Posts Tagged ‘DDR’

Souvenir du Free Jazz (2)

Dezember 14, 2014

jazzhats

Erinnerungsstücke in Form verschiedener Aufkleber an die 12., 13. und 14. Leipziger Jazztage 1987 –1989.

Mehr zu lesen gibt es hier:
Stefan Hetzel über die 12. Jazztage Leipzig 1987
mr.boredom über 5 Tage DDR

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Karl 88

Oktober 19, 2014

karl88

Karl-Marx-Allee von hinten, gesehen am 19.10.2014 in 10243 Berlin-Friedrichshain, Germany.

Durchsicht

Juni 22, 2014

Rusche103

Eingangsbereich des Stasi-Museums im ehemaligen Ministerium für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik, Sitz des Ministers, Ruschestraße 103, Haus 1, 10365 Berlin-Lichtenberg, Germany (gesehen am 22.06.2014).

On Eyes

Mai 17, 2014

Ant Art Age

Aus dem Archiv:
Presseinfo zur 1990 bei Hidden Records erschienenen Schallplatte „On Eye“ von ORNAMENT & VERBRECHEN.

Hier nochmal der Text:

Interpret: ORNAMENT & VERBRECHEN
Titel: „on Eyes
Label: Hidden Records
Verlag: Strange Ways
LC-Nummer: 7147
Vertrieb: EFA (Best.-Nr. 11053 – 08)
File under: No Limits

A M E I S E Z E I T A L T E R K U N S T

Das in den frühen 80ern in Ost-Berlin gegründete Stil-Labor ORNAMENT & VERBRECHEN arbeitet mit wechselnden Besetzungen in verschiedenen musikalischen Bereichen. Bei den bislang seltenen Konzerten wurde das Publikum durch rüde Stilwechsel brüskiert. Somit war es schwer die Band zu klassifizieren, was natürlich zu allerlei Mutmaßungen und Gerüchten anlaß gab und ORNAMENT & VERBRECHEN einen gewissen Kultstatus einbrachte.

Als Projekt arbeitet ORNAMENT & VERBRECHEN gerne in konzeptuellen Zusammenhängen – so z.B. an dem Lyrik-Rock-Spektakel „Arianrhod von der Überdosis“ des Undergroundpoeten Bert Papenfuß-Gorek (der übrigens auf der Platte bei dem Stück „Keilter Schwass“ zu hören ist), an Kompositionen von Experimentalfilmen, an Langhoffs Inszenierung von Brendan Behans‘ „Die Geißel“ am ehrwürdigen Deutschen Theater, an den spektakulären Performances des Dresdener Künstlers Holger Stark, der experimentellen Leder-Modenshow „Allerleirau“ und und und . . .

Audiovisuelle Aufnahmen von ORNAMENT & VERBRECHEN gab es bislang nur als Tapes in kleinen Auflagen. Jetzt liegt die erste LP „on Eyes“ vor. Daß das Hauptquartier der Band in Ost-Berlin lag hinderte ORNAMENT & VERBRECHEN nicht an der Zusammenarbeit mit internationalen Musikern. Im Sommer ’89 verlegte die Band ihre Aktivitäten nach West-Berlin. Zusammen mit dem englischen Gitarristen Jeremy Clarke, dessen eigensinnige, eruptive Spielweise ideal mit dem Konzept der Band korrespondierte, wurde das vorliegende Material eingespielt.

Die Erfahrungen aus dem letzten Jahrzehnt mischen sich zu einer alchimistischen Kredenz aus antiklassischer Lyrik und dionysischem Groove.

R ´n ` R als kathedrale Entdeckungsästhetik.

Gästehaus

März 31, 2014

Gaestehaus

Ehemaliges Gästehaus des Ministerrats der DDR am Schloß Schönhausen, Tschaikowskistraße, 13156 Berlin-Pankow, Niederschönhausen. Hier tagte auch der zentrale runde Tisch der DDR anno 1989/90, bevor das Gebäude erst zum Hotel und dann zum Wohnhaus mit Eigentumswohnungen mutierte. Gesehen am 30.03.2014

5 vor 12

November 25, 2013

Milchbar

Gesehen in der Milchbar, Block D des Funkhaus Berlin (ehemaliger zentraler Sitz des Rundfunks der DDR), Nalepastraße, 12459 Berlin-Oberschöneweide, Germany, 24.11.2013.

Souvenir du Free Jazz

Mai 9, 2013

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Erinnerungsstücke an die 14. Jazztage Leipzig 1989:
zwei kleine Badges bzw. Anstecknadeln und Eintrittskarten.

Mehr zu lesen gibt es hier:
Stefan Hetzel über die 12. Jazztage Leipzig 1987
mr.boredom über 5 Tage DDR

VEB Free Jazz

Februar 1, 2012

VEB FREE JAZZ
IMPORT/EXPORT
KOMBINAT LEIPZIG

12. JAZZTAGE IN LEIPZIG [1987]

Jazz in der DDR – gewiß keine problemlose Symbiose. Dennoch hat sich dort eine ernstzunehmende, wenn auch oft noch lokal beschränkte Szene etabliert. Kristallisationspunkt ist dabei die Metropole Leipzig, im vergangenen September Schauplatz der 12. Jazztage.

Im Arbeiter- und Bauern-Staat führt der Weg zu wirksamer Öffentlichkeitsarbeit über die Eingliederung in bereits bestehende gesellschaftliche Institutionen. Auch der 500 (!) Mitglieder starke „Jazzklub Leipzig“ ist eine Sektion des „Kulturbundes der DDR“. Was uns im Westen allerdings nur nach Beschneidung eines erforderlichen Freiraumes riecht, ist Garant dafür, alljährlich das neben Warschau und Prag wohl bedeutendste Jazz-Festival Osteuropas auf die Beine zu stellen. Beim Durchlesen des diesjährigen Aufgebots mochte man freilich leicht enttäuscht sein: Die ganz großen, international zugkräftigen Namen fehlten, lediglich der amerikanische Posuanist Woody Shaw mit seinem Quartett versprach auf den ersten Blick internationales Niveau. Abgesehen natürlich von DDR-Größen wie etwa Conny Bauer (Posaune) oder dem Schlagzeuger Günter „Baby“ Sommer – beide übrigens Vertreter jener unbequemen 68er Free-Jazz-Generation, deren entscheidender Einfluß auf die ostdeutsche Szene westliche Strömungen zweitrangig werden ließ. Frei Improvisiertes ohne modischen Schnickschnack galt und gilt den Leipziger Fans immer noch als ultima ratio ihrer Avantgarde. Deutlich wurde dabei vor allem eines: trotz vielfältiger Einflüsse aus dem Ausland haben sich diese Free-Jazzer der ersten Stunde ihre eigenartig expressiv-kompromißlose Handschrift bewahrt. Schlagendstes Beispiel: das Duokonzert Sommer/Bauer. Wer einmal erlebt hat, wie das ungeschlachte Schlagzeugtier „Baby“ Sommer brüllend und krachmachend über die Bühne tobt, während der eher zerbrechlich wirkende Conny Bauer, zuckende Arabesken blasend, nervös von einem Bein aufs andere tritt, erkennt plötzlich die wahren kreativen Potentiale dieser Musik, die leider nur allzu oft durch destruktive „Kaputtspieler“ in ihr Gegenteil verkehrt wurden.

Altwilde

Brennende Aktualität gewinnt der Leipziger Gig, vergleicht man ihn mit der Musik des internationalen Improvisationsprojekts „Last Exit“ des New Yorker Bassisten Bill Laswell. Röhrt da nicht auch so ein westdeutscher Free-Jazz-Opa namens Peter Brötzmann ins Horn? – Warten wir’s ab: vielleicht hat die improvisierte Musik nur im Osten überwintert, um als neue?! alte?! Avantgarde in amerikanischen Plattenstudios eines Tages fröhliche Urständ zu feiern . . .
Bis dahin ist es allerdings ein weiter Weg – und ob längst auf die Fünfzig zugehende Kulturdenkmale diesen noch zurücklegen können, bleibt zweifelhaft. Größere Hoffnung darf man da wohl beim experimentellen Nachwuchs hegen, der sich in Leipzig vor allem in Gestalt zweier Formationen westlicher Provenienz präsentierte.

Jung, Brom, Fett

Das Schweizer Trio „Brom“: Drei finster-kahlrasiert dreinblickende Jünglinge wuchteten so erfrischend verbeulte Eisentonnen über die Bühne, daß einige der hartgesottene Jazzer im Publikum, offenbar vom Phänomen Punk nicht angetan, den Saal verließen. Wagten es diese unbedarften Alpenländler doch, wave-orientierte Rhythmen in ihr Konzept einfließen zu lassen. Neben seiner Metall-Bearbeitung (die „Einstürzenden Neubauten“ lassen grüßen) überzeugte ein Thomas Meier vor allem am rotzigen Tenorsax, während Fredi Flückiger, äußerlich eine Mischung aus Stefan Remmler und John Lurie, für den sicherlich originellsten Schlagzeugsound dieses Festivals sorgte: schräges Voodoo-Getrommel und ein unstet pulsierender Swing voll unterkühlter Energie ließen die Stimmung in aufgeklärteren Teilen des Publikums steigen.
Junge Wilde, Teil 2: „Fat“ aus Kanada. Wieder ein Trio, wieder provokative Stilvermischungen. Diesmal waren vor allem Fingerhütchen, Miniradios, Gummibälle und Vibratoren am Werk – heraus kam so etwas wie gefälschter Free-Jazz, frei nach dem Motto: lerne, wie man Krach macht, und gründe eine Band. Die Grenzen zwischen Genialität und Dilettantismus waren bekanntlich schon immer fließend. „Fat“ verwischte sie gänzlich. Trotzdem: wie Gitarrist Erich Rosenzweig, dutzendemale die gleiche Nonsens- Phrase spielend, unverschämt grinsend in die gequälte Masse starrte – das hatte sowas . . . angenehm Sadomasochistisches. Schwamm drüber.
Die interessanteste Nachwuchsformation Ost stellten die Gastgeber selbst. „Leipzig Workshop“, eine illustre Ansammlung lokaler Größen unter Leitung des erfahrenen Saxophonisten Manfred Hering, brachte eine durchaus stimmige Melange aus traditionellem Free-Jazz der Sechziger und dumpf-depressiven Drumbeats der Achtziger; Ausweg aus der Sackgasse der „reinen“ Improvisation? Klubinterne Jamsessions nach den offiziellen Konzerten zeigten eindrucksvoll, wie verblüffend viele Talente in dieser erstaunlichen Szene um neue musikalische Ausdrucksformen ringen. Ein intensiverer gesamtdeutscher Musik- und Gedankenaustausch brächte sicher allen Beteiligten neue kreative Impulse. Dem stehen immer noch die Ein- und Ausreisebestimmungen der DDR hemmend entgegen. Eigentlich unverständlich bei dem Renommee, das sich der Jazz mittlerweile bei der SED-Obrigkeit erworben hat. Das „Neue Deutschland“ lobte bereits 1981: „Der Jazz ist aus unserem Musikleben nicht mehr wegzudenken. Die Jazzmusiker aus der DDR erfreuen sich hoher internationaler Wertschätzung.“

Einreisebedingungen zum Davonlaufen

Seltenes Lob von staatlicher Seite; es überwiegen die Probleme, die die Organisatoren alljährlich haben, um ein repräsentativ besetztes Festival auf die Beine zu stellen. Selbst private Briefkontakte in den Westen, die nur zu Konzertbesuchen aufrufen, können nach geltendem DDR- Strafrecht als „unerlaubte Kontaktaufnahme“ mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden. Und für Musiker aus dem Westen sind Auftritte in der DDR nicht besonders attraktiv: Die Gage gibt’s nur in Ostmark, Musikergepäck erfreut sich der besonderen Aufmerksamkeit des Zolls. Der australische Cellist und Performance-Künstler Jon Rose etwa geriet an den Rand der Verzweiflung, als die Grenzer sein selbstproduziertes Super-8-Filmmaterial vorübergehend beschlagnahmten und erst kurz vor dem Konzerttermin wieder freigaben. Hinzu kam, daß extra ein geeigneter Projektor mühsam aus irgendeinem Winkel des Landes herangekarrt werden mußte, weil die Einfuhr von derlei Geräten verboten und Super-8-Systeme in der DDR normalerweise nicht erhältlich sind.
Haupthindernis der Organisatoren war jedoch wieder einmal die staatliche „Künstleragentur der DDR“ mit Sitz in Ostberlin, ohne deren Einverständnis kein ausländischer Musiker im SED-Staat gastieren kann. Honecker-Besuch hin, deutsch-deutsches Kulturabkommen her: ein Großteil der bundesdeutschen Jazzer, die heuer auf der Wunschliste der Leipziger standen, durften nicht kommen. Der spektakulärste Fall betraf den bayerischen Gitarristen Harald Lillmayer, der Werke zeitgenössischer E-Musik zu Gehör bringen wollte. Bis wenige Tage vor dem Konzert wurde der Augsburger über seine Einreisegenehmigung im Unklaren gehalten. Aus Protest gegen eine solche Behandlung verzichtete Lillmeyer schließlich auf die Teilnahme am Festival. Wie drückte es doch Jazztage-Organisator Immo Fritzsche aus: „Anspruch und Realisierung der Programmgestaltung sind nicht automatisch als Gleichung zu betrachten, sondern stets von den objektiven Bedingungen abhängig.“ So gelesen im Geleitwort zum 1985 erschienenen Report „10 Jahre Leipziger Jazztage“.
Fairerweise sei aber auch gesagt: Nicht nur Musiker aus dem kapitalistischen Westen haben Schwierigkeiten bei der Einreise, auch Künstlern aus „sozialistischen Bruderländern“ werden oft unerklärliche Hinternisse in den Weg gelegt. So glaubten unerfahrene West-Besucher ihren Ohren nicht zu trauen, als im diesjährigen Programm mit der Vokalistin Anna Parghel und dem Posaunisten Liviu Marculescu die ersten Vertreter des zeitgenössischen rumänischen Jazz präsentiert wurden, die die DDR jemals (!) besuchen konnten.

Stars und Kooperations-Mißtöne

Und dennoch: „Es war alles schon viel schlimmer“, ist die einhellige Meinung langjähriger Beobachter der Szenerie. Das Programmheft der ersten Jazztage 1976 beispielsweise verzeichnete ausschließlich DDR-Musiker, auch im folgenden Jahr fand man höchstens vereinzelt Gaststars aus Ungarn, Polen etc. in Leipzig wieder. Erst 1978 gelang es dem bundesdeutschen Alexander von Schlippenbach, ein Gastspiel zu geben. Im folgenden Jahr war dann gar ein Amerikaner, der Drummer Doug Hammond, zu hören. Von da an ging’s steil aufwärts: Illustre Namen der internationalen Szene wie etwa Egberto Gismonti, Albert Mangelsdorff oder Alphonse Mouzon gaben sich ein Stelldichein und trugen zum wachsenden Ansehen der Jazztage bei. Doch trotz nach wie vor steigender Beliebtheit ihres Festivals fühlen sich viele Leipziger Jazzfreunde immer noch etwas isoliert und international, vor allem publizistisch, benachteiligt.
Nicht nur diesbezüglich wäre Unterstützung seitens westdeutscher Jazzclubs da zu wünschen. Warum beispielsweise nicht eine (inoffizielle) Partnerschaft zwischen dem „Jazzklub Leipzig“ und der „Jazzinitiative Würzburg“?!? Bisherige Versuche der Leipziger, Kontakt mit bundesdeutschen Jazzclubs aufzunehmen, scheiterten – man höre und staune – an der Arroganz der hiesigen Vereine.

Text und Fotos: Stefan Hetzel

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe 12/1987 der Würzburger Stadtzeitschrift Herr Schmidt.

Zur Wiederveröffentlichung hat der Autor folgende Anmerkungen:

Ich lege Wert auf die Feststellung, dass folgende Teile dieses Textes ohne meine Mitwirkung und ohne mein Einverständnis entstanden:

1. Die Überschrift „VEB Free Jazz Import / Export Kombinat Leipzig“
2. Der Artikelanfang:
„Im Arbeiter- und Bauern-Staat führt der Weg zu wirksamer Öffentlichkeitsarbeit über die Eingliederung in bereits bestehende gesellschaftliche Institutionen. Auch der 500 (!) Mitglieder starke „Jazzklub Leipzig“ ist eine Sektion des „Kulturbundes der DDR“. Was uns im Westen allerdings nur nach Beschneidung eines erforderlichen Freiraums riecht, ist Garant dafür, alljährlich das neben Warschau und Prag wohl bedeutendste Jazz-Festival Osteuropas auf die Beine zu stellen.“

Ich erinnere mich nicht mehr exakt, was ich 1987 über den „Kulturbund der DDR“ geschrieben habe, ganz genau weiß ich jedoch, dass ich ihn nicht als „Garanten“ der Leipziger Jazztage bezeichnet habe! Die Originalpassage ging eher so (sinngemäß):

Alljährlich macht es der „Kulturbund der DDR“ dem Jazzklub Leipzig auf’s Neue so schwer wie möglich, ein Festival auf internationalem Niveau zu organisieren.

Mein sonstiger Text blieb jedoch weitgehend unverändert – dort ist ja noch genügend von den bürokratischen Schikanen der damaligen Obrigkeit die Rede, so dass der mehr als merkwürdige Anfang beim Leser wohl ein wenig in Vergessenheit geraten mag – hoffentlich!

Dennoch schwillt mir bis heute der Kamm, wenn ich an die ganze Angelegenheit denke – da steht dein Name plötzlich unter einem Text, der für die „Eingliederung“ renitenter Jazzer in „bestehende gesellschaftliche Institutionen“ eines „Arbeiter- und Bauern-Staates“ wirbt! Und wir dummen, verblendeten Westler können das mal wieder nur als „Beschneidung von Freiräumen“ verkennen!

Weiterhin: Die Überschrift suggeriert, wenn auch ironisch verbrämt, eine Art „friedlicher Koexistenz“ von offizieller DDR-Kulturpolitik und Free-Jazz-Szene. In Wirklichkeit war der unberechenbare kulturelle Freiheitsdrang der Free Jazzer den Genossen mitunter ein gewaltiger Dorn im Auge (siehe hierzu Bert Noglik im Wikipedia-Artikel „Jazzmusiker in Deutschland“)!

Welcher Teufel ritt die „Herr Schmidt“-Redaktion also im Jahre 1987, den Sinn meines Textes derartig ins glatte Gegenteil zu verkehren? Auf wen musste hier Rücksicht genommen werden?

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Stefan Hetzel,
Januar 2012

Das Original gibt es hier als PDF:
VEB_FreeJazz

5 Tage DDR

Februar 1, 2012

Die Deutsche Demokratische Republik scheint ja leider kein besonders populäres Reiseland zu sein und ohne daß man dort ‚drüben‘ Verwandte hat, werden sich nur wenige Bundesbürger in Deutschlands Osten gezogen fühlen. Als wir (Stefan und Guido) allerdings von einem Bekannten, den wir bislang nur von Briefen her kannten, zu den 12. Leipziger Jazztagen [1987] eingeladen wurden, sagten wir natürlich zu. Schließlich war man neugierig auf das andere Teil Deutschlands.

Nachdem wir also am Grenzübergang Hirschberg die ganzen Formalitäten  mit den Zollorganen der DDR ohne größere Probleme überstanden und unser Eintrittsgeld plus Verzehrbons (sprich: Visagebühr plus Zwangsumtausch) gezahlt hatten, fuhren wir in Richtung einer kleinen Stadt im Kreis Döbeln, wo wir schon von unserem Bekannten samt Family erwartet wurden, deren Wohnlage recht illuster ist:
Zu dem alten Backsteinhaus, das sich noch in Privatbesitz befindet, gelangt man, indem man am Knast links abbiegt, und wenn man aus den hinteren Fenstern der Wohnung guckt, die sich in einem oberen Stockwerk befindet, kann man in den Hof der Psychiatrie blicken, in dem die Insassen dieser Anstalt hinter den hohen Mauern nachmittags ihre Kreise ziehen; irgendwie fühlte ich mich bei diesem Anblick an den Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ erinnert.
Bei einer Tasse Kaffee kommt man schnell ins Gespräch über dies und jenes und stößt dabei selbstverständlich immer wieder auf den Vergleich von Hier und Drüben. Und dabei fällt auch immer wieder auf, daß unsere Bekannten besser über unsere Verhältnisse informiert sind als wir über deren; Westfernsehen macht’s möglich. Und eigentlich möchte ich jetzt nicht so auf die Unterschiede eingehen, bevor man mir vorwirft, ich wiederhole nur Klischees, die man eh andauernd hören kann. Aber trotzdem bestätigten sich diese Vorstellungen, die man vom Leben in der DDR nun mal hat, allerdings macht man dort halt das beste aus dieser Situation, während man als verwöhnter Außenstehender sich nur wundern mag und sich unwohl fühlt. Man hilft sich hier halt mehr untereinander aus, indem man z.B. Kinderkleidung austauscht und sich gegenseitig beim Wohnungsrenovieren hilft. Denn auch an Handwerker kommt man nicht so leicht heran, vor allem weil anscheinend diese alle die Hauptstadt der DDR Berlin zur 750-Jahre-Feier aufmöbeln mußten. Es lebe das Prestige. Scheint überall das Gleiche zu sein…….

Dresden

Am zweiten Tag unseres 5-Tages-Aufenthalts machten wir uns auf, um Dresden anzugucken. Wir fahren also auf der Autobahn ins ‚Tal der Ahnungslosen‘ ein, da so genannt wird, weil es dort (rund um Dresden) nicht möglich ist, West-Sender zu empfangen. Nur im luxuriösesten Hotel Bellevue soll dies dank Verkabelung möglich sein, erzählt man sich. In Dresden, der Stadt der Kunst und Kultur und heute auch der Industrie, gibt es viele alte Bauwerke, u.a. aus dem Barock, zu sehen. Eines der berühmtesten Bauten ist ‚Der Zwinger‘, der der Würzburger Residenz nicht unähnlich ist; nur macht es die Industrieluft dem Gebäude nicht gerade leicht. Nicht unweit davon findet sich im Innenstadtbereich, der viel gepflastert ist, die Semper-Oper, die noch vor garnicht langer Zeit renoviert und mit modernem Anbau versehen worden ist. Nach ein paar weiteren Schritten kommt man schon auf die brühlsche Terrasse, die sich in Höhe der Anlegestelle der Weißen Flotte die Elbe entlang zieht, von der man allerdings noch durch eine Brüstung und eine Straße getrennt ist. Hier hat sich vor genau 250 Jahren Graf Brühl einen Garten mit etlichen Bäumchen anlegen lassen und heute läuft dort jedermann umher, wo sich jetzt in den alten Gebäuden, in deren Dachrinnen Grünzeug rankt, Museen und Vorlesungssäle befinden. In der Altstadt kann man also viele Sehenswürdigkeiten anschauen, während man zu Fuß im Innenstadtbereich spazieren geht und in Richtung Stadtrand die Leuchtreklame des VEB Kombinat Robotron auf einem Hochhaus erblicken kann. Über die Georgi-Dimitroff-Brücke kommt man in den Neubaubezirk von Dresden, wo man Hotels, eine moderne Prachteinkaufstraße und Gaststätten findet. Es lebe der Beton.

Dessau

Die restlichen Tage wollten wir in Leipzig verbringen, wo uns eben die 12. Leipziger Jazztage hinzogen und wo am Donnerstag-Abend, unserem dritten Tag in der DDR, auch das erste Konzert stattfand. Und so machten wir uns vormittags auf den Weg, allerdings mit einem Abstecher über Dessau, wo wir uns das dortige Bauhaus, in dem u.a. Walter Gropius wirkte, sehen wollten, was eigentlich auch schon das einzig interessante an dieser Stadt für uns darstellte.
Auf Dessaus Straßen machten wir dann auch Bekanntschaft mit der Polizei der Deutschen Demokratischen Republik, als wir nichtsahnend in eine vierspurige Straße einfahren und vor der nächsten Kreuzung auf zwei Polizeibeamte stoßen, die uns fragen, ob wir nicht gesehen hätten, daß diese Straße gesperrt sei, schließlich sei da vorne ein entsprechendes Schild gewesen, das man mißachtet hätte. Darauf knöpfte man uns 20 Mark – natürlich DM, schließlich ist man ja scharf auf harte Devisen – ab und als Stefan fragte, wie man von hier aus zum Bauhaus kommt, erklärte uns der eine Beamte: „Ja, da fahrn’se geradeaus und dann…….“. Wo diese Straße gesperrt gewesen sein sollte, wissen wir uns die vielen Trabis vor und hinter uns bis heute nicht.
Für diese Schlappe entschädigte uns dann aber das Bauhaus, das etwas außerhalb der Innenstadt liegt und schon 1926 erbaut wurde, was man dem Gebäude mit den riesigen Glasflächen und den niedlichen Balkons auf der Rückseite kaum ansehen kann, was zeigt, wie weit die Bauhäusler ihrer Zeit voraus waren. Als wir feststellen mußten, daß ausgerechnet wenn wir hier sind, die Ausstellung über das Bauhaus geschlossen ist, machten wir uns auf ins Zimmer des zuständigen Menschen, mit dem auch Führungen außerhalb der Öffnungszeiten ausgemacht werden können, so versprach es zumindest das Plakat am Eingang. Im besagtem Raum fragten wir dann, ob irgendwie die Möglichkeit bestünde, heute die Ausstellung zu sehen, worauf die freundliche Frau, die dort anzutreffen war, leider antwortete, daß heute zwar eine Führung sei, aber daß hierzu niemand mehr dazu genommen werden könne und spurtete sogleich fort um den zuständigen Herren zu suchen. Nach einer kurzen Weile  stand ein junger Ingenieur vor uns, wohl kaum über 30, der anbot uns kurz in der Ausstellung umsehen zu lassen, was wir natürlich begeistert annahmen. In der Ausstellung kann man Skizzen, Fotos, Modelle, erklärende Tafeln sowie Original-Werkstücke bewundern, zu denen unser Ingenieur auch bereitwillig und mit einem gewissen Enthusiasmus unsere Fragen beantwortete. Nachdem seine Mittagspause, die er für uns geopfert hatte, dem Ende entgegen ging, mußten wir dann wieder raus. So war es also kurz aber interessant – und es gibt doch ab und an nette Leute!
Danach suchten wir noch das heutige Gewerkschaftshaus, einen halbrunden Bau, dessen Modell wir auch in der Bauhaus-Ausstellung gesehen hatten und das von Gropius entworfen wurde. Allerdings war dieses Gebäude mit der Zeit schon so zugebaut und zugewachsen, daß man es als Ganzes gar nicht mehr so richtig wahrnehmen konnte und sich mit Details zufrieden geben mußte.

Leipzig

Am Nachmittag kommen wir dann in Leipzig an wo wir bei einem Kumpel unseres Bekannten übernachten konnten, der in der Trabantenstadt Leipzig-Grünau wohnt, wo in einer Neubausiedlung voller Hochhäuser ungefähr so viele Leute leben wie in einer kleinen Großstadt (also so ungefähr 100.000 Menschen). Dieser Stadtteil wurde eigentlich schon vor vier Jahren fertiggestellt, aber immer noch sieht es hier wie auf einer Baustelle aus, weil die Begrünung noch auf sich warten läßt.
Von hier aus kommt man mit der Tram oder der S-Bahn innerhalb einer halben Stunde in die Leipziger Innenstadt, was pro Fahrt nur ein paar Pfennige kostet. Als erstes schauen wir im noblen Interhotel Astoria vorbei, wo einige Organisatoren des Leipziger Jazz-Club in der Vorhalle sitzen, um hier ankommende Musiker zu empfangen. Das bunte Grüppchen von Jazzfreaks machte sich als Kontrapunkt zu dieser von Eleganz strotzenden Halle sehr gut. Als unsere Bekannten, die bei den Jazztagen auch ein bißchen mitorganisierten und deshalb hierhergekommen waren, ihre Sachen erledigt hatten, ging es in die Innenstadt um noch einen Happen essen zu gehen bevor man sich von 19 Uhr 30 bis Halbdrei nachts, acht Stunden lang dem Jazz in seinem ganzen Spektralbereich hingab. Bemerkenswert ist übrigens, daß jedem für kulturschaffendes Engagement ein paar Tage Sonderurlaub zustehen, so daß sich unsere Freunde während der Jazztage um ihre Arbeit nicht kümmern mußten. Praktische Sache, was!
Während wir nachts also Jazzmusikern aus der DDR und BRD, Rumänien, USA, UdSSR, Schweiz, Österreich, Niederlande, Australien, Großbritannien und Japan zuhörten, schauten wir uns nachmittags Leipzig an.

Eines der herausragendsten Bauwerke Leipzigs ist das 91 Meter hohe Völkerschlachtdenkmal, das am Stadtrand von 1889-1913 zum Gedenken der Völkerschlacht im Oktober 1813 erbaut wurde und heute angeblich als Mahnmal für den Frieden dient. Herausragend kann man dieses Denkmal vor allem deshalb bezeichnen, weil es absolut wuchtig ist und über 500 Stufen gelangt man auf die Plattform dieses teutonischen Bauwerks, von wo aus man eine gute Aussicht hat, die bei klarer Wetterlage wunderbar sein muß. Am Völkerschlachtdenkmal hält die Freie Deutsche Jugend auch regelmäßig größere zeremoniellen Meetings ab, wozu aus dem Bassin vor dem Denkmal extra das Wasser abgelassen wird, um einen schönen großen Platz hierfür trockenzulegen.
In der Deutschen Bücherei, die 1913 in Leipzig eröffnet wurde und sich auf das Sammeln von deutschsprachigem Schrifttum des In- und Auslands spezialisiert hat, konnten wir uns eine interessante Ausstellung zur Geschichte der Schrift und der Papierherstellung ansehen, während wir im Musikinstrumenten-Museum der Karl-Marx-Universität alte Instrumente wie Hammerflügel, Cembali, Orgeln oder ein dreigeteiltes transportables Cembalo sowie etliche Blas- und Saiteninstrumente, worunter sich einige obskure Einzelstücke befinden, bestaunen konnten.
Nach solchen interessanten Touren per Tram und Fußsohle durch Leipzig wird man hungrig und wenn man wie unsereins mittags gefrühstückt hat für den geht’s dann gegen Abend ans Mittagessen. Allerdings muß man erst einmal einen Platz in einer volkseigenen Gaststätte ergattern, was zu manchen Stoßzeiten einfach ans Unmögliche grenzt, weil dann plötzlich alle Essen gehen wollen und bis auf die Straße für einen freiwerdenden Platz anstehen. Ein paarmal hatten wir Glück und kamen genau vor dem großen Gedränge und bekamen in einem gut-bürgerlichen Gasthaus einen recht guten Platz an einem Tisch, an dem schon ein Ehepaar und zwei junge Frauen Platz genommen hatten. Als wir meinten, daß letztere aus dem Westen kommen könnten, weil sie eine Kaufhoftüte dabei hatten, wurden wir von unserem einheimischen Begleiter bitter enttäuscht. Daß man hier mit einer Plastiktüte aus dem Westen rumläuft sei eigentlich nichts ungewöhnliches – schließlich kann man Verwandte und Bekannte dort haben – und außerdem könne man es auch an ihrer Sprache hören, daß sie nach Leipzig gehören. So kann der Anschein  trügen. Trotzdem scheinen die Leipziger Großstädter (Leipzig hat 559.000 Einwohner) irgendwie ‚westlicher‘ eingestellt zu sein als die Leute in kleineren Städten wie Dresden oder Dessau. Jedenfalls lief in besagtem Lokal andauernd Musik von Modern Talking und C.C.Catch und ähnlich dekadentem Pop vom Band, das wohl bei irgendeinem West-Sender mitgeschnitten wurde.
Am Sachsenplatz, den sich Jugendliche als abendlichen Treffpunkt ausgesucht haben, konnte man auch ein paar Punks entdecken, was natürlich nicht so überraschend ist, wenn man weiß, daß von Leipziger Punks schon längst illegale Mitschnitte von Live-Concert-Feten existieren, die ins westliche Ausland geschmuggelt wurden und auf Tape vertrieben werden. Ich denke da als Beispiel an die L’ATTENTAT-Aufnahmen, die vom SM-Vertrieb in der Schweiz herausgebracht wird.
Als wir dem Polnischen Informations- und Kulturzentrum einen Besuch abstatten, in dem man polnische Volkskunst, Zeitschriften und auch Schallplatten erwerben kann, mache ich auch eine überraschende Entdeckung in dieser Richtung. Hinter der Schallplattentheke fiel mir nämlich ein LP-Cover in einem komischen Grün in die Augen und bei genauerem Hinsehen entziffere ich als erstes den Bandnamen U.K.Subs. Ich ließ mir diese Platte, die sich als ein Punk-Sampler namens „Backstage Pass“ eines polnischen (Jazz-) Labels entpuppte, zeigen und kaufte sie dann, obwohl ich noch im Unklaren war, ob dies wirklich Originalversionen waren, was sich später allerdings bewahrheitete. Das tolle an dieser Platte war zudem noch, daß nicht einmal die gängigen Punk-Hits enthalten sind, sondern auch unbekanntere 77er-Songs zu hören sind. Surprise Surprise.
Was einem Wessi noch penetrant auffällt, ist die Art und Weise wie man hier z.B. Geschäfte benennt. Im Schallplattengeschäft bekommt man eine Papiertüte der volkseigenen Einzelhandelskette mit der Aufschrift „Konsument“. Diese Protzerei mit westlicher Dekadenz ist einfach erstaunlich, merkwürdig und allerdings auch schon wieder amüsant.

Am Sonntagnachmittag geht’s für uns schon ins letzte Konzert der 12. Jazztage. Es hatte geregnet und die Luft war danach erstaunlich klar und gut, was in dieser Industriegegend selten sein soll. Wir machen uns also auf in Richtung Süden und an der Grenze dauert es diesmal beträchtlich länger, weil sonntagabends einfach alle nach Hause wollen. Als wir schließlich nach Rückbank vorklappen, Motorhaube und Kofferraum öffnen wieder in der Bundesrepublik Deutschland sind, haben wir endlich freie Fahrt und man kann wieder mit einer Geschwindigkeit über 100 km/h gen Heimat düsen. Im Radio hören wir noch Nachtsendungen über Laurie Anderson und Psychic TV, von denen wir erst später herauskriegen, daß sie vom DDR-Jugendradio DT 64 ausgestrahlt wurden.
Natürlich waren diese fünf Tage viel zu kurz um die Gegend hier wirklich kennenzulernen. Ich denke, wir kommen wieder.

Hier noch kurz Büchertips und eine Adresse für Leute, die es vielleicht auch mal in die Deutsche Demokratische Republik zieht:
– „Reisen in die DDR“ heißt ein sehr brauchbares Merkblatt des Bundesministeriums für innerdeutsche Beziehungen (Vertrieb: Gesamtdeutsches Institut, Postfach 12 06 07, D-5300 Bonn 1), das vor allem bei der Reisevorbereitung sehr nützlich ist und das es kostenlos in Reisebüros geben müßte.
– „Reiseatlas mit 60 Autorouten durch die DDR“ ist ein handlicher DDR-Straßenatlas des VEB Tourist Verlag, dessen 232 Seiten 25 Karten und einen umfangreichen Teil an Ortsbeschreibungen enthalten. Kostenpunkt: 12,50 Mark in der DDR. Ich habs allerdings für 13,40 DM in einem Würzburger pseudo-linken Buchladen erstanden, aber trotzdem dürfte es nicht so leicht zu finden sein.
– Zu guter letzt hier noch die offizielle Adresse des Jazz Club Leipzig: Postfach 543, DDR-7010 Leipzig. Hier gibt es auch die Programme zum Festival, das heuer vom 22.-25. September [1988] stattfinden wird.
– über die letzten Jazztage steht übrigens ein Artikel von Stefan Hetzel in der 12/87-Nummer der Würzburger Stadtzeitung „Herr Schmidt“.

mr.boredom,
1987

Fotos: Stefan Hetzel,
September 1987

Original Layout und Fotomontage:
Framed Dimension D-Sign, 1988

Dieser nur sehr wenig überarbeitete Text stammt aus Heft No. 11 des 10.15 Megazine, vermutlich im Mai 1988 in Würzburg erschienen.
Das Original gibt es hier als PDF:
5_Tage_DDR

Der oben erwähnte Artikel von Stefan Hetzel über die 12. Jazztage Leizpig wurde hier wiederveröffentlicht:
VEB Free Jazz

Unerhört! 2009

Februar 7, 2010

Ende letzten Jahres fand ja das Unerhört! Musikfilm-Festival 2009 in Hamburg statt (vom 3. bis 6. Dezember, in verschiedenen Kinos) – und endlich schaffe ich es, ein paar kurze Notizen dazu zu machen.
Das musikstilistische Spektrum war relativ breit gefächert. Eröffnet wurde das Festival mit einem Film über Schostakowitsch. Und am Ende wurde ein Film über Rap prämiert. Aber für mich ist Rap keineswegs Liebe und so setzte ich meinen eigenen Schwerpunkt auf andere Filme.

„Slide Guitar Ride“ von Bernd Schoch  war ein guter Einstieg. Der Dokumentarfilm portraitiert die amerikanische Primitive Rock‘n‘Roll One Man Band Bob Log III – ein verrückter Typ, der nie ohne Helm mit eingebautem Mikrophon auf die Bühne geht. Der Film nimmt die trashige Ästhetik seiner Musik auf und zwischendurch gibt es zwei animierte Sequenzen mit mehr oder weniger verrückten Geschichtchen von Bob Log. Man merkt, dass der Film von einem Fan gemacht wurde. Während der anschließenden Fragerunde erwähnte Schoch noch, dass sein nächstes Projekt ganz anders, wohl seriöser, aussehen wird – ein Film über drei ältere, lustige Herren – dem Alexander von Schlippenbach Trio. Darauf bin ich schon mal sehr gespannt.

Ein anderer Film, hinter dem ein Fan als Macher steckt, war „ON/OFF: Mark Stewart From The Pop Group to The Maffia“. Ursprünglich wollte Tøni Schifer nur eine Compilation mit Pop Group-Videos zusammenstellen. Aber da es zu wenig Material dieser Art gab, wurde ein Dokumentarfilm aus diesem Projekt. Ehemalige Bandmitglieder und andere Weggefährten kommen zu Wort, Live-Mitschnitte aus mehreren Dekaden werden gezeigt und auch Mark Stewart zu Hause bei seinen Eltern, etc. Keine große Filmkunst, aber sehr informativ. Nirgendwo sonst kann man Mark Stewart und Angie Reed Händchen haltend vor einem riesigen Ölbild posieren sehen. Wenn ich mich recht erinnere, war das sogar die Deutschland-Premiere dieses Filmes. Empfehlenswert!

Aber auch alte Filme fand ich sehr interessant. So z.B. „Oh Horn!“, einen Schwarzweiß-Film aus dem Jahr 1980 über den mittlerweile verstorbenen Posaunisten Albert Mangelsdorff. Schön, mal von ihm selbst erklärt zu bekommen, wie seine Technik mehrstimmig auf seinem Instrument zu spielen funktioniert. Mangelsdorff erzählt viel und spielt dazwischen solo.

Der Dreißigminüter „One Room Man“ mit Kevin Coyne kam ebenfalls schwarzweiß daher und wirkte fast wie ein Einmann-Theaterstück, das auf einer Bühne mit Ofen, Sofa, Stehlampe und einem Stapel alter Zeitungen dargeboten wurde. Ein ästhetisch schön reduzierter Rahmen für Kevin Coyne und seine Gitarre.

Interessant und sehr ordentlich gemacht waren natürlich auch die Dokumentarfilme „Das letzte Biest am Himmel“ über Blixa Bargeld und „My Name Is Albert Ayler“ – beides Produktionen, die für das deutsche bzw. schwedischen Fernsehen produziert und dort auch bereits ausgestrahlt wurden.

Unfreiwillig komisch bis eher anstrengend waren die „12 Defa Disco Filme“. Diese haben mit Discomusik nicht viel zu tun sondern heißen so, weil sie auch an Orten gezeigt wurden wo die Jugend der DDR ihre abendliche Freizeit verbrachte. Es wurden Jazzmusiker und Rockgruppen portraitiert. Ein junger Manfred Krug war ebenfalls zu sehen, ebenso eine Prog Rock Band aus Ungarn (?) usw. usf. Ein Defa Disco Film wurde sogar der bundesdeutschen Politrock-Band Floh de Cologne gewidmet. Bis Ende der 1970er Jahre fand ich diese Filme interessant. Später, als dann Bands wie Silly ins Spiel kommen, nicht mehr so sehr.

Die Musikzeitschrift Spex kooperierte offensichtlich mit dem Unerhört!-Festival und präsentierte dann auch die angeblich besten zehn internationalen Videoclips des Jahres 2009. Dieser Videoabend war für mich die reine Folter. Nette Clips zu banaler bis kommerzieller Musik. Der Spex-Video-Fachmann war begeistert. Trotzdem ist mir nicht begreiflich zu machen, warum ich mir vollkommen uninteressante Musik von beispielsweise Depeche Mode oder gar Lady Gaga anhören soll um bestenfalls nette Clips anzusehen. Reine Zeitverschwendung. Da hätte ich mir besseren Musikgeschmack gewünscht!

Trotzdem ein wunderbares Festival bei dem noch sehr viel mehr zu hören und zu sehen war. Meine kleine Auswahl an Filmen ist keineswegs repräsentativ. Ich hatte eher das Gefühl, dass ich nicht so die Publikumsrenner erwischt habe. Aber das ist mir ziemlich egal.

07.02.2010