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5 Tage DDR

Februar 1, 2012

Die Deutsche Demokratische Republik scheint ja leider kein besonders populäres Reiseland zu sein und ohne daß man dort ‚drüben‘ Verwandte hat, werden sich nur wenige Bundesbürger in Deutschlands Osten gezogen fühlen. Als wir (Stefan und Guido) allerdings von einem Bekannten, den wir bislang nur von Briefen her kannten, zu den 12. Leipziger Jazztagen [1987] eingeladen wurden, sagten wir natürlich zu. Schließlich war man neugierig auf das andere Teil Deutschlands.

Nachdem wir also am Grenzübergang Hirschberg die ganzen Formalitäten  mit den Zollorganen der DDR ohne größere Probleme überstanden und unser Eintrittsgeld plus Verzehrbons (sprich: Visagebühr plus Zwangsumtausch) gezahlt hatten, fuhren wir in Richtung einer kleinen Stadt im Kreis Döbeln, wo wir schon von unserem Bekannten samt Family erwartet wurden, deren Wohnlage recht illuster ist:
Zu dem alten Backsteinhaus, das sich noch in Privatbesitz befindet, gelangt man, indem man am Knast links abbiegt, und wenn man aus den hinteren Fenstern der Wohnung guckt, die sich in einem oberen Stockwerk befindet, kann man in den Hof der Psychiatrie blicken, in dem die Insassen dieser Anstalt hinter den hohen Mauern nachmittags ihre Kreise ziehen; irgendwie fühlte ich mich bei diesem Anblick an den Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ erinnert.
Bei einer Tasse Kaffee kommt man schnell ins Gespräch über dies und jenes und stößt dabei selbstverständlich immer wieder auf den Vergleich von Hier und Drüben. Und dabei fällt auch immer wieder auf, daß unsere Bekannten besser über unsere Verhältnisse informiert sind als wir über deren; Westfernsehen macht’s möglich. Und eigentlich möchte ich jetzt nicht so auf die Unterschiede eingehen, bevor man mir vorwirft, ich wiederhole nur Klischees, die man eh andauernd hören kann. Aber trotzdem bestätigten sich diese Vorstellungen, die man vom Leben in der DDR nun mal hat, allerdings macht man dort halt das beste aus dieser Situation, während man als verwöhnter Außenstehender sich nur wundern mag und sich unwohl fühlt. Man hilft sich hier halt mehr untereinander aus, indem man z.B. Kinderkleidung austauscht und sich gegenseitig beim Wohnungsrenovieren hilft. Denn auch an Handwerker kommt man nicht so leicht heran, vor allem weil anscheinend diese alle die Hauptstadt der DDR Berlin zur 750-Jahre-Feier aufmöbeln mußten. Es lebe das Prestige. Scheint überall das Gleiche zu sein…….

Dresden

Am zweiten Tag unseres 5-Tages-Aufenthalts machten wir uns auf, um Dresden anzugucken. Wir fahren also auf der Autobahn ins ‚Tal der Ahnungslosen‘ ein, da so genannt wird, weil es dort (rund um Dresden) nicht möglich ist, West-Sender zu empfangen. Nur im luxuriösesten Hotel Bellevue soll dies dank Verkabelung möglich sein, erzählt man sich. In Dresden, der Stadt der Kunst und Kultur und heute auch der Industrie, gibt es viele alte Bauwerke, u.a. aus dem Barock, zu sehen. Eines der berühmtesten Bauten ist ‚Der Zwinger‘, der der Würzburger Residenz nicht unähnlich ist; nur macht es die Industrieluft dem Gebäude nicht gerade leicht. Nicht unweit davon findet sich im Innenstadtbereich, der viel gepflastert ist, die Semper-Oper, die noch vor garnicht langer Zeit renoviert und mit modernem Anbau versehen worden ist. Nach ein paar weiteren Schritten kommt man schon auf die brühlsche Terrasse, die sich in Höhe der Anlegestelle der Weißen Flotte die Elbe entlang zieht, von der man allerdings noch durch eine Brüstung und eine Straße getrennt ist. Hier hat sich vor genau 250 Jahren Graf Brühl einen Garten mit etlichen Bäumchen anlegen lassen und heute läuft dort jedermann umher, wo sich jetzt in den alten Gebäuden, in deren Dachrinnen Grünzeug rankt, Museen und Vorlesungssäle befinden. In der Altstadt kann man also viele Sehenswürdigkeiten anschauen, während man zu Fuß im Innenstadtbereich spazieren geht und in Richtung Stadtrand die Leuchtreklame des VEB Kombinat Robotron auf einem Hochhaus erblicken kann. Über die Georgi-Dimitroff-Brücke kommt man in den Neubaubezirk von Dresden, wo man Hotels, eine moderne Prachteinkaufstraße und Gaststätten findet. Es lebe der Beton.

Dessau

Die restlichen Tage wollten wir in Leipzig verbringen, wo uns eben die 12. Leipziger Jazztage hinzogen und wo am Donnerstag-Abend, unserem dritten Tag in der DDR, auch das erste Konzert stattfand. Und so machten wir uns vormittags auf den Weg, allerdings mit einem Abstecher über Dessau, wo wir uns das dortige Bauhaus, in dem u.a. Walter Gropius wirkte, sehen wollten, was eigentlich auch schon das einzig interessante an dieser Stadt für uns darstellte.
Auf Dessaus Straßen machten wir dann auch Bekanntschaft mit der Polizei der Deutschen Demokratischen Republik, als wir nichtsahnend in eine vierspurige Straße einfahren und vor der nächsten Kreuzung auf zwei Polizeibeamte stoßen, die uns fragen, ob wir nicht gesehen hätten, daß diese Straße gesperrt sei, schließlich sei da vorne ein entsprechendes Schild gewesen, das man mißachtet hätte. Darauf knöpfte man uns 20 Mark – natürlich DM, schließlich ist man ja scharf auf harte Devisen – ab und als Stefan fragte, wie man von hier aus zum Bauhaus kommt, erklärte uns der eine Beamte: „Ja, da fahrn’se geradeaus und dann…….“. Wo diese Straße gesperrt gewesen sein sollte, wissen wir uns die vielen Trabis vor und hinter uns bis heute nicht.
Für diese Schlappe entschädigte uns dann aber das Bauhaus, das etwas außerhalb der Innenstadt liegt und schon 1926 erbaut wurde, was man dem Gebäude mit den riesigen Glasflächen und den niedlichen Balkons auf der Rückseite kaum ansehen kann, was zeigt, wie weit die Bauhäusler ihrer Zeit voraus waren. Als wir feststellen mußten, daß ausgerechnet wenn wir hier sind, die Ausstellung über das Bauhaus geschlossen ist, machten wir uns auf ins Zimmer des zuständigen Menschen, mit dem auch Führungen außerhalb der Öffnungszeiten ausgemacht werden können, so versprach es zumindest das Plakat am Eingang. Im besagtem Raum fragten wir dann, ob irgendwie die Möglichkeit bestünde, heute die Ausstellung zu sehen, worauf die freundliche Frau, die dort anzutreffen war, leider antwortete, daß heute zwar eine Führung sei, aber daß hierzu niemand mehr dazu genommen werden könne und spurtete sogleich fort um den zuständigen Herren zu suchen. Nach einer kurzen Weile  stand ein junger Ingenieur vor uns, wohl kaum über 30, der anbot uns kurz in der Ausstellung umsehen zu lassen, was wir natürlich begeistert annahmen. In der Ausstellung kann man Skizzen, Fotos, Modelle, erklärende Tafeln sowie Original-Werkstücke bewundern, zu denen unser Ingenieur auch bereitwillig und mit einem gewissen Enthusiasmus unsere Fragen beantwortete. Nachdem seine Mittagspause, die er für uns geopfert hatte, dem Ende entgegen ging, mußten wir dann wieder raus. So war es also kurz aber interessant – und es gibt doch ab und an nette Leute!
Danach suchten wir noch das heutige Gewerkschaftshaus, einen halbrunden Bau, dessen Modell wir auch in der Bauhaus-Ausstellung gesehen hatten und das von Gropius entworfen wurde. Allerdings war dieses Gebäude mit der Zeit schon so zugebaut und zugewachsen, daß man es als Ganzes gar nicht mehr so richtig wahrnehmen konnte und sich mit Details zufrieden geben mußte.

Leipzig

Am Nachmittag kommen wir dann in Leipzig an wo wir bei einem Kumpel unseres Bekannten übernachten konnten, der in der Trabantenstadt Leipzig-Grünau wohnt, wo in einer Neubausiedlung voller Hochhäuser ungefähr so viele Leute leben wie in einer kleinen Großstadt (also so ungefähr 100.000 Menschen). Dieser Stadtteil wurde eigentlich schon vor vier Jahren fertiggestellt, aber immer noch sieht es hier wie auf einer Baustelle aus, weil die Begrünung noch auf sich warten läßt.
Von hier aus kommt man mit der Tram oder der S-Bahn innerhalb einer halben Stunde in die Leipziger Innenstadt, was pro Fahrt nur ein paar Pfennige kostet. Als erstes schauen wir im noblen Interhotel Astoria vorbei, wo einige Organisatoren des Leipziger Jazz-Club in der Vorhalle sitzen, um hier ankommende Musiker zu empfangen. Das bunte Grüppchen von Jazzfreaks machte sich als Kontrapunkt zu dieser von Eleganz strotzenden Halle sehr gut. Als unsere Bekannten, die bei den Jazztagen auch ein bißchen mitorganisierten und deshalb hierhergekommen waren, ihre Sachen erledigt hatten, ging es in die Innenstadt um noch einen Happen essen zu gehen bevor man sich von 19 Uhr 30 bis Halbdrei nachts, acht Stunden lang dem Jazz in seinem ganzen Spektralbereich hingab. Bemerkenswert ist übrigens, daß jedem für kulturschaffendes Engagement ein paar Tage Sonderurlaub zustehen, so daß sich unsere Freunde während der Jazztage um ihre Arbeit nicht kümmern mußten. Praktische Sache, was!
Während wir nachts also Jazzmusikern aus der DDR und BRD, Rumänien, USA, UdSSR, Schweiz, Österreich, Niederlande, Australien, Großbritannien und Japan zuhörten, schauten wir uns nachmittags Leipzig an.

Eines der herausragendsten Bauwerke Leipzigs ist das 91 Meter hohe Völkerschlachtdenkmal, das am Stadtrand von 1889-1913 zum Gedenken der Völkerschlacht im Oktober 1813 erbaut wurde und heute angeblich als Mahnmal für den Frieden dient. Herausragend kann man dieses Denkmal vor allem deshalb bezeichnen, weil es absolut wuchtig ist und über 500 Stufen gelangt man auf die Plattform dieses teutonischen Bauwerks, von wo aus man eine gute Aussicht hat, die bei klarer Wetterlage wunderbar sein muß. Am Völkerschlachtdenkmal hält die Freie Deutsche Jugend auch regelmäßig größere zeremoniellen Meetings ab, wozu aus dem Bassin vor dem Denkmal extra das Wasser abgelassen wird, um einen schönen großen Platz hierfür trockenzulegen.
In der Deutschen Bücherei, die 1913 in Leipzig eröffnet wurde und sich auf das Sammeln von deutschsprachigem Schrifttum des In- und Auslands spezialisiert hat, konnten wir uns eine interessante Ausstellung zur Geschichte der Schrift und der Papierherstellung ansehen, während wir im Musikinstrumenten-Museum der Karl-Marx-Universität alte Instrumente wie Hammerflügel, Cembali, Orgeln oder ein dreigeteiltes transportables Cembalo sowie etliche Blas- und Saiteninstrumente, worunter sich einige obskure Einzelstücke befinden, bestaunen konnten.
Nach solchen interessanten Touren per Tram und Fußsohle durch Leipzig wird man hungrig und wenn man wie unsereins mittags gefrühstückt hat für den geht’s dann gegen Abend ans Mittagessen. Allerdings muß man erst einmal einen Platz in einer volkseigenen Gaststätte ergattern, was zu manchen Stoßzeiten einfach ans Unmögliche grenzt, weil dann plötzlich alle Essen gehen wollen und bis auf die Straße für einen freiwerdenden Platz anstehen. Ein paarmal hatten wir Glück und kamen genau vor dem großen Gedränge und bekamen in einem gut-bürgerlichen Gasthaus einen recht guten Platz an einem Tisch, an dem schon ein Ehepaar und zwei junge Frauen Platz genommen hatten. Als wir meinten, daß letztere aus dem Westen kommen könnten, weil sie eine Kaufhoftüte dabei hatten, wurden wir von unserem einheimischen Begleiter bitter enttäuscht. Daß man hier mit einer Plastiktüte aus dem Westen rumläuft sei eigentlich nichts ungewöhnliches – schließlich kann man Verwandte und Bekannte dort haben – und außerdem könne man es auch an ihrer Sprache hören, daß sie nach Leipzig gehören. So kann der Anschein  trügen. Trotzdem scheinen die Leipziger Großstädter (Leipzig hat 559.000 Einwohner) irgendwie ‚westlicher‘ eingestellt zu sein als die Leute in kleineren Städten wie Dresden oder Dessau. Jedenfalls lief in besagtem Lokal andauernd Musik von Modern Talking und C.C.Catch und ähnlich dekadentem Pop vom Band, das wohl bei irgendeinem West-Sender mitgeschnitten wurde.
Am Sachsenplatz, den sich Jugendliche als abendlichen Treffpunkt ausgesucht haben, konnte man auch ein paar Punks entdecken, was natürlich nicht so überraschend ist, wenn man weiß, daß von Leipziger Punks schon längst illegale Mitschnitte von Live-Concert-Feten existieren, die ins westliche Ausland geschmuggelt wurden und auf Tape vertrieben werden. Ich denke da als Beispiel an die L’ATTENTAT-Aufnahmen, die vom SM-Vertrieb in der Schweiz herausgebracht wird.
Als wir dem Polnischen Informations- und Kulturzentrum einen Besuch abstatten, in dem man polnische Volkskunst, Zeitschriften und auch Schallplatten erwerben kann, mache ich auch eine überraschende Entdeckung in dieser Richtung. Hinter der Schallplattentheke fiel mir nämlich ein LP-Cover in einem komischen Grün in die Augen und bei genauerem Hinsehen entziffere ich als erstes den Bandnamen U.K.Subs. Ich ließ mir diese Platte, die sich als ein Punk-Sampler namens „Backstage Pass“ eines polnischen (Jazz-) Labels entpuppte, zeigen und kaufte sie dann, obwohl ich noch im Unklaren war, ob dies wirklich Originalversionen waren, was sich später allerdings bewahrheitete. Das tolle an dieser Platte war zudem noch, daß nicht einmal die gängigen Punk-Hits enthalten sind, sondern auch unbekanntere 77er-Songs zu hören sind. Surprise Surprise.
Was einem Wessi noch penetrant auffällt, ist die Art und Weise wie man hier z.B. Geschäfte benennt. Im Schallplattengeschäft bekommt man eine Papiertüte der volkseigenen Einzelhandelskette mit der Aufschrift „Konsument“. Diese Protzerei mit westlicher Dekadenz ist einfach erstaunlich, merkwürdig und allerdings auch schon wieder amüsant.

Am Sonntagnachmittag geht’s für uns schon ins letzte Konzert der 12. Jazztage. Es hatte geregnet und die Luft war danach erstaunlich klar und gut, was in dieser Industriegegend selten sein soll. Wir machen uns also auf in Richtung Süden und an der Grenze dauert es diesmal beträchtlich länger, weil sonntagabends einfach alle nach Hause wollen. Als wir schließlich nach Rückbank vorklappen, Motorhaube und Kofferraum öffnen wieder in der Bundesrepublik Deutschland sind, haben wir endlich freie Fahrt und man kann wieder mit einer Geschwindigkeit über 100 km/h gen Heimat düsen. Im Radio hören wir noch Nachtsendungen über Laurie Anderson und Psychic TV, von denen wir erst später herauskriegen, daß sie vom DDR-Jugendradio DT 64 ausgestrahlt wurden.
Natürlich waren diese fünf Tage viel zu kurz um die Gegend hier wirklich kennenzulernen. Ich denke, wir kommen wieder.

Hier noch kurz Büchertips und eine Adresse für Leute, die es vielleicht auch mal in die Deutsche Demokratische Republik zieht:
– „Reisen in die DDR“ heißt ein sehr brauchbares Merkblatt des Bundesministeriums für innerdeutsche Beziehungen (Vertrieb: Gesamtdeutsches Institut, Postfach 12 06 07, D-5300 Bonn 1), das vor allem bei der Reisevorbereitung sehr nützlich ist und das es kostenlos in Reisebüros geben müßte.
– „Reiseatlas mit 60 Autorouten durch die DDR“ ist ein handlicher DDR-Straßenatlas des VEB Tourist Verlag, dessen 232 Seiten 25 Karten und einen umfangreichen Teil an Ortsbeschreibungen enthalten. Kostenpunkt: 12,50 Mark in der DDR. Ich habs allerdings für 13,40 DM in einem Würzburger pseudo-linken Buchladen erstanden, aber trotzdem dürfte es nicht so leicht zu finden sein.
– Zu guter letzt hier noch die offizielle Adresse des Jazz Club Leipzig: Postfach 543, DDR-7010 Leipzig. Hier gibt es auch die Programme zum Festival, das heuer vom 22.-25. September [1988] stattfinden wird.
– über die letzten Jazztage steht übrigens ein Artikel von Stefan Hetzel in der 12/87-Nummer der Würzburger Stadtzeitung „Herr Schmidt“.

mr.boredom,
1987

Fotos: Stefan Hetzel,
September 1987

Original Layout und Fotomontage:
Framed Dimension D-Sign, 1988

Dieser nur sehr wenig überarbeitete Text stammt aus Heft No. 11 des 10.15 Megazine, vermutlich im Mai 1988 in Würzburg erschienen.
Das Original gibt es hier als PDF:
5_Tage_DDR

Der oben erwähnte Artikel von Stefan Hetzel über die 12. Jazztage Leizpig wurde hier wiederveröffentlicht:
VEB Free Jazz

Step Across The Border

Januar 19, 2012

Fred Frith – Step Across The Border
(Deutschland, 1990, ca. 85 Minuten)

Der Schwarzweißfilm „Step Across The Border“ ist nicht direkt ein Musikfilm über den Gitarrenvirtuosen Fred Frith, sondern  eher eine improvisierte Collage aus Material, das die beiden Regisseure Nicolas Humbert und Werner Penzel auf ihrer gemeinsamen Reise mit Frith durch die halbe Welt auf Celluloid belichtet haben. Werner Penzel hat übrigens auch schon vor zehn Jahren (oder noch etwas früher) die Welttournee der Ethnorockformation Embryo in seinem 16mm-Film „Vagabundenkarawane“ dokumentiert. „Step Across The Border“ spielt zwar auch an verschiedensten über die ganze Welt verstreute Orte (New York, Tokyo, Schottland, Leipzig fallen mir jetzt spontan ein), ist allerdings kein Werk, das man als Dokumentar- oder Experimentalfilm abtun kann. In den eineinhalb Kinostunden sieht man Fred Frith mit den verschiedensten Leuten musizieren, man hört Statements von ihm, aber z.B. auch von Arto Lindsay. So mancher gibt in der U-Bahn Philosophisches zum besten, die Butterfly-Theorie wird erklärt oder ein Märchen wird von drei verschiedenen Menschen simultan erzählt. Immerwieder tauchen Fortbewegungsmittel wie Zug, U-Bahn, Auto oder Motorrad auf, man scheint ständig unterwegs zu sein. Brücken, Häuser, Felder und vieles mehr zieht vorbei. Und zwischendurch kann man Fred Frith von seinen verschiedensten Seiten sehen. Zum einen als wild improvisierenden Freistilmusiker und zum anderen als ruhigen Interviewpartner oder als den netten Onkel, der mit einem kleinen Kind und einer Harmonika spielt. Und wenn er mit seinen abgehackten Bewegungen den Dirigenten mimt, wird es sogar witzig. Oder: Fred Frith kauft in einem Supermarkt Haushaltswaren, Erbsen und ähnliches Zeug ein – anschließend sehen wir ihn wie er mit den eben eingekauften Dingen in der Küche seine homemade Tischgitarre bearbeitet…..

Die Musik, die in diesem Film als Soundtrack verwendet wurde, ist zu einem großen Teil von bereits erschienenen Fred Frith-Platten her bekannt. Allerdings sind auf der DoLP/CD teilweise Versionen, wie sie im Film nicht zu hören sind. Und wenn mich nicht alles täuscht, gibt es den auf dem Soundtrack-Album enthaltenen, titelgebenden Song („The Border“ von Skeleton Crew) garnicht im Film zu hören. Hervorzuheben sind zwei schöne Songs, bei denen Fred Frith seine Finger ziemlich heraushielt. Nämlich „After Dinner“ mit Haco (Piano und Stimme) und „Morning Song“ von Iva Bittova und Pavel Fajt. Ansonsten hört man viel Musik mit Frith solo sowie Bands oder Projekten wie Massacre, Skeleton Crew bzw. mit Musikern z.B. von Zamla usw. usf. Der interessierte Hörer kann in einem ausführlichen Beiblatt mit Discographie und Besetzungslisten der einzelnen Songs selbst das Gewirr der Frith‘schen Kollaborationen erforschen. Und als Einstieg in die nicht nur improvisierte Welt des Herren Frith ist diese DoLP/CD wunderbar geeignet. Abwechslungsreiche 70 Vinyl- bzw. 85 Filmminuten werden auf jeden Fall geboten. Freilich nichts für ’normale‘ Musik- und Filmkonsumer. Aber auch nicht nur ausschließlich für Fans!

(Der Soundtrack erschien bei Recommended Records Schweiz und sollte über EFA in jedem guten Laden erhältlich sein. In Deutschland kann man ihn via Mailorder auch bei Recommended No Man’s Land, Dominikanergasse 7, Postfach 110449, D-8700 Würzburg bestellen).

Guido Zimmermann,
1991

Dieser Text wurde zuerst im Oktober 1991 in Ausgabe 16 des 10.16 Megazine veröffentlicht und beim Digitalisieren am 19.01.2012 nur leicht editiert.

Der Film erschien 2003 bei Winter & Winter auf DVD (mit 12 Bonus Tracks).
Der Soundtrack wurde 2002 in Form einer CD auf Fred Records / ReR Megacorp wiederveröffentlicht.

Verschwundene Lokalitäten (5)

Januar 16, 2012

atahk
(Dominikanergasse 7, Würzburg)

Anfang der 1980er Jahre gegründeter Plattenladen, aus dem das Label und Versandhaus Recommended No Man’s Land entstand. Nach ein paar Jahren wurde der Laden nicht mehr öffentlich betrieben und diente nur noch als Büro für Label und Versand. Beides wurde 1996 nach Berlin verkauft.

Die oben abgebildete Anzeige stammt aus der im April/Mai 1983 erschienenen Erstausgabe des Würzburger Fanzines Oi! Oi! Oi! (später 10.15 bzw. 10.16 Megazine).

Verschwundene Lokalitäten (4)

Januar 16, 2012

AKW
Autonomes Kulturzentrum Würzburg
(1982 bis 2009, anfangs Martin-Luther-Straße 4,
später Frankfurter Straße 87)

Heute zufällig in einer Schublade gefunden:
Diese Pfandmarke aus dem „neuen“ AKW.

Unten ist noch eine Anzeige des „alten“ AKW zu sehen, also vor dem Umzug in die Zellerau, aus der 1985 erschienenen fünften Ausgabe des 10.15 Megazine.

Hollow Punk

Dezember 5, 2011

Hollow Skai:
Punk – Versuch der künstlerischen Realisierung einer neuen Lebenshaltung.
(Sounds-Buch)

Schon 1980 versuchte Hollow Skai in diesem Buch etwas von dem Drive des Punk für die Nachwelt festzuhalten. So spricht Hollow quasi aus den Herzen der Scene, und wenn man es nicht zweimal liest, glaubt man es nicht: Es war seine Magisterarbeit, in der er (wissenschaftlich-) analysierende Prosa mit dem LayOut eines Fanzines verband und den eigentl. Punk als Ausbruch aus der Langweile Mitte der 70er charakterisierte.

Gleich zu Anfang des Buches zerstört Hollow Skai jede Hoffnung auf ein ‚Happy End‘. Sämtliche Thesen zur Festlegung des Begriffs ‚Punk‘ werden über den Haufen geworfen, um am Ende zu dem Schluß zu kommen, Punk sei immer mehr als… . Seine Festlegung bedeute seinen Tod. Daher jedoch erörtert Hollow von den SEX PISTOLS in England über Fanzines, etc. bis zu Art Attaks in Amerika, alles was irgendwie mit Punk zusammenhängt. Dies geschieht in umfangreicher Form, ist wegen des abwechslungsreichen Schreibstils aber nie ermüdent. Auch die Reaktion der öffentlichen Presse kommt in vielen eingefügten Original-Artikeln nicht zu kurz und wirkt bisweilen grotesk bis erheiternd. Besonders gut gefallen mir die Artikel über Fanzines und der Anhang „Der destruktive Charakter“ in dem nocheinmal sämtliche (polit.) Schablonen zerstört werden und der Mensch und seine Kultur als einziges übrig bleibt.

Kein Buch über Punk, sondern ein Buch der Punk-Scene für Leute, die’s nicht (von Anfang an) miterlebt haben und es trotzdem ‚verstehen‘ wollen. Aber natürlich auch für andere.

Erhältlich leider nur noch in der Stadtbücherei; dort aber im ‚Sonderangebot‘: Entweder kostenlos (nicht weitersagen!!) oder für 13,20 dm (66 Verkleinerungen).

cl.g.

Dieser Text stammt aus dem 4. Heft des Würzburger Fanzines Oi Oi Oi! (später 10.15 bzw. 10.16 Megazine), erschienen im Juli 1984.
Autor: Claus-Georg Pleyer

Cassettentäter: Markus

Dezember 5, 2011

Oben abgebildete Seite stammt aus der Sonderausgabe des 10.15 Megazine (Edit 7), die parallel zum Cassetten-Sampler „Saturday Night Favourites“ (Klappstuhl Records / Zu Viel Cassetten, 1986) erschien.

Hier war Markus mit dem Titel „Dark Room“ vertreten. Auf seinem eigenen Label Einsame Kultur Erzeuger veröffentlichte er die beiden Tapes „Solo 1982-1983“ (1984) und „Filmmusik 1“ (1985)

Damals lebte er in Osnabrück, heute wohl in Berlin.

Abschrift:

„markus ( geb. 1962 ) kann aus allem Musik machen, was er in die Finger kriegt. Manchmal leiht er sich auch ganz normale Instrumente, und wenn dann noch eine so gute Sängerin wie Hurwineck dazukommt, entsteht so was wie „Dark Room“.
Eigentlich ist das ein Stück Filmmusik, zum „Zebrastreifer“ von Hanno Nehring.
Ansonsten versammelt markus unter seinem Label EINSAME KULTURERZEUGER diverse seltsame Musik, einzige Gemeinsamkeit ist, daß alles nur auf Cassette produziert wird. Wenn er keine Musik macht, so macht er gerade Filme oder Comix oder Fanzines oder Fotos oder rast auf seinem Fahrrad durch Osnabrück.“

(Autor unbekannt)

Ein Dokument

Oktober 21, 2011

Kurzer Review aus dem 10.16 Megazine Nr. 15 aus dem Jahr 1990:

Abschrift des obigen Scans (minimal editiert und ohne die Adresse, da sie garantiert nicht mehr stimmt):

Various: Music of Die Ind – Ein Dokument
(LP, Out of Depression/Rec Rec, out 0019)

Das deutsch/schweizerische ‚Zine Out of Depression hat sich hier der Musik des Linzer Cassettenlabels Die Ind angenommen – allerdings nonverbal – und eine Compilation-LP zusammengestellt mit Stücken verschiedener Formationen, die früher nur auf Die Ind-Cassettensamplern zu hören waren. Der Großteil der zwölf Aufnahmen ist eher ruhig und experimentell, Collagen und Improvisationen herrschen vor. Aber wie so oft bestätigen Ausnahmen die Regel, wie z.B. der charmante Gitarrenpop von Caspers (u.a. mit Hans Platzgumer) oder die härteren Rhythmen von Monochrome Bleu. Trotz der einfachen Produktionsmittel, mit der die Aufnahmen zu dieser LP gemacht wurden, ist sie mehr als nur ein „Dokument“, wie es auf dem Cover heißt – nämlich einfach ein guter Sampler mit interessanter Musik zwischen den Stühlen. Zum Hinhören!

mrboredom
(1990)

R.A.F.G I E R

Januar 9, 2011

v.l.n.r.: Eni, Rolle, Wolfgang, Ralf

Folgendes Interview führte F.W. Ernstfall (später auch Blank Frank genannt)  mit Ralf Plaschke. Es erschien Ende 1985 im 10.15 Megazine, edit six.

Zu den interessantesten deutschen Punkbands gehört zweifelsohne die Münsteraner Formation R.A.F.GIER.
Sie spielen nicht nur guten, sondern auch abwechslungsreichen Punk, Punk wie im Ernstfall, der das Gespräch mit ihnen suchte und fand, schätzt.

Vor kurzem kam eine neue Single von R.A.F.GIER heraus. Auf Seite 1 ist der alte QUEEN-Heuler „Sheer Heart Attack“ in einer Neubearbeitung der vier Münsteraner zu hören. Sehr schnell gespielt – gefällt gut. Auf der B-Seite ist das Stück „Lois“ zu hören. Es ist mehr in der 77er Punkspielart gehalten und erinnert mich etwas an die U.K.SUBS, Besonders nett finde ich auch die Single-Beigabe, einen Flaschenöffner mit original R.A.F.GIER-Schriftzug.

Ich habe mich jedenfalls mal näher mit dieser Band beschäftigt und habe dem Ralf, Sänger und ‚Sprachrohr‘ von R.A.F.GIER einige Fragen gestellt. Hier nun also das beliebte Frage-Antwort-Spiel:

FW: Also, wer ist R.A.F.GIER?
R: R.A.F.GIER ist: Eni (Bass), Rolle (Gitarre), Wolfgang (Schlagzeug) und Ralf (Gesang) sowie alle am Background-Gesang.

FW: Seit wann gibt’s R.A.F.GIER?
Die Idee und der Name entstanden so Herbst bis Ende 1980, eigentliches Gründungsdatum (= erste Probe) ist der Februar 1981, seither gibt es die Band in der immergleichen Besetzung.

FW: Welche Produkte kann mnan von Euch bisher erstehen und was ist für demnächst geplant?
R: Bisher gibt es eine Split-LP, die wir uns mit den CHANNEL RATS aus Hamburg teilen, eine Single mit R.A.F.GIER-Flaschenöffner sowie jede Menge Beuträge zu Cassettensamplern, auch welche aus USA, Frankreich, Holland u.a.m. Demnächst ist eine neue, erste komplette LP geplant, die im Juli im MITTEK-Tonstudio aufgenommen wurde und im Herbst erscheinen wird.

FW: Was macht für Euch den Punk zum Punk?
R: Mann, die Frage ist echt ’n Hammer. Ich fürchte, dass es jetzt etwas ausführlicher werden wird.
(Anmerkung: Das wurde es dann auch und ich will hier nur das Wichtigste von Ralfs Antwort wiedergeben – FW).
Für mich heißt Punk, konsequent sein Leben zu leben, unabhängig von irgendwelchen Normen und/oder Erwartungen anderer. Das bedeutet aber, dass man selbst tolerant sein muss, denn man kann nicht etwas verlangen und durchsetzen versuchen, was man anderen nicht zubilligt. Hier liegt der Punkt im Punk, der mir von Anfang an missfiel. Bestandteil der allgemeinen Punk-Szene war es schon immer, sich über andere, anders aussehende, anders denkende und handelnde lustig zu machen, solche herunterzuputzen. Sowas ist genauso bescheuert wie das Verhalten der vielgeschmähten Spießer, ja es ist spießig. Meine Vorstellung von Punk ist also eher eine absolute Demokratie, deren Grenze für den einzelnen durch die Tatsache gesetzt sind, dass er seine Freiheiten anderen genauso zubilligen muss, deren Freiheit zu achten hat. Aber das ist alles sehr theoretisch.

FW: Wo spielt Ihr am liebsten?
R: Am liebsten spielen wir vor Leuten, denen unsere Musik Spaß macht und die das auch zeigen/hören lassen.

FW: Was stinkt Euch und was mögt Ihr?
R: Noch so’n schwerer Brocken. Ich antworte wieder nur für mich und da wäre die bereits angesprochene Intoleranz, Gewalt gegen andere und sicher noch mehr, das mir jetzt nicht einfällt. Ich mag Liebe, Sex mit dem Mädchen, in das ich verliebt bin, Abreagieren ohne andere zu belasten, nette Leute kennenlernen bzw. kennen, Post, gelegentlich betrunken sein, Musik, Musik, Musik… Ich mag das Leben.

FW: Wie würdet Ihr selbst Eure Musik charakterisieren?
R: Eigenständige, abwechslungsreiche Punkrockmusik mit dem Versuch, Klischees in Text und Musik zu vermeiden.

FW: Habt Ihr musikalische Vorbilder?
R: Vorbilder im Sinne von „eine Musik, wie die und die möchte ich machen“ haben wir nicht, unsere Stücke entstehen als rein R.A.F.GIER-interne Angelegenheit, doch gibt es natürlich Sachen, die uns beeinflusst haben. Dazu zählen sicherlich die DEAD KENNEDYS, BAD BRAINS, frühe englische Punkbands und ansonsten jede andere Musik, die gefällt.

FW: Was haltet Ihr von Alkohol?
R: Einem gelegentlichen Umtrunk sind wir nicht abgeneigt. Mag es nun doof, vernünftig oder was auch immer sein, angemessen häufig saufen bringt Fun und lässt den Alltag vergessen. Was dabei angemessen bedeutet, muss jeder selbst wissen.

FW: Was haltet Ihr von Tierversuchen?
R: Ohne Tierversuche würden wahrscheinlich heute noch viele Menschen an irgendwelchen, mittlerweile harmlosen oder gar längst ausgerotteten Krankheiten sterben, andererseits finden viele Tierversuche wohl nur statt um Luxusgüter (z.B. Kosmetika) zu produzieren und solche Versuche sind unsinnig. Ich glaube, dass es jetzt gilt die Tierversuche auf das Unvermeidliche zu reduzieren.

FW: Seid Ihr politisch?
R: Alles ist politisch, folglich sind auch wir politisch. Falls Du Parteien, Demos und ähnliches meinst: Sowas halte ich für Volksverarschung, Alibishow und somit interessiert es mich nicht. Ich versuche allerdings die Geschehnisse zu beobachten.

FW: Würdet Ihr gerne mal in der DDR spielen?
R: Natürlich würden wir gerne und wir werden auch versuchen, das zu verwirklichen. Zumindest in Ost-Berlin ist vielleicht  eines Tages ein heimlicher Gig möglich.

FW: Welchen Stellenwert hat für Euch Geld?
R: Geld ist ein Mittel, ein Gegenstand um dessen Benutzung und Bedeutung man nicht herumkommt. Eine gute Anlage, ein guter Proberaum, Porto, Telefon, Bier, Benzin…., alles Dinge, die man braucht, um ungehindert so weitermachen zu können, wie man das möchte. Alles Ausgaben, die nur der Erhaltung und Weiterbetreibung der Band dienen, kein Gewinn. Dieses Geld muss mindestens da sein. Durch Gigs, Plattenverkauf und vor allem Jobben kommt es zusammen, wobei man mehr Geld braucht, je mehr die Sache wächst. Der Endpunkt wäre ein Leben als Profimusiker, wo man auch noch seinen Lebensunterhalt durch Musik verdienen  muss. Bis zu diesem Punkt ist Geld wichtig, wenn es darüber hinausgeht, ist es mir ziemlich egal. Ich hätte nichts gegen ein dickes Bankkonto, denn mit viel Geld könnte man viel machen, was auch anderen zu gute käme, doch ich lege es nicht auf ‚Reichtum‘ an.

FW: Letzte Frage: Wollt Ihr berühmt werden? – Ehrlich!
R: Zum Schluss noch ein Überraschungsei. Echt schwierig zu beantworten, denn auch Ruhm hat verschiedene Seiten. Grundsätzlich glaube ich, dass jeder, der sich mit seinem Schaffen in die  Öffentlichkeit begibt, automatisch zu Ruhm kommt. Ruhm beginnt bereits, wenn nur eine Person, die du nicht persönlich kennst, sich deinen Namen gemerkt hat, sich eine Meinung gebildet hat. Wer als Band/Musiker sagt, er wolle nicht berühmt werden, lügt. An die Öffentlichkeit gehen, viele Gigs spielen, Platten machen wollen bedeutet alles „Ruhm“. Wir wollen also berühmt werden im Sinne von bekannt und beliebt, auf jeden Fall aber im Sinne von registriert werden. Wir wollen dem Zuschauer bzw. Zuhörer nicht egal sein. Er soll sich zumindest eine Meinung bilden, uns beschissen oder gut finden. Diese Form von Ruhm suchen wir.

Das Wort zum Punktag sprach: Hobbypsychologe und -philosoph, Chef-Ideologe, Vernunftmensch, ‚Euer Geld ist unser Geld‘-Hälfte und R.A.F.GIER-Sänger Dr. DER Ralf.


Abschrift aus 10.15 Megazine edit six, 1985
Die damalige Doppelseite als PDF-Datei:
Rafgier_1015_Megazine_6_1985

 

Schon mal gelebt

Juli 4, 2010

KING  ROCKO  SCHAMONI – Vision
(Weser-Label / EfA)

Einst einsamer Entertainer an der Gitarre, hat sich King Rocko Schamoni inzwischen eine Band samt  Background-Sängerinnen zusammengestellt und unterhält nun sein Publikum nicht nur live sondern auch mittels dieser seiner ersten LP. Rocko Schamoni erzählt in seinen zehn Songs tragische Geschichten über Motorradhelden, Doppelleben, Mord und sonstige  Schicksalsschläge. Natürlich darf eine Story aus dem Wilden Westen nicht fehlen – und mit seiner Reinkarnationshymne „Ich hab schon mal gelebt“ mit Reverent Ch.D. an der Orgel setzt King Rocko dem Ganzen noch die Königskrone auf. Selten so amüsiert!

Ebenso spaßig kommt auch die Musik, die mal rockiger, mal countrymäßiger, mal mehr nach Rhythm & Blues klingt, und zu der man auch mal einen Beatfox tanzen kann. Bottleneck, Mundharmonika und vor allem die Gogo-Girls runden diese unterhaltsamen Stücke ab, so daß sich diese LP immer wieder auf meinem Plattenteller findet. Viel Spaß!

Wiederveröffentlichung aus 10.16 Megazine 12, 01/1989

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Lorenz Lorenz in Interview

Juni 21, 2010

Das DHT-project-Interview mit

Lorenz Lorenz

Der durch seinen Fernsehauftritt bekannt gewordene Entertainer wurde schon oftmals von verschiedenen Journalisten interviewt, die ihn, wie er meint, bald mal am…. können. Deshalb ist es erfreulich, daß Lorenz Lorenz dem DHT-project die Gelegenheit gab, in sein Innerstes einzudringen, nämlich in sich selbst.

DHT : Nun, zuerstmal würde uns interessieren, wie Du nun wirklich heißt?

L.L. : Lorenz

DHT : Und weiter?

L.L. : Lorenz

DHT : Aha. Welche Absicht verfolgst Du?

L.L. : Meine Absicht ist ein Chaos-Entertainment.

DHT : Ein paar grundsätzliche Fragen: Ist das eigentlich dein Hauptberuf?

L.L. : Nein, nebenberuflich arbeite ich in einer Druckerei.

DHT : Um auf Deine Füße zu kommen: Was hast Du für eine Schuhgröße?

L.L. : 41

DHT : Und deine körperliche?

L.L. : 1,80m

DHT : Augenfarbe:

L.L. : braun

(Diese Fragen wurden mit Rücksicht auf den Verfassungsschutz gestellt)

DHT : Rasierst Du dich naß oder elektrisch?

L.L. : Ich bin Naßrasierer.

DHT : Welche Hobbies hast Du?

L.L. : Ich habe Postkarten gesammelt.  Die sind aber leider alle verschimmelt. Besonders habe ich mich auf Karten aus dem ersten Weltkrieg spezialisiert. Davon habe ich dann aber die Finger gelassen, weil ich nur eine einzige hatte.

DHT : Sehr interessant.

L.L. : Ja, eben.

DHT : Hast Du irgendein Lieblingsgetränk?

L.L. (langes Überlegen) : Bananensaft? Nein! Ich weiß nicht. Aber das von meinem kleinen Bruder ist Blue Curacao mit Orangensaft.

DHT : Um auf die Kunst zurückzukommen: Welche Instrumente spielst Du?

L.L. : In letzter Zeit fast nur noch Gitarre.

DHT : Wovon handelt Dein Buch? (Gesammelte Kurzgeschichten im Eigenverlag. Zu haben bei Du Bist So Gut Zu Mir Cassetten & Zeitvertreib / Molto Menz, Gravelottstr. 3, 8000 München 80 oder auch im Atahk; kostet so 6 Mark).

L.L. : Es handelt von der Trivialität des Lebens, es ist ja alles dasselbe.

DHT : Welche Projekte schweben dir in Zukunft vor?

L.L. : Ich will einen Entwicklungsroman schreiben, der Elemente aus Ulysses und den Buddenbrocks enthält. Es soll eine moderne Version werden.

DHT : Wie willst Du eigentlich noch bekannter werden?

L.L. : Bekannter? Ich möchte endlich mal unerkannt U-Bahn fahren.

DHT : Was sagst Du dazu, daß Du von so vielen Blättern in die Dilettanten-Szene eingeordnet wirst?

L.L. (aufrasend) : Völlig zu unrecht!! Ich bin geradezu empört darüber!

DHT : Was willst Du in nächster Zeit machen?

L.L. : Ich bereite mich für die Aufnahmeprüfung in eine Journalisten-Schule vor. Das ist exklusiv!

DHT : Danke für den Hinweis. Wie stehst Du zu  Hippies?

L.L. : Ich habe viel Mitleid mit ihnen. Es sind arme Menschen.

DHT : Abschließend noch eine Frage: Was hältst Du von der sog. neuen deutschen Welle?

L.L. : Oh! Nunja, einerseits – andererseits.

DHT : Vielen Dank für das sehr informative Interview.

In seiner anschließenden Performance zeigte Lorenz Lorenz sein vielseitiges Können, das ihn so auszeichnet.
Er sang ein Liebeslied mit gezielt politischer Agitation, imitierte Adolf Hitler und philosophierte über den Untergang der 6. Armee bei Stalingrad, brachte die innerdeutschen Beziehungen ins Spiel: „Honecker in Cambodia“ und kommentierte einen Super-8-Film aus Dänemark mit seinen politischen Attacken.

DHT-project

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Editorische Notizen:

Dieses Interview führte der Autor DHT-project anlässlich eines Gastspiels von Lorenz Lorenz im Würzburger Kulturkeller (aka die Burse) und erschien im April 1983 in der Erstausgabe des Fanzines Oi Oi Oi!.

Der oben erwähnte Fernsehauftritt fand wohl in „Dreiklangsdimensionen. Eine deutsche Musikrevue“ (1981) statt. Bilder davon gibt es auch auf Youtube zu sehen – aber schwachsinnigerweise ohne Ton. Das hat bestimmt nicht nachvollziehbare copyrighttechnische Gründe.

Der oder das oben erwähnte Atahk war ein Würzburger Plattenladen für eher abseitige bis experimentelle Musik. Die gleichen Leute betrieben in der Dominikanergasse auch einen entsprechenden Versandhandel sowie Plattenfirmen wie Recommended No Man’s Land, Review Records oder Bad Alchemy (Fanzine und Label).