Die Tödliche Doris lebt!

Die Tödliche Doris als Puppen – aus Lichtschwindel, Ralf Schuster 1985

Wir erinnern uns: Noch 1985 wurde in Ochsenfurts Kulturszene rund um den Spi-Trust dem „Tötliche Doris-Kult“ mit größter Begeisterung gefrönt. Kaum eine Ausgabe von Student POGO INFO erschien, in der nicht irgendwelche Anspielungen, Zitate, News oder Erläufterungen zu/über/von Doris versteckt waren. Ralf und Robert (inzwischen als Weber & Schuster besser bekannt) fuhren nach Zagreb um Doris zu besuchen und drehten „Lichtschwindel“. Ein Film der viele Fragen offen läßt: Warum konnten die beiden die Kamera nicht ruhig halten? Hatten sie kein Stativ? Besteht Kunst wirklich darin unverständlich/metapysisch daher zu plaudern?

Antworten auf derlei Fragen gibt die Existenz/Das Vorbild der „Tötlichen Doris“. R. Schuster fühlte sich damals stets von Doris beeinflußt, fast schien es ihm, als sei eine geistige Symbiose zwischen ihm und der Berliner Dilletantenband entstanden, als hätte sich durch das Medium ihrer Schallplatten, Texte, Bilder etc… eine persönliche Übereinstimmung ergeben. Wenn Doris sang: „Heizkörper, Lüftungsgitter, Türklinke“ (Aus: „Der Tod ist ein Skandal“), dann glaubte R. Schuster in diesen drei Worten, die einzig wahre Metapher für das Leben auf diese Welt zu erkennen! Warum? Weil er und Doris sie für sich allein zu haben schienen. Die Freude am Intimen! Doris‘ Texte und Musik sind so ausgefuchst und hintergründig, daß man 99,9 % der Bevölkerung nur ein Schmunzeln des Unverstandes abringen kann, und wie schön ist es doch, zu dem privilegierten 0,1 % zu gehören. Doch genug der Vorrede!

Trotz aller damaligen Bemühungen traf R. Schuster nie auf sein verehrtes und ständig gepriesenes Vorbild, bis er den Entschluß faßte, alt genug zu sein, um selbst Vorbild zu werden. Dabei lief ihm Doris rein zufällig über den Weg.

Ich hielt mich bereits seit über drei Wochen in Berlin auf, wegen eines sehr profanen Anlasses: Ich mußte ein Praktikum für die Uni absitzen, aber das natürlich nur tagsüber, abends konnte ich versuchen, das zu finden, was Berlin zur Metropole macht. Bekannt ist über die Grenzen Berlins hinaus, daß der Abend frühestens um elf beginnt, und deshalb saß ich an fraglichem Tag total angelascht daheim und wäre am liebsten ins Casablanca Ochsenfurt gegangen, aber da ich mich in 1000 Berlin 30 befand, war mir dies verwehrt und es galt zu warten bis man sich als versierter Szenekenner auf die Straße trauen darf. Schließlich latschte ich los, Richtung Disco. Das ist zwar nichts besonderes, fast peinlich, aber man ist ja im fortpflanzungsfähigen Alter und die Berliner Frauen schneiden im Vergleich mit Ochsenfurt in Vielfalt und Anzahl sehr gut ab. Durch einige langweilige Irrungen und Wirrungen (wegen Ortsunkundigkeit), landete ich aber anstatt in der Disco im LOFT, wo die MEAT PUPPETS gerade kurz vor der Zugabe angelangt waren. Obwohl ich eine excellente Mini-LP der MEAT PUPPETS daheim hatte (harter Punk abseits der leidigen Hardcore-Klischees) erkannte ich sie nicht, dachte es handle sich um irgendwelche Berliner-High-Speed-Heavy-Metal-Freaks und blieb nur, weil es nichts kostete und genügend interessante Frauen im Publikum verteilt standen. Außerdem lehnte Nikolaus Utermöhlen, seines Zeichens Tödliche-Doris-Multiinstrumentalist am Bühnenrand, aber fiel mir nicht sofort auf und ich war mir natürlich auch nicht sicher, ob er es wirklich sei, schließlich kannte ich ihn nur von Fotos und sein Gesicht ist das fränkische Allerweltsgesicht schlechthin, Chameritz (Aufenthaltsort unbekannt), Edwins Onkel (Gaukönigshofen) und Holger (Michelfeld) sehen ihm sehr ähnlich. Wolfgang Müller meinte später sogar, ich würde ebenfalls so aussehen, aber das mußte ich von mir weisen. Ich hatte sowieso genug damit zu schaffen, daß mir Nikki in seinen Umgangsformen vertraut, eigentlich ähnlich war. Auf meine schlichte Frage, ob er zur tödlichen Doris gehöre, antwortete er mit ebenso schlichtem ja, und gestand, daß ihm mein Film und mein Name geläufig waren. Dann hatten wir uns nichts essentielles mehr zu sagen. Beiderseitige Versuche ein Gespräch in Gang zu bekommen, versiegten immer wieder nach ein- oder zweimaligem Frage-Antwort-Zyklus. Aber mir schien, als erübrige sich jede Frage, denn ich hatte mich ausführlich genug mit den künstlerischen Äußerungen der tödlichen Doris auseinandergesetzt, um glauben zu können, die Personen, die dahintersteckten zu einem gewissen Grad zu kennen. Die Teile im Mosaik, die noch fehlten, waren die Art sich zu kleiden, die Art zu reden, mit Leuten umzugehen, nicht aber, was konkret gesagt wurde, und es passte alles haarscharf in das Bild, das ich mir gemacht hatte, übertraf es sogar noch, als Nikki, kaum hatten wir uns auf den Weg in eine Kneipe gemacht, einfiel, daß er mit dem Fahrrad ins Loft gefahren sei, und ein pofeliges, rostiges Dreigangfahrrad herbeischleppte. Mir als Auto-Hasser bereitete das größte Genugtuung, zumal Berlin sowieso in Autos erstickt. Auto zu fahren ist eine einzige Qual, trotzdem sieht man erschreckend wenig Fahrradfahrer. Liegt vielleicht daran, daß die schönen Szeneklamotten darunter leiden könnten oder die elementarste Aufgabe von Kleidungsstücken, den Körper vor Kälte zu schützen, nicht ausreichend erfüllen. Bei uns auf dem Land höre ich ständig, man bräuchte ein Auto, weil die Dörfer so weit auseinander liegen, aber in der Großstadt scheint es andere Ausreden zu geben, die den Gebrauch des Autos rechtfertigen. Nikki führte mich in eine Kneipe nahe der Potsdamer Straße (Nutten ahoi!), in der alle von der tödlichen Doris zwecks Broterwerb [arbeiten. Es handelt sich] um einen ehemaligen Puff mit genialkitschigem Inventar wie Pornobilder in Barockrahmen, Kronleuchter mit Funkelglühbirnen und angenehmen Künstler-Publikum, z.B. Wolfgang Müller, Dilletanten-Mastermind und Doris-Sänger/Texter. Er erkannte mich fast von allein und begann sofort zu erzählen (mit der unverwechselbar üblen Stimme, die man von den Platten her gewohnt ist) und steckte dabei seinen Kopf meistens so nach vorne, daß ich dachte, er wolle die Pickel auf meiner Nase genauer anschauen. Tabea hätte eigentlich auch an dem Abend kommen wollen, meinte er, aber es sei ihr nicht gut. Schade, sie und Käthe hätten gerade noch gefehlt, aber man kann nicht alles haben. Im Lauf des Abends erfuhr ich auch so eine ganze Menge; Die Aufnahmen für die neue Platte sollten wenige Tage später beginnen, diesmal nur mit synthetischen Instrumenten „…. wird echt unpersönlich. Die haben da sogar diese sechseckigen Trommeln…“. Diese sechseckigen Dinger (genannt Simmons-Drums, danach verzehren sich alle provinziellen Pseudoprofis) könnte man, schlug Wolfgang vor, aus Pappdeckel nachbauen und auf der Bühne als Performance kaputt machen. Obwohl nur als spontane Idee formuliert, zeigt sich Doris‘ typische Anmache: Die Attacke auf den gutbürgerlichen, guten Geschmack. Die Hifi-HighTech-Kultur ist gerade recht um sie lächerlich zu machen. Zu Jahresende wird sich die tödliche Doris auflösen. Natürlich nur zum Schein, denn „wir sind immer noch die besten Freunde!“. Die Auflösung soll, soweit ich es verstand, nur dem Zweck dienen, das Konzept noch mehr zu erweitern, weg vom Bandimage, stärkeres Engagement auf anderen Gebieten. Dabei aktivierte Doris schon immer Grenzbereiche, musikfremde Darstellungsformen.

Tabea Blumenschein, Wolfgang Müller, Nikolaus Utermöhlen und Käthe Kruse (Autogrammkarte, 1983)

Projektnamen wie Fotodokumentararchiv, Naturkatastrophenballet, die tödliche Doris als Kontaktvermittlung lassen erahnen, wie vielfältig ihr Repertoire an Ausdrucksformen ist. Aber nicht nur vielfältig, vor allem schräg und unverdaulich war sie zu allen Zeiten. In einem Super-8-Dokumentarfilm über das SO 36 sah ich einem ihrer frühen Auftritte: Als Geräuscherzeuger stand ein pfeifender Teekessel auf einer Heizplatte und beides auf der Bühne. Nikki lockte dazu der Gitarre irgendwelche abscheuerregenden Töne und Wolfgang schrie hysterisch: „Kavaliere, Kavaliere, reiten die Welt in den Abgrund“. Eine leere Bierbüchse traf ihn dabei direkt an der Stirn. Ein Bild für die Götter. Inzwischen geht es auf Doris‘ Auftritten sicherlich nicht mehr so punkig/anarchistisch zu. Doris ist ein etabliertes Kunstphänomen für die intellektuelle Schickeria der ganzen Welt. Sie spielte im „Museum for Modern Art“ in Amerika, in Japan ist die letzte LP in den Charts und demnächst steht Moskau auf dem Tourprogramm. Aber angeblich ist das auch nicht immer aufregend.  „Es gibt nichts neues mehr!“ zitierte ich von Doris‘ erster Maxi und man gab mir Recht. Wolfgang vertraute mir an, daß er bald 30 wird, aber außer, daß er mit den Schultern zuckte, wußte er nicht, was man davon halten soll. Grund genug sich um die alltäglichen Dinge zu kümmern. Jemand holte noch eine Runde Budweiser und er erzählte mir, wie Tabea Blumenschein im Zoo das Zwergflußpferd gestreichelt und den Schuhschnabel aus seiner arrogant/stoischen Ruhe aufgeschreckt hätte. Dann gab es noch einige Details zwischen Nikki und Wolfgang zu besprechen, die sich auf das Studio und die Aufnahmen bezogen. Sehr bedeutend war es nicht, wie sie sich unterhielten, aber ich wußte schießlich, daß es sich bei diesen beiden betont gewöhnlich gekleideten Menschen um die „mit Abstand intelligentesten Köpfe unter den genialen Dilletanten“ handelte, wie KONKRET bereits ’81 aufgrund der ersten 12-Inch treffend erkannte. „Der Schönheit Stimme aber redet leise und schleicht sich nur in aufgeweckte Gemüter“, hing als schlauer Spruch in dem Musiksaal meiner Schule an der Wand, Goethe oder einer von denen hat das irgendwann einmal formuliert. Aber mit dem aufgewecktsein war es bei mir nicht mehr allzuweit her, die Uhr zeigte bereits zwei. Zu erzählen hatte ich nichts, und Fragen fielen mir auch keine mehr ein, zumal ich sowieso keine Lust auf das Frage-Antwort-Spiel verspürte. Also ging ich heim, um sieben würde der Wecker klingeln, wegen der alleralltäglichsten Arbeit.

Ralf Schuster,
1987

Original Layout:
Framed Dimension D-Sign, 1988

Dieser Text stammt aus Heft No. 11 des 10.15 Megazine, vermutlich im Mai 1988 in Würzburg erschienen.

Anmerkungen von GZ:

Autor Ralf Schuster ist auch Musiker (Schlagzeug, Akkordeon u.v.m.) und Filmemacher (Super-8, Video, Kurzfilme und Cottbus-Krimis etc.), stammt aus Ochsenfurt und lebt seit etlichen Jahren in Cottbus.

Beim SPI-Trust handelte es sich um einen Zusammenschluß verschiedener Bands einiger Musiker aus Ochsenfurt wie Rassenhass oder Die Mesomere Grenzstruktur. Aus dieser Szene ging sowohl das mit dem Scharfrichterbeil prämierte Duo Schuster & Weber hervor als auch die Filmproduktion MultiPop. Als Zentralorgan fungierte das meist aus acht DIN A5-Seiten zusammenkopierte Student POGO INFO.

Das Casablanca in Ochsenfurt ist immernoch ein Programmkino mit angeschlossener Kneipe.

Bei der von Ralf Schuster beschriebenen Berliner Kneipe dürfte es sich um das Kumpelnest 3000 gehandelt haben.

Das Original gibt es hier als PDF:
Ralf_Schuster_Die_Tödliche_Doris_lebt

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