Archive for the ‘Plattenbesprechung’ Category

Kompositionen für einen, zwei oder mehrere Töne

April 13, 2012

WEBER & SCHUSTER: „…spielen Frank Weghardt“
(7″EP, MultiPopProd., 1990)

Bisher waren mir Weber & Schuster zwar keine Unbekannten, aber so richtig kennengelernt habe ich sie erst durch diese Veröffentlichung. Auf mein Interesse stieß ihre bisherige Entwicklung immer (was natürlich auch am 10.16 lag), aber leider ist ihr Ruhm noch nicht bis nach Bärlin gedrungen, so daß ich immer noch einem ihrer Auftritte entgegenfiebern muß.

Die Musik dieser Single kann eine gewisse Seelenverwandtschaft zur Tödlichen Doris nicht verleugnen, und auch der ‚Schule der tödlichen Doris‘ (wie die Einzelmitglieder jetzt firmieren) würde diese Scheibe nicht schlecht zu Gesicht stehen. Im Gegensatz zur Doris wird hier allerdings rein instrumental vorgegangen, was den Reiz aber überhaupt nicht schmälert. Sieben kleine musikalische Miniaturen betören so das Ohr. Aber das reichliche Textbegleitmaterial (die Platte ist in einem beidseitig bedruckten DinA3-Bogen verpackt) macht den Hörgenuß kurzweilig. Mir ist nur schleierhaft, warum Schuster & Weber sich Frank Weghardt als Komponisten erkoren, denn nach seiner abgedruckten Biographie stößt er mich eher ab. Aber man muß ja nicht alles wissen!

Edi Roger

Dieser Text stammt aus Edit 15 des 10.16 Megazine, erschienen im Sommer 1990 in Würzburg.

Die Frau, Das Monstrum

April 2, 2012

Stereo Total feat. Käptn Blauschimmel – Die Frau in der Musik / Das Monstrum
(7“, Staatsakt / Rough Trade, 2012)

Vor ein paar Tagen ist diese neue Single der „Berliner Rockgruppe“ Stereo Total erschienen. Diesmal kümmern sich die beiden um Frauen nicht nur in der Musik. Traurig, daß dies heutzutage immer noch ein Thema ist. Hat sich seit der Post Punk New Wave Ära mit all den Mädchengruppen wirklich nichts getan, trotz Riot Girls und so? Der Text hätte auch schon 1979 geschrieben werden können: Die Frau in der Musik nervt, spielt Bass, ist sexy, trällert Liebesliedchen und „stört immer“. So denken wohl heutzutage immer noch etliche Musiker, Bühnentechniker und Konsumenten. Traurig!

Die Pärchen-Combo Stereo Total ist nicht nur mit dieser Single der lebende Gegenbeweis dazu. Ihrem Sound sind sie treu geblieben. Trashiges Schlagzeug trifft Synthesizer, da rockt die Disko, Frau singt, Mann sendet lustige Störgeräusche (soll das wirklich ein echtes Trautonium sein? Oskar Sala rotiert in seinem Grab!). Das noch kürzere Lied auf Face B, ebenfalls zum Thema „Sie“ (aber nicht in der Musik) rockt dann noch mehr und überracht mit Boogie Woogie-Klavier. Klasse! Auf der angekündigten LP soll das angeblich alles ganz anders klingen. Da bin ich ja mal gespannt – auch ob das dann ein Konzeptalbum zum Thema Frauenklischees werden wird!?

02.04.2012

Prrzzzzl

März 10, 2012

Praying For Oblivion – Facade
(C35, Cipher Productions, sic 54, 2011)

In Zeiten, in denen man Musik quasi immateriell überall und jederzeit auf seine Festplatte abspeichern kann, hat so eine Audio-Cassette noch mehr Fetisch-Charakter als sie sowie schon hat, insbesondere wenn sie auch noch zwischen einer dicken schwarzen Pappe und einem Netzgewebe verpackt und in einer Auflage von nur 50 Stück aufgelegt wird.

Hinter Praying For Oblivion steckt seit 1997 der Amerikaner Andrew Jonathan Seal, der auch mit Tote Stadt unterwegs ist und momentan in Berlin lebt. Auf „Facade“ sind drei Stücke zu hören. Lärmige, dreckige Frequenzwände, prazzelnd, manchmal fies ins Ohr stechend, wie eine Lawine auf den Hörer einstürzend. Stellenweise schälen sich aus diesem Krach Schreie heraus, natürlich bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Der letzte Track namens „Torture Chamber“ erinnert mich weniger an eine Folterkammer als an einen metallverarbeitenden Betrieb, in dem gerade jemand mit der Flex hantiert.

GZ
03.02.2012

(geschrieben für Bad Alchemy 72 / März 2012)

totgut

Februar 25, 2012

DIE TOTEN HOSEN
‚Wir sind bereit‘ / ‚Jürgen Engler’s Party‘
(7″, Totenkopf, Tot2, 1982)

Seit ein paar Monaten gibt es in Düsseldorf ein neues Label: TOTENKOPF- Schallplatten. Ihre ersten Produkte sind eine ZK-live-LP (lustig! lustig!) und als zweites eine Single der TOTEN HOSEN (Bestellnummer TOT 2).
Die Vereinigung der TOTEN HOSEN besteht aus Trini Trimpop (ex der KfC), Jochen H., Kuddel. Whyat Earp, W. November, Andi M. und Campi. Wenn man die Single das erste Mal hört, denkt man unwillkürlich an die legendären ZK: der gut arrangierte (arrangiert???) Chorgesang (Aaaaaa/Aaaaa), das Klatschen und die tolle Stimme. Kein großes Wunder, denn Campi, der Sänger mit der tollen Stimme kommt direkt von ZK, die sich ja getrennt haben, aber back to the Musik: einfacher, gerader, harter und gutgemachter (Punk?-) Rock mit guten, originellen deutschen Texten. Allerdings besser bzw. perfekter produziert als bei ZK. Die A-Seite ‚Wir sind bereit‘ ist gut, aber die B-Seite ‚Jürgen Engler’s Party‚ ist genial!
Der Text beißt alle düsseldorfer Ex-UntergrundundjetztPopstars, vor allem die Englers und Doraus*. Passend zum Song ist auf dem Cover noch der Brief einer 13jährigen Gymnasiastin an Jürgen abgedruckt: „Ich hab alle deine Platten und viele Fotos von Dir und Bernward. Ich weiß nicht, wen ich von euch schöner finde. ….. Wenn ich mir zusammen mit Ulla und Karin eure Platten anhöre, muß ich immer in die Hosen machen. Letzte Woche…“

*****

DIE TOTEN HOSEN
‚Niemandsland‘ / Reisefieber‘
(7″, Totenkopf, Tot1, 1982)

Die zweite TOTEN HOSEN-Single ist da! (Diesmal Best.-Nr. TOT 1). Wieder gerader, rauher und fetziger Rock mit tollem Backgroundgesang und Campi’s (Hallo, wie gehts deinen Campino-Bonbons?) einzigartiger Stimme. Die Texte sind kurz und bündig, aber nie albern, sondern gut. Danke für das Textblatt, ohne das würde man nur die Hälfte mitkriegen!
Am Anfang von ‚Reisefieber‚ hört man einen Dudelsack (oder ist es eine Tote Hose?) und das Meer (eigentlich mehr den Wind) rauschen. Bei ‚Niemandsland‘ gefällt mir besonders dieses ‚khwüa!‘ (oder halt so ähnlich) in der Mitte.
DIE TOTEN HOSEN schaffen es, obwohl bei ihnen u.a. Leute mitspielen, die seit ca. fünf Jahren aktiv sind, frischeste Musik zu machen, die auch noch mit guten Texten Spaß macht. DIE TOTEN HOSEN gegen tote Hose in überall!

Achtung! Hab noch mehr Informationen aus Düsseldorf über die TOTEN HOSEN gekriegt: Und zwar, daß es schon wieder eine neue Single gibt. Titel: ‚Armee der Verlierer‘, ‚Opel-Gang‘ und ‚Eisgekühlter Bommerlunder‘. Eine Flasche Bommerlunder liegt bei. Aber besauft euch nicht!
P.S.: DIE TOTEN HOSEN sind nicht toll, sondern totgut ! ! !

dom

*****

Diese beiden zeitgenössischen Reviews stammen aus der im April 1983 erschienenen Erstausgabe des Würzburger Fanzines Oi Oi Oi!.

Ein herzliches Beileid an Die Toten Hosen zu ihrem 30-jährigen Jubiläum und dazu, daß ausgerechnet die Zeitschrift Rolling Stone aus diesem Anlaß im April 2012 ihre erste Single wiederveröffentlichen wird. Was nichts daran ändert, daß die ersten Hosen-Singles zu meinen All time favourites zählen!

Anmerkung:
* wobei eh klar ist, daß Andreas Dorau kein Düsseldorfer ist, genausowenig wie Holger Hiller. Aber bei den Leuten von Der Plan bzw. Ata Tak hat er die eine Hit-Single aufgenommen. Im Song der Toten Hosen ist Dorau auf dem Balkon zu sehen. Der Bilker Jürgen Engler war Mitglied von Male, bevor er mit Die Krupps erfolgreich wurde.

The History of Future

Februar 24, 2012
Plattenhülle, Vorderseite, Ausschnitt

Die Zorros – Future
(Tape/LP/CD, Voodoo Rhythm Records, VR1273, 2012)

Eigentlich wollte ich gestern in diesem Schallplattenfachgeschäft nur mal schauen, was es in  der Abteilung „Underground“ so an Neuigkeiten gibt. Dann fiel mir aber dieses zweite Album von Die Zorros ins Auge. Und aus nur mal gucken wurde dann doch kaufen…

Schon die erste Platte dieser Schweizer Band war eher eine Zufallsbekanntschaft und lief mir irgendwann mal über den Weg. Auf „History Of Rock Volume 7“ coverten sie neben schnell selbst zusammengeschusterten Instrumentals so manchen Mainstream-Hit in ihrer recht eigenen Easy Listening Primitive Rock’n’Roll-Manier. Unvergessen ihre Version von „Final Countdown„, die so klingt als wäre dieser Song für einen Italo-Western geschrieben worden. Ein Klassiker der Moderne!

Auch auf „Future“ bleiben sie ihrem Konzept treu: möglichst wenig Zeit in ein Stück investieren, nicht üben, sofort aufnehmen, fertig. Klingt irgendwie nach Spaß haben. Und den hat man auch beim Anhören. Das Instrumentarium besteht aus Orgel, Gitarre, Drums und rudimentären Stimmen und wird von Oliver Maurmann (Die Aeronauten, Guz & Die Averells), Patrick Abt (Bigger Club) und [Reverent bzw. Lightning] Beat-Man (The Monsters, Voodoo Rhythm Records Labelmacher) bedient. Diesmal müssen u.a. Stücke vom Amy Winehouse aber auch von den Rolling Stones, den Beatles und Rod Stewart daran glauben. „Rehab“ wird auf ein kerniges „No No No“ eingedampft, bei „Paint It Black“ sirrt die Orgel herrlich käsig, „Taxman“ und „Walrus“ werden in einen Topf geworfen und am Ende schießt „Sailing“ den Vogel ab dank der etwas längeren Absage des imaginären Provinz-DJs Manni über den vor sich hin shuffelnden Groove. Herrlich! Leider etwas kurz geraten ist ihre wunderbare Ode an Erik bzw. die Interpretation des TV-Themas „Der Komissar“ [sic], welches bekanntermaßen ja auch schon 1980 von The Wirtschaftswunder bearbeitet worden ist. Das vielleicht etwas affige „Zorros in Afrika“ paßt auf jede Jungle Exotica Party! Und sogar eine Live-Jazz-Improvisation wird durch den Kakao gezogen, inklusive einer gefakten Ansage von Joachim-Ernst Berendt.

Das Ganze könnte man als eine amüsante Ergänzung zur aktuellen Platte „Too Big To Fail“ der Die Aeronauten sehen. Wer von deren Instrumentals nicht genug kriegen kann, wird hier in rauer Art und Weise bestens bedient. Aber eigentlich sind Die Zorros ziemlich einzigartig – und einfach herrlich!

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Musik um zu leben

Februar 20, 2012

A Million Mercies – Wir sind elektrisch
(CD / LP-Box mit CD / Download, Hausmusik, HM 77, 2011)

Als mir DJ St.Micha 69 im letzten Dezember erzählte, daß es wieder einen Hausmusik-Online-Shop gibt, bei dem man auch noch die im Herbst 2011 erschienene, neue Platte von A Million Mercies bestellen kann, war ich hocherfreut. „Wir sind elektrisch“ ist seit seinen Beiträgen zur 2006 erschienenen Compilation „You Can’t Always Listen To Hausmusik But…“ (zwei Kollaborationen mit Broken Radio bzw. Calexico) Wolfgang Petters erstes musikalisches Lebenszeichen. Zwischendurch ging sein Hausmusik-Vertrieb dank nicht zahlender, internationaler Kundschaft den Bach runter, was ihn nicht davon abhielt, später mit Hausmunik einen Laden für Platten und Kaffeespezialitäten zu eröffnen. Und jetzt wurde das Hausmusik-Label für sein zweites Solo-Album wiederbelebt.

Für Fans gibt es dieses Album auch in einer limitierten Box mit LP und CD sowie einem großformatigen Siebdruck-Heft, für das der Johnny Cash-Biograph Franz Dobler die Liner Notes schreiben durfte. Die Vinyl-Ausgabe verdeutlicht die beiden Pole dieses Albums: Die ersten acht Songs sind eher akustisch und ruhiger, während es auf Seite 2 dann verstärkt und elektrifiziert zugeht. Die Beats werden lauter, der Titelsong rockt los und plötzlich gibt es mit „Speed“ sogar einen Synthie-Pop-Kracher aus der 80er-Jahre-Disco. Für „Reich die Hand“ wird die Musik aus dem blauäugigen Velvet Underground entliehen. Insgesamt überwiegt aber dieses auf nicht nur akustischer Gitarre basierende Singer/Songwriter-Dingens, das manchmal dezent von Elektronik und Sampling unterstützt wird. Das weckt bei mir stellenweise Assoziationen an die Fellow Travellers oder Leonard Cohen. Oder an Hausmusik-Freunde wie Calexico, was nun wiederum kein Wunder ist – denn deren Kontrabassist Volker Zander spielt neben anderen befreundeten Musikern auf einigen Stücken mit. Einmal geigt Martin Lickleder (Jeep Beat Orchestra, Suzie Trio, Moulinettes) und sogar Familienmitglieder tauchen immer wieder auf. Überhaupt ist dies eine sehr persönliche Platte. In „Man Behind The Drumkit“ verarbeitet er den Tod seines musikalischen Weggefährden Thomas Ganshorn (Fred Is Dead, Broken Radio). Und Wolfgang Petters findet dazu den passenden Ton, unterstützt mit Klangfarben von Akkordeon und Klarinette. Eingerahmt wird das Ganze von „Servabo“, einmal in englisch und einmal vorwiegend in deutsch. Überhaupt singt Wolfgang Petters (Fred Is Dead, Village Of Savoonga) mit seiner Nicht-Sänger-Stimme vorwiegend englisch, aber auch deutsch und italienisch.

Die Musik von A Million Mercies ist offensichtlich aus dem Leben gegriffen. Und das macht sie so einzigartig.

Diese Platte gefällt mir immer besser.

mrboredom
19.02.2012

Hörprobe auf Soundcloud:
„Come Sei Bella“

*****

Diskografie:

  • This Is Not Your Home / Matador (10″, 1994)
  • Elektrizität –  (hält dich in Bewegung) (LP, 1996)
  • A Million Mercies & Alles Wie Gross – 5 hours / Essen ist wichtig (7″, 1997)
  • Wir sind elektrisch (LP/CD, 2011)

Sampler-Beiträge:

  • „Jump Right Through The Window“ auf „Hausmusik“ (1991)
  • „Disobediance“ auf „Flederhausmusik“ (1994)
  • „Essen ist wichtig“ auf „Festplatte“ (1996)
  • A Million Mercies & Alles Wie Gross – „Essen Ist wichtig“ auf „Zur Hölle Mama – Perlen deutschsprachiger Popmusik #3“ (1998)
  • „Duck And Crawl“ auf „Do You Think That I’ll Be Different When You’re Through?“ (2001)
  • Broken Radio / A Million Mercies – „One Way Trip“ und A Million Mercies / Calexico – „Freunde“ auf „You Can’t Always Listen To Hausmusik But…“ (2006)

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Hemmungslos

Februar 17, 2012

Die Aeronauten – Too Big To Fail
(DoCD/DoLP/DL, Rookie/Ritchie Records/Broken Silence, 2012)
und live im Hafenklang, Hamburg, 16.02.2012

Gestern waren Die Aeronauten wiedermal in der Stadt und haben den Hafenklang gerockt und hatten auch ihre neue Platte im Gepäck. Erschienen ist diese bereits am 3. Februar 2012, genau 20 Jahre nach ihrer ersten Cassetten-Veröffentlichung.

„Too Big To Fail“ ist kein einfacher Tonträger sondern ein Doppel-Album. Angeblich erfüllt sich die Band mit der zweiten Scheibe den Traum eine Instrumental-Platte zu veröffentlichen. Aber da sich so etwas womöglich nicht so gut verkauft, tun sie den Labels den Gefallen und packen noch viele Songs dazu. Zumindest haben sie das so ungefähr letztes Jahr im Schaffhausener Fernsehen erzählt. Dabei bereiteten die Instrumentals der Die Aeronauten schon immer hervorragenden Hörgenuss. Ich denke da nur an die Western-Melodie „Extremadura“ oder an das vermutlich von Billy Childish bzw. The Milkshakes inspirierte „Roter Stern“ (beides auf „Jetzt Musik“, 1997). Eine Instrumental-Platte war also längst überfällig. Auf „Too Big To Fail“ sind so einige mehr als gelungene Lieder ohne Worte zu hören. Da gibt es Stücke, die man gerne in Western-Filme  oder Agenten-Thrillern wiederhören möchte. Und mit „Ärger in Shit City“ gibt es die beste O-Ton-Dialog-aus-Krimi-geklaut-Musik-Kombination seit „Television / Kommissar“ von The Wirtschaftswunder (1980). Vereinzelt geht mit den Die Aeronauten auch der mal soulige, mal funkige oder sogar jazzige Groove durch. Entfernte Assozationen an Mariachi oder gar Klezmer können da durchaus aufkommen. Und „Asino Morto“ erinnert mich von der Klangästhetik her an das, was Olifr M. Guz zusammen mit Die Zorros gemacht hat, nur etwas schöner und mit Bläsern. Und das ist ja das besondere an Die Aeronauten: rockigen Indie-Pop (ich hasse mich für diese Schubladisierung) zu machen, mit guten, teils kulturpessimistischen Texten, herrlichen Gitarrenriffs und so, aber auch mit Saxophon und Trompete. Und alles hat Seele, mit Liebe zum Detail aufgenommen und stellenweise wird auch georgelt.

Produktfoto, Innenansicht, aufgeklappt

Live präsentieren Die Aeronauten nicht allzu viele Instrumental-Stücke, binden diese aber geschickt in ihr Programm ein, das  dem Publikum neben den neuen Songs natürlich auch etliche alte Knaller um die Ohren haut. Da kommt bei 21 Jahren Bandgeschichte so einiges zusammen. Eines der ältesten Stücke dürfte „Sexy Terrorist“ von ihrer ersten Platte gewesen sein, das als Zugabe gespielt wurde. Weil das Publikum es nicht lassen konnte nach „Freundin“ zu verlangen, wurde dieses Lied dann gegen Ende doch gespielt – aber in einem schlageresken Arragement, das mich dank entsprechendem Synthie- und Saxophon-Spiel an Münchner Freiheit erinnert hat. War  das nun humorvoll oder schon selbstironisch?
Auf jeden Fall hatte die sechsköpfige Band ihren Spaß auf der Bühne und began die Show ausgerechnet mit „Das Ende ist nah“ (das ist der Song dessen „Na na na na“-Chorgesang nach „The Night They Drove Old Dixie Down“ klingt). Teile der Band kamen für diesen Song in weißen Gewändern auf die Bühne und ließen sich von UV-Licht optisch aufhellen. Mit den beiden Stücken, die auch auf ihrer Picture-Disc zu hören sind, wurde  der offizielle Teil dieses Konzertes beendet und das Zugaben-Ritual eröffnet. Davon gab es etliche, gefühlt mehr als zehn, irgendwie schien es mir als ob Die Aeronauten gar nicht mehr aufhören wollten. Von wegen das Ende ist nah…

Klasse Konzert, super Scheiben!

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Five Sweets & A Half Of Meat

Februar 9, 2012

The Suzi Cream Cheese – Five Sweets & A Half Of Meat
(Cassette, OH!, OH!2, 1986)

Mitte August überrascht mich der Weihnachtsmann (Walter Bräutigam), indem er mir diese Cassette aufdrängt und sich dann per Vespa nach Scotland absetzte………..
Und so kam ich nun also zu der Ehre, mir diese C-32 von den Obereuerheimern The Suzi Cream Cheese anhören zu dürfen. Auf deren A-Seite sind 5 Live-Titel aufs Magnetband abgespeichert und alles klingt wie damals vor 20 Jahren als wir uns Velvet Underground und ähnliches anhörten. Man hört wieder gute Gitarrenriffs, getragen von Bass und Schlagzeug, die an den passenden Stellen mit Orgel garniert werden. Nicht übel. Vor allem die auf 8-Spur produzierte B-Seite hat es in sich: 15 Minuten lang wird hier „Dead Man’s Last Poem“ vorgetragen, das trotz der Länge nie langweilt, da es sich immer wieder in den Nuancen verändert und am Schluß endet alles in Agonie.
Also: OH! – Nicht übel.

Diese Göck & Dr. Türeng-Produktion auf dem Obereuerheimer OH!-Label gibt’s gegen 6,– DM p&p bei Gerald J. Gynther, Am Deutschen Michel 3, D-8722 Obereuerheim, West-Germany.

mr.boredom

Dieser Text stammt aus Heft No. 11 des 10.15 Megazine, vermutlich im Mai 1988 in Würzburg erschienen.

Die oben genannte Adresse stimmt natürlich nicht mehr.
Die aktuelle ist unter folgendem Artikel zu finden:
Penial

Halsteufel haben keine Chance mehr

Februar 9, 2012

Zur Orientierung

Various: Halsteufel haben keine Chance mehr – Der Obereuerheim-Sämpler
(Cassette, OH!, OH!1, 1984)

Obereuerheim ist ein Ortsteil der Gemeinde Grettstadt von 800 Einwohnern, unter denen sich phänomenal viele Musikfreaks befinden, so viele, daß sie letztes Jahr diesen Sampler produziert haben. Ein knallvolles Beiblatt informiert über die Aufnahmen, die Musiker, die Bands und ihr Leben. Bilder, Texte, sogar ein Kartenausschnitt. In dem Kaff links unten (Würzburg) ist leider nicht der Größe entsprechend viel los wie an der markierten Stelle rechts oben (Obereuerheim). Zur Einleitung wird auf diesem Info der Käufer – zurecht – zu seiner guten Wahl beim Erwerb dieser Cassette beglückwünscht. Es folgt die optimale Beschreibung ihres Inhalts: „Von Blasmusik bis zum Punk kannst Du auf dieser Cassette alles finden. Und als Bonbon obendrein bekommst Du eine bisher unbekannte Aufnahme der berühmten RESIDENTS, die – und das wird wahrscheinlich noch keiner geahnt haben – auch aus Obereuerheim stammen. Wahrscheinlich wirst Du keine der anderen Gruppen schon jemals gehört haben, aber darüber brauchst Du dir keine Sorgen zu machen, denn das sind solche Insidertips, daß sie teilweise nur 5 -10 Menschen auf dem ganzen Erdball bekannt sind. Aber das wird sich jetzt ändern!“.

PERRY RHODAN’S SEX SHOP BAND fängt an, sehr heavy, sehr frisch, perfekt. Sie spielen Punk „sehr gelegentlich. Sehr privat. Einmal im Jahr“. Vielleicht ist das ihre Stärke. So fetzig wie „Totensonntag“ klingt höchstens noch THE ONE & ONLY OBEREUERHEIM GROUP, „ein einmaliger Zusammenschluß von Musikern der unterschiedlichsten Stilrichtungen“‚. Eine Bandband, aber von ganz anderer Art als BAND AID! Aber mein Lieblingsstück ist „Abgebrannt“ von SPASMES, das hat gefunkt, ein Ohrwurm, energiegeladen, funky, guter Text, da stimmt einfach alles zu 100%. KOLBENFRESSER bringen die Vergangenheit, „Come On Louis“, eine wahre Stimmleistung. Später swingen sie noch. DR. HELGA TÜRENG („Fischkutter.) verschmilzt Text und Musik. Es ist überhaupt viel Experimentelles dabei, HERR BAHN z.B. erinnert leicht an CHROME. PLASTIKTÜTE „existiert schon seit 5 Jahren und ist eher berüchtigt als berühmt“. „Rap-Attack“ und hartes, gradlinigeres Gitarrenspiel. Die BLASKAPELLE, naja, auch Musik. „This is not a Song“ von PUBLIC RELATION IMAGE LIMITED (PRIL) und der Auftritt der legendären RESIDENTS – genial. Es ist alles vertreten, was es an neuerer, interessanter Musik überhaupt gibt, alle Richtungen von Dilettanten bis Perfektionisten, von Liedermachern (KONSTANTIN AMBROS) bis Punk.

Die Adresse:
DaDa-Bureau
/Gerald J. Gynther
Michaelspfeiler 33a
8722 Obereuerheim

DR. NO

Dieser zeitgenössische Tape-Review stammt aus 10.15 Megazine edit 5 und erschien im März/April 1985. Autor: Walter Bräutigam.

Die oben genannte Adresse stimmt natürlich nicht mehr.
Die aktuelle ist unter folgendem Artikel zu finden:
Penial

Ein Dokument

Oktober 21, 2011

Kurzer Review aus dem 10.16 Megazine Nr. 15 aus dem Jahr 1990:

Abschrift des obigen Scans (minimal editiert und ohne die Adresse, da sie garantiert nicht mehr stimmt):

Various: Music of Die Ind – Ein Dokument
(LP, Out of Depression/Rec Rec, out 0019)

Das deutsch/schweizerische ‚Zine Out of Depression hat sich hier der Musik des Linzer Cassettenlabels Die Ind angenommen – allerdings nonverbal – und eine Compilation-LP zusammengestellt mit Stücken verschiedener Formationen, die früher nur auf Die Ind-Cassettensamplern zu hören waren. Der Großteil der zwölf Aufnahmen ist eher ruhig und experimentell, Collagen und Improvisationen herrschen vor. Aber wie so oft bestätigen Ausnahmen die Regel, wie z.B. der charmante Gitarrenpop von Caspers (u.a. mit Hans Platzgumer) oder die härteren Rhythmen von Monochrome Bleu. Trotz der einfachen Produktionsmittel, mit der die Aufnahmen zu dieser LP gemacht wurden, ist sie mehr als nur ein „Dokument“, wie es auf dem Cover heißt – nämlich einfach ein guter Sampler mit interessanter Musik zwischen den Stühlen. Zum Hinhören!

mrboredom
(1990)