Archive for the ‘Filme’ Category

Irène Schweizer

Februar 7, 2010

A Film by Gitta Gsell
(Reck Filmproduktion / Intakt DVD 121)

Der Titel verrät es schon: hier handelt es sich um einen Dokumentarfilm über die Jazz-Pianistin – und nicht zu vergessen Schlagzeugerin – Irène Schweizer (*1941). Weltpremiere hatte dieser Film im Herbst 2005 in Luzern, am gleichen Oktober-Wochenende als Schweizer innerhalb der Konzertreihe ‚Director‘s Choice‘ zu einem Solo-Konzert ins Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL) eingeladen war, das von Radio DRS 2 live übertragen wurde. Eine Würdigung ihres langjährigen musikalischen Wirkens, dem meinem Empfinden nach im großen Konzertsaal des KKL mehr Hochkultur- als Jazzfans beiwohnten. Trotzdem gab es lang anhaltende Standing Ovations – das würde in der Roten Fabrik nicht so schnell passieren, obwohl man ihre Musik an letzterem Ort vermutlich ernsthafter zu würdigen weiß.

Der Film zeichnet in einer geschickten Montage von jetztzeitnahen Interviews mit der Künstlerin und ihren Wegbegleitern (Musiker, Verleger, Freunde), altem Archivmaterial und neuen Live-Aufnahmen ein Portrait einer der wichtigsten PianistInnen der europäischen improvisierten Musik. Durch Studenten, die im Gasthof ihrer Eltern musizieren, kommt Irène im Alter von 12 Jahren mit Dixieland-Jazz in Berührung. In den 1960er Jahren gewinnt sie mit ihrem Irène Schweizer Trio den ersten Preis bei einem Amateur Jazzfestival, zusammen mit Mani Neumaier und Uli Trepte. Die 70er Jahre sind auch in der Schweiz eine wilde, vom politischen Aufbruch geprägte Zeit. Schweizers Musik radikalisiert sich – eine Reaktion auf die politische Lage. „So eine brutale Zeit erfordert brutale Musik“, sagt dann auch Jost Gebers (vom FMP) in die Kamera. In diese Zeit fällt auch Schweizers Engagement in Musikerkooperativen und der Emanzipationsbewegung sowie der Homosexuellen Frauengruppe (HFG). All dies wird nicht streng chronologisch erzählt, so werden die Verbindungen zwischen den „alten Zeiten“ und dem Hier & Jetzt deutlich gemacht. Mit dem Perkussionisten Louis Moholo, den sie in den Sechzigern als Mitglied der im Zürcher Club Africana gastierenden Blue Notes kennenlernt, geht sie 2003 auf Südafrika-Tour. Diese wird auch in diesem Film dokumentiert. Mit den durchaus schönen Afrika-Bilder (und auch den Schwimm- und Unterwasserbildern zu anderen Gelegenheiten) schweift die Kamera leider etwas vom musikalischen Thema ab. Mit der Formation Les Diaboliques, die aus der 1977 gegründeten Feminist Improvising Group hervorging, ist sie heute noch unterwegs – und irgendwie wirken Irène Schweizer, Maggie Nicols und Joëlle Léandre so als wären sie eine Freundinnen-Band.

Aber ich möchte jetzt nicht alles nacherzählen, was in diesem Film in kompakten 75 Minuten auf kurzweilige Art und Weise dargelegt wird. Ergänzend befinden sich auf dieser DVD noch zwei Live-Mitschnitte. Einmal Irène Schweizer zusammen mit Hamid Drake und Fred Anderson auf der Bühne des Jazzfestival Willisau 2004 (22 Minuten) sowie ein Jahr zuvor mit Han Bennink live im Moods Zürich (34 Minuten). Diese DVD sei nicht nur Intaktlos-Freaks empfohlen. Schließlich ist sie auch genau das Richtige für Leute wie mich, die andernorts als „Spätgeborene“ beschimpft werden. Und bitte nicht warten bis der Film irgendwann mal auf den Frequenzen der unterstützenden Sender Schweizer Fernsehen DRS oder 3Sat ausgestrahlt wird …

PS: Als Soundtrack zu diesem Film und als Irène Schweizer-Kennenlern-Album sei hier noch mal die in Bad Alchemy Nr. 48 auf Seite 32 so rigoros besprochene CD „Portrait“ (Intakt 105) erwähnt.

(geschrieben am 06. Juni 2006 für Bad Alchemy 51)

Unerhört! 2009

Februar 7, 2010

Ende letzten Jahres fand ja das Unerhört! Musikfilm-Festival 2009 in Hamburg statt (vom 3. bis 6. Dezember, in verschiedenen Kinos) – und endlich schaffe ich es, ein paar kurze Notizen dazu zu machen.
Das musikstilistische Spektrum war relativ breit gefächert. Eröffnet wurde das Festival mit einem Film über Schostakowitsch. Und am Ende wurde ein Film über Rap prämiert. Aber für mich ist Rap keineswegs Liebe und so setzte ich meinen eigenen Schwerpunkt auf andere Filme.

„Slide Guitar Ride“ von Bernd Schoch  war ein guter Einstieg. Der Dokumentarfilm portraitiert die amerikanische Primitive Rock‘n‘Roll One Man Band Bob Log III – ein verrückter Typ, der nie ohne Helm mit eingebautem Mikrophon auf die Bühne geht. Der Film nimmt die trashige Ästhetik seiner Musik auf und zwischendurch gibt es zwei animierte Sequenzen mit mehr oder weniger verrückten Geschichtchen von Bob Log. Man merkt, dass der Film von einem Fan gemacht wurde. Während der anschließenden Fragerunde erwähnte Schoch noch, dass sein nächstes Projekt ganz anders, wohl seriöser, aussehen wird – ein Film über drei ältere, lustige Herren – dem Alexander von Schlippenbach Trio. Darauf bin ich schon mal sehr gespannt.

Ein anderer Film, hinter dem ein Fan als Macher steckt, war „ON/OFF: Mark Stewart From The Pop Group to The Maffia“. Ursprünglich wollte Tøni Schifer nur eine Compilation mit Pop Group-Videos zusammenstellen. Aber da es zu wenig Material dieser Art gab, wurde ein Dokumentarfilm aus diesem Projekt. Ehemalige Bandmitglieder und andere Weggefährten kommen zu Wort, Live-Mitschnitte aus mehreren Dekaden werden gezeigt und auch Mark Stewart zu Hause bei seinen Eltern, etc. Keine große Filmkunst, aber sehr informativ. Nirgendwo sonst kann man Mark Stewart und Angie Reed Händchen haltend vor einem riesigen Ölbild posieren sehen. Wenn ich mich recht erinnere, war das sogar die Deutschland-Premiere dieses Filmes. Empfehlenswert!

Aber auch alte Filme fand ich sehr interessant. So z.B. „Oh Horn!“, einen Schwarzweiß-Film aus dem Jahr 1980 über den mittlerweile verstorbenen Posaunisten Albert Mangelsdorff. Schön, mal von ihm selbst erklärt zu bekommen, wie seine Technik mehrstimmig auf seinem Instrument zu spielen funktioniert. Mangelsdorff erzählt viel und spielt dazwischen solo.

Der Dreißigminüter „One Room Man“ mit Kevin Coyne kam ebenfalls schwarzweiß daher und wirkte fast wie ein Einmann-Theaterstück, das auf einer Bühne mit Ofen, Sofa, Stehlampe und einem Stapel alter Zeitungen dargeboten wurde. Ein ästhetisch schön reduzierter Rahmen für Kevin Coyne und seine Gitarre.

Interessant und sehr ordentlich gemacht waren natürlich auch die Dokumentarfilme „Das letzte Biest am Himmel“ über Blixa Bargeld und „My Name Is Albert Ayler“ – beides Produktionen, die für das deutsche bzw. schwedischen Fernsehen produziert und dort auch bereits ausgestrahlt wurden.

Unfreiwillig komisch bis eher anstrengend waren die „12 Defa Disco Filme“. Diese haben mit Discomusik nicht viel zu tun sondern heißen so, weil sie auch an Orten gezeigt wurden wo die Jugend der DDR ihre abendliche Freizeit verbrachte. Es wurden Jazzmusiker und Rockgruppen portraitiert. Ein junger Manfred Krug war ebenfalls zu sehen, ebenso eine Prog Rock Band aus Ungarn (?) usw. usf. Ein Defa Disco Film wurde sogar der bundesdeutschen Politrock-Band Floh de Cologne gewidmet. Bis Ende der 1970er Jahre fand ich diese Filme interessant. Später, als dann Bands wie Silly ins Spiel kommen, nicht mehr so sehr.

Die Musikzeitschrift Spex kooperierte offensichtlich mit dem Unerhört!-Festival und präsentierte dann auch die angeblich besten zehn internationalen Videoclips des Jahres 2009. Dieser Videoabend war für mich die reine Folter. Nette Clips zu banaler bis kommerzieller Musik. Der Spex-Video-Fachmann war begeistert. Trotzdem ist mir nicht begreiflich zu machen, warum ich mir vollkommen uninteressante Musik von beispielsweise Depeche Mode oder gar Lady Gaga anhören soll um bestenfalls nette Clips anzusehen. Reine Zeitverschwendung. Da hätte ich mir besseren Musikgeschmack gewünscht!

Trotzdem ein wunderbares Festival bei dem noch sehr viel mehr zu hören und zu sehen war. Meine kleine Auswahl an Filmen ist keineswegs repräsentativ. Ich hatte eher das Gefühl, dass ich nicht so die Publikumsrenner erwischt habe. Aber das ist mir ziemlich egal.

07.02.2010

Über: Manafon / Amplified Gesture

Januar 18, 2010

Manafon

David Sylvian: Manafon / Amplified Gesture
(CD + DVD, Samadhisound, 2009)

In den letzten Jahren hatte ich David  Sylvian etwas aus den Augen verloren. Als ich vor Erscheinen seines aktuellen Album hörte, dass er nun mit vielen bad alchemistisch einschlägig bekannten Improvisateuren zusammenarbeitet, spitze ich die Ohren – und wunderte mich etwas darob. Was man allerdings gar nicht tun muss, wenn man weiß, dass Sylvian vor ein paar Jahren für „Blemish“ mit Derek Bailey kollaborierte. Auch schon kurz nach seiner Zeit bei der New Wave Band Japan waren auf den Platten von David Sylvian immer wieder interessante Gäste zu hören, beispielsweise Holger Czukay oder Jon Hassell. Auf „Manafon“ sind nun Musiker vertreten, die man u.a. von Ensembles wie AMM und Polwechsel kennt oder aus sich ständig wechselnden musikalischen Partnerschaften. Obwohl ich Name-dropping nicht mag, sollten diese erwähnt werden. Mit von der Partie sind Tetuzi Akiyama, Werner Dafeldecker, Christian Fennesz, Franz Hautzinger, Sachiko M, Marcio Mattos, Michael Moser, Toshimaru Nakamura, Evan Parker, Keith Rowe, Joel Ryan, Burkhard Stangl, John Tilbury und Otomo Yoshihide.
Für seine aktuellen Platte wurden Sessions dieser Impro-Musiker aufgezeichnet und anschließend von David Sylvian – mit Hilfe von Fennesz – bearbeitet, neu zusammengesetzt und editiert. Da knistert, fiept, bruzzelt und schmurgelt es, dass es eine wahre Freude ist. Ruhig, reduktionistisch. Echte Zuhörmusik. Über allem schwebt David Sylvian, der sich mit seiner rezitierenden Stimme – und auch mit Gitarre und Elektronik – nicht in die Riege der Improvisateure einreiht und somit ein bisschen die Sicht auf deren leise Töne versperrt. Seine Stimme drückt „Manafon“ sein Markenzeichen auf und macht dieses Album so zu einem typischen David Sylvian-Werk.

rowe

Parallel zu „Manafon“ entstand auch ein Film, der wohl als Making-of geplant war, aber am Ende zu einer „Introduction to free improvisation: practitioners and their philosphy“ wurde. „Amplified Gesture“ nennt sich dieser Dokumentarfilm von Phil Hopkins in schöner schwarz/weiss-Ästhetik. In sieben Kapiteln erzählen Musiker, die auch auf „Manafon“ zu hören sind (Dafeldecker, Fennesz, Sachiko M, Moser, Nakamura, Parker, Rowe,Tilbury, Yoshihide), aber auch John Butcher und Eddie Prévost davon, wie sie zur Musik und zur freien Improvisation kamen, über ihr Verhältnis zu ihren Instrumenten, der Interaktion mit ihren Mitmusikern, dem Publikum und der Architektur sowie ihren immerwährenden Antrieb zu improvisieren. Die Interviews führte Nick Luscombe. Ein Kapitel ist den Pionieren AMM gewidmet, die Mitte der 1960er Jahre mit ihren Gruppenimprovisationen anfingen. Damals wurde die Gitarre flach auf den Tisch gelegt, präpariert und malträtiert. Jahrzehnte später reduzierten andere Musiker ihr Mischpult zum no-input-mixing-desk (Nakamura) oder ihren Sampler zum Sinuswellengenerator (Sachiko M) um neue Möglichkeiten zu erforschen. Und gerade die alte Garde wundert und freut sich, dass improvisierte Musik von so vielen jungen Musikern betrieben wird, dass man garnicht mehr hinterher kommt, die neuen Talente unter die Lupe zu nehmen.
Der ca. einstündige Film „Amplified Gesture“ wurde zusammen mit der Surround Sound Version des Albums (wer braucht denn sowas?) auf DVD veröffentlicht – allerdings nur als Bestandteil der bereits ausverkauften „Manafon“-Deluxe Edition, die aus zwei schön gestaltete, dünnen Büchern im Schuber besteht. Der „Amplified Gesture“-Band enthält neben einem kurzen Vorwort des The Wire-Autors Clive Bell auch kleine Portraits – in Wort und Bild –  der im Film zu Wort kommenden Musiker.
Also die Augen offen halten – vielleicht wird dieser Film ja mal irgendwann irgendwo öffentlich aufgeführt!

(geschrieben im November 2009 für Bad Alchemy 65)