Wie schreibt ihr eure Musik?
GRANT: Immer mit Gitarre. Ich schreibe immer zuerst die Melodien und dann die Texte.
METRO-NOM: Warum habt ihr einen Song „Les Immer Essen“ gewidmet, und wie findet Ihr deren Musik?
GRANT: Weil sie sehr gute Freunde von uns sind. Vor zwei Jahren lernten wir sie auf einer Tour kennen und seitdem verstehen wir uns recht gut mit ihnen. Ich hoffte, sie würden heute abend kommen, und sie kamen. Als sie mit uns spielten, brachten sie eine tolle Version von „Life’s a Gas“ von Marc Bolan + T. Rex (er singt: „Life’s a gas“). Sie sind einfach nett, und es ist nicht wichtig, ob ich ihre Musik mag.
METRO-NOM: Wie stellst du dir deine musikalische Zukunft vor?
GRANT: Ich werde bei den Go Betweens bleiben, und die Band wird bestehen bleiben solange wir „lebendige“ Musik machen, die unserer Band neue Impulse gibt.
METRO-NOM: Habt ihr niemals daran gedacht, zu einer größeren Plattenfirma zu gehen.
GRANT: Waren wir ja eine Zeit lang. Unser drittes Album „Spring Hill Fair“, das mit dem roten Cover, das nahmen wir für Warner Brothers auf. Dasselbe Label, bei dem Madonna war. Also, das ist ein ziemlich großes Label, aber leider waren sie von unserer Platte nicht sehr beeindruckt, so daß sie in darauffolgenden Jahr vergaßen, uns zu bitten, noch eine zu machen.
METRO-NOM: Kannst du etwas über die Szene in Australien berichten?
GRANT: Mich dürft ihr das nicht fragen, weil wir seit etwa 4 Jahren in London wohnen. Wir fahren nur ein- oder zweimal im Jahr nach Australien. Es bestand immer schon ein Unterschied zwischen Melbourne und Sidney. Die Bands aus Sidney sind mehr von „Detroit-Sound“ beeinflußt wie die MC 5, wogegen der „Melbourne-Sound“ mehr gekünstelt Englisch ist wie Captain Beefheart, z.B. Birthday Party hätte niemals aus einer anderen Stadt als Melbourne im Australien kommen können. Genauso können „Died Pretty“ und „Hoodoo Gurus“ nur von Sydney kommen.
METRO-NOM: Warst du zufrieden mit dem Konzert heute abend?
GRANT: Ja, hat Spaß gemacht.
METRO-NOM: Aber ich glaube Robert hatte Probleme mit den Mikro?
GRANT: Ach, er hat mal wieder posiert, er spielt so gerne damit wie ein Showman. Wie Frank Sinatra in den Vierzigern.
METRO-NOM: Spielt Amanda auch auf der Platte Violine?
GRANT: Nun, wir trafen Amanda Anfang des Jahres auf einer Tournee und fragten sie, ob sie nicht bei uns mitspielen wolle. Dann flog sie mit uns nach England und spielte mit uns in Schottland, Irland, Italien, Belgien, Schweiz, Norwegen, Frankreich, Holland und im Luxor.
METRO-NOM: Wie findest du Nick Cave?
GRANT: Toller Mensch, ein persönlicher Fremd von mir. Wir stehen uns sehr nahe und kennen uns schon seit Jahren.
METRO-NOM: Magst du seine Musik?
GRANT: Ja, ich glaube nicht, daß alles, was er gemacht hat, so toll ist, aber er schreibt gute Texte. Manchmal wünsche ich mir, daß er eine gute Melodie bringen würde. Aber er hat ja gerade eine neue Platte aufgenommen, die noch nicht veröffentlicht wurde. Es wird eine Platte mit Cover Songs und sie wird wohl ganz gut werden.
METRO-NOM: Könntest du dir vorstellen,  mit ihm zusammenzuarbeiten?
GRANT: Haben wir schon. 1981 machten wir eine Single mit ihm. Sie hieß „After the fireworks“. Robert und ich schrieben den Song, Nick sang, Lindy spielte Schlagzeug, Nick Harvey spielte Klavier, Roland Howard spielte Gitarre. Mir nannten uns Tuff Monks. Nick ist augenblicklich in Berlin und schreibt sein Buch zu Ende, einen Roman.
METRO-NOM: Warum, glaubst du, habt ihr nicht so viel Erfolg wie Prince oder Madonna?
GRANT: Wir verdienen ihn natürlich. Ich glaube, wir sehen ganz einfach nicht so gut aus wie Prince.
METRO-NOM: Aber Prince ist doch sehr häßlich.
GRANT: Wirklich? Ich finde ihn großartig. Er schreibt tolle Popsongs. Das kannst du als Mann gar nicht beurteilen.
METRO-NOM: Du bist ja auch ein Mann!
GRANT: Nein, bin ich nicht, die Hälfte von mir ist eine Frau.
METRO-NOM: Gibt es eine Art Konkurrenz zwischen dir und Robert?
GRANT: Nein, überhaupt nicht. Robert und ich gründeten die Band. Als wir anfingen, konnte ich überhaupt keine Gitarre spielen. Jetzt bin ich genial, und er geht so. Also gibt es keine Konkurrenz. Die Songs, die er schreibt, singt er auch, die Songs, die ich schreibe, singe ich. Darum ist die Band auch so gut, wir haben zwei Songwriter.

Zu diesem Zeitpunkt wurde das Stimmengewirr immer lauter. Gelächter von nebenan und dann kommt es:

LINDY (schrill): Grahaant, in einem deutschen Magazin steht, daß die Liebe deines Lebens in Adelaide ist, und daß das der Grund dafür war, daß du in Adelaide so toll warst. Hahahahaharghghgh. Woher das wohl stammt?
GRANT: From your fucking mouth!
LINDY: Ahahahaha!
GRANT: From your bloody mouth!
LINDY: Hahahahaharhgrgh!
GRANT (auf deutsch): Scheiße, Scheiße, Scheiße.
Jemand: Ist das wahr?
GRANT: Nein, natürlich nicht.
LINDY: Haahaahaahahaha.
GRANT: Sie ist großartig, sie hat ein großes Maul, aber sie ist lieb. Zu Lindy: Du bist wieder umwerfend.

Danach wurde alles chaotischer. Lindy verbreitete noch ein paar Gerüchte und wir verabschiedeten uns.

Mehmet Yalcin / Thomas Stephan

Diese Texte stammen ebenso wie dieses Die Tödliche Doris-Interview aus dem Kölner Fanzine METRO-NOM, Ausgabe Nr. 1,  August/September 1986.
Digitalisiert und sparsam editiert von Guido Zimmermann.
Hier diese vier Seiten im Original-Layout als PDF:
Metronom_Nr1_1986_Go-Betweens_Interview

Die Tödliche Doris lebt!

März 14, 2012

Die Tödliche Doris als Puppen – aus Lichtschwindel, Ralf Schuster 1985

Wir erinnern uns: Noch 1985 wurde in Ochsenfurts Kulturszene rund um den Spi-Trust dem „Tötliche Doris-Kult“ mit größter Begeisterung gefrönt. Kaum eine Ausgabe von Student POGO INFO erschien, in der nicht irgendwelche Anspielungen, Zitate, News oder Erläufterungen zu/über/von Doris versteckt waren. Ralf und Robert (inzwischen als Weber & Schuster besser bekannt) fuhren nach Zagreb um Doris zu besuchen und drehten „Lichtschwindel“. Ein Film der viele Fragen offen läßt: Warum konnten die beiden die Kamera nicht ruhig halten? Hatten sie kein Stativ? Besteht Kunst wirklich darin unverständlich/metapysisch daher zu plaudern?

Antworten auf derlei Fragen gibt die Existenz/Das Vorbild der „Tötlichen Doris“. R. Schuster fühlte sich damals stets von Doris beeinflußt, fast schien es ihm, als sei eine geistige Symbiose zwischen ihm und der Berliner Dilletantenband entstanden, als hätte sich durch das Medium ihrer Schallplatten, Texte, Bilder etc… eine persönliche Übereinstimmung ergeben. Wenn Doris sang: „Heizkörper, Lüftungsgitter, Türklinke“ (Aus: „Der Tod ist ein Skandal“), dann glaubte R. Schuster in diesen drei Worten, die einzig wahre Metapher für das Leben auf diese Welt zu erkennen! Warum? Weil er und Doris sie für sich allein zu haben schienen. Die Freude am Intimen! Doris‘ Texte und Musik sind so ausgefuchst und hintergründig, daß man 99,9 % der Bevölkerung nur ein Schmunzeln des Unverstandes abringen kann, und wie schön ist es doch, zu dem privilegierten 0,1 % zu gehören. Doch genug der Vorrede!

Trotz aller damaligen Bemühungen traf R. Schuster nie auf sein verehrtes und ständig gepriesenes Vorbild, bis er den Entschluß faßte, alt genug zu sein, um selbst Vorbild zu werden. Dabei lief ihm Doris rein zufällig über den Weg.

Ich hielt mich bereits seit über drei Wochen in Berlin auf, wegen eines sehr profanen Anlasses: Ich mußte ein Praktikum für die Uni absitzen, aber das natürlich nur tagsüber, abends konnte ich versuchen, das zu finden, was Berlin zur Metropole macht. Bekannt ist über die Grenzen Berlins hinaus, daß der Abend frühestens um elf beginnt, und deshalb saß ich an fraglichem Tag total angelascht daheim und wäre am liebsten ins Casablanca Ochsenfurt gegangen, aber da ich mich in 1000 Berlin 30 befand, war mir dies verwehrt und es galt zu warten bis man sich als versierter Szenekenner auf die Straße trauen darf. Schließlich latschte ich los, Richtung Disco. Das ist zwar nichts besonderes, fast peinlich, aber man ist ja im fortpflanzungsfähigen Alter und die Berliner Frauen schneiden im Vergleich mit Ochsenfurt in Vielfalt und Anzahl sehr gut ab. Durch einige langweilige Irrungen und Wirrungen (wegen Ortsunkundigkeit), landete ich aber anstatt in der Disco im LOFT, wo die MEAT PUPPETS gerade kurz vor der Zugabe angelangt waren. Obwohl ich eine excellente Mini-LP der MEAT PUPPETS daheim hatte (harter Punk abseits der leidigen Hardcore-Klischees) erkannte ich sie nicht, dachte es handle sich um irgendwelche Berliner-High-Speed-Heavy-Metal-Freaks und blieb nur, weil es nichts kostete und genügend interessante Frauen im Publikum verteilt standen. Außerdem lehnte Nikolaus Utermöhlen, seines Zeichens Tödliche-Doris-Multiinstrumentalist am Bühnenrand, aber fiel mir nicht sofort auf und ich war mir natürlich auch nicht sicher, ob er es wirklich sei, schließlich kannte ich ihn nur von Fotos und sein Gesicht ist das fränkische Allerweltsgesicht schlechthin, Chameritz (Aufenthaltsort unbekannt), Edwins Onkel (Gaukönigshofen) und Holger (Michelfeld) sehen ihm sehr ähnlich. Wolfgang Müller meinte später sogar, ich würde ebenfalls so aussehen, aber das mußte ich von mir weisen. Ich hatte sowieso genug damit zu schaffen, daß mir Nikki in seinen Umgangsformen vertraut, eigentlich ähnlich war. Auf meine schlichte Frage, ob er zur tödlichen Doris gehöre, antwortete er mit ebenso schlichtem ja, und gestand, daß ihm mein Film und mein Name geläufig waren. Dann hatten wir uns nichts essentielles mehr zu sagen. Beiderseitige Versuche ein Gespräch in Gang zu bekommen, versiegten immer wieder nach ein- oder zweimaligem Frage-Antwort-Zyklus. Aber mir schien, als erübrige sich jede Frage, denn ich hatte mich ausführlich genug mit den künstlerischen Äußerungen der tödlichen Doris auseinandergesetzt, um glauben zu können, die Personen, die dahintersteckten zu einem gewissen Grad zu kennen. Die Teile im Mosaik, die noch fehlten, waren die Art sich zu kleiden, die Art zu reden, mit Leuten umzugehen, nicht aber, was konkret gesagt wurde, und es passte alles haarscharf in das Bild, das ich mir gemacht hatte, übertraf es sogar noch, als Nikki, kaum hatten wir uns auf den Weg in eine Kneipe gemacht, einfiel, daß er mit dem Fahrrad ins Loft gefahren sei, und ein pofeliges, rostiges Dreigangfahrrad herbeischleppte. Mir als Auto-Hasser bereitete das größte Genugtuung, zumal Berlin sowieso in Autos erstickt. Auto zu fahren ist eine einzige Qual, trotzdem sieht man erschreckend wenig Fahrradfahrer. Liegt vielleicht daran, daß die schönen Szeneklamotten darunter leiden könnten oder die elementarste Aufgabe von Kleidungsstücken, den Körper vor Kälte zu schützen, nicht ausreichend erfüllen. Bei uns auf dem Land höre ich ständig, man bräuchte ein Auto, weil die Dörfer so weit auseinander liegen, aber in der Großstadt scheint es andere Ausreden zu geben, die den Gebrauch des Autos rechtfertigen. Nikki führte mich in eine Kneipe nahe der Potsdamer Straße (Nutten ahoi!), in der alle von der tödlichen Doris zwecks Broterwerb [arbeiten. Es handelt sich] um einen ehemaligen Puff mit genialkitschigem Inventar wie Pornobilder in Barockrahmen, Kronleuchter mit Funkelglühbirnen und angenehmen Künstler-Publikum, z.B. Wolfgang Müller, Dilletanten-Mastermind und Doris-Sänger/Texter. Er erkannte mich fast von allein und begann sofort zu erzählen (mit der unverwechselbar üblen Stimme, die man von den Platten her gewohnt ist) und steckte dabei seinen Kopf meistens so nach vorne, daß ich dachte, er wolle die Pickel auf meiner Nase genauer anschauen. Tabea hätte eigentlich auch an dem Abend kommen wollen, meinte er, aber es sei ihr nicht gut. Schade, sie und Käthe hätten gerade noch gefehlt, aber man kann nicht alles haben. Im Lauf des Abends erfuhr ich auch so eine ganze Menge; Die Aufnahmen für die neue Platte sollten wenige Tage später beginnen, diesmal nur mit synthetischen Instrumenten „…. wird echt unpersönlich. Die haben da sogar diese sechseckigen Trommeln…“. Diese sechseckigen Dinger (genannt Simmons-Drums, danach verzehren sich alle provinziellen Pseudoprofis) könnte man, schlug Wolfgang vor, aus Pappdeckel nachbauen und auf der Bühne als Performance kaputt machen. Obwohl nur als spontane Idee formuliert, zeigt sich Doris‘ typische Anmache: Die Attacke auf den gutbürgerlichen, guten Geschmack. Die Hifi-HighTech-Kultur ist gerade recht um sie lächerlich zu machen. Zu Jahresende wird sich die tödliche Doris auflösen. Natürlich nur zum Schein, denn „wir sind immer noch die besten Freunde!“. Die Auflösung soll, soweit ich es verstand, nur dem Zweck dienen, das Konzept noch mehr zu erweitern, weg vom Bandimage, stärkeres Engagement auf anderen Gebieten. Dabei aktivierte Doris schon immer Grenzbereiche, musikfremde Darstellungsformen.

Tabea Blumenschein, Wolfgang Müller, Nikolaus Utermöhlen und Käthe Kruse (Autogrammkarte, 1983)

Projektnamen wie Fotodokumentararchiv, Naturkatastrophenballet, die tödliche Doris als Kontaktvermittlung lassen erahnen, wie vielfältig ihr Repertoire an Ausdrucksformen ist. Aber nicht nur vielfältig, vor allem schräg und unverdaulich war sie zu allen Zeiten. In einem Super-8-Dokumentarfilm über das SO 36 sah ich einem ihrer frühen Auftritte: Als Geräuscherzeuger stand ein pfeifender Teekessel auf einer Heizplatte und beides auf der Bühne. Nikki lockte dazu der Gitarre irgendwelche abscheuerregenden Töne und Wolfgang schrie hysterisch: „Kavaliere, Kavaliere, reiten die Welt in den Abgrund“. Eine leere Bierbüchse traf ihn dabei direkt an der Stirn. Ein Bild für die Götter. Inzwischen geht es auf Doris‘ Auftritten sicherlich nicht mehr so punkig/anarchistisch zu. Doris ist ein etabliertes Kunstphänomen für die intellektuelle Schickeria der ganzen Welt. Sie spielte im „Museum for Modern Art“ in Amerika, in Japan ist die letzte LP in den Charts und demnächst steht Moskau auf dem Tourprogramm. Aber angeblich ist das auch nicht immer aufregend.  „Es gibt nichts neues mehr!“ zitierte ich von Doris‘ erster Maxi und man gab mir Recht. Wolfgang vertraute mir an, daß er bald 30 wird, aber außer, daß er mit den Schultern zuckte, wußte er nicht, was man davon halten soll. Grund genug sich um die alltäglichen Dinge zu kümmern. Jemand holte noch eine Runde Budweiser und er erzählte mir, wie Tabea Blumenschein im Zoo das Zwergflußpferd gestreichelt und den Schuhschnabel aus seiner arrogant/stoischen Ruhe aufgeschreckt hätte. Dann gab es noch einige Details zwischen Nikki und Wolfgang zu besprechen, die sich auf das Studio und die Aufnahmen bezogen. Sehr bedeutend war es nicht, wie sie sich unterhielten, aber ich wußte schießlich, daß es sich bei diesen beiden betont gewöhnlich gekleideten Menschen um die „mit Abstand intelligentesten Köpfe unter den genialen Dilletanten“ handelte, wie KONKRET bereits ’81 aufgrund der ersten 12-Inch treffend erkannte. „Der Schönheit Stimme aber redet leise und schleicht sich nur in aufgeweckte Gemüter“, hing als schlauer Spruch in dem Musiksaal meiner Schule an der Wand, Goethe oder einer von denen hat das irgendwann einmal formuliert. Aber mit dem aufgewecktsein war es bei mir nicht mehr allzuweit her, die Uhr zeigte bereits zwei. Zu erzählen hatte ich nichts, und Fragen fielen mir auch keine mehr ein, zumal ich sowieso keine Lust auf das Frage-Antwort-Spiel verspürte. Also ging ich heim, um sieben würde der Wecker klingeln, wegen der alleralltäglichsten Arbeit.

Ralf Schuster,
1987

Original Layout:
Framed Dimension D-Sign, 1988

Dieser Text stammt aus Heft No. 11 des 10.15 Megazine, vermutlich im Mai 1988 in Würzburg erschienen.

Anmerkungen von GZ:

Autor Ralf Schuster ist auch Musiker (Schlagzeug, Akkordeon u.v.m.) und Filmemacher (Super-8, Video, Kurzfilme und Cottbus-Krimis etc.), stammt aus Ochsenfurt und lebt seit etlichen Jahren in Cottbus.

Beim SPI-Trust handelte es sich um einen Zusammenschluß verschiedener Bands einiger Musiker aus Ochsenfurt wie Rassenhass oder Die Mesomere Grenzstruktur. Aus dieser Szene ging sowohl das mit dem Scharfrichterbeil prämierte Duo Schuster & Weber hervor als auch die Filmproduktion MultiPop. Als Zentralorgan fungierte das meist aus acht DIN A5-Seiten zusammenkopierte Student POGO INFO.

Das Casablanca in Ochsenfurt ist immernoch ein Programmkino mit angeschlossener Kneipe.

Bei der von Ralf Schuster beschriebenen Berliner Kneipe dürfte es sich um das Kumpelnest 3000 gehandelt haben.

Das Original gibt es hier als PDF:
Ralf_Schuster_Die_Tödliche_Doris_lebt

Die Tödliche Doris, Köln-Ehrenfeld 1986

März 13, 2012

DIE TÖDLICHE DORIS
Ehrenfeld, NARANJA

Wolfram Kühne

20 qm reichten aus, um das Kölner Begehren nach einer tödlichen Doris auszufüllen. Nach einer Nachmittagsvorstellung begann die Truppe ihren zweiten Auftritt um 21.30 Uhr.
Die drei Akteure beschränkten sich auf reinen Gesang und kostümische Darbietung, die mit einem musikalisch Playback untermalt wurde. Die einzige Ausnahme bildete eine karge, kindlich gespielte Gitarre. Die Darbietung von Gesang, Bewegung und Verkleidung wurde mit gleicher Ernsthaftigkeit präsentiert. Diese drei Elemente waren weder extrem kraftvoll noch an die Realität gebunden.
Während des gesamten Konzertes liefen Filme, vor deren Hintergrund die Drei agierten. Überdimensionale Hüte, weiße Tücher von Reinheit, Baströckchen, Herrenslips für die Dame, Nacktheit für die beiden Herren, mit den Händen verbundene Gesichter. Freier Tanz zur Musik, Wortfetzen als Sprachgesang. Eine Improvisation war es nicht.

Nikolaus Utermöhlen

DIE TÖDLICHE DORIS
NARANJA, Köln-Ehrenfeld

Gisela Lobisch

Gerade zurück von einer Tournee mit dem Goethe-Institut, traten die „Tödliche Doris“ zum ersten Mal in Köln auf. Die beiden Berliner Besitzerinnen des Narinja, seit etwa 10 Monaten in Köln, hatten die Gruppe aus Berlin für einen Auftritt in ihrer Galerie gewinnen können. Zwischen dem Nachmittagskonzert und dem Abendkonzert sprachen wir mit „Tödliche Doris“.

METRO-NOM: Tödliche Doris, ihr seid Käthe Kruse, Wolfgang Müller und Nikolaus Vermählen [eigentlich Utermöhlen – GZ]. Könnt Ihr etwas über euch erzählen, eure Art von Musik, eure Performance, euer Hauptaktionsfeld.
WOLFGANG: Nun, die Gruppe gibt’s seit 1980, und wir haben verschiedene Platten gemacht.
METRO-NOM: Wieviel Platten habt ihr bis jetzt gemacht?
WOLFGANG: Ich glaube das war jetzt die 4. LP, die wir kürzlich gemacht haben.
METRO-NOM: Wo ordnet ihr euch musikmäßig ein?
WOLFGANG: Ach, das machen wir gar nicht. Die Frage der Einordnung berührt uns nicht. Es gibt verschiedene Menschen, und die ordnen das ein, für uns ist das eigentlich keine Frage. Wir möchten nicht etwas machen, damit man uns einordnet.
METR-NOM: Wie ist eigentlich der Verkauf von euren Platten?
WOLFGANG: Ach, ganz gut würde ich sagen, von den ganzen Independent Sachen, die so 1980 entstanden sind, gibt’s kaum noch welche auf dem Markt. Wir haben nie auf einen größeren Verkauf spekuliert. Ist ja auch schlecht mit der Musik. Es ist verschieden, von dem einen Objekt hamwa nur 1.000 Stück gemacht, und die waren in 2 Monaten alle weg. Die gingen auch in’s Ausland. Andere Platten sind nicht limitiert. Die ersten Platten werden immer noch kontinuierlich weiterverkauft. Es ist verschieden.
METRO-NOM: Irgend jemand hat euch als „geniale Dilettanten“ bezeichnet.
WOLFGANG: Ich habe mal ein Buch geschrieben mit diesem Titel. Es ist im Merve-Verlag erschienen.
METRO-NOM: Ja, ich habe versucht es im Buchhandel zu bekommen. Aber leider war es vergriffen, und man denkt auch nicht an einen Nachdruck. U.a. stand auch was drin über Blixa Bargeld.
WOLFGANG: Das Buch bezog sich auf ein Festival, das 1983 in Berlin stattgefunden hatte. Die Bezeichnung „geniale Dilettanten“ war die Möglichkeit, uns zu unterscheiden von dem, was damals alles mit „Neue Deutsche Welle“ abgehandelt wurde. Der Begriff löst sich ja auch selbst auf. Deswegen ist er auch gar nicht so dogmatisch und ideologisch wie er sich anhört.
METRO-NOM: Ihr habt vor einiger Zeit eure Performance auf einer „Kaffeefahrt“ nach Helgoland gemacht?
WOLFGANG: Ja, vor 2 Jahren.
METRO-NOM: Wie lief das denn ab, was kamen da für Leute?
WOLFGANG: Wir haben das aufgezogen wie die üblichen Kaffeefahrten, die immer so angeboten werden. Da gibt’s ja auch Tagesfahrten in den Westerwald oder in verschiedene Städte. Wir haben Karten verkauft,
und es sind 25 Leute mitgefahren.
METRO-NOM: Was sind eure Pläne für die nächsten Monate?
WOLFGANG:Wir bereiten ein Buch vor.
METRO-NOM: Worüber?
WOLFGANG: Ist schwer zu sagen. Ja, ein ziemlicher Info-Crack das Buch, es wird mehrere 100 Seiten haben.
METRO-NOM: Kannst du das etwas näher erklären? Was wird drin stehen?
WOLFGANG: Ooch, eigentlich alles. Das Buch ist ein Objekt.
METRO-NOM: Mmh?
WOLFGANG: Ja, dann waren wir jetzt in Japan.
METRO-NOM: Wie kommen eigentlich solche Kontakte in’s Ausland zustande? Wenn ich an eine Plattenauflage von 2.000 Stück denke …
WOLFGANG: Das greift ganz bestimmte Ecken, und ich glaube nicht, daß es eine Frage der Auflage ist. Wir reagieren ja z.B. auch nur auf Anfragen. Wenn wir gefragt werden, dann überlegen wir, ob wir wollen oder nicht wollen. Wir lassen das einfach fließen, was gerade so kommt, das nehmen wir vielleicht. Wir haben also keine Kontakte nach Japan oder Amerika aufgebaut.
METRO-NOM: Ihr hab vorher noch nie in Köln gespielt, wie kommt’s?
WOLFGANG: Wir haben noch nie eine Anfrage bekommen. Das mag auch daran liegen, daß viele Gruppen den Veranstaltern Angebote machen, das machen wir eigentlich nie. Wenn sich jemand meldet, dann sagen wir nicht gleich ja, aber wir entscheiden uns. Dann kommen wir auch in ganz komische Ecken. In Darmstadt haben wir z.B. in einen Buchladen gespielt.
NIKOLAUS: Finde ich auch besser, weil die Leute die an uns herantreten, sich dafür begeistern und sich speziell dafür einsetzen, und dann ist es auch interessanter für dich selber.
WOLFGANG: Das finde ich auch angenehmer, es ist nicht so inszeniert, und dadurch merken wir auch, aus welcher Ecke die Angebote kommen. Wir haben schon Briefe von Leuten bekommen, die sich beschwert haben, daß wir noch nie in Ruhrgebiet gespielt haben. In England hatten wir mal einen großen Artikel in einer Zeitung, eine Doppelseite aber noch nie ein Konzert.
METRO-NOM: Legt ihr Wert darauf, vor einem bestimmten Publikum zu spielen, oder ist euch das egal?
WOLFGANG: Also, egal ist uns das nicht. Im Grunde ist es schon gut, wenn sich das mischt. Es kann auch nicht anders sein.
METRO-NOM: Die Karten für das Laurie Anderson Konzert kosteten 40 – 60 Mark und das Publikum war geprägt durch die, die sich das leisten konnten.
WOLFGANG: Ja, ich fände gut, wenn man das ausschließen könnte …. nein, ich meine, wenn man dann auch die Möglichkeit schafft, Schülerkarten zu 10 Mark anzubieten.
METRO-NOM: Wie war die Vorstellung heute nachmittag?
WOLFGANG: Och, ganz gut. Ist halt klein hier der Raum, deswegen haben wir auch 2 Konzerte gemacht. Normalerweise machen wir ja nur eins.
METRO-NOM: Das Naranja ist ja ziemlich neu hier in Köln und ist auch noch nicht so sehr bekannt. Trotzdem sind beide Vorstellungen fast ausverkauft.
WOLFGANG: Das spricht sich eben rum. Gestern haben wir in Darmstadt gespielt. Der Veranstalter meinte, höchstens 1/3 der Leute seien aus Darmstadt gewesen. Der Rest kam aus Karlsruhe, Frankfurt, Heidelberg, und einer war aus Tokyo.
METRO-NOM: Was haltet ihr von der Performance einer Laurie Anderson.
WOLFGANG: Ich habe noch nie etwas von ihr gesehen. Wir hätten sie beinah getroffen bei der „Gelbe Musik“ Signierstunde, aber da waren wir gerade weg. Die Produzentin der „Gelben Musik“ produziert zwei Projekte von uns. Wir haben auch 2 Platten bei Atatak gemacht, und dann haben wir eine privat machen lassen. Da ist ein Fan von uns, seit Jahren, der hat zehntausend Mark geerbt und hat davon eine LP für achttausend Mark produziert. Vertreibt er auch selbst. Der sitzt zuhause in seiner Wohnung und hat da seinen Stapel-Platten. Er ist allerdings auch etwas unzuverlässig. Oft antwortet er nicht. Wenn die Leute unfreundlich sind, kostete die Platte ein bischen mehr, wenn sie nett sind, kostet sie etwas weniger. Manchmal ist er etwas störrisch. Ja, dann kam wieder „Gelbe Musik“, die klassische Musik und Avantgarde erfaßt, aus sehr künstlerischen Gesichtspunkten. Das ist eine schöne Kreuz- und Quer-Bewegung. Die Sachen müssen nicht an einer Stelle landen. Das finde ich das Langweilige an diesen ganzen deutschen Gruppen. Man weiß, jetzt wird das Label noch größer und dann ist Schluß. Es geht nie jemand von einem großen Label zu einem ganz kleinen, weil das dann gleich einen irrer Image-Verlust mit sich bringen würde, und die Gruppe ist dann nicht mehr „in“. Wenn man sich von vornherein diese Möglichkeiten des Wechsels schafft, kann man immer damit operieren, man hat einen größeren Freiraum.
METRO-NOM: Habt ihr überhaupt irgendwelche Kontakte zu Künstlern aus eurem Bereich? Macht ihr schon mal mit anderen Gruppen was zusammen?
WOLFGANG: Eigentlich kaum. Plan, z.B., die haben 2 Platten von uns realisiert. Wir haben unsere Platten immer bei unterschiedlichen Labels gemacht. Wir haben kein Label, bei dem wir bleiben wollen und sagen, da verpflichten wir uns jetzt.
METRO-NOM: Wollen wir hier mal abbrechen? Ich glaube ihr müßt euch jetzt fertigmachen. Eure nächste Vorstellung beginnt um 21.00 Uhr?
WOLFGANG: Och nee, lieber später, so um halb zehn, ’n bischen partymäßig.
METRO-NOM: Käthe, auf dem Gebiet der Performance und Musik sind relativ wenig Frauen dabei. Wie fühlst du dich hier mit den beiden Jungs.
KÄTHE: Gut, ja
WOLFGANG: (!!) Wenig Frauen sind also nicht dabei. Wir sind überrepräsentiert. Wir haben auch mit T[h]abea Blumenschein gespielt, sehr oft. Dann waren wir zwei Männer und zwei Frauen. Jetzt haben wir eine Mischtechnikerin, Beate, also zwei Frauen, zwei Männer. Wenn wir mit dem Auto fahren, fährt Käthe hauptsächlich.
METRO-NOM: Und die anderen saufen.
Käthe: Nein, nein, auch Beate fährt. Wolfgang hat als einziger keinen Führerschein. Nikki fährt die DDR-Strecken bis 100. Ist alles aufgeteilt.
METRO-NOM: Wer bringt denn die Ideen rein, die Lyrik, Musik, Filme, ist das ein Gemeinschaftsprojekt?
WOLFGANG: Jeder bringt was rein. Wir haben verschiedene Stärken. Es gibt eine Kontrolle dadurch, daß ein Text steht und jemand sagt: „Also das finde ich ganz bescheuert, das Wort hier oder den Zusammenhang“ oder „Das finde ich ganz toll“.
METRO-NOM: Könnt ihr von eurer Musik leben?
WOLFGANG: Wir machen auch Filme und Bücher. Na ja, leben … Wenn wir keine Lust haben, Konzerte zu machen oder es kommen nur blöde Angebote, dann arbeiten wir eben was anderes.
METRO-NOM: Also ist euch das nicht so wichtig, von eurer Musik zu leben?
WOLFGANG: Nein, aber es ist schon angenehmer, wenn wir gute Angebote haben und wenn das Honorar dann so ist, daß wir nicht unbedingt andere Arbeiten machen müssen. Die Vorbereitungszeit nimmt ja auch viel Zeit in Anspruch. Wir haben schon oft Nebenjobs gehabt.
Stimme aus dem Hintergrund: Ihr müßt euch jetzt fertigmachen!
WOLFGANG: Ja, ok. Vielleicht sehen wir uns nachher noch?
METRO-NOM: Ja, danke.

Über die Inhalt des geplanten Buches konnte ich der „Tödlichen Doris“ nichts Genaueres entlocken. Lassen wir uns überraschen …

Diese Texte stammen aus dem Kölner Fanzine METRO-NOM, Ausgabe Nr. 1,  August/September 1986.
Hier diese drei Seiten im Original-Layout als PDF:
Metronom_Nr1_1986_DieToedlicheDoris_Interview

Prrzzzzl

März 10, 2012

Praying For Oblivion – Facade
(C35, Cipher Productions, sic 54, 2011)

In Zeiten, in denen man Musik quasi immateriell überall und jederzeit auf seine Festplatte abspeichern kann, hat so eine Audio-Cassette noch mehr Fetisch-Charakter als sie sowie schon hat, insbesondere wenn sie auch noch zwischen einer dicken schwarzen Pappe und einem Netzgewebe verpackt und in einer Auflage von nur 50 Stück aufgelegt wird.

Hinter Praying For Oblivion steckt seit 1997 der Amerikaner Andrew Jonathan Seal, der auch mit Tote Stadt unterwegs ist und momentan in Berlin lebt. Auf „Facade“ sind drei Stücke zu hören. Lärmige, dreckige Frequenzwände, prazzelnd, manchmal fies ins Ohr stechend, wie eine Lawine auf den Hörer einstürzend. Stellenweise schälen sich aus diesem Krach Schreie heraus, natürlich bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Der letzte Track namens „Torture Chamber“ erinnert mich weniger an eine Folterkammer als an einen metallverarbeitenden Betrieb, in dem gerade jemand mit der Flex hantiert.

GZ
03.02.2012

(geschrieben für Bad Alchemy 72 / März 2012)

In Interview: The Milkshakes

März 5, 2012

Am 12. April 1984 spielten THE MILKSHAKES aus England wiedermal im [Jugendzentrum] Falkenhof in Würzburg. Dieses Konzert war inzwischen schon ihr fünftes in Würzburg (1x Kulturkeller, 1x Omnibus, 3x Falkenhof) und endlich haben wir es gewagt, so schüchtern wie wir sind, ein Interview (oder sowas) mit ihnen zu machen. Trotz mäßigen Englischkenntnissen und unleserlichen Notizen nun das langersehnte Interview mit THE MILKSHAKES:

Oi Oi Oi!:
Wer sind die MILKSHAKES?

The Milkshakes:
Die MILKSHAKES sind Billy [Childish], Bruce [Brand] (beide Ex-POP RIVETS), John [Gewen] und Micky [Hampshire]. Ursprünglich waren die POP RIVETS und THE MILKSHAKES zwei voneinander unabhängige Bands, aber seit 3-4 Jahren machen wir zusammen als THE MILKSHAKES weiter.

O: Wie würdet ihr eure Musik bezeichnen?

M: Rock’n’Roll, Acid Punk, Cycle Motobilly, Rhythm’n’Beat.

O: Spielt ihr die Musik eurer Väter?

M: Einige unserer Songs sind von unseren Vätern, aber die meisten Titel haben wir selbst geschrieben.

O: Wollt ihr mit euren Texten etwas sagen?

M: Eigentlich weniger. Meistens geht’s um Frauen, um Autos und ums sich zulaufen Iassen.

O: Welche Musik hört ihr so?

M: Nur gute Musik aus den 50er, 60er und 70er Jahren, weniger aus den 80er. Vor allem halt alte Songs.

O: Was haltet ihr von Gruppen wie SOFT CELL oder DEPECHE MODE?

M: Fucking creeps!

O: Und was haltet ihr von SHAKING STEVENS?

M: Bruce ist sein Sohn! Außerdem war Bruce Sessiondrummer bei NENA’s „99 Red Ballons“.

O: Warum nennt ihr euch eigentlich THE MILKSHAKES?

M: Als wir mal durch irgendeine Straße gingen, kamen uns 6 (oder 122) Schwarze entgegen und sagten zu uns „Ab sofort nennt ihr euch THE MILKSHAKES!“.

O: Warum veröffentlicht ihr eure Platten auf einem unabhängigen Label?

M: Wir wollen nicht, dass uns irgendeiner sagt, was wir spielen sollen und wieviel Platten wir im Jahr aufnehmen müssen. Wir sind froh, dass wir ein unabhängiges Label gefunden haben und machen was wir wollen.

O: Wie fühlt Ihr euch auf der Bühne?

M: Besoffen. Einfach zuviel Bier. Während unserer Auftritte trinken wir meistens zwei Flaschen Whiskey und etliche Biers.

O: Wer kommt denn so zu euren Auftritten?

M: Total verschiedene Leute. Teds, Punks, normale Leute. Auch ältere, die diese Musik gehört haben, als sie noch jung waren, in den frühen 60er Jahren. Ich würde sagen, wir haben ein Publikum im Alter zwischen 14 und 40. Nur die 12jährigen Mädchen kommen meistens nicht, weil ihre Großmütter sie vor uns einsperren müssen.

O: Wie steht ihr zu eurem Publikum?

M: They pay, we bless them!

O: Um was geht’s euch bei euren Auftritten?

M: Vor allem ums Feeling! – Aber vom Feeling kriegt man kein Geld!

O: Seid ihr berühmt?

M: Weniger. Wir nehmen selbst auf und verkaufen unsere Platten in der ganzen Welt. Wir spielen halt und machen Platten. Bis jetzt gibt’s von uns vielleicht 30.000 – 40.000 Platten. Am 1.2.1984 haben wir ja vier LPs an einem Tag herausgebracht, die wir alle in ein paar Wochen aufgenommen haben. Insgesamt haben wir jetzt 8 LPs in drei Jahren herausgebracht und zwei Singles.

O: Könnt ihr von eurer Musik leben oder arbeitet ihr auch?

M: Von der Musik können wir nicht leben. John hat seine Arbeit aufgegeben, als wir nach Deutschland gingen. Bruce hat noch einen Job als Kellner in ner Bar. Der Rest lebt von der Wohlfahrt.

O: Welche Zahnpasta benutzt ihr?

M: Keine, weil wir sowieso so nach Bier stinken, dass es egal ist.

O: Was haltet ihr vom deutschen Bier?

M: Davon kann man Fässer saufen ohne dass man besoffen wird!

O: Könnt ihr eigentlich auch Deutsch?

M: Nein, aber Bruce spricht ein bißchen Deutsch.

Bruce: Dummkopf! Doof!

O: Was erlebt Ihr so auf Euren Trips durch Europa?

M: Ja, wir sind illegal über die DDR-Grenze gefahren, als wir nach Berlin fuhren. Dabei hat sich Gary (ihr Roady) den Arm gebrochen.

Gary: Micky lügt wie gedruckt

O: Stimmt das?

Micky: Ja, stimmt!
(hä?)

O: Was habt ihr so für Lieblingsausdrücke?

M: ‚Get out of your milk!‘, ‚Fucking shit!‘, ‚Where’s the whiskey?‘, ‚Where are the 12-year-old girls?‘, ‚Shaggy wiggy, ‚Knick Knock‘.

O: Und was heißt ‚Shaggy wiggy‘ oder ‚Knick knock‘?

M: Keine Ahnung. Haben wir gerade erst erfunden! Vielleicht was anderes für Fuck.

Nachdem uns dann keine Fragen mehr einfielen und uns die MILKSHAKES auch nicht mehr mit anderen Fragen weiterhelfen könnten, bestiegen sie irgendwann die Bühne und begannen zu spielen. Ihr erster Titel: „Let’s rock“. Ein guter Einstieg, denn THE MILKSHAKES rockten und rollten ziemlich los.
Ihre Musik: eben Rhythm’n’Beat, so wie er Anfang der 60er gespielt wurde. Manchmal hört man auch alte Songs von BO DIDDLEY, KINKS oder den BEATLES, die von den MILKSHAKES allerdings schneller und härter als im Original gespielt werden. Fetz, fetz. Rock, rock.
Kurz vor Ende ihres Konzertes brachten sie noch ein paar krönende, lustige, kurze Showeinlagen: Micky, Billy und John, die Gitarren/Bass in MP-Haltung gehen wie Tiger auf die Mädels los und schauen ihnen tief in die Augen, oder so. Nach etlichem Alk und zwei Zugaben („I wanna be your man“ und ein Instrumental, verließen die 4 MILKSHAKES dann fluchtartig den Saal. Im großen und ganzen ein absolut gutes Konzert! Beste Beatmusik von vier lustigen Engländern. Also, wenn THE MILKSHAKES das nächste Mal irgendwo spielen, nichts wie hin!

lym/del.toid/dom
(heißen Dank an DHT-project und einen Gruß an Hansi [Steinmetz]!)

Flattr this

Dieser Text stammt aus dem 4. Heft des Würzburger Fanzines Oi Oi Oi! (später 10.15 bzw. 10.16 Megazine), erschienen im Juli 1984.

Kulturdenkmal lfd. Nr. 1426

März 3, 2012

Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges (1923),
Hamburg-Lokstedt, Ecke Grandweg / Bei der Lutherbuche