Archive for the ‘Filme’ Category

One unforgettable day

September 5, 2011

Foto: Stefan Hetzel

New York, September 2001
(Super-8-Film, fast 6 Minuten, 2004)

Kein schönes Jubiläum. Aber Jahrestage müssen abgefeiert werden. So steht es in den allgemeinen Geschäftsbedingungen der Medien. Wer auch immer diese sein mögen. So entsteht zehn Jahre nach diesem als 9/11®  „gebrandeten“ Ereignis wieder eine wortreiche Informationsflut, die niemand verarbeiten wird. Genauso wenig wie die damals im Fernsehen und auch im Radio auf Endlosschleife drehenden Informationen der Marke Nix-genaues-weiss-man-nicht.

Grund genug, auf einen kurzen, experimentellen Super-8-Film hinzuweisen, der die Ereignisse des 11. September 2001 in New York in beeindruckender Weise zeigt.

Der Komponist Stefan Hetzel (Eibelstadt) und der Filmemacher Ralf Schuster (Cottbus), beides alte Freunde, die schon in den 1980er Jahren im unterfränkischen Ochsenfurt filmisch und musikalisch zusammen unterwegs waren, machen im September 2001 Urlaub in New York. Schuster hat eine Super-8-Kamera dabei um mit Einzelbildern die Reise zu dokumentieren. Als die beiden eines Tages im Hotel aufwachen, werden sie Zeugen der Auswirkungen dieses Terroranschlages auf die Türme des World Trade Center. Und Schuster filmt.

Aber erst ein paar Jahre später wird der Film fertig gestellt. Und Hetzel komponiert eine Musik dazu, die einfach passt und stellenweise diese eher ruhige als nervöse Beklemmung wiederspiegelt. Eine der ersten Aufführungen diese Filmes fand vermutlich in der Gambacher Scheune des bildenden Künstlers Christian Walter statt. Irgendwann wurden die Bilder digitalisiert und via Archive.org zugänglich gemacht. Somit braucht es nur noch einen Klick um sich diesen Film ohne Worte anzusehen:
Klick hier
oder hier
Play full screen!
Play loud!

Interessant auch die Anmerkungen von Stefan Hetzel zu dieser Sache auf seiner Site:
stefanhetzel.de

Hittville B.R.D.

Mai 18, 2011

Utopia Ltd.
(Dokumentarfilm, Deutschland, 2008 – 2011, 90 Minuten)

Am vorletzten Dienstag hatte dieser Dokumentarfilm über die Band 1000 Robota im Abaton-Kino Hamburg-Premiere – zwei Tage vor dem offiziellen bundesweiten Kinostart am 12. Mai 2011. Auf der Berlinale wurde er bereits als Eröffnungsfilm der Reihe „Perspektive deutsches Kino“ gezeigt.

Filmemacherin und Cutterin Sandra Trostel hatte das Glück, auf diese – immer noch ziemlich junge – Band während eines ihrer ersten Konzertes anno 2008 im Knust gestossen zu sein, kurz bevor sie dann als Hype durchs Dorf getrieben wurde. Und das ist das besondere an diesem Film: man bekommt nicht tausend Jahre im Nachhinein erklärt wie es damals so ungefähr gewesen sein könnte, sondern man erlebt eine Band, die gerade am Sich-Entwickeln ist. Man erlebt mit, wie sie ihre erste Platte aufnehmen und Promotion-Touren auf sich nehmen. Aber auch, wie sie ihr Abitur in Hittfeld schreiben und ihren 18. Geburtstag mit der Familie feiern oder ins erste WG-Zimmer ziehen. Aber keinen Sex, keine Drugs (außer Bier), keinen Rock‘n‘Roll. Und das in diesem jungen Alter?!

Irgendwie haben sich die Filmemacherinnen so dezent verhalten, dass sie für die Beteiligten keine Rolle mehr spielten. So bekommt man als Zuschauer einen Eindruck vom Verhältnis zwischen der Band und ihrem damaligen Label und auch Einblick in Diskussionen bei bzw. nach den Aufnahmen zu ihrer ersten Platte. Schon da ging 1000 Robota so manches gegen den Strich – und sie trafen (instinktiv) so manche Entscheidung, die nicht immer nett war, aber ihre künstlerische Integrität gewährleistete. Ihr damaliges Label war beispielsweise so bescheuert, 1000 Robota für eine Vorentscheidung zu Stefan Raabs Song Contest schicken zu wollen, und die Band war so bescheuert erst zuzusagen, um dann später doch nicht dorthin zu gehen. Eine Entscheidung die  Respekt verdient! Label-Macher Dirk Darmstädter hat 2010 übrigens zusammen mit Bernd Begemann dort eine flotte Freddy-Cover-Version abgeliefert und ist grandios gescheitert. Schon blöd, sich als Kanonenfutter für Herrn Raab zu verdingen. Ob sie dadurch jemals eine Platte mehr verkauft haben? 1000 Robota spielten jedenfalls nicht mit und es hat ihnen nicht allzusehr geschadet. Es geht nun mal nicht immer nur um Verkaufszahlen.

Der Film kommt vollkommen ohne Off-Sprecher aus und auch ohne irgendwelche Musiker-Kollegen, die Statements über das Objekt dieses Dokumentarfilms abgeben. Also kein Distelmeyer, der erzählt wie toll Mutter ist. Und auch kein Nick Cave, der seinen Senf zu Blixa oder wemauchimmer abgibt. Nichts dergleichen. Selbst Interview-Fragen werden nur in zwei, drei Ausnahmefällen vom den Filmemacherinnen gestellt. Schließlich gibt die Promotion-Tour genügend Material her um den Umgang mit Musikpresse und Radio zu dokumentieren.

Das ganze ist ein dicht collagierter Film, bei dem mir die Musik fast ein  wenig zu kurz kommt. Es gibt es zwar immer wieder Konzertausschnitte, aber nicht sehr ausführlich.

Der Film endet Anfang 2010 – natürlich wäre es noch interessant gewesen mehr über den Wechsel der Band von der Tapete Records (Darmstaedter, Buskies GbR) zur Buback Tonträger GmbH zu erfahren oder über die Entstehung ihrer zweiten Platte. Aber irgendwann muss ja mal Schluß sein.

PS: Schön auch die Sequenz, bei der jemand durch die Tür des Burn Out Records Ladens geht – Schnitt – und dann im Inneren des Zardoz ankommt…

Die Site zum Film:
www.utopialimited-film.de

Flattr this

Kinder, Koks und Krach

April 11, 2011

Mein Unerhört! Musikfilmfestival 2011
(07. bis 10. April 2011, Hamburg, verschiedene Lichtspielstätten)

Gottseidank fand in diesem Jahr das Unerhört! Musikfilmfestival wieder statt, wenn auch in geschrumpfter Form. In Kooperation mit bzw. im Rahmen der Dokumentarfilmwoche Hamburg zeigte Unerhört! acht Filme, von denen ich immerhin fünf gesehen habe. Am Samstag gab es leider Überschneidungen, so dass ich mich gegen „Taqwacore – The Birth of Punk Islam“ und „Benda Bilili!“ entscheiden mußte. Letztgenannter Film erhielt dann auch den Preis für die beste Musikdokumentation 2011. Entschieden hat das eine aus Ruben Jonas Schnell, Holger True und Ale Dumbsky bestehende Jury. Ich habe wohl ein Talent dafür das beste (?) zu verpassen (auch den Film über Youssou N’Dour)…

Eröffnet wurde das Festival mit einem Film über die ehemalige unabhängige Plattenfirma Creation und ihren Mitbegründer Alan McGee, einem drogen-befeuerten Musikverrückten mit dem Gespür für besondere Musik. Creation veröffentlichte im November 1984 die erste Single von The Jesus And Mary Chain (daher der Filmtitel: „Upside Down – The Creation Records Story“) und später so interessante Bands wie My Bloody Valentine, Momus und Felt, aber auch Teenage Fanclub, Boo Radleys  oder Oasis und viele mehr. Die Zeitreise führte von Glasgow über London nach Manchester, von der Gründung bis zum Zusammenbruch und den Einstieg von Sony. Es kommen viele Musiker, aber auch ehemalige Angestellte und Journalisten zu Wort. Alles dicht mit Informationen gefüllt und schnell geschnitten. Schade, dass der Schotte McGee so schlecht zu verstehen ist, aber Regisseur Danny O’Connor und Produzent Mark Gardener (ex Ride), beide bei der Aufführung anwesend, waren sich dessen bewußt und versprachen für die Zukunft Untertitel.

Der Freitag war dem Funk und Soul gewidmet.

Zuerst wurde im B-Movie „Coming Back For More – Finding Sly Stone“ gezeigt. Hier wird einerseits die Geschichte von Sly Stone erzählt, der in den 80ern von der Bildfläche verschwand, und andererseits von holländischen Fans, die ihm nachstellen, erst scheitern, aber am Ende das erste gefilmte Interview mit Sly Stone seit  über 20 Jahren führen. Durch detektivische Geduldsarbeit und dem langsamen Aufbau von Kontakten mit Sly Stones Umfeld konnte man ihn am Ende wirklich finden. Unterstützt wurde der Regisseur Willem Alkema durch zwei Fans, Zwillinge, die ein Buch über Sly Stone in Arbeit haben und auch einen Einblick in dessen musikalischer Biographie geben. Eine teilweise recht amüsante Mischung aus gelebtem Fantum und Musikdokumentation.

Der Titel des zweiten Films am Freitagabend verrät bereits die ganze darin dargebotene Geschichte: „Coals to Newcastle: The New Mastersounds From Leeds to New Orleans“. Die New Mastersounds sind eine Instrumental-Funkband aus Leeds und tragen Eulen nach Athen indem sie nach New Orleans reisen und dort ihre Version amerikanischer Musik darbieten. Anfangs wird die Band vorgestellt, alles nette Typen und teilweise auch Väter, die versuchen Kinder und Musik unter einen Hut zu bringen. Statt die musikalischen Wurzeln in New Orleans herauszuarbeiten mutiert der Film am Ende zu einem Konzertfilm. Fans der Band waren begeistert. Schade nur, dass mir diese Art von Funk schon zu daddelig und muckermäßig ist und mir recht bald auf den Butterkeks ging.

Samstags reiste ich zuerst in den hohen Norden, später nach Japan.

In „Music From The Moon“ ging man zusammen mit dem Hypno Theatre auf Tournee nach Island und Grönland. Eine international zusammengewürfelte Truppe führt Kindern ihr Puppenmusiktheater vor. Dabei erfährt man einiges über die jeweiligen Kulturen, die sich nicht nur von Land zu Land, sondern auch von Süd nach Nord (zumindest in Grönland) leicht unterscheiden. Man wird in private Wohnungen zu Einheimischen mitgenommen, aber auch zu Konzerten von unbekannten grönländischen und bekannteren isländischen Bands. Man trifft beispielsweise auf Emiliana Torrini und Benni Hemm Hemm. Schöne Landschaftsaufnahmen sind natürlich auch dabei.

Der interessanteste Film in diesem Jahr war für mich „We Don’t Care About Music Anyway“. In einer manchmal postapokalyptisch anmutenden Kulisse – Müllhalden, Schrottplätze, verfallene Häuser, Kellergewölbe – wird harshe experimentelle Musik dargeboten von Musikern bzw. Bands, die auf die Namen Sakamoto Hiromichi, Yamakawa Fuyuki, L?K?O, Numb, Saidrum, Takehisa Ken, Shimazaki Tomoko und Otomo Yoshihide hören (zumindesten letzteren könnte man als Turntableist, Gitarrist und Improvisator kennen). Deren Musik verschmilzt mit den Bildern und den dazugehörigen Umgebungsgeräuschen derart perfekt, dass es eine wahre Freude ist. Zumindest wenn man sich für japanische experimentelle, an Lärm grenzende Musik interessiert. Gitarren, Mischpulte, Sampler, Plattenspieler und auch ein gutbürgerliches Cello werden zweckentfremdet, manipuliert und mit Kontaktmikrophonen ausgestattet. Manchem Künstler genügt auch der eigene Herzschlag als pulsierende Klangquelle. Zwischendurch reden die beteiligten Künstler in einem abgedunkelten Raum über ihre Musik, Arbeitweise, Hintergründe, Umgebung. Oder geben einzeln kurze Statements ab. Und irgendwann bezweifelt einer der Musiker, dass diese Häuser hier in Zukunft, vielleicht in zehn Jahren, noch stehen könnten. Die Rede ist von Tokyo, Japan…

Hinweis: Unerhört! 2011

März 28, 2011

Unerhört! Musikfilmfestival Hamburg
7. bis 10. April 2011

Eigentlich war das 4. Unerhört! Musikfilmfestival für Dezember 2010 geplant und terminiert. Aber da es Probleme mit der Finanzierung gab, wurde dieses Festival auf unbestimmte Zeit verschoben. Nun kooperiert es offensichtlich mit der 8. Dokumentarfilmwoche Hamburg und hat dort acht Musikfilme untergebracht.

Am zweiten Tag der Dokumentarfilmwoche wird dann also das Unerhört! mit dem Film „Upside Down – The Creation Records Story“ eröffnet. Ein Film über dieses interessante englische Label, das seit 1983 Bands wie Felt, Jesus & Mary Chain und My Bloody Valentine, aber auch Primal Scream oder Oasis veröffentlicht hat.

Toll finde ich alleine schon den Titel des Films „We Don’t Care About Music Anyway“ über japanische Klangforschung. Neben mir unbekannten Namen taucht dort auch Otomo Yoshihide auf. Das dürfte also interessant werden.

Weitere Filme befassen sich mit Musikern und Bands wie Sly Stone, Youssou N’Dour und Staff Benda Bilili (aus Kinshasa). Oder mit der Entstehung der muslimischen Punk-Szene.

Heiß und funky wird es wohl bei „Coals to Newcastle“ zugehen, während bei „Music From The Moon“ eher eine Reise durch kühle nordische (Musik-) Landschaften zu erwarten ist.

Die Leute von der Dokumentarfilmwoche haben übrigens noch zwei  weitere Musikfilme im Programm: einen über Die Sterne und einen über den Auftritt von Jimi Hendrix auf Fehmarn.

So schaut der Programmplan vom Unerhört! 2011 aus:

Donnerstag, 07.04.2011,  21:15 Uhr, Metropolis
Upside Down – The Creation Records Story *

Freitag, 08.04.2011, 19:30 Uhr, B-Movie
Coming Back For More – Finding Sly Stone *

Freitag, 08.04.2011, 21:30 Uhr, B-Movie
Coals to Newcastle: The New Mastersounds From Leeds to New Orleans *

Samstag, 09.04.2011, 20:30 Uhr, Lichtmess
Music From The Moon *

Samstag, 09.04.2011, 21:00 Uhr, Metropolis
Benda Bilili!

Samstag, 09.04.2011, 22:30 Uhr, B-Movie
Taqwacore – The Birth of Punk Islam

Samstag, 09.04.2011, 23:00 Uhr, 3001
We Don’t Care About Music Anyway *

Sonntag, 10.04.2011, 21:30 Uhr, 3001
Youssou N’Dour: Rückkehr nach Gorée

Programmdetails siehe hier:
www.unerhoert-filmfest.de
www.dokfilmwoche.com

* wir sehen uns dann voraussichtlich bei diesen mit dem Stern der guten Hoffnung gekennzeichneten Filmen.

 

Goldgrube Wasser

März 21, 2011

Water Makes Money – Wie private Konzerne aus Wasser Geld machen
(Dokumentarfilm, Deutschland, 2010, 90 Minuten)

Wasser ist einfach lebenswichtig und eigentich unbezahlbar. Wie internationale Konzerne mit undurchsichtigen Geschäftsmodellen Geld damit machen zeigt dieser Film, der im September 2010 Kino-Premiere hatte und am kommenden Weltwassertag im Fernsehen auf arte gezeigt wird.

Beginnend in Frankreich, der Heimat von Veolia und Suez, erklären die Filmemacher Leslie Franke und Herdolor Lorenz, wie dieses sogenannte Private Public Partnership (PPP) funktioniert. Die Kommune erhält ein „Eintrittsgeld“ vom privaten Partner und kann sich erstmal finanziell saniert fühlen. Dummerweise lastet dieser versteckte Kredit auf dem Verbraucher und wird von diesem dann mehrfach bezahlt. Die Wasserpreise steigen, gleichzeitig wird die Wartung zurückgefahren und die Qualität des Wassers verschlechtert sich. Die privaten Firmen haben kein Interesse an extrem langfristigen Investitionen in die Infrastruktur. Statt von der Quelle an sauberes Wasser zu produzieren und den ökologischen Landbau in Wasserschutzzonen zu unterstützen, setzen die Konzerne lieber auf Filtertechnik und der Zugabe von Chlor im (französischen) Leitungswasser.

Dank eines weit verzweigtes Lobbynetzes, das bis in die Forschung reicht, wurde Veolia die Nummer 1 auf dem weltweiten Wassermarkt. In Deutschland ist Veolia in 300 Gemeinden beteiligt, u.a. in Braunschweig. Aber die Rekommunalisierung ist mittlerweile weltweit Trend, auch in der Veolia-Hochburg Paris. Und Beispiele wie Augsburg oder München zeigen, welche positiven Effekte es hat, wenn die Wasservervorgung in öffentlicher Hand bleibt.

Der Konzern Veolia hat gegen die Filmemacher übrigens rechtliche Schritte eingeleitet. „Man klage gegen den Vorwurf der Korruption, vor allem die Verwendung des Begriffs „Korruption“ im Film“, heißt es in einem elektronischen Rundschreiben der Filmemacher vom 18.02.2011. Und trotz des telefonischen Protests des Suez-CEO bei der Präsidentin von arte hält diese Fernsehanstalt an dem Sendetermin fest. Man darf gespannt sein, wie diese Sache ausgeht und ob dieser Film dann noch verbreitet werden darf. Aber das wird noch etwas dauern. Also schnell den Fernseher einschalten, ins Kino gehen oder die DVD einschieben.

Trailer:
www.youtube.com/watch?v=CVqGOnm4A78

Weitere Aufführungen siehe:
www.watermakesmoney.org

Weitere Infos bei KernFilm

Die wundervollen Sümpfe von Pornesien

März 17, 2011

Christian Keßler – Die läufige Leinwand
(live, Lichtmess-Kino, Hamburg, 03.03.2011)

Vor vierzehn Tagen war ich auf keiner Lesung, sondern bei einem freien Vortrag mit Filmschnipseln. Der Film-Journalist und Schreiber für „Splatting Image“ Christian Keßler stelle im Hamburger Lichtmess-Kino, einer kleinen industriellen Kathedrale des Lichts, sein neues Buch mit dem etwas seltsamen Titel „Die läufige Leinwand“ vor. Sein Verleger Martin Schmitz hatte dazu eingeladen. Eigentlich habe ich mich bisher noch nicht für amerikanische Hardcorefilme von 1970 bis 1985 interessiert, aber nachdem aus diesem Verlag so einige interessante Bücher kamen, konnte ich nicht Nein sagen und machte mich auf den Weg nach Ottensen.

Autor Christian Keßler, Jahrgang 1968, wirkt keinswegs wie ein Sex Dwarf, eher wie ein angenehmer Film Nerd, der mit einem zum „Winkelement“ umfunktionierten Stofftier dem Filmvorführer Zeichen gibt. Bei seinem Vortrag erzählte er wie er als ca. 13-Jähriger das erste Mal mit sexuell aufgeladenen Filmen in Berührung gekommen ist. Irgendwie schaffte er es damals dann auch, trotz Minderjährigkeit, heißen Stoff aus Videotheken zu schleusen. Damit war wohl das Fundament für eine ewige Vorliebe für solche Filme gelegt. Aber Keßler hat kein Interesse an  Sachen, wie sie heutzutage u.a. bei youporn laufen und die nur der schnellen Befriedigung dienen. In den 1970er Jahren war der amerikanische Schmuddelfilm ein wahres Experimentierfeld. Da wurde nicht ausschließlich zielorientiert kopuliert, sondern auch noch Geschichten dazu erzählt.

Schon das erste Filmbeispiel, welches Keßler eloquent vorstellte, verwundert. Da gab es eine Alice In Wonderland-Adaption, als Musical! Und die Leute unterhielten sich singend über Sexualität während des Aktes. Unglaublich. Auch andere Genres wurden damals herangezogen. So konnte man eine witzige, pseudo-wissenschaftliche Abhandlung zum Thema sehen, ebenso wie vollkommen surreale Filmszenen. Von amüsant bis absurd war da einiges geboten. Trotzdem waren die gezeigten Beispiele eher harmlos, fast schon jugendfrei.

Das Buch habe ich noch nicht gelesen. Es ist eher ein Nachschlagewerk, versammelt aber auch Interviews mit Dave Friedman, Eduardo Cemano, Howard Ziehm, Zachary Youngblood, Zebedy Colt, Annette Haven, Ann Perry-Rhine, Jamie Gillis, Bill Margold, John Seeman und Veronica Hart. Alles Namen, die ich bislang nicht kannte. Und ein gewisser Arzt namens Dirk Felsenheimer aka Bela B. hat das Vorwort geschrieben. Und Bilder sind auch abgedruckt in diesem Hardcore Hardcover Buch!

Christian Keßler ist weiterhin auf „Lese“-Tour. Ich kann nur empfehlen, diese Gelegenheit, eine vollkommen neue alte Filmwelt kennenzulernen, wahrzunehmen. So ein Abend ist nicht nur lehrreich, sondern auch sehr amüsant. Die Widmung,  die der Autor in mein Exemplar schrieb, gilt auch für Euch: „Viel Spaß beim Erkunden der wundervollen Sümpfe von Pornesien!“.

Weitere Termine:

17. März 2011, Kultursalon Roderich, Berlin
18. März 2011, Ilses Erika, Leipzig
24. März 2011, King Georg Klubbar, Köln
09. April 2011, Folge Eins, Wien
10. April 2011, Werkstattkino, München
29. Juni 2011, Initiative Bielefelder Subkultur e.V., Bielefeld

Näheres & weiteres siehe: www.martin-schmitz-verlag.de/Termine

Das Buch kann man direkt beim Verlag bestellen:
www.martin-schmitz-verlag.de

 

Haus Vaterland

März 14, 2011

Walter Welke geboren Thielsch (1950 – 2011)

Haus Vaterland
(Musikfilm, Deutschland, 1983-84, 3 x 60 Minuten)

Am 13.03.2011 wurde im Hamburger Metropolis-Kino eine Horst Königstein-Retrospektive mit dieser 3-stündigen Musikrevue beendet. Und, wie es im Untertitel heißt, mit einer „sehr deutschen“.

Entstanden ist dieser Film 1983, zu einer Zeit als die sogenannte Neue Deutsche Welle (NDW) ihren Zenit bereits überschritten hatte, die interessantesten Sachen bereits gelaufen waren und dann von der Musikindustrie zu Tode geplätschert wurde. Genau zu diesem Zeitpunkt wurde im „Haus Vaterland“ ein Blick in die nicht nur musikalische Vergangenheit gewagt, zurück bis in die 1920er Jahre, ein Blick, der ansonsten durch die Geschichten des 2. Weltkriegs verstellt wird.

Der Titel „Haus Vaterland“ hat aber nix mit Teutschtümelei zu tun. Laut Wikipedia war das Haus Vaterland „von 1928 bis 1943 ein großer Gaststättenbetrieb und Vergnügungspalast am Potsdamer Platz in Berlin mit rund einer Million Besuchern im Jahr, der als Vorläufer der heutigen Erlebnisgastronomie angesehen werden kann“. In diesem Kempinski-Betrieb gab es Themenrestaurants entsprechend der verschiedensten deutschen Regionen. Allerdings war das nur etwas für Kaffer, Provinzler, also alle außerhalb Berlins (so die Kommentare von Zeitzeugen in diesem Film) oder wie man heutzutage sagen würde: Touristen. Andererseits gab es auch in Hamburg bis ca. 1972 ein Haus Vaterland, wohl ein klassisches Varietéhaus am Ballindamm. Und genau das ist das Hauptthema dieser in Hamburg produzierten Revue: Varieté. Aber auch alte deutsche Filme sind ein Thema.

Leuten wie Hans Albers oder Heinz Rühmann und vielen anderen begegnet man in schwarzweissen Ausschnitten aus historischen Musik- und Revuefilmen. Aber dann sind da noch die Sänger und Sängerinnen von damals wie beispielsweise Robert Biberti (von den Comedian Harmonists), Curt Bois, Ilse Werner oder Blandine Ebinger und viele mehr, die hier Lieder zum besten geben, aber auch interviewt werden – teilweise von Annette und Inga Humpe (Ideal, Neonbabies, Humpe & Humpe, Ich + Ich, Zweiraumwohnung) sowie Peter Glaser (hier auch am Drehbuch beteiligt; ansonsten Co-Autor von „Der große Hirnriss“, heutzutage Internet-Kolumnist).

Gerade dieses Holen der Vergangenheit in die damals aktuellen 1980er Jahre machen diesen Dreiteiler für mich so interessant. Denn hier gibt es auch zeitgenössische Interpretationen z.B. von „Goodbye Johnny“ von den späten Palais Schaumburg (also ohne Holger Hiller), die ansonsten nicht zugänglich sind. Auch die Version des Chansons „Nuit et jour“ von Humpe & Humpe dürfte eher selten zu sehen sein. Schön auch die visuelle Umsetzung der elektronischen Interpretation der Hindemith‘schen Kinderoper „Wir bauen eine neue Stadt“ von Holger Hiller und Thomas Fehlmann, bei der Kinder in comic-artigen Kulissen schauspielern dürfen (zu sehen am Anfang von Folge 3 dieses Dreiteilers). Auch ist meines Erachtens kurz Moritz von Oswald (Palais Schaumburg, Basic Channel, Maurizio, Rhythm & Sound, Moritz von Oswald Trio) Schlagzeug spielend zu sehen, als Begleitung eines Steptänzers, der seiner Faszination für die 20er Jahre Ausdruck verleiht. Aus dem wavigen Kühl der Neuinterpretationen brechen Heiner Goebbels und Alfred 23 Harth zusammen mit Ernst Stötzner während der Darbietung eines Liedes von Friedrich Hollaender in freejazzigen Krach aus (herrlich!). Ebenfalls der Hammer ist die schnörkellose Darbietung von „Johnny zum Geburtstag“ durch Original-Interpretin Blandine Ebinger, einer Freundin (bzw. Ehefrau) von Friedrich Hollaender. Der Text ist sowas von ‚politisch unkorrekt‘, dass es eine wahre Freude ist.

Was Peter Gabriel und seine deutschsprachige Version von „The Flood“ in diesem Zusammenhang zu suchen hat, ist mir eher schleierhaft (okay, Regisseur Horst Königstein hat den deutschen Text für Gabriel geschrieben).

Im Netz sind leider keine Ausschnitte aus „Haus Vaterland“ mehr zu finden.
Folgende Clips wurden bei youtube entfernt:
Palais Schaumburg / Hans Albers – Goodbye Johnny
Blandine Ebinger – Johnny zum Geburtstag
Blandine Ebinger – Die Trommlerin
Annette & Inga Humpe – Nuit et jour
Inga Humpe & Thomas Fehlmann – Staubige Worte
Curt Bois – Im Jahre des Heils

Musik aus einer Hafenstadt

Januar 15, 2011

Hamburg Calling – Musik aus einer Hafenstadt
(Oliver Schwabe, Musik-Dokumentation, ca. 90 min., NDR)

Heute, am 15. Januar 2011, hatte Oliver Schwabes Musik-Dokumentation „Hamburg Calling – Musik aus einer Hafenstadt“ im Rahmen des 5. Elbblick-Filmfestivals seine Kinopremiere. Produziert wurde der Film im Jahr 2010 für den Norddeutschen Rundfunk. Schwabe stieg tief ins dortige Archiv um Material für diese Collage zu finden, die 50 Jahre Hamburger Pophistorie abdeckt (von Freddy Quinn bis 1000 Robota), aber dennoch den Schwerpunkt auf die Zeit Ende der 1980er und die 90er Jahre legt. Also als Bands wie Cpt. Kirk &., Blumfeld, Kolossale Jugend oder Tocotronic (denen für meinen Geschmack etwas zuviel Platz eingeräumt wird) aufkamen und ihre Hochzeit hatten.

Ergänzt wird das Archiv-Material durch aktuelle Interviews vorwiegend mit  Musikern wie Bernd Begemann (Die Antwort, Die Befreiung), Bernadette La Hengst (Huah!, Die Braut Haut Ins Auge), Frank Spilker (Die Sterne, Frank Spilker Gruppe), Jochen Distelmeyer (Die Bienenjäger, Blumfeld), Kristof Schreuf (Kolossale Jugend, Brüllen), Tobias Levin (Cpt.Kirk &.), Schorsch Kamerun (Die Goldenen Zitronen), Frank Ziegert (Abwärts) u.a. – aber auch mit Horst Fascher, einem begeisterten Unterstützer der Beatles. Und R.J. Schlagseite singt ein paar Songs zum Thema.

In den Sixties wie in den späteren Jahrzehnten war St. Pauli wohl so eine Art Schutzraum für entstehende Musikbewegungen, egal ob für den „Hamburg Sound“ der Sixties oder die sogenannte „Hamburger Schule“, ein Begriff, der in diesem Film diskutiert wird. Und im Star Club gab es nicht nur die Beatles, sondern auch die Liverbirds, eine der ersten Frauenbands überhaupt, die wiederum von Musikerinnen wie Bernadette La Hengst als Role Model genannt werden.

Schön ist es natürlich, all diese alten Fernsehausschnitte zu sehen. Beispielsweise den ziemlich jungen Begemann mit Die Antwort in einer Talkshow als musizierender Gast – aber auch als Gastgeber im Bademantel für Tocotronic in seiner Rothenburgsorter Küche (check out on youtube!). Oder den jungen King Rocko Schamoni bei einem TV-Interview in dem er cool schweigt und statt Antworten Zigarettenrauch ins Mikrophon haucht. Auch Videos aus alten Zeiten sind zu sehen, manche – aus heutiger Sicht – von zweifelhafter Ästhetik, aber super interessant! Schön auch die alten Schwarzweiss-Aufnahmen eines vergangenen Hamburg, die mit in diese Collage einflossen.

Udo Lindenberg wird nur am Rande erwähnt. Ebenso die Hamburger HipHopper. Und das Lied „Hamburg Calling“, ein Clash-Remake von Fettes Brot, ist gottseidank garnicht zu hören.

Für Freunde (diskursiver) (deutscher) Popmusik ist dieser Film eine Fundgrube. Besten Dank an den NDR, der diese Low Budget-Produktion ermöglichte. Trotzdem sollte sich diese öffentlich-rechtliche Sendeanstalt schämen, solch eine interessante Dokumentation nach Mitternacht einfach so zu versenden – wie Ende letzten Jahres geschehen (hat wahrscheinlich damals keiner mitgekriegt, ich leider auch nicht).

Der Regisseur im Netz:
www.oliverschwabe.de

 

Neoangin plays Berlin – Sinfonie einer Großstadt

November 4, 2010

Musik-im-Kino-Tipp:

Heute erreichte mich die Nachricht, dass Jim Avignon wieder einmal in Bamberg auftreten wird. Ich zitiere einfach mal auf dem elektronischen Rundbrief. Und weil der Flyer so schön ist, wird er hier ausnahmsweise mal bunt abgebildet.

Jim Avignon aka NEOANGIN kommt endlich wieder ins Lichtspiel!

Am Samstag, 13.11.2010 um 19:30 Uhr, wird er den Stummfilm „Berlin – Sinfonie einer Großstadt“ mit elektronischer Musik untermalen.

Vor zwei Jahren war er schon mit dem Film „Asphalt“ im Kino und es war ein wunderschöner Abend!

Er wird anschließend noch ein Mini-Konzert in der Scheinbar geben!!!

Eintritt: 12,- Euro/ erm. 10,- Euro
[Vorverkauf ab 3.11. im Lichtspiel und Odeon]

BERLIN – DIE SINFONIE DER GROSSSTADT
Der experimentelle Dokumentarfilmklassiker von 1927 zeigt einen Tag in der pulsierenden Weltmetropole. „Die Stadt als lebender Organismus – genial!“ (Cinema)
Am Morgen füllen sich die Straßen, dann zeigt die Kamera, wie die Menschen arbeiten und ihre Freizeit verbringen. Regisseur Walter Ruttmann wollte jedoch kein dokumentarisches Stadtporträt liefern, sondern mithilfe der Montage die Bewegung, den Rythmus der Stadt spürbar machen.
D 1927 | R & B Walter Ruttmann | K Robert Baberske, László Schäffer
| ab 0 J. | S/W | 67 Min.

JIM AVIGNON
Seit über 20 Jahren prägt Jim Avignon mit seinen comicartigen Pop-Art-Bildern die Kunst- wie Clubszene. Mit seinem elektronischen Ein-Mann-Orchester Neoangin hat er mehrere Alben auf den Markt gebracht. Sein Musikstil vermischt Elektropop, Chanson und New Wave und Songs der 60er und 90er Jahre. Die intro nennt ihn den „derzeit besten Alleinunterhalter der mit Sicherheit nie ein Engagement bei Kreuzfahrten bekommt. Kein Genre ist ihm fremd, aber mit Referenzen ist er nicht zu kriegen. Wie auch seine Bilder sind die Songs zu gleichen Teilen aus Melancholie und Übermut und in einem völlig eigenen Stil geschrieben.

Der Künstler im Netz:
www.jimavignon.com

www.myspace.com/neoangin

Das Kino im Netz:
www.lichtspielkino.de
www.facebook.com/#!/lichtspielkino

Gehörlose Musik

Februar 21, 2010

Wolfgang Müller: Gehörlose Musik – Die Tödliche Doris in gebärdensprachlicher Gestaltung
(DVD mit Buch in einer hübschen Schachtel,
Edition Kröthenhayn
, 2006)

Wolfgang Müller ist nicht nur ehemaliges Gründungsmitglied der Westberliner Künstlergruppe Die Tödliche Doris – man könnte ihn auch als deren Nachlassverwalter bezeichnen. Denn diese Band gab es – so will es das Konzept – nur sieben Jahre lang, von 1980 bis 1987. Anfangs nahm ich sie nur als Musikgruppe wahr, erst im Laufe der Zeit entpuppten sich die „Genialen Dilletanten“ von Die Tödliche Doris für mich als Künstler, die auch Filme und Videos fabrizierten und sonstige Ausdrucksmöglichkeiten der bildenen Kunst durchexerzierten. Der Verleger und Vortragsreisende Martin Schmitz kann davon ein Lied singen. Die bei ihm erschienenen Bücher über Die Tödliche Doris sind empfehlenswert.

Bereits in den frühen 1980er Jahren kam Wolfgang Müller in Berlin mit einzelnen Gehörlosen in Berührung, die offensiv mit Hörenden kommunizeren wollten. In einem Super8-Film von Die Tödliche Doris wird bereits 1984 ein tauber Schlagzeuger gezeigt. Dieses Interesse schlug sich 1994 auch in „hörspiel/unerhört“ nieder, einer Produktion für den Bayerischen Rundfunk (zusammen mit Holger Hiller). Ein paar Jahre später, am 27.11.1998, wurde die auf dieser DVD dokumentierte Performance „Gehörlose Musik – Die Tödliche Doris in gebärdensprachlicher Gestaltung“ im Prater der Berliner Volksbühne aufgeführt. Dargeboten werden alle 13 Stücke, die auf der 1981 erschienen Langspielplatte „Die tödliche Doris“ (ZickZack, ZZ 123) veröffentlicht wurden. Wolfgang Müller sitzt ganz links auf der Bühne (ist aber nicht im Bild zu sehen) und bedient den Plattenspieler, während Andrea Schulz und Dina Tabbert, in dunkler Kleidung, Text und Musik gebärden. Das sieht dann weder nach Tanz noch nach Pantomime aus sondern ist eine Sache für sich. Manchmal teilen sich die beiden Dolmetscherinnen scheinbar die textliche und musikalische Ebene. Letzenendes ist diese gebärdensprachlicher Gestaltung nicht nur eine Interpetation sondern vor allem eine Übersetzung in eine andere Sprache – die ich weder verstehe noch beherrsche. Das Material von Die Tödliche Doris erfährt somit eine Transformation in eine andere Welt, die einem Hörenden besonders seltsam vorkommt, wenn man den Ton abstellt.

In einem auf dieser DVD ebenfalls enthaltenen, ca. 15-minütigen Interview erklärt Wolfgang Müller dann noch näheres zu den Hintergründen dieses ungewöhnlichen Unterfangens.

PS:
Noch ein Hinweis für Fans der Hörspiel- und Medienkunst:
Am 11. April 2010 findet auf der Welle von Bayern 2 Radio die Ursendung des neuen Hörspiels von Wolfgang Müller statt: „Learning Mohawk in fifty-five minutes“.