Archive for the ‘Vinyl’ Category

Michelle auf der Herrentoilette

Mai 6, 2012

Vorgestern im Untergeschoß der Deichtorhallen, Haus der Photographie, Hamburg.

Ode an den Schallplattenladentag

April 21, 2012

Oh, Record Store Day /  Du gehst mir jetzt schon auf die Nerven / Du Valentinstag der Erdöl verarbeitenden Industrie / Du Nichtsnutz / presst Musik in knisterndes Vinyl / in limitierten Ausgaben / das neue Album von Jack White / in Form einer Testpressung als Hauptgewinn / da wollte wohl einer / seinen Müll entsorgen / oh Fetisch / geh weiter / lass mich bloß in Ruhe / ich möchte Musik hören / und keine gülden glänzende Sonderauflage / von ach so rarem Material / das  ein paar Tage später / sowieso zur Veröffentlichung ansteht / geh weiter / laß mich in Ruhe / Du Ausgeburt der Erdöl verarbeitenden Industrie

Frank Weghardt

April 14, 2012

Lebenslauf

Frank Weghardt, ein Porträt des Malers, Komponisten und Poeten.

Übersetzt aus dem Französischen von Robert Weber.
Erschienen in der Monatsschrift »Liberte d‘ Artiste« 1/90

1902 wird Frank Weghardt im Mecklemburgischen Naurach als Sohn des wohlhabenden Kaufmanns Victor F. Weghardt, der sich durch gewagte Spekulationen im Ausland saniert hatte, von seiner Mutter, Maria C. W. Weghardt, geborene Franzenmayer, im Landhospital zu Naurach geboren.

Es muß eine schwere Geburt gewesen sein, denn man entschloß sich verzweifelt, den zu dieser Zeit kaum erprobten Kaiserschnitt anzuwenden. Die erfolgreiche Durchführung der Operation, durch die in dieser Hinsicht völlig ungeübten Ärzte, soll diesen eine Flasche besten französischen Champagners wert gewesen sein.

In dem Zeitraum zwischen 1914 und 1918 trifft die Weghardt’s ein schwerer Schlag: Der Vater, als überzeugter Monarchist mit Begeisterung freiwillig in den Krieg gezogen, gilt als verschollen und wohl tot.

Die Mutter verkauft das Geschäft und zieht mit ihren Söhnen Frank und Franz, der 1906 geboren wurde, nach Berlin. Sie eröffnet dort einen kleinen Kolonialwarenladen, der einige Jahre ein einträgliches Auskommen bietet.

1928 geht, im Zuge der allgemein schlechten Lage der Weltwirtschaft, auch Maria Weghardt’s Laden bankrott. Nun gibt es für Frank kein Halten mehr, er, der auf dem Lande aufgewachsen war und im Grunde seines Herzens immer ein Provinzialist geblieben ist, wendet sich ab von dem seiner Meinung nach »Roten« Berlin und geht nach Bayern, wo er sich in Erding niederläßt.

Die derzeitigen kommunistischen Unruhen beunruhigen den bis auf die Knochen monarchistisch eingestellten Weghardt. Die Rettung des Deutschen Kaiserreiches sieht er allein in der erstarkenden Bewegung der Nationalsozialisten, denen er sich, als diese 1933 endgültig die Macht ergreifen, auch anschließt.

In den Wirren des Zweiten Weltkrieges, in welchem Weghardt aktiv als Infanterist teilnimmt, gerät er 1945 in russische Kriegsgefangenschaft. Hier trifft er wie durch ein Wunder seinen Bruder Franz wieder, der Betrübliches zu berichten hat: Die Mutter sei, so habe er erfahren, zwischen 1939 und 1945 verstorben. Wo sie begraben liege, wisse man nicht.

Diese schlimme Nachricht erschütterte das durch den Krieg keineswegs angegriffene, gesunde Weltempfinden des inzwischen 43jährigen Frank Weghardt bis ins Mark. Die Schuld für sein Unglück gibt er den Kommunisten.

1947 wird Weghardt aus der Gefangenschaft entlassen, muß aber verbittert feststellen, daß er seinen Bruder an die kommunistische Ideologie verloren hat. Dieser möchte in der Sowjetunion bleiben, um am Aufbau einer neuen Weltordnung mitzuwirken.

Weghardt zerreißt alle familiären Bande zwischen sich und seinem Bruder und läßt sich in dem Städtchen Ödheim am Rhein nieder, wo er alsbald eine deutschstämmige Amerikanerin — Elisabeth Hullner — kennenlernt und heiratet.

1949 startet Weghardt eine kurze politische Karriere: Er wird in Ödheim zum Gemeinderat gewählt, wohl aufgrund seines — als Kriegsteilnehmer und Kriegsgefangener — Status des heimgekehrten Helden. In dieser Position vertritt Weghardt die Interessen der CDU, der er unverzüglich nach seiner Rückkehr aus der Sowjetunion beigetreten ist.

Als Weghardt 1954 diesen Posten wieder verliert, zieht er sich in bürgerliche Gemächlichkeit zurück und zeugt 1963 seine Tochter Annemarie.

1968 erwacht Frank Weghardt aus seinem politischen Winterschlaf und schließt sich, aufgerüttelt durch die Studentenunruhen, die ihm zwar nicht gefallen aber doch imponieren, der SPD an, für die er einen Wahlkampf lang aktiv als Plakatierer tätig ist.

1974 gelangt er durch einige Versicherungsbetrügereien und Urkundenfälschungen wieder zu Wohlstand und beschließt, sein Domizil in Frankreich aufzuschlagen. Er kauft sich bei Nimes ein kleines Häuschen, das er im Herbst 1975 bezieht, ohne dabei jedoch seine Deutsche Staatsbürgerschaft aufzugeben.

1982 machen sich erste Anzeichen der Alzheimerschen Krankheit bemerkbar. Die Auswirkungen dieser furchtbaren Krankheit setzt Weghardt in den darauffolgenden Jahren geschickt in künstlerische Produktivität um.

Seine Malereien finden 1985 in Nimes, 1988 in Straßbourgh und 1989 in Ochsenfurt bescheidene Anerkennung. 1989 ist auch das Jahr, in dem sich Weghardt endlich mit seinem Bruder aussöhnt, der seinerseits, inzwischen enttäuscht vom Kommunismus, diesem den Rücken gekehrt hat.

Frank Weghardt wird in diesem Jahr 88 Jahre alt.

Aus dem Tagebuch des Frank Weghardt

Ich hatte die Heimorgel abgestaubt und bei der Gelegenheit wieder einmal betätigt, was mir viel Spaß bereitete und ich spielte allerhand Kleinigkeiten, die ich mir selbst ausdachte. Das erste Stück hieß Orgelcountdown und bestand aus einem einzigen Ton. Wenn es schon nur ein Ton ist, dachte ich mir, sollte man ihn zumindest auf abwechslungsreiche Weise mit Pausen versehen. Die Abstände zwischen den Pausen müßten dann immer kürzer werden, damit die Spannung, die in einem solchen Countdown steckt, hörbar wird. So spielte ich den einen Ton und zählte bis elf, dann die Pause und den gleichen Ton um eine Oktave höher eine viertel Note lang. Ab hier gings da capo, aber ich zählte beim zweiten Mal nur bis zehn, dann bis neun usw., bis die Abstände zwischen den Pausen Null betrugen. Sind die Abstände zwischen den Pausen Null, so folgt Pause auf Pause, was eine große Dauerpause ergibt, die nie aufhört, sofern man nicht, wie wir es bevorzugten, das Lied vor der Dauerpause beendeten, damit es nicht zu langweilig wird.

Am nächsten Tag fiel mir ein, daß ich heute ein Stück mit zwei Tönen versuchen könnte. Auch der Rhythmus sollte dann aus zwei unterschiedlichen Bums bestehen, die sich abwechseln. So schlug diesmal der Nachbar nicht nur bum-bum auf die Trommel, sondern um-bum-bum, während ich den ersten Ton zwei Takte lang hielt, um den zweiten im staccato anzuhängen. Meine Frau klatschte dazu in die Hände oder ließ Messer und Gabeln auf den Boden fallen. Mit dem Lied hörten wir erst auf, als wir keine Lust mehr hatten, und bis dahin verging eine Weile.

Meine Frau war übrigens sehr begabt darin mit dem Küchengeschirr zu klappern und den Rhythmus mit den großen Topfdeckeln zu bereichern. Bei meinem schönsten Orgelstück, das wir Frühling nannten, verstand sie es sehr virtuos den Takt zu schlagen. Darüberhinaus waren es viele Stücke, bei denen sie triangelte, wofür sie wirklich Talent besaß.

Als wir den Versuch unternahmen meine Kompositionen mit dem Diktaphon, das seit meinem Ausscheiden aus dem Gemeinderat unbenutzt im Wohnzimmerschrank stand, aufzuzeichnen, entdeckte ich beim Abhören der alten Bänder etliche Anzüglichkeiten, die ich mir der Sekretärin gegenüber erlaubt hatte. Leider hatte sie nie darauf reagiert, obwohl sie ein hübsches Ding war und alleinstehend dazu. Dummerweise bemerkte ich nicht, wie meine Frau ins Zimmer trat und mithörte, als meine mal mehr und mal weniger charmanten Komplimente aus dem Diktaphon erklangen. Es war natürlich kein Wunder, daß die Enthüllung dieser Tondokumente den Haussegen schief hängen ließ. Meine Frau zwang mich, sämtliche Bänder vorzuspielen und da kam einiges zu Tage, was mir recht unangenehm war.

Meine Frau meinte, es sei nicht nur eine Frechheit, was ich dieser Sekretärin ins Ohr geflüstert hätte, sondern sie wäre auch entsetzt über den Ton meiner Geschäftsbriefe. Ihr Stolz, die Frau eines Gemeinderates zu sein, verkehre sich im Nachhinein zu Scham darüber, daß ich Sätze wie ». . . der Erweiterung ihrer Firmenanlagen steht nichts weiter im Weg, als eine Handvoll assoziales Gesindel, für die wir schon lange einen Grund suchen, sie loszuwerden . . .« von mir gegeben hatte. Da nützten meine Erklärungen, im Sinne des Bürgermeisters gehandelt zu haben, auch nichts mehr. Aber da meine Frau eine gute Seele ist, währte ihr Ärger nicht lange und wir konnten mit den Aufnahmen beginnen. Allerdings schlug sie diesmal etwas fester auf die Kochtöpfe, was dem Stück »Die junge Bundeswehr« gut bekam.

Wenn es ums Trommeln ging, ließ meine Frau jedoch immer unserem Nachbarn den Vortritt, obwohl der ja nur ein Bein und eine Hand richtig benutzen kann, wegen seiner Kriegsverletzung. Aber er meinte, ich sei auch kein guter Orgelspieler, denn wenn ich es wäre, solle ich beim Gottesdienst spielen, damit der Pfarrer nicht soviel Scherereien mit den auswärtigen Organisten habe. Ich antwortete, daß ich schon sehr gut an der Orgel sei, aber gleichzeitig sehr schlecht in Kirchenmusik, weil Kirchenmusik für alle Hände auf einmal ist. Meine eigenen Stücke, vor allem die mit nur einem oder zwei Tönen beherrsche ich perfekt und zum Teil sogar rückwärts, was die Kirchenorganisten mit ihren Liedern bestimmt nicht hinkriegen. Mit der Erklärung war der Nachbar nicht zufrieden, aber das Trommeln machte ihm trotzdem Spaß. Leider waren ihm viele Takte zu kompliziert. Mein Schwiegersohn kam mit seinem Saxophon und wir sollten ihn begleiten, als er eine Melodie im 3/4-Takt spielte. Der Nachbar schaffte es nicht, und ich mußte auch erst eine Weile üben, denn wenn man das Orgelspielen mit Märschen und Polkas gelernt hat, ist so ein 3/4-Takt recht ungewohnt und bedarf größter Konzentration.

Der Schwiegersohn hatte noch eine andere schöne Idee, bei der wir sehr ausgelassen musizierten, nämlich das Lied »Frank beim Zahnarzt«. Zu der Zeit tat mein einer Zahn schrecklich weh, wenn er mit süßen Sachen zusammentraf. Dann jammerte ich, und zwar so ähnlich wie bei »Frank beim Zahnarzt«. Allerdings jammerte ich beim musizieren durch den Corpus des Saxophons hindurch, was sich sehr nach Weltraum anhörte. Nach Weltraum zu klingen fanden wir alle schön und mußten an den Nikolaus denken, wie er mit dem Schlitten durchs All saust.

Gerne hätte ich manchmal noch mehr gesungen, doch meine Frau meinte, ich solle das erst einmal üben, wenn sie nicht da ist. Weil sie fast immer daheim ist, kann ich also nie üben, oder zumindest nur selten. Darum wird es vielleicht noch ein paar Jahre dauern, bis es soweit ist. Hoffentlich kann dann der Nachbar auch ein bißchen mehr als sein bum-bum.

Die oben dokumentierten Texte stammen, ebenso wie die beiden Abbildungen, vom Textblatt zur 7″EP „Weber & Schuster spielen FRANK WEGHARDT – Kompositionen für einen, zwei oder mehrere Töne“ (MultiPop, 1990), das im Original so aussieht:

Edi Rogers Review dieser Schallplatte für das 10.16 Megazine kann man hier lesen: bum-bum

Seit kurzem kümmert sich das Akkordeon Salon Orchester (feat. Ralf Schuster) um die Musik des mittlerweile verstorbenen Komponisten. In diesem Video sind sogar Schmalfilme aus dessen Nachlaß zu sehen (ab Minute 8:28):
Warum ist das Akkordeon Salon Orchester so wie es ist? Vier Lieder mit Erläuterung!



Kompositionen für einen, zwei oder mehrere Töne

April 13, 2012

WEBER & SCHUSTER: „…spielen Frank Weghardt“
(7″EP, MultiPopProd., 1990)

Bisher waren mir Weber & Schuster zwar keine Unbekannten, aber so richtig kennengelernt habe ich sie erst durch diese Veröffentlichung. Auf mein Interesse stieß ihre bisherige Entwicklung immer (was natürlich auch am 10.16 lag), aber leider ist ihr Ruhm noch nicht bis nach Bärlin gedrungen, so daß ich immer noch einem ihrer Auftritte entgegenfiebern muß.

Die Musik dieser Single kann eine gewisse Seelenverwandtschaft zur Tödlichen Doris nicht verleugnen, und auch der ‚Schule der tödlichen Doris‘ (wie die Einzelmitglieder jetzt firmieren) würde diese Scheibe nicht schlecht zu Gesicht stehen. Im Gegensatz zur Doris wird hier allerdings rein instrumental vorgegangen, was den Reiz aber überhaupt nicht schmälert. Sieben kleine musikalische Miniaturen betören so das Ohr. Aber das reichliche Textbegleitmaterial (die Platte ist in einem beidseitig bedruckten DinA3-Bogen verpackt) macht den Hörgenuß kurzweilig. Mir ist nur schleierhaft, warum Schuster & Weber sich Frank Weghardt als Komponisten erkoren, denn nach seiner abgedruckten Biographie stößt er mich eher ab. Aber man muß ja nicht alles wissen!

Edi Roger

Dieser Text stammt aus Edit 15 des 10.16 Megazine, erschienen im Sommer 1990 in Würzburg.

Die Frau, Das Monstrum

April 2, 2012

Stereo Total feat. Käptn Blauschimmel – Die Frau in der Musik / Das Monstrum
(7“, Staatsakt / Rough Trade, 2012)

Vor ein paar Tagen ist diese neue Single der „Berliner Rockgruppe“ Stereo Total erschienen. Diesmal kümmern sich die beiden um Frauen nicht nur in der Musik. Traurig, daß dies heutzutage immer noch ein Thema ist. Hat sich seit der Post Punk New Wave Ära mit all den Mädchengruppen wirklich nichts getan, trotz Riot Girls und so? Der Text hätte auch schon 1979 geschrieben werden können: Die Frau in der Musik nervt, spielt Bass, ist sexy, trällert Liebesliedchen und „stört immer“. So denken wohl heutzutage immer noch etliche Musiker, Bühnentechniker und Konsumenten. Traurig!

Die Pärchen-Combo Stereo Total ist nicht nur mit dieser Single der lebende Gegenbeweis dazu. Ihrem Sound sind sie treu geblieben. Trashiges Schlagzeug trifft Synthesizer, da rockt die Disko, Frau singt, Mann sendet lustige Störgeräusche (soll das wirklich ein echtes Trautonium sein? Oskar Sala rotiert in seinem Grab!). Das noch kürzere Lied auf Face B, ebenfalls zum Thema „Sie“ (aber nicht in der Musik) rockt dann noch mehr und überracht mit Boogie Woogie-Klavier. Klasse! Auf der angekündigten LP soll das angeblich alles ganz anders klingen. Da bin ich ja mal gespannt – auch ob das dann ein Konzeptalbum zum Thema Frauenklischees werden wird!?

02.04.2012

totgut

Februar 25, 2012

DIE TOTEN HOSEN
‚Wir sind bereit‘ / ‚Jürgen Engler’s Party‘
(7″, Totenkopf, Tot2, 1982)

Seit ein paar Monaten gibt es in Düsseldorf ein neues Label: TOTENKOPF- Schallplatten. Ihre ersten Produkte sind eine ZK-live-LP (lustig! lustig!) und als zweites eine Single der TOTEN HOSEN (Bestellnummer TOT 2).
Die Vereinigung der TOTEN HOSEN besteht aus Trini Trimpop (ex der KfC), Jochen H., Kuddel. Whyat Earp, W. November, Andi M. und Campi. Wenn man die Single das erste Mal hört, denkt man unwillkürlich an die legendären ZK: der gut arrangierte (arrangiert???) Chorgesang (Aaaaaa/Aaaaa), das Klatschen und die tolle Stimme. Kein großes Wunder, denn Campi, der Sänger mit der tollen Stimme kommt direkt von ZK, die sich ja getrennt haben, aber back to the Musik: einfacher, gerader, harter und gutgemachter (Punk?-) Rock mit guten, originellen deutschen Texten. Allerdings besser bzw. perfekter produziert als bei ZK. Die A-Seite ‚Wir sind bereit‘ ist gut, aber die B-Seite ‚Jürgen Engler’s Party‚ ist genial!
Der Text beißt alle düsseldorfer Ex-UntergrundundjetztPopstars, vor allem die Englers und Doraus*. Passend zum Song ist auf dem Cover noch der Brief einer 13jährigen Gymnasiastin an Jürgen abgedruckt: „Ich hab alle deine Platten und viele Fotos von Dir und Bernward. Ich weiß nicht, wen ich von euch schöner finde. ….. Wenn ich mir zusammen mit Ulla und Karin eure Platten anhöre, muß ich immer in die Hosen machen. Letzte Woche…“

*****

DIE TOTEN HOSEN
‚Niemandsland‘ / Reisefieber‘
(7″, Totenkopf, Tot1, 1982)

Die zweite TOTEN HOSEN-Single ist da! (Diesmal Best.-Nr. TOT 1). Wieder gerader, rauher und fetziger Rock mit tollem Backgroundgesang und Campi’s (Hallo, wie gehts deinen Campino-Bonbons?) einzigartiger Stimme. Die Texte sind kurz und bündig, aber nie albern, sondern gut. Danke für das Textblatt, ohne das würde man nur die Hälfte mitkriegen!
Am Anfang von ‚Reisefieber‚ hört man einen Dudelsack (oder ist es eine Tote Hose?) und das Meer (eigentlich mehr den Wind) rauschen. Bei ‚Niemandsland‘ gefällt mir besonders dieses ‚khwüa!‘ (oder halt so ähnlich) in der Mitte.
DIE TOTEN HOSEN schaffen es, obwohl bei ihnen u.a. Leute mitspielen, die seit ca. fünf Jahren aktiv sind, frischeste Musik zu machen, die auch noch mit guten Texten Spaß macht. DIE TOTEN HOSEN gegen tote Hose in überall!

Achtung! Hab noch mehr Informationen aus Düsseldorf über die TOTEN HOSEN gekriegt: Und zwar, daß es schon wieder eine neue Single gibt. Titel: ‚Armee der Verlierer‘, ‚Opel-Gang‘ und ‚Eisgekühlter Bommerlunder‘. Eine Flasche Bommerlunder liegt bei. Aber besauft euch nicht!
P.S.: DIE TOTEN HOSEN sind nicht toll, sondern totgut ! ! !

dom

*****

Diese beiden zeitgenössischen Reviews stammen aus der im April 1983 erschienenen Erstausgabe des Würzburger Fanzines Oi Oi Oi!.

Ein herzliches Beileid an Die Toten Hosen zu ihrem 30-jährigen Jubiläum und dazu, daß ausgerechnet die Zeitschrift Rolling Stone aus diesem Anlaß im April 2012 ihre erste Single wiederveröffentlichen wird. Was nichts daran ändert, daß die ersten Hosen-Singles zu meinen All time favourites zählen!

Anmerkung:
* wobei eh klar ist, daß Andreas Dorau kein Düsseldorfer ist, genausowenig wie Holger Hiller. Aber bei den Leuten von Der Plan bzw. Ata Tak hat er die eine Hit-Single aufgenommen. Im Song der Toten Hosen ist Dorau auf dem Balkon zu sehen. Der Bilker Jürgen Engler war Mitglied von Male, bevor er mit Die Krupps erfolgreich wurde.

The History of Future

Februar 24, 2012
Plattenhülle, Vorderseite, Ausschnitt

Die Zorros – Future
(Tape/LP/CD, Voodoo Rhythm Records, VR1273, 2012)

Eigentlich wollte ich gestern in diesem Schallplattenfachgeschäft nur mal schauen, was es in  der Abteilung „Underground“ so an Neuigkeiten gibt. Dann fiel mir aber dieses zweite Album von Die Zorros ins Auge. Und aus nur mal gucken wurde dann doch kaufen…

Schon die erste Platte dieser Schweizer Band war eher eine Zufallsbekanntschaft und lief mir irgendwann mal über den Weg. Auf „History Of Rock Volume 7“ coverten sie neben schnell selbst zusammengeschusterten Instrumentals so manchen Mainstream-Hit in ihrer recht eigenen Easy Listening Primitive Rock’n’Roll-Manier. Unvergessen ihre Version von „Final Countdown„, die so klingt als wäre dieser Song für einen Italo-Western geschrieben worden. Ein Klassiker der Moderne!

Auch auf „Future“ bleiben sie ihrem Konzept treu: möglichst wenig Zeit in ein Stück investieren, nicht üben, sofort aufnehmen, fertig. Klingt irgendwie nach Spaß haben. Und den hat man auch beim Anhören. Das Instrumentarium besteht aus Orgel, Gitarre, Drums und rudimentären Stimmen und wird von Oliver Maurmann (Die Aeronauten, Guz & Die Averells), Patrick Abt (Bigger Club) und [Reverent bzw. Lightning] Beat-Man (The Monsters, Voodoo Rhythm Records Labelmacher) bedient. Diesmal müssen u.a. Stücke vom Amy Winehouse aber auch von den Rolling Stones, den Beatles und Rod Stewart daran glauben. „Rehab“ wird auf ein kerniges „No No No“ eingedampft, bei „Paint It Black“ sirrt die Orgel herrlich käsig, „Taxman“ und „Walrus“ werden in einen Topf geworfen und am Ende schießt „Sailing“ den Vogel ab dank der etwas längeren Absage des imaginären Provinz-DJs Manni über den vor sich hin shuffelnden Groove. Herrlich! Leider etwas kurz geraten ist ihre wunderbare Ode an Erik bzw. die Interpretation des TV-Themas „Der Komissar“ [sic], welches bekanntermaßen ja auch schon 1980 von The Wirtschaftswunder bearbeitet worden ist. Das vielleicht etwas affige „Zorros in Afrika“ paßt auf jede Jungle Exotica Party! Und sogar eine Live-Jazz-Improvisation wird durch den Kakao gezogen, inklusive einer gefakten Ansage von Joachim-Ernst Berendt.

Das Ganze könnte man als eine amüsante Ergänzung zur aktuellen Platte „Too Big To Fail“ der Die Aeronauten sehen. Wer von deren Instrumentals nicht genug kriegen kann, wird hier in rauer Art und Weise bestens bedient. Aber eigentlich sind Die Zorros ziemlich einzigartig – und einfach herrlich!

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Musik um zu leben

Februar 20, 2012

A Million Mercies – Wir sind elektrisch
(CD / LP-Box mit CD / Download, Hausmusik, HM 77, 2011)

Als mir DJ St.Micha 69 im letzten Dezember erzählte, daß es wieder einen Hausmusik-Online-Shop gibt, bei dem man auch noch die im Herbst 2011 erschienene, neue Platte von A Million Mercies bestellen kann, war ich hocherfreut. „Wir sind elektrisch“ ist seit seinen Beiträgen zur 2006 erschienenen Compilation „You Can’t Always Listen To Hausmusik But…“ (zwei Kollaborationen mit Broken Radio bzw. Calexico) Wolfgang Petters erstes musikalisches Lebenszeichen. Zwischendurch ging sein Hausmusik-Vertrieb dank nicht zahlender, internationaler Kundschaft den Bach runter, was ihn nicht davon abhielt, später mit Hausmunik einen Laden für Platten und Kaffeespezialitäten zu eröffnen. Und jetzt wurde das Hausmusik-Label für sein zweites Solo-Album wiederbelebt.

Für Fans gibt es dieses Album auch in einer limitierten Box mit LP und CD sowie einem großformatigen Siebdruck-Heft, für das der Johnny Cash-Biograph Franz Dobler die Liner Notes schreiben durfte. Die Vinyl-Ausgabe verdeutlicht die beiden Pole dieses Albums: Die ersten acht Songs sind eher akustisch und ruhiger, während es auf Seite 2 dann verstärkt und elektrifiziert zugeht. Die Beats werden lauter, der Titelsong rockt los und plötzlich gibt es mit „Speed“ sogar einen Synthie-Pop-Kracher aus der 80er-Jahre-Disco. Für „Reich die Hand“ wird die Musik aus dem blauäugigen Velvet Underground entliehen. Insgesamt überwiegt aber dieses auf nicht nur akustischer Gitarre basierende Singer/Songwriter-Dingens, das manchmal dezent von Elektronik und Sampling unterstützt wird. Das weckt bei mir stellenweise Assoziationen an die Fellow Travellers oder Leonard Cohen. Oder an Hausmusik-Freunde wie Calexico, was nun wiederum kein Wunder ist – denn deren Kontrabassist Volker Zander spielt neben anderen befreundeten Musikern auf einigen Stücken mit. Einmal geigt Martin Lickleder (Jeep Beat Orchestra, Suzie Trio, Moulinettes) und sogar Familienmitglieder tauchen immer wieder auf. Überhaupt ist dies eine sehr persönliche Platte. In „Man Behind The Drumkit“ verarbeitet er den Tod seines musikalischen Weggefährden Thomas Ganshorn (Fred Is Dead, Broken Radio). Und Wolfgang Petters findet dazu den passenden Ton, unterstützt mit Klangfarben von Akkordeon und Klarinette. Eingerahmt wird das Ganze von „Servabo“, einmal in englisch und einmal vorwiegend in deutsch. Überhaupt singt Wolfgang Petters (Fred Is Dead, Village Of Savoonga) mit seiner Nicht-Sänger-Stimme vorwiegend englisch, aber auch deutsch und italienisch.

Die Musik von A Million Mercies ist offensichtlich aus dem Leben gegriffen. Und das macht sie so einzigartig.

Diese Platte gefällt mir immer besser.

mrboredom
19.02.2012

Hörprobe auf Soundcloud:
„Come Sei Bella“

*****

Diskografie:

  • This Is Not Your Home / Matador (10″, 1994)
  • Elektrizität –  (hält dich in Bewegung) (LP, 1996)
  • A Million Mercies & Alles Wie Gross – 5 hours / Essen ist wichtig (7″, 1997)
  • Wir sind elektrisch (LP/CD, 2011)

Sampler-Beiträge:

  • „Jump Right Through The Window“ auf „Hausmusik“ (1991)
  • „Disobediance“ auf „Flederhausmusik“ (1994)
  • „Essen ist wichtig“ auf „Festplatte“ (1996)
  • A Million Mercies & Alles Wie Gross – „Essen Ist wichtig“ auf „Zur Hölle Mama – Perlen deutschsprachiger Popmusik #3“ (1998)
  • „Duck And Crawl“ auf „Do You Think That I’ll Be Different When You’re Through?“ (2001)
  • Broken Radio / A Million Mercies – „One Way Trip“ und A Million Mercies / Calexico – „Freunde“ auf „You Can’t Always Listen To Hausmusik But…“ (2006)

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Hemmungslos

Februar 17, 2012

Die Aeronauten – Too Big To Fail
(DoCD/DoLP/DL, Rookie/Ritchie Records/Broken Silence, 2012)
und live im Hafenklang, Hamburg, 16.02.2012

Gestern waren Die Aeronauten wiedermal in der Stadt und haben den Hafenklang gerockt und hatten auch ihre neue Platte im Gepäck. Erschienen ist diese bereits am 3. Februar 2012, genau 20 Jahre nach ihrer ersten Cassetten-Veröffentlichung.

„Too Big To Fail“ ist kein einfacher Tonträger sondern ein Doppel-Album. Angeblich erfüllt sich die Band mit der zweiten Scheibe den Traum eine Instrumental-Platte zu veröffentlichen. Aber da sich so etwas womöglich nicht so gut verkauft, tun sie den Labels den Gefallen und packen noch viele Songs dazu. Zumindest haben sie das so ungefähr letztes Jahr im Schaffhausener Fernsehen erzählt. Dabei bereiteten die Instrumentals der Die Aeronauten schon immer hervorragenden Hörgenuss. Ich denke da nur an die Western-Melodie „Extremadura“ oder an das vermutlich von Billy Childish bzw. The Milkshakes inspirierte „Roter Stern“ (beides auf „Jetzt Musik“, 1997). Eine Instrumental-Platte war also längst überfällig. Auf „Too Big To Fail“ sind so einige mehr als gelungene Lieder ohne Worte zu hören. Da gibt es Stücke, die man gerne in Western-Filme  oder Agenten-Thrillern wiederhören möchte. Und mit „Ärger in Shit City“ gibt es die beste O-Ton-Dialog-aus-Krimi-geklaut-Musik-Kombination seit „Television / Kommissar“ von The Wirtschaftswunder (1980). Vereinzelt geht mit den Die Aeronauten auch der mal soulige, mal funkige oder sogar jazzige Groove durch. Entfernte Assozationen an Mariachi oder gar Klezmer können da durchaus aufkommen. Und „Asino Morto“ erinnert mich von der Klangästhetik her an das, was Olifr M. Guz zusammen mit Die Zorros gemacht hat, nur etwas schöner und mit Bläsern. Und das ist ja das besondere an Die Aeronauten: rockigen Indie-Pop (ich hasse mich für diese Schubladisierung) zu machen, mit guten, teils kulturpessimistischen Texten, herrlichen Gitarrenriffs und so, aber auch mit Saxophon und Trompete. Und alles hat Seele, mit Liebe zum Detail aufgenommen und stellenweise wird auch georgelt.

Produktfoto, Innenansicht, aufgeklappt

Live präsentieren Die Aeronauten nicht allzu viele Instrumental-Stücke, binden diese aber geschickt in ihr Programm ein, das  dem Publikum neben den neuen Songs natürlich auch etliche alte Knaller um die Ohren haut. Da kommt bei 21 Jahren Bandgeschichte so einiges zusammen. Eines der ältesten Stücke dürfte „Sexy Terrorist“ von ihrer ersten Platte gewesen sein, das als Zugabe gespielt wurde. Weil das Publikum es nicht lassen konnte nach „Freundin“ zu verlangen, wurde dieses Lied dann gegen Ende doch gespielt – aber in einem schlageresken Arragement, das mich dank entsprechendem Synthie- und Saxophon-Spiel an Münchner Freiheit erinnert hat. War  das nun humorvoll oder schon selbstironisch?
Auf jeden Fall hatte die sechsköpfige Band ihren Spaß auf der Bühne und began die Show ausgerechnet mit „Das Ende ist nah“ (das ist der Song dessen „Na na na na“-Chorgesang nach „The Night They Drove Old Dixie Down“ klingt). Teile der Band kamen für diesen Song in weißen Gewändern auf die Bühne und ließen sich von UV-Licht optisch aufhellen. Mit den beiden Stücken, die auch auf ihrer Picture-Disc zu hören sind, wurde  der offizielle Teil dieses Konzertes beendet und das Zugaben-Ritual eröffnet. Davon gab es etliche, gefühlt mehr als zehn, irgendwie schien es mir als ob Die Aeronauten gar nicht mehr aufhören wollten. Von wegen das Ende ist nah…

Klasse Konzert, super Scheiben!

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Ein Dokument

Oktober 21, 2011

Kurzer Review aus dem 10.16 Megazine Nr. 15 aus dem Jahr 1990:

Abschrift des obigen Scans (minimal editiert und ohne die Adresse, da sie garantiert nicht mehr stimmt):

Various: Music of Die Ind – Ein Dokument
(LP, Out of Depression/Rec Rec, out 0019)

Das deutsch/schweizerische ‚Zine Out of Depression hat sich hier der Musik des Linzer Cassettenlabels Die Ind angenommen – allerdings nonverbal – und eine Compilation-LP zusammengestellt mit Stücken verschiedener Formationen, die früher nur auf Die Ind-Cassettensamplern zu hören waren. Der Großteil der zwölf Aufnahmen ist eher ruhig und experimentell, Collagen und Improvisationen herrschen vor. Aber wie so oft bestätigen Ausnahmen die Regel, wie z.B. der charmante Gitarrenpop von Caspers (u.a. mit Hans Platzgumer) oder die härteren Rhythmen von Monochrome Bleu. Trotz der einfachen Produktionsmittel, mit der die Aufnahmen zu dieser LP gemacht wurden, ist sie mehr als nur ein „Dokument“, wie es auf dem Cover heißt – nämlich einfach ein guter Sampler mit interessanter Musik zwischen den Stühlen. Zum Hinhören!

mrboredom
(1990)