Posts Tagged ‘10.16 Megazine’

Step Across The Border

Januar 19, 2012

Fred Frith – Step Across The Border
(Deutschland, 1990, ca. 85 Minuten)

Der Schwarzweißfilm „Step Across The Border“ ist nicht direkt ein Musikfilm über den Gitarrenvirtuosen Fred Frith, sondern  eher eine improvisierte Collage aus Material, das die beiden Regisseure Nicolas Humbert und Werner Penzel auf ihrer gemeinsamen Reise mit Frith durch die halbe Welt auf Celluloid belichtet haben. Werner Penzel hat übrigens auch schon vor zehn Jahren (oder noch etwas früher) die Welttournee der Ethnorockformation Embryo in seinem 16mm-Film „Vagabundenkarawane“ dokumentiert. „Step Across The Border“ spielt zwar auch an verschiedensten über die ganze Welt verstreute Orte (New York, Tokyo, Schottland, Leipzig fallen mir jetzt spontan ein), ist allerdings kein Werk, das man als Dokumentar- oder Experimentalfilm abtun kann. In den eineinhalb Kinostunden sieht man Fred Frith mit den verschiedensten Leuten musizieren, man hört Statements von ihm, aber z.B. auch von Arto Lindsay. So mancher gibt in der U-Bahn Philosophisches zum besten, die Butterfly-Theorie wird erklärt oder ein Märchen wird von drei verschiedenen Menschen simultan erzählt. Immerwieder tauchen Fortbewegungsmittel wie Zug, U-Bahn, Auto oder Motorrad auf, man scheint ständig unterwegs zu sein. Brücken, Häuser, Felder und vieles mehr zieht vorbei. Und zwischendurch kann man Fred Frith von seinen verschiedensten Seiten sehen. Zum einen als wild improvisierenden Freistilmusiker und zum anderen als ruhigen Interviewpartner oder als den netten Onkel, der mit einem kleinen Kind und einer Harmonika spielt. Und wenn er mit seinen abgehackten Bewegungen den Dirigenten mimt, wird es sogar witzig. Oder: Fred Frith kauft in einem Supermarkt Haushaltswaren, Erbsen und ähnliches Zeug ein – anschließend sehen wir ihn wie er mit den eben eingekauften Dingen in der Küche seine homemade Tischgitarre bearbeitet…..

Die Musik, die in diesem Film als Soundtrack verwendet wurde, ist zu einem großen Teil von bereits erschienenen Fred Frith-Platten her bekannt. Allerdings sind auf der DoLP/CD teilweise Versionen, wie sie im Film nicht zu hören sind. Und wenn mich nicht alles täuscht, gibt es den auf dem Soundtrack-Album enthaltenen, titelgebenden Song („The Border“ von Skeleton Crew) garnicht im Film zu hören. Hervorzuheben sind zwei schöne Songs, bei denen Fred Frith seine Finger ziemlich heraushielt. Nämlich „After Dinner“ mit Haco (Piano und Stimme) und „Morning Song“ von Iva Bittova und Pavel Fajt. Ansonsten hört man viel Musik mit Frith solo sowie Bands oder Projekten wie Massacre, Skeleton Crew bzw. mit Musikern z.B. von Zamla usw. usf. Der interessierte Hörer kann in einem ausführlichen Beiblatt mit Discographie und Besetzungslisten der einzelnen Songs selbst das Gewirr der Frith‘schen Kollaborationen erforschen. Und als Einstieg in die nicht nur improvisierte Welt des Herren Frith ist diese DoLP/CD wunderbar geeignet. Abwechslungsreiche 70 Vinyl- bzw. 85 Filmminuten werden auf jeden Fall geboten. Freilich nichts für ’normale‘ Musik- und Filmkonsumer. Aber auch nicht nur ausschließlich für Fans!

(Der Soundtrack erschien bei Recommended Records Schweiz und sollte über EFA in jedem guten Laden erhältlich sein. In Deutschland kann man ihn via Mailorder auch bei Recommended No Man’s Land, Dominikanergasse 7, Postfach 110449, D-8700 Würzburg bestellen).

Guido Zimmermann,
1991

Dieser Text wurde zuerst im Oktober 1991 in Ausgabe 16 des 10.16 Megazine veröffentlicht und beim Digitalisieren am 19.01.2012 nur leicht editiert.

Der Film erschien 2003 bei Winter & Winter auf DVD (mit 12 Bonus Tracks).
Der Soundtrack wurde 2002 in Form einer CD auf Fred Records / ReR Megacorp wiederveröffentlicht.

Verschwundene Lokalitäten (5)

Januar 16, 2012

atahk
(Dominikanergasse 7, Würzburg)

Anfang der 1980er Jahre gegründeter Plattenladen, aus dem das Label und Versandhaus Recommended No Man’s Land entstand. Nach ein paar Jahren wurde der Laden nicht mehr öffentlich betrieben und diente nur noch als Büro für Label und Versand. Beides wurde 1996 nach Berlin verkauft.

Die oben abgebildete Anzeige stammt aus der im April/Mai 1983 erschienenen Erstausgabe des Würzburger Fanzines Oi! Oi! Oi! (später 10.15 bzw. 10.16 Megazine).

Verschwundene Lokalitäten (4)

Januar 16, 2012

AKW
Autonomes Kulturzentrum Würzburg
(1982 bis 2009, anfangs Martin-Luther-Straße 4,
später Frankfurter Straße 87)

Heute zufällig in einer Schublade gefunden:
Diese Pfandmarke aus dem „neuen“ AKW.

Unten ist noch eine Anzeige des „alten“ AKW zu sehen, also vor dem Umzug in die Zellerau, aus der 1985 erschienenen fünften Ausgabe des 10.15 Megazine.

Hollow Punk

Dezember 5, 2011

Hollow Skai:
Punk – Versuch der künstlerischen Realisierung einer neuen Lebenshaltung.
(Sounds-Buch)

Schon 1980 versuchte Hollow Skai in diesem Buch etwas von dem Drive des Punk für die Nachwelt festzuhalten. So spricht Hollow quasi aus den Herzen der Scene, und wenn man es nicht zweimal liest, glaubt man es nicht: Es war seine Magisterarbeit, in der er (wissenschaftlich-) analysierende Prosa mit dem LayOut eines Fanzines verband und den eigentl. Punk als Ausbruch aus der Langweile Mitte der 70er charakterisierte.

Gleich zu Anfang des Buches zerstört Hollow Skai jede Hoffnung auf ein ‚Happy End‘. Sämtliche Thesen zur Festlegung des Begriffs ‚Punk‘ werden über den Haufen geworfen, um am Ende zu dem Schluß zu kommen, Punk sei immer mehr als… . Seine Festlegung bedeute seinen Tod. Daher jedoch erörtert Hollow von den SEX PISTOLS in England über Fanzines, etc. bis zu Art Attaks in Amerika, alles was irgendwie mit Punk zusammenhängt. Dies geschieht in umfangreicher Form, ist wegen des abwechslungsreichen Schreibstils aber nie ermüdent. Auch die Reaktion der öffentlichen Presse kommt in vielen eingefügten Original-Artikeln nicht zu kurz und wirkt bisweilen grotesk bis erheiternd. Besonders gut gefallen mir die Artikel über Fanzines und der Anhang „Der destruktive Charakter“ in dem nocheinmal sämtliche (polit.) Schablonen zerstört werden und der Mensch und seine Kultur als einziges übrig bleibt.

Kein Buch über Punk, sondern ein Buch der Punk-Scene für Leute, die’s nicht (von Anfang an) miterlebt haben und es trotzdem ‚verstehen‘ wollen. Aber natürlich auch für andere.

Erhältlich leider nur noch in der Stadtbücherei; dort aber im ‚Sonderangebot‘: Entweder kostenlos (nicht weitersagen!!) oder für 13,20 dm (66 Verkleinerungen).

cl.g.

Dieser Text stammt aus dem 4. Heft des Würzburger Fanzines Oi Oi Oi! (später 10.15 bzw. 10.16 Megazine), erschienen im Juli 1984.
Autor: Claus-Georg Pleyer

Cassettentäter: Markus

Dezember 5, 2011

Oben abgebildete Seite stammt aus der Sonderausgabe des 10.15 Megazine (Edit 7), die parallel zum Cassetten-Sampler „Saturday Night Favourites“ (Klappstuhl Records / Zu Viel Cassetten, 1986) erschien.

Hier war Markus mit dem Titel „Dark Room“ vertreten. Auf seinem eigenen Label Einsame Kultur Erzeuger veröffentlichte er die beiden Tapes „Solo 1982-1983“ (1984) und „Filmmusik 1“ (1985)

Damals lebte er in Osnabrück, heute wohl in Berlin.

Abschrift:

„markus ( geb. 1962 ) kann aus allem Musik machen, was er in die Finger kriegt. Manchmal leiht er sich auch ganz normale Instrumente, und wenn dann noch eine so gute Sängerin wie Hurwineck dazukommt, entsteht so was wie „Dark Room“.
Eigentlich ist das ein Stück Filmmusik, zum „Zebrastreifer“ von Hanno Nehring.
Ansonsten versammelt markus unter seinem Label EINSAME KULTURERZEUGER diverse seltsame Musik, einzige Gemeinsamkeit ist, daß alles nur auf Cassette produziert wird. Wenn er keine Musik macht, so macht er gerade Filme oder Comix oder Fanzines oder Fotos oder rast auf seinem Fahrrad durch Osnabrück.“

(Autor unbekannt)

Ein Dokument

Oktober 21, 2011

Kurzer Review aus dem 10.16 Megazine Nr. 15 aus dem Jahr 1990:

Abschrift des obigen Scans (minimal editiert und ohne die Adresse, da sie garantiert nicht mehr stimmt):

Various: Music of Die Ind – Ein Dokument
(LP, Out of Depression/Rec Rec, out 0019)

Das deutsch/schweizerische ‚Zine Out of Depression hat sich hier der Musik des Linzer Cassettenlabels Die Ind angenommen – allerdings nonverbal – und eine Compilation-LP zusammengestellt mit Stücken verschiedener Formationen, die früher nur auf Die Ind-Cassettensamplern zu hören waren. Der Großteil der zwölf Aufnahmen ist eher ruhig und experimentell, Collagen und Improvisationen herrschen vor. Aber wie so oft bestätigen Ausnahmen die Regel, wie z.B. der charmante Gitarrenpop von Caspers (u.a. mit Hans Platzgumer) oder die härteren Rhythmen von Monochrome Bleu. Trotz der einfachen Produktionsmittel, mit der die Aufnahmen zu dieser LP gemacht wurden, ist sie mehr als nur ein „Dokument“, wie es auf dem Cover heißt – nämlich einfach ein guter Sampler mit interessanter Musik zwischen den Stühlen. Zum Hinhören!

mrboredom
(1990)

R.A.F.G I E R

Januar 9, 2011

v.l.n.r.: Eni, Rolle, Wolfgang, Ralf

Folgendes Interview führte F.W. Ernstfall (später auch Blank Frank genannt)  mit Ralf Plaschke. Es erschien Ende 1985 im 10.15 Megazine, edit six.

Zu den interessantesten deutschen Punkbands gehört zweifelsohne die Münsteraner Formation R.A.F.GIER.
Sie spielen nicht nur guten, sondern auch abwechslungsreichen Punk, Punk wie im Ernstfall, der das Gespräch mit ihnen suchte und fand, schätzt.

Vor kurzem kam eine neue Single von R.A.F.GIER heraus. Auf Seite 1 ist der alte QUEEN-Heuler „Sheer Heart Attack“ in einer Neubearbeitung der vier Münsteraner zu hören. Sehr schnell gespielt – gefällt gut. Auf der B-Seite ist das Stück „Lois“ zu hören. Es ist mehr in der 77er Punkspielart gehalten und erinnert mich etwas an die U.K.SUBS, Besonders nett finde ich auch die Single-Beigabe, einen Flaschenöffner mit original R.A.F.GIER-Schriftzug.

Ich habe mich jedenfalls mal näher mit dieser Band beschäftigt und habe dem Ralf, Sänger und ‚Sprachrohr‘ von R.A.F.GIER einige Fragen gestellt. Hier nun also das beliebte Frage-Antwort-Spiel:

FW: Also, wer ist R.A.F.GIER?
R: R.A.F.GIER ist: Eni (Bass), Rolle (Gitarre), Wolfgang (Schlagzeug) und Ralf (Gesang) sowie alle am Background-Gesang.

FW: Seit wann gibt’s R.A.F.GIER?
Die Idee und der Name entstanden so Herbst bis Ende 1980, eigentliches Gründungsdatum (= erste Probe) ist der Februar 1981, seither gibt es die Band in der immergleichen Besetzung.

FW: Welche Produkte kann mnan von Euch bisher erstehen und was ist für demnächst geplant?
R: Bisher gibt es eine Split-LP, die wir uns mit den CHANNEL RATS aus Hamburg teilen, eine Single mit R.A.F.GIER-Flaschenöffner sowie jede Menge Beuträge zu Cassettensamplern, auch welche aus USA, Frankreich, Holland u.a.m. Demnächst ist eine neue, erste komplette LP geplant, die im Juli im MITTEK-Tonstudio aufgenommen wurde und im Herbst erscheinen wird.

FW: Was macht für Euch den Punk zum Punk?
R: Mann, die Frage ist echt ’n Hammer. Ich fürchte, dass es jetzt etwas ausführlicher werden wird.
(Anmerkung: Das wurde es dann auch und ich will hier nur das Wichtigste von Ralfs Antwort wiedergeben – FW).
Für mich heißt Punk, konsequent sein Leben zu leben, unabhängig von irgendwelchen Normen und/oder Erwartungen anderer. Das bedeutet aber, dass man selbst tolerant sein muss, denn man kann nicht etwas verlangen und durchsetzen versuchen, was man anderen nicht zubilligt. Hier liegt der Punkt im Punk, der mir von Anfang an missfiel. Bestandteil der allgemeinen Punk-Szene war es schon immer, sich über andere, anders aussehende, anders denkende und handelnde lustig zu machen, solche herunterzuputzen. Sowas ist genauso bescheuert wie das Verhalten der vielgeschmähten Spießer, ja es ist spießig. Meine Vorstellung von Punk ist also eher eine absolute Demokratie, deren Grenze für den einzelnen durch die Tatsache gesetzt sind, dass er seine Freiheiten anderen genauso zubilligen muss, deren Freiheit zu achten hat. Aber das ist alles sehr theoretisch.

FW: Wo spielt Ihr am liebsten?
R: Am liebsten spielen wir vor Leuten, denen unsere Musik Spaß macht und die das auch zeigen/hören lassen.

FW: Was stinkt Euch und was mögt Ihr?
R: Noch so’n schwerer Brocken. Ich antworte wieder nur für mich und da wäre die bereits angesprochene Intoleranz, Gewalt gegen andere und sicher noch mehr, das mir jetzt nicht einfällt. Ich mag Liebe, Sex mit dem Mädchen, in das ich verliebt bin, Abreagieren ohne andere zu belasten, nette Leute kennenlernen bzw. kennen, Post, gelegentlich betrunken sein, Musik, Musik, Musik… Ich mag das Leben.

FW: Wie würdet Ihr selbst Eure Musik charakterisieren?
R: Eigenständige, abwechslungsreiche Punkrockmusik mit dem Versuch, Klischees in Text und Musik zu vermeiden.

FW: Habt Ihr musikalische Vorbilder?
R: Vorbilder im Sinne von „eine Musik, wie die und die möchte ich machen“ haben wir nicht, unsere Stücke entstehen als rein R.A.F.GIER-interne Angelegenheit, doch gibt es natürlich Sachen, die uns beeinflusst haben. Dazu zählen sicherlich die DEAD KENNEDYS, BAD BRAINS, frühe englische Punkbands und ansonsten jede andere Musik, die gefällt.

FW: Was haltet Ihr von Alkohol?
R: Einem gelegentlichen Umtrunk sind wir nicht abgeneigt. Mag es nun doof, vernünftig oder was auch immer sein, angemessen häufig saufen bringt Fun und lässt den Alltag vergessen. Was dabei angemessen bedeutet, muss jeder selbst wissen.

FW: Was haltet Ihr von Tierversuchen?
R: Ohne Tierversuche würden wahrscheinlich heute noch viele Menschen an irgendwelchen, mittlerweile harmlosen oder gar längst ausgerotteten Krankheiten sterben, andererseits finden viele Tierversuche wohl nur statt um Luxusgüter (z.B. Kosmetika) zu produzieren und solche Versuche sind unsinnig. Ich glaube, dass es jetzt gilt die Tierversuche auf das Unvermeidliche zu reduzieren.

FW: Seid Ihr politisch?
R: Alles ist politisch, folglich sind auch wir politisch. Falls Du Parteien, Demos und ähnliches meinst: Sowas halte ich für Volksverarschung, Alibishow und somit interessiert es mich nicht. Ich versuche allerdings die Geschehnisse zu beobachten.

FW: Würdet Ihr gerne mal in der DDR spielen?
R: Natürlich würden wir gerne und wir werden auch versuchen, das zu verwirklichen. Zumindest in Ost-Berlin ist vielleicht  eines Tages ein heimlicher Gig möglich.

FW: Welchen Stellenwert hat für Euch Geld?
R: Geld ist ein Mittel, ein Gegenstand um dessen Benutzung und Bedeutung man nicht herumkommt. Eine gute Anlage, ein guter Proberaum, Porto, Telefon, Bier, Benzin…., alles Dinge, die man braucht, um ungehindert so weitermachen zu können, wie man das möchte. Alles Ausgaben, die nur der Erhaltung und Weiterbetreibung der Band dienen, kein Gewinn. Dieses Geld muss mindestens da sein. Durch Gigs, Plattenverkauf und vor allem Jobben kommt es zusammen, wobei man mehr Geld braucht, je mehr die Sache wächst. Der Endpunkt wäre ein Leben als Profimusiker, wo man auch noch seinen Lebensunterhalt durch Musik verdienen  muss. Bis zu diesem Punkt ist Geld wichtig, wenn es darüber hinausgeht, ist es mir ziemlich egal. Ich hätte nichts gegen ein dickes Bankkonto, denn mit viel Geld könnte man viel machen, was auch anderen zu gute käme, doch ich lege es nicht auf ‚Reichtum‘ an.

FW: Letzte Frage: Wollt Ihr berühmt werden? – Ehrlich!
R: Zum Schluss noch ein Überraschungsei. Echt schwierig zu beantworten, denn auch Ruhm hat verschiedene Seiten. Grundsätzlich glaube ich, dass jeder, der sich mit seinem Schaffen in die  Öffentlichkeit begibt, automatisch zu Ruhm kommt. Ruhm beginnt bereits, wenn nur eine Person, die du nicht persönlich kennst, sich deinen Namen gemerkt hat, sich eine Meinung gebildet hat. Wer als Band/Musiker sagt, er wolle nicht berühmt werden, lügt. An die Öffentlichkeit gehen, viele Gigs spielen, Platten machen wollen bedeutet alles „Ruhm“. Wir wollen also berühmt werden im Sinne von bekannt und beliebt, auf jeden Fall aber im Sinne von registriert werden. Wir wollen dem Zuschauer bzw. Zuhörer nicht egal sein. Er soll sich zumindest eine Meinung bilden, uns beschissen oder gut finden. Diese Form von Ruhm suchen wir.

Das Wort zum Punktag sprach: Hobbypsychologe und -philosoph, Chef-Ideologe, Vernunftmensch, ‚Euer Geld ist unser Geld‘-Hälfte und R.A.F.GIER-Sänger Dr. DER Ralf.


Abschrift aus 10.15 Megazine edit six, 1985
Die damalige Doppelseite als PDF-Datei:
Rafgier_1015_Megazine_6_1985

 

Odyssey & Oracle Around The Egg Plant: THE CHRYSANTHEMUMS

Juli 5, 2010

An interview with Terry Burrows / Yukio Yung by mr.boredom, translated by 6 9 N & F after postal Odyssey and month of Oracle on a sunny afternoon sitting in the garden.
(Wiederveröffentlichung aus 10.16 Megazine edit 16, erschienen im Oktober 1991)

1. When where THE CHRYSANTHEMUMS formed and who are they now?
Die CHRYSANTHEMUMS haben gegen Ende 1987 als Studioprojekt zwischen Alan Jenkins und mir angefangen. Heute sind wir eine ‚richtige‘ Band mit Vladimir Z. am Bass, Jonathan Staines (Keyboards) und Robyn am Schlagzeug.

2. How did you come together?
Der ursprüngliche Anstoß zu unserer Zusammenarbeit kam durch OUTLET, ein kleines englisches Magazin, das in einer Ausgabe Artikel über Hamster [Records, Terry Burrows‘ eigenes kleines & feines Label] und THE DEEP FREEZE MICE brachte. Danach habe ich Kontakt mit Cordelia [Records, Alan Jenkins‘ Label, nach seiner Katze benannt] aufgenommen, dort auch einige Platten veröffentlicht und schließlich hat sich daraus auch eine großartige Freundschaft zwischen uns entwickelt.

3. Why are you called „THE CHRYSANTHEMUMS“?
Als wir nach einem Namen suchten standen wir letztendlich vor THE EGGPLANTS oder CHRYSANTHEMUMS und entschlossen und den anderen Namen für unser Label zu verwenden. Nebenbei: Unser Projektname für unsere erste gemeinsame Session war THE SQUARE PIGS!!!

4. What music are you listening to?
Momentan liegt mein Hauptaugenmerk auf Techno House wie z.B. The Orb, 808 State, Rhythmatic oder The Shamen etc., aber mein Geschmack entwickelt sich ständig weiter.
Tatsächlich habe ich eine ‚Nebenkarriere‘ als YOO KO in dieser Richtung, ebenfalls wie THE CHRYSANTHEMUMS bei dem belgischen KK-Label unter Vertrag.

5. What would you name as your main influences or inspirations?
Meine Einflüße sind wirklich zu zahlreich um sie auflisten zu können – alles was um mich herum geschieht beeinflußt mich  genauso wie meine Träume, Kino, die Werbung oder Musik.

6. What do you think if you see your music compared to bands like Genesis, The Dukes Of Stratosphere and/or XTC?
Zu Genesis sehe ich wirklich keinen Bezug. Dukes/XTC – well, es gibt mit Sicherheit einige Bands des ‚klassischen englischen Pop‘ wie die Kinks, Beatles, Soft Boys oder Monochrome Set, in deren Tradition die CHRYSANTHEMUMS stehen.

7. Who‘s writing the songs?
Eigentlich schreiben Alan und ich alles – ein Drittel jeder für sich und ein Drittel gemeinsam.

8. Which is your own favourite?
Einen wirklichen Liebling habe ich nicht. Ich denke „Harold Melvin“ hat möglicherweise meine besten Lyrics. „Bush Of Trousers“ oder „Larceny Nel“ finde ich auch nicht gerade schlecht.

9. How do you see THE CHRYSANTHEMUMS now?
Definitiv als Band.

10. Can you finance your life with the band?
Nicht wirklich. Ich arbeite und schreibe illustrierte Bücher, bilde Computeranwender aus und entwickle Computer-Systeme – woran ich etwa drei Tage wöchentlich sitze.

11. Why did you use the egyptian hieroglyphes for the cover of „Little Flecks Of Foam Around Barking“?
Ich nahm das Hieroglyphendesign für das Doppelalbum nachdem ich kurz vor der Veröffentlichung in einem 2nd Hand Buchladen das „Ägyptische Totenbuch“ gekauft hatte und es sehr unterhaltsam fand. In Ägypten war ich allerdings noch nie und auch der Gedanke an den Tod beschäftigt mich nicht allzusehr!

12. In which country would you prefer to tour most?
Japan. Eine Kultur, die mich schon immer fasziniert hat – daher auch mein Pseudonym YUKIO YUNG.

13. What where your experiences touring in Germany – when will you come back?
Wir haben letztes Jahr ein paar Auftritte in Deutschland gehabt und wurden mehr als freuundlich aufgenommen obwohl wir kaum einige der Songs spielen konnten und technisch ziemlich scheußlich waren – ein superber Spaß für alle! Im September 1991 werden wir ungefähr einen Monat durch Deutschland touren – diesmal allerdings als eingespielte Band.

14. Do you enjoy playing live?
Ich trete gerne auf, obwohl ich live nur etwas Gitarre spiele (während ich auf den Platten alle Keyboards bediene).
Wenn ich auf der Bühne stehe fühle ich mich wie Jim Morrison!!!

15. What was your intention behind covering John Coltrane and Kraftwerk songs (on the so-called „Live E-P.“)?
Ich liebe beide – Kraftwerk und Coltrane. Kraftwerks Einfluß auf moderne (besonders Dance-) Musik liegt in der souveränen Handhabung des Keyboards und John Coltrane war ein wunderbarer Musiker  und zugleich ein ernsthaft Suchender nach geistigen Werten (etwas, das ich sehr bewundere, aber leider selbst nicht sein kann).
Wie konntest Du es nur erraten? Natürlich haben wir nicht im Londoner Palladium gespielt, fanden aber die Idee und auch die Coverversionen einfach amüsant. Ich mag die ganze „Live“-Seite sehr gerne; sie zeigt die CHRYSANTHEMUMS in ihrer ganzen Vielfalt.

16. What do you think about „XXXXX“ Peel?
Peel ist okay – obwohl ich nicht das Gefühl habe, daß er uns besonders gerne mag….

17. Do you live in conflict with typical americans? ( > „Oh dear, what shall we do about the americans“ )
Ich denke nicht, daß Alan, der den Song komponiert hat, sie sehr mag. Ich habe die Zeit, in der ich in N.Y., war sehr genossen – und sogar daran gedacht dort zu leben. Aber New York läßt sich schlecht als typisch amerikanisch bezeichnen – zumindest ist das, was die Amerikaner zu denken scheinen.

18. What are your current future plans / ideas?
Ich habe eine neue House-12“ für KK produziert („Matrix“) und demnächst erscheint von YOO KO eine LP/CD.
„Odyssey And Oracle“ der CHRYSANTHEMUMS ist gerade erschienen, eine andere 12“ ist für August geplant.
Dann steht noch eine letzte Ambient-Noise-LP-Aufnahme mit ASMUS TIETCHENS aus und eines Tages wird YUKIO YUNG, auch wenn er gelegentlich ernstlich daran zweifelt, das Nachfolge-Album zu „Three Glirking Goats“ ans Licht des Tages befördern……

19. Which records of THE CHRYSANTHEMUMS are currently available (and where)?

via Cordelia:
– Mouthpain (7″)
– Is That A Fish On Your Shoulder Or Are You Just Pleased To See me? (LP)
– Live At The London Palladium (12“-EP)
– Little Flecks Of Foam Around Barking (CD)
> CORDELIA Records, 8 Denis Close, Leicester, LE3 6DQ, U.K.
(and ask for a sampler tape and catalogue)

via KK / Madagaskar:
– Odyssey And Oracle (LP/CD)
– New 7“ (September)
> im SEMAPHORE Vertrieb & über jeden guten Record Shop erhältlich.

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Notiz:

Die oben genannte Adresse ist veraltet.
Cordelia Records erreicht man heutzutage über folgende URL:
www.cordeliarecords.co.uk


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Schon mal gelebt

Juli 4, 2010

KING  ROCKO  SCHAMONI – Vision
(Weser-Label / EfA)

Einst einsamer Entertainer an der Gitarre, hat sich King Rocko Schamoni inzwischen eine Band samt  Background-Sängerinnen zusammengestellt und unterhält nun sein Publikum nicht nur live sondern auch mittels dieser seiner ersten LP. Rocko Schamoni erzählt in seinen zehn Songs tragische Geschichten über Motorradhelden, Doppelleben, Mord und sonstige  Schicksalsschläge. Natürlich darf eine Story aus dem Wilden Westen nicht fehlen – und mit seiner Reinkarnationshymne „Ich hab schon mal gelebt“ mit Reverent Ch.D. an der Orgel setzt King Rocko dem Ganzen noch die Königskrone auf. Selten so amüsiert!

Ebenso spaßig kommt auch die Musik, die mal rockiger, mal countrymäßiger, mal mehr nach Rhythm & Blues klingt, und zu der man auch mal einen Beatfox tanzen kann. Bottleneck, Mundharmonika und vor allem die Gogo-Girls runden diese unterhaltsamen Stücke ab, so daß sich diese LP immer wieder auf meinem Plattenteller findet. Viel Spaß!

Wiederveröffentlichung aus 10.16 Megazine 12, 01/1989

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Lorenz Lorenz in Interview

Juni 21, 2010

Das DHT-project-Interview mit

Lorenz Lorenz

Der durch seinen Fernsehauftritt bekannt gewordene Entertainer wurde schon oftmals von verschiedenen Journalisten interviewt, die ihn, wie er meint, bald mal am…. können. Deshalb ist es erfreulich, daß Lorenz Lorenz dem DHT-project die Gelegenheit gab, in sein Innerstes einzudringen, nämlich in sich selbst.

DHT : Nun, zuerstmal würde uns interessieren, wie Du nun wirklich heißt?

L.L. : Lorenz

DHT : Und weiter?

L.L. : Lorenz

DHT : Aha. Welche Absicht verfolgst Du?

L.L. : Meine Absicht ist ein Chaos-Entertainment.

DHT : Ein paar grundsätzliche Fragen: Ist das eigentlich dein Hauptberuf?

L.L. : Nein, nebenberuflich arbeite ich in einer Druckerei.

DHT : Um auf Deine Füße zu kommen: Was hast Du für eine Schuhgröße?

L.L. : 41

DHT : Und deine körperliche?

L.L. : 1,80m

DHT : Augenfarbe:

L.L. : braun

(Diese Fragen wurden mit Rücksicht auf den Verfassungsschutz gestellt)

DHT : Rasierst Du dich naß oder elektrisch?

L.L. : Ich bin Naßrasierer.

DHT : Welche Hobbies hast Du?

L.L. : Ich habe Postkarten gesammelt.  Die sind aber leider alle verschimmelt. Besonders habe ich mich auf Karten aus dem ersten Weltkrieg spezialisiert. Davon habe ich dann aber die Finger gelassen, weil ich nur eine einzige hatte.

DHT : Sehr interessant.

L.L. : Ja, eben.

DHT : Hast Du irgendein Lieblingsgetränk?

L.L. (langes Überlegen) : Bananensaft? Nein! Ich weiß nicht. Aber das von meinem kleinen Bruder ist Blue Curacao mit Orangensaft.

DHT : Um auf die Kunst zurückzukommen: Welche Instrumente spielst Du?

L.L. : In letzter Zeit fast nur noch Gitarre.

DHT : Wovon handelt Dein Buch? (Gesammelte Kurzgeschichten im Eigenverlag. Zu haben bei Du Bist So Gut Zu Mir Cassetten & Zeitvertreib / Molto Menz, Gravelottstr. 3, 8000 München 80 oder auch im Atahk; kostet so 6 Mark).

L.L. : Es handelt von der Trivialität des Lebens, es ist ja alles dasselbe.

DHT : Welche Projekte schweben dir in Zukunft vor?

L.L. : Ich will einen Entwicklungsroman schreiben, der Elemente aus Ulysses und den Buddenbrocks enthält. Es soll eine moderne Version werden.

DHT : Wie willst Du eigentlich noch bekannter werden?

L.L. : Bekannter? Ich möchte endlich mal unerkannt U-Bahn fahren.

DHT : Was sagst Du dazu, daß Du von so vielen Blättern in die Dilettanten-Szene eingeordnet wirst?

L.L. (aufrasend) : Völlig zu unrecht!! Ich bin geradezu empört darüber!

DHT : Was willst Du in nächster Zeit machen?

L.L. : Ich bereite mich für die Aufnahmeprüfung in eine Journalisten-Schule vor. Das ist exklusiv!

DHT : Danke für den Hinweis. Wie stehst Du zu  Hippies?

L.L. : Ich habe viel Mitleid mit ihnen. Es sind arme Menschen.

DHT : Abschließend noch eine Frage: Was hältst Du von der sog. neuen deutschen Welle?

L.L. : Oh! Nunja, einerseits – andererseits.

DHT : Vielen Dank für das sehr informative Interview.

In seiner anschließenden Performance zeigte Lorenz Lorenz sein vielseitiges Können, das ihn so auszeichnet.
Er sang ein Liebeslied mit gezielt politischer Agitation, imitierte Adolf Hitler und philosophierte über den Untergang der 6. Armee bei Stalingrad, brachte die innerdeutschen Beziehungen ins Spiel: „Honecker in Cambodia“ und kommentierte einen Super-8-Film aus Dänemark mit seinen politischen Attacken.

DHT-project

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Editorische Notizen:

Dieses Interview führte der Autor DHT-project anlässlich eines Gastspiels von Lorenz Lorenz im Würzburger Kulturkeller (aka die Burse) und erschien im April 1983 in der Erstausgabe des Fanzines Oi Oi Oi!.

Der oben erwähnte Fernsehauftritt fand wohl in „Dreiklangsdimensionen. Eine deutsche Musikrevue“ (1981) statt. Bilder davon gibt es auch auf Youtube zu sehen – aber schwachsinnigerweise ohne Ton. Das hat bestimmt nicht nachvollziehbare copyrighttechnische Gründe.

Der oder das oben erwähnte Atahk war ein Würzburger Plattenladen für eher abseitige bis experimentelle Musik. Die gleichen Leute betrieben in der Dominikanergasse auch einen entsprechenden Versandhandel sowie Plattenfirmen wie Recommended No Man’s Land, Review Records oder Bad Alchemy (Fanzine und Label).