Archive for April 2012

Ode an den Schallplattenladentag

April 21, 2012

Oh, Record Store Day /  Du gehst mir jetzt schon auf die Nerven / Du Valentinstag der Erdöl verarbeitenden Industrie / Du Nichtsnutz / presst Musik in knisterndes Vinyl / in limitierten Ausgaben / das neue Album von Jack White / in Form einer Testpressung als Hauptgewinn / da wollte wohl einer / seinen Müll entsorgen / oh Fetisch / geh weiter / lass mich bloß in Ruhe / ich möchte Musik hören / und keine gülden glänzende Sonderauflage / von ach so rarem Material / das  ein paar Tage später / sowieso zur Veröffentlichung ansteht / geh weiter / laß mich in Ruhe / Du Ausgeburt der Erdöl verarbeitenden Industrie

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Ein kleiner Oz

April 20, 2012

Oz, Hamburg, Breitenfelder Straße / Ecke Hoheluftchaussee,
20. April 2012

Vier Männer und ein Pokerspiel

April 17, 2012

DREIDIMENSIONAL – Vier Männer und ein Pokerspiel
(C45, Schuldige Scheitel Tapes, sch-sch 003, 1983)

Ein neues Jahr, ein neues Tape von DREIDIMENSIONAL (das zweite). Zur Cassette gibts ein nettes Beiheft mit Comic und sonstigem, beides auf ein besprühtes Pappstück aufgeklebt; nett gemacht.

DREIDIMENSIONAL sind vier junge Jungs aus Berlin. Ihr erstes Tape    („Der kulturbefördernde Füll“) klang noch ziemlich dilettantisch, „Vier Männer und ein Pokerspiel“ ist nicht mehr so kaputt/chaotisch; ist direkt schon fast perfekt und schön geraten. 12 Songs gibts da, davon konnte man „Fleißig sein“ und „Nur besoffen“ schon auf dem 2. und 3. Irresampler hören.

Am Anfang ihrer neuen Cassette wird man gleich mit einem kurzem, funkigem Stück verwöhnt, das in synthetischem Geblubber sein Ende findet. Aber später gibts dann auch noch einen punkigen Song, mit 95 Sekunden der kürzeste. Im allgemeinen ist DREIDIMENSIONALs Musik eigentlich ’schön‘ ausgefallen. Vor allem, wenn die Woolworthorgel ertönt. Und überhaupt. Bei „Auf dem Weg nach Landshut“ gefällt mir die Gitarre so gut. Das schönste und längste Lied ist das letzte; da paßt irgendwie alles zusammen. Orgel/Bass/Gitarre/Gesang. wow! Auch genial gelungen ist ihre Version von „My bonnie is over the ocean“, dem sie den nötigen Schwung zum Stimmungshit verschaffen.

Kaputt und dilettantisch ist DREIDIMENSIONAL echt nicht mehr. Ich hoff nur, daß sie in Zukunft dann nicht total und zu schön werden; das kann nämlich gefährlich werden. Schön ist nur, wenns nicht zu schön wird. Und das schafft DREIDIMENSIONAL ziemlich gut. Also mir gefällt dieses Tape absolut gut (kaufen!!).

Zu haben bei Schuldige Scheitel Tapes / Mirkotz Krüger, Adresse auf Seite 19!

dom

Dieser Text stammt ebenfalls aus dem 3. Heft des Würzburger Fanzines Oi Oi Oi! (später 10.15 bzw. 10.16 Megazine), erschienen am 28. Februar 1984. Urheber: Guido Zimmermann

 

Art, great Art!

April 16, 2012

ART, The Only Band In The World – Live,
at Carnegie Hall, September 16, 1981

(C60, The Only Label In The World, 1982)

Diese C60-Cassette wird wohl das letzte Tondokument dieser New Yorker Gruppe sein. ART, THE ONLY BAND IN THE WORLD, soll sich inzwischen nämlich aufgelöst haben. Dieses Tape jedenfalls wurde am 16. September 1981 live im kleinem Saal der Carnegie Hall aufgenommen, während im großem Saal FRANK SINATRA auftrat.

ART ist ein Quartett, das minimale/einfache Musik macht: mit zwei Gitarren, ab und zu mit Metronom oder Mini-Percussion und immer der Gesang / das Geschrei ihrer Texte. Die sind meist bissig bis provokant. Sie lassen sich übers Show-Business, über diverse Musiktrends (New Wave, Reggae, Rap), verschiedene Menschentypen, und was sonst so modern ist, aus. In „I don‘t want to hold your hand (I just want to beat you up)“ machen sie einige Stars (Bowie, Rotten, Stones, etc.) nieder, indem sie deren Hits auf ihre einfache Art nachspielen und ihre neuen Texte dazu singen. Teilweise die perfekte Verarschung. „Ugly People With Fancy Hairdo’s“ ist ein Song über den Lebensstil der coolen und gelangweilten New Wave / Punk-Generation der 80er Jahre. Eine genaue und tiefsinnige Schilderung. Ihre 13 Songs bringen noch mehr solcher Sachen. Als Abschluß gibts auch eine ART-Version des immergesungenen Evergreens „New York, New York“. Allerdings mit verändertem Text.

Schade, daß es ART nicht mehr gibt. Aber vielleicht hat MYKEL BOARD, der Kopf von ART noch irgendwas neues auf Lager.

dom

Dieser Text stammt aus dem 3. Heft des Würzburger Fanzines Oi Oi Oi! (später 10.15 bzw. 10.16 Megazine), erschienen am 28. Februar 1984. Urheber: Guido Zimmermann

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Holger, Alexander, Evan und Paul

April 14, 2012

Gestern (am 13.04.2012) gab es im Lichtmeß-Kino im Rahmen der 9. Dokumentarfilmwoche Hamburg zwei relativ kurze, wunderbare Musikfilme zu sehen. Erst einer über Holger Hiller und dann ging es weiter mit dem  Schlippenbach Trio. Free Jazz nach Samplingkunst.
Wie es sich für ein Festival gehört, waren die beiden FilmmacherInnen anwesend und ließen sich zu ihren Werken von der Moderatorin und dem Publikum befragen.

Oben im Eck – Holger Hiller
(Janine Jembere, Musik-Dokumentation, 34 min., 2012)

Kurz vor Weihnachten 2011 war Holger Hiller (*1956) mit seiner alten Band Palais Schaumburg, die er nach der ersten LP verlassen hatte, live zu bewundern. Und jetzt hat dieser Film über ihn Premiere. Schöner Zufall!
Hier nähert sich Janine Jembere (*1985) an Hiller an, die dessen Musik nicht von früher kennt sondern erst in einem Seminar damit in Kontakt kam. Ein Jahr bevor Hillers Solo-Album „Oben im Eck“ auf Mute erschien wurde sie in Magdeburg geboren. Daher kommt dieses Portrait erfreulicherweise ohne nostalgische Schwelgereien aus. Aufnahmen aus der Jetztzeit, z.B. von Proben mit zwei Musikerinnen, werden kombiniert mit Archivmaterial – Ausschnitte aus der Fernsehrevue „Dreiklangsdimensionen“ beispielsweise oder dem Video von Ohi Ho Bang Bang u.v.m.
Anhand von Privat-Fotos zeigt Hiller seine Stationen auf: Hamburg, London, Berlin. Es gibt keine Interviews und keine Fakten aus dem Off – im ganzen Film ist fast nur die Stimme von Holger Hiller zu hören, beim Proben, Bilderzeigen, Instruktionsvideogucken und Verlesen für diesen Film selbst geschriebener Texte. Für frei gesprochene Interviews war er wohl nicht zu haben, da er sicher sein wollte, daß keine Ungenauigkeiten verbreitet werden. Das ganze beginnt am Berliner Hauptbahnhof (vermute ich jetzt mal), Hiller auf der Rolltreppe und Jembere im Aufzug, dazu ein Ausschnitt aus dem wunderbaren Hörspiel „Little Present“, in dem er den Besuch bei seinem vierjährigen Sohn in Tokio akustisch verarbeitet hat. Am Ende betritt Holger Hiller zwar zusammen mit den beiden bereits erwähnten Musikerinnen eine Bühne in Paris, dann wird die Leinwand schwarz, Abspann.
Die Palais Schaumburg-Reunion ist hier übrigens kein Thema, die Dreharbeiten waren wohl schon abgeschlossen als diese Idee aufkam. Ein wunderbarer Film über einen wirklich interessanten Künstler.
Diese empfehlenswerte Doku entstand übrigens als Abschlussfilm an der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HFBK) und wird zusammen mit 12 anderen Abschlussfilmen am 26. April 2012 im Metropolis Kino gezeigt.

Aber das Wort Hund bellt ja nicht
(Bernd Schoch, Musik-Dokumentation, 48 min., 2011)

Bernd Schoch (*1971) ist u.a. auch Dozent an eben erwähnter HFBK und war 2009 auf dem Unerhört! Musikfilm-Festival mit „Slide Guitar Ride“ über Bob Log III vertreten.
Jetzt hat er sich den Spaß erlaubt, drei Free Jazzer abzulichten: Alexander von Schlippenbach (*1938, Piano), Evan Parker (*1944, Saxophon) und Paul Lovens (*1949, Schlagzeug). Unter der Firmierung Schlippenbach Trio machen diese Herren jeden Winter eine Tour und an vier aufeinanderfolgenden Jahren wurden ihre Konzerte in immer dem selben Jazzclub in Karlsruhe (Schoch kommt offensichtlich aus dieser Gegend) aufgenommen. Fast wäre es ein Triptychon geworden – jedem der drei wird eine längere Sequenz gewidmet. Die Mitmusiker sind nur zu hören. Als Zuschauer ist man so nah an ihnen und ihren Instrumenten dran, daß man die Personen fast schon nicht mehr sieht. Da gleiten Finger über Tasten, ein Schweißtropfen perlt herab, man glaubt fast selbst im Schlagzeug zu sitzen. Man kann die Konzentration spüren mit der diese Musik entsteht und sehen, wie ein Musiker auch erstmal hineinhört bevor er weiterspielt. Die drei Herren sind nie gleichzeitig im Bild zu sehen und es gibt auch keine langweilige Totale. Statt Interviews gibt es von jedem der Drei ein Statement zu ihrer Musik und den Ritualen auf ihrer Reise zu hören. Diese dienen als Zwischenspiel und Trennung der dann doch vier Konzertsequenzen. „Aber das Wort Hund bellt ja nicht“ ist somit weder eine klassische Doku noch ein herkömmlicher Konzertfilm sondern fast schon selbst Musik. Alles ist im Fluß. Und wie bei einem guten Konzert hätte ich gerne ab und zu mal die Augen geschlossen um mehr zu hören. Aber das wäre ziemlich doof gewesen bei einem so sehenswerten Film!

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Frank Weghardt

April 14, 2012

Lebenslauf

Frank Weghardt, ein Porträt des Malers, Komponisten und Poeten.

Übersetzt aus dem Französischen von Robert Weber.
Erschienen in der Monatsschrift »Liberte d‘ Artiste« 1/90

1902 wird Frank Weghardt im Mecklemburgischen Naurach als Sohn des wohlhabenden Kaufmanns Victor F. Weghardt, der sich durch gewagte Spekulationen im Ausland saniert hatte, von seiner Mutter, Maria C. W. Weghardt, geborene Franzenmayer, im Landhospital zu Naurach geboren.

Es muß eine schwere Geburt gewesen sein, denn man entschloß sich verzweifelt, den zu dieser Zeit kaum erprobten Kaiserschnitt anzuwenden. Die erfolgreiche Durchführung der Operation, durch die in dieser Hinsicht völlig ungeübten Ärzte, soll diesen eine Flasche besten französischen Champagners wert gewesen sein.

In dem Zeitraum zwischen 1914 und 1918 trifft die Weghardt’s ein schwerer Schlag: Der Vater, als überzeugter Monarchist mit Begeisterung freiwillig in den Krieg gezogen, gilt als verschollen und wohl tot.

Die Mutter verkauft das Geschäft und zieht mit ihren Söhnen Frank und Franz, der 1906 geboren wurde, nach Berlin. Sie eröffnet dort einen kleinen Kolonialwarenladen, der einige Jahre ein einträgliches Auskommen bietet.

1928 geht, im Zuge der allgemein schlechten Lage der Weltwirtschaft, auch Maria Weghardt’s Laden bankrott. Nun gibt es für Frank kein Halten mehr, er, der auf dem Lande aufgewachsen war und im Grunde seines Herzens immer ein Provinzialist geblieben ist, wendet sich ab von dem seiner Meinung nach »Roten« Berlin und geht nach Bayern, wo er sich in Erding niederläßt.

Die derzeitigen kommunistischen Unruhen beunruhigen den bis auf die Knochen monarchistisch eingestellten Weghardt. Die Rettung des Deutschen Kaiserreiches sieht er allein in der erstarkenden Bewegung der Nationalsozialisten, denen er sich, als diese 1933 endgültig die Macht ergreifen, auch anschließt.

In den Wirren des Zweiten Weltkrieges, in welchem Weghardt aktiv als Infanterist teilnimmt, gerät er 1945 in russische Kriegsgefangenschaft. Hier trifft er wie durch ein Wunder seinen Bruder Franz wieder, der Betrübliches zu berichten hat: Die Mutter sei, so habe er erfahren, zwischen 1939 und 1945 verstorben. Wo sie begraben liege, wisse man nicht.

Diese schlimme Nachricht erschütterte das durch den Krieg keineswegs angegriffene, gesunde Weltempfinden des inzwischen 43jährigen Frank Weghardt bis ins Mark. Die Schuld für sein Unglück gibt er den Kommunisten.

1947 wird Weghardt aus der Gefangenschaft entlassen, muß aber verbittert feststellen, daß er seinen Bruder an die kommunistische Ideologie verloren hat. Dieser möchte in der Sowjetunion bleiben, um am Aufbau einer neuen Weltordnung mitzuwirken.

Weghardt zerreißt alle familiären Bande zwischen sich und seinem Bruder und läßt sich in dem Städtchen Ödheim am Rhein nieder, wo er alsbald eine deutschstämmige Amerikanerin — Elisabeth Hullner — kennenlernt und heiratet.

1949 startet Weghardt eine kurze politische Karriere: Er wird in Ödheim zum Gemeinderat gewählt, wohl aufgrund seines — als Kriegsteilnehmer und Kriegsgefangener — Status des heimgekehrten Helden. In dieser Position vertritt Weghardt die Interessen der CDU, der er unverzüglich nach seiner Rückkehr aus der Sowjetunion beigetreten ist.

Als Weghardt 1954 diesen Posten wieder verliert, zieht er sich in bürgerliche Gemächlichkeit zurück und zeugt 1963 seine Tochter Annemarie.

1968 erwacht Frank Weghardt aus seinem politischen Winterschlaf und schließt sich, aufgerüttelt durch die Studentenunruhen, die ihm zwar nicht gefallen aber doch imponieren, der SPD an, für die er einen Wahlkampf lang aktiv als Plakatierer tätig ist.

1974 gelangt er durch einige Versicherungsbetrügereien und Urkundenfälschungen wieder zu Wohlstand und beschließt, sein Domizil in Frankreich aufzuschlagen. Er kauft sich bei Nimes ein kleines Häuschen, das er im Herbst 1975 bezieht, ohne dabei jedoch seine Deutsche Staatsbürgerschaft aufzugeben.

1982 machen sich erste Anzeichen der Alzheimerschen Krankheit bemerkbar. Die Auswirkungen dieser furchtbaren Krankheit setzt Weghardt in den darauffolgenden Jahren geschickt in künstlerische Produktivität um.

Seine Malereien finden 1985 in Nimes, 1988 in Straßbourgh und 1989 in Ochsenfurt bescheidene Anerkennung. 1989 ist auch das Jahr, in dem sich Weghardt endlich mit seinem Bruder aussöhnt, der seinerseits, inzwischen enttäuscht vom Kommunismus, diesem den Rücken gekehrt hat.

Frank Weghardt wird in diesem Jahr 88 Jahre alt.

Aus dem Tagebuch des Frank Weghardt

Ich hatte die Heimorgel abgestaubt und bei der Gelegenheit wieder einmal betätigt, was mir viel Spaß bereitete und ich spielte allerhand Kleinigkeiten, die ich mir selbst ausdachte. Das erste Stück hieß Orgelcountdown und bestand aus einem einzigen Ton. Wenn es schon nur ein Ton ist, dachte ich mir, sollte man ihn zumindest auf abwechslungsreiche Weise mit Pausen versehen. Die Abstände zwischen den Pausen müßten dann immer kürzer werden, damit die Spannung, die in einem solchen Countdown steckt, hörbar wird. So spielte ich den einen Ton und zählte bis elf, dann die Pause und den gleichen Ton um eine Oktave höher eine viertel Note lang. Ab hier gings da capo, aber ich zählte beim zweiten Mal nur bis zehn, dann bis neun usw., bis die Abstände zwischen den Pausen Null betrugen. Sind die Abstände zwischen den Pausen Null, so folgt Pause auf Pause, was eine große Dauerpause ergibt, die nie aufhört, sofern man nicht, wie wir es bevorzugten, das Lied vor der Dauerpause beendeten, damit es nicht zu langweilig wird.

Am nächsten Tag fiel mir ein, daß ich heute ein Stück mit zwei Tönen versuchen könnte. Auch der Rhythmus sollte dann aus zwei unterschiedlichen Bums bestehen, die sich abwechseln. So schlug diesmal der Nachbar nicht nur bum-bum auf die Trommel, sondern um-bum-bum, während ich den ersten Ton zwei Takte lang hielt, um den zweiten im staccato anzuhängen. Meine Frau klatschte dazu in die Hände oder ließ Messer und Gabeln auf den Boden fallen. Mit dem Lied hörten wir erst auf, als wir keine Lust mehr hatten, und bis dahin verging eine Weile.

Meine Frau war übrigens sehr begabt darin mit dem Küchengeschirr zu klappern und den Rhythmus mit den großen Topfdeckeln zu bereichern. Bei meinem schönsten Orgelstück, das wir Frühling nannten, verstand sie es sehr virtuos den Takt zu schlagen. Darüberhinaus waren es viele Stücke, bei denen sie triangelte, wofür sie wirklich Talent besaß.

Als wir den Versuch unternahmen meine Kompositionen mit dem Diktaphon, das seit meinem Ausscheiden aus dem Gemeinderat unbenutzt im Wohnzimmerschrank stand, aufzuzeichnen, entdeckte ich beim Abhören der alten Bänder etliche Anzüglichkeiten, die ich mir der Sekretärin gegenüber erlaubt hatte. Leider hatte sie nie darauf reagiert, obwohl sie ein hübsches Ding war und alleinstehend dazu. Dummerweise bemerkte ich nicht, wie meine Frau ins Zimmer trat und mithörte, als meine mal mehr und mal weniger charmanten Komplimente aus dem Diktaphon erklangen. Es war natürlich kein Wunder, daß die Enthüllung dieser Tondokumente den Haussegen schief hängen ließ. Meine Frau zwang mich, sämtliche Bänder vorzuspielen und da kam einiges zu Tage, was mir recht unangenehm war.

Meine Frau meinte, es sei nicht nur eine Frechheit, was ich dieser Sekretärin ins Ohr geflüstert hätte, sondern sie wäre auch entsetzt über den Ton meiner Geschäftsbriefe. Ihr Stolz, die Frau eines Gemeinderates zu sein, verkehre sich im Nachhinein zu Scham darüber, daß ich Sätze wie ». . . der Erweiterung ihrer Firmenanlagen steht nichts weiter im Weg, als eine Handvoll assoziales Gesindel, für die wir schon lange einen Grund suchen, sie loszuwerden . . .« von mir gegeben hatte. Da nützten meine Erklärungen, im Sinne des Bürgermeisters gehandelt zu haben, auch nichts mehr. Aber da meine Frau eine gute Seele ist, währte ihr Ärger nicht lange und wir konnten mit den Aufnahmen beginnen. Allerdings schlug sie diesmal etwas fester auf die Kochtöpfe, was dem Stück »Die junge Bundeswehr« gut bekam.

Wenn es ums Trommeln ging, ließ meine Frau jedoch immer unserem Nachbarn den Vortritt, obwohl der ja nur ein Bein und eine Hand richtig benutzen kann, wegen seiner Kriegsverletzung. Aber er meinte, ich sei auch kein guter Orgelspieler, denn wenn ich es wäre, solle ich beim Gottesdienst spielen, damit der Pfarrer nicht soviel Scherereien mit den auswärtigen Organisten habe. Ich antwortete, daß ich schon sehr gut an der Orgel sei, aber gleichzeitig sehr schlecht in Kirchenmusik, weil Kirchenmusik für alle Hände auf einmal ist. Meine eigenen Stücke, vor allem die mit nur einem oder zwei Tönen beherrsche ich perfekt und zum Teil sogar rückwärts, was die Kirchenorganisten mit ihren Liedern bestimmt nicht hinkriegen. Mit der Erklärung war der Nachbar nicht zufrieden, aber das Trommeln machte ihm trotzdem Spaß. Leider waren ihm viele Takte zu kompliziert. Mein Schwiegersohn kam mit seinem Saxophon und wir sollten ihn begleiten, als er eine Melodie im 3/4-Takt spielte. Der Nachbar schaffte es nicht, und ich mußte auch erst eine Weile üben, denn wenn man das Orgelspielen mit Märschen und Polkas gelernt hat, ist so ein 3/4-Takt recht ungewohnt und bedarf größter Konzentration.

Der Schwiegersohn hatte noch eine andere schöne Idee, bei der wir sehr ausgelassen musizierten, nämlich das Lied »Frank beim Zahnarzt«. Zu der Zeit tat mein einer Zahn schrecklich weh, wenn er mit süßen Sachen zusammentraf. Dann jammerte ich, und zwar so ähnlich wie bei »Frank beim Zahnarzt«. Allerdings jammerte ich beim musizieren durch den Corpus des Saxophons hindurch, was sich sehr nach Weltraum anhörte. Nach Weltraum zu klingen fanden wir alle schön und mußten an den Nikolaus denken, wie er mit dem Schlitten durchs All saust.

Gerne hätte ich manchmal noch mehr gesungen, doch meine Frau meinte, ich solle das erst einmal üben, wenn sie nicht da ist. Weil sie fast immer daheim ist, kann ich also nie üben, oder zumindest nur selten. Darum wird es vielleicht noch ein paar Jahre dauern, bis es soweit ist. Hoffentlich kann dann der Nachbar auch ein bißchen mehr als sein bum-bum.

Die oben dokumentierten Texte stammen, ebenso wie die beiden Abbildungen, vom Textblatt zur 7″EP „Weber & Schuster spielen FRANK WEGHARDT – Kompositionen für einen, zwei oder mehrere Töne“ (MultiPop, 1990), das im Original so aussieht:

Edi Rogers Review dieser Schallplatte für das 10.16 Megazine kann man hier lesen: bum-bum

Seit kurzem kümmert sich das Akkordeon Salon Orchester (feat. Ralf Schuster) um die Musik des mittlerweile verstorbenen Komponisten. In diesem Video sind sogar Schmalfilme aus dessen Nachlaß zu sehen (ab Minute 8:28):
Warum ist das Akkordeon Salon Orchester so wie es ist? Vier Lieder mit Erläuterung!



Kompositionen für einen, zwei oder mehrere Töne

April 13, 2012

WEBER & SCHUSTER: „…spielen Frank Weghardt“
(7″EP, MultiPopProd., 1990)

Bisher waren mir Weber & Schuster zwar keine Unbekannten, aber so richtig kennengelernt habe ich sie erst durch diese Veröffentlichung. Auf mein Interesse stieß ihre bisherige Entwicklung immer (was natürlich auch am 10.16 lag), aber leider ist ihr Ruhm noch nicht bis nach Bärlin gedrungen, so daß ich immer noch einem ihrer Auftritte entgegenfiebern muß.

Die Musik dieser Single kann eine gewisse Seelenverwandtschaft zur Tödlichen Doris nicht verleugnen, und auch der ‚Schule der tödlichen Doris‘ (wie die Einzelmitglieder jetzt firmieren) würde diese Scheibe nicht schlecht zu Gesicht stehen. Im Gegensatz zur Doris wird hier allerdings rein instrumental vorgegangen, was den Reiz aber überhaupt nicht schmälert. Sieben kleine musikalische Miniaturen betören so das Ohr. Aber das reichliche Textbegleitmaterial (die Platte ist in einem beidseitig bedruckten DinA3-Bogen verpackt) macht den Hörgenuß kurzweilig. Mir ist nur schleierhaft, warum Schuster & Weber sich Frank Weghardt als Komponisten erkoren, denn nach seiner abgedruckten Biographie stößt er mich eher ab. Aber man muß ja nicht alles wissen!

Edi Roger

Dieser Text stammt aus Edit 15 des 10.16 Megazine, erschienen im Sommer 1990 in Würzburg.

Untitled

April 12, 2012

Self-portrait on a couch,
Hamburg 2012

Schotter

April 8, 2012

Am Ostersonntag 2012 auf Gleis 2 im Bahnhof Dammtor, Hamburg.

Ein Jahr hinter Gittern

April 3, 2012

Unknown Artists, Hamburg, Gärtnerstr. 24/26, 3. April 2012

Vor einem Jahr sah diese Wand noch so aus:
Hinter Gittern