Posts Tagged ‘Die Aeronauten’

The History of Future

Februar 24, 2012
Plattenhülle, Vorderseite, Ausschnitt

Die Zorros – Future
(Tape/LP/CD, Voodoo Rhythm Records, VR1273, 2012)

Eigentlich wollte ich gestern in diesem Schallplattenfachgeschäft nur mal schauen, was es in  der Abteilung „Underground“ so an Neuigkeiten gibt. Dann fiel mir aber dieses zweite Album von Die Zorros ins Auge. Und aus nur mal gucken wurde dann doch kaufen…

Schon die erste Platte dieser Schweizer Band war eher eine Zufallsbekanntschaft und lief mir irgendwann mal über den Weg. Auf „History Of Rock Volume 7“ coverten sie neben schnell selbst zusammengeschusterten Instrumentals so manchen Mainstream-Hit in ihrer recht eigenen Easy Listening Primitive Rock’n’Roll-Manier. Unvergessen ihre Version von „Final Countdown„, die so klingt als wäre dieser Song für einen Italo-Western geschrieben worden. Ein Klassiker der Moderne!

Auch auf „Future“ bleiben sie ihrem Konzept treu: möglichst wenig Zeit in ein Stück investieren, nicht üben, sofort aufnehmen, fertig. Klingt irgendwie nach Spaß haben. Und den hat man auch beim Anhören. Das Instrumentarium besteht aus Orgel, Gitarre, Drums und rudimentären Stimmen und wird von Oliver Maurmann (Die Aeronauten, Guz & Die Averells), Patrick Abt (Bigger Club) und [Reverent bzw. Lightning] Beat-Man (The Monsters, Voodoo Rhythm Records Labelmacher) bedient. Diesmal müssen u.a. Stücke vom Amy Winehouse aber auch von den Rolling Stones, den Beatles und Rod Stewart daran glauben. „Rehab“ wird auf ein kerniges „No No No“ eingedampft, bei „Paint It Black“ sirrt die Orgel herrlich käsig, „Taxman“ und „Walrus“ werden in einen Topf geworfen und am Ende schießt „Sailing“ den Vogel ab dank der etwas längeren Absage des imaginären Provinz-DJs Manni über den vor sich hin shuffelnden Groove. Herrlich! Leider etwas kurz geraten ist ihre wunderbare Ode an Erik bzw. die Interpretation des TV-Themas „Der Komissar“ [sic], welches bekanntermaßen ja auch schon 1980 von The Wirtschaftswunder bearbeitet worden ist. Das vielleicht etwas affige „Zorros in Afrika“ paßt auf jede Jungle Exotica Party! Und sogar eine Live-Jazz-Improvisation wird durch den Kakao gezogen, inklusive einer gefakten Ansage von Joachim-Ernst Berendt.

Das Ganze könnte man als eine amüsante Ergänzung zur aktuellen Platte „Too Big To Fail“ der Die Aeronauten sehen. Wer von deren Instrumentals nicht genug kriegen kann, wird hier in rauer Art und Weise bestens bedient. Aber eigentlich sind Die Zorros ziemlich einzigartig – und einfach herrlich!

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Hemmungslos

Februar 17, 2012

Die Aeronauten – Too Big To Fail
(DoCD/DoLP/DL, Rookie/Ritchie Records/Broken Silence, 2012)
und live im Hafenklang, Hamburg, 16.02.2012

Gestern waren Die Aeronauten wiedermal in der Stadt und haben den Hafenklang gerockt und hatten auch ihre neue Platte im Gepäck. Erschienen ist diese bereits am 3. Februar 2012, genau 20 Jahre nach ihrer ersten Cassetten-Veröffentlichung.

„Too Big To Fail“ ist kein einfacher Tonträger sondern ein Doppel-Album. Angeblich erfüllt sich die Band mit der zweiten Scheibe den Traum eine Instrumental-Platte zu veröffentlichen. Aber da sich so etwas womöglich nicht so gut verkauft, tun sie den Labels den Gefallen und packen noch viele Songs dazu. Zumindest haben sie das so ungefähr letztes Jahr im Schaffhausener Fernsehen erzählt. Dabei bereiteten die Instrumentals der Die Aeronauten schon immer hervorragenden Hörgenuss. Ich denke da nur an die Western-Melodie „Extremadura“ oder an das vermutlich von Billy Childish bzw. The Milkshakes inspirierte „Roter Stern“ (beides auf „Jetzt Musik“, 1997). Eine Instrumental-Platte war also längst überfällig. Auf „Too Big To Fail“ sind so einige mehr als gelungene Lieder ohne Worte zu hören. Da gibt es Stücke, die man gerne in Western-Filme  oder Agenten-Thrillern wiederhören möchte. Und mit „Ärger in Shit City“ gibt es die beste O-Ton-Dialog-aus-Krimi-geklaut-Musik-Kombination seit „Television / Kommissar“ von The Wirtschaftswunder (1980). Vereinzelt geht mit den Die Aeronauten auch der mal soulige, mal funkige oder sogar jazzige Groove durch. Entfernte Assozationen an Mariachi oder gar Klezmer können da durchaus aufkommen. Und „Asino Morto“ erinnert mich von der Klangästhetik her an das, was Olifr M. Guz zusammen mit Die Zorros gemacht hat, nur etwas schöner und mit Bläsern. Und das ist ja das besondere an Die Aeronauten: rockigen Indie-Pop (ich hasse mich für diese Schubladisierung) zu machen, mit guten, teils kulturpessimistischen Texten, herrlichen Gitarrenriffs und so, aber auch mit Saxophon und Trompete. Und alles hat Seele, mit Liebe zum Detail aufgenommen und stellenweise wird auch georgelt.

Produktfoto, Innenansicht, aufgeklappt

Live präsentieren Die Aeronauten nicht allzu viele Instrumental-Stücke, binden diese aber geschickt in ihr Programm ein, das  dem Publikum neben den neuen Songs natürlich auch etliche alte Knaller um die Ohren haut. Da kommt bei 21 Jahren Bandgeschichte so einiges zusammen. Eines der ältesten Stücke dürfte „Sexy Terrorist“ von ihrer ersten Platte gewesen sein, das als Zugabe gespielt wurde. Weil das Publikum es nicht lassen konnte nach „Freundin“ zu verlangen, wurde dieses Lied dann gegen Ende doch gespielt – aber in einem schlageresken Arragement, das mich dank entsprechendem Synthie- und Saxophon-Spiel an Münchner Freiheit erinnert hat. War  das nun humorvoll oder schon selbstironisch?
Auf jeden Fall hatte die sechsköpfige Band ihren Spaß auf der Bühne und began die Show ausgerechnet mit „Das Ende ist nah“ (das ist der Song dessen „Na na na na“-Chorgesang nach „The Night They Drove Old Dixie Down“ klingt). Teile der Band kamen für diesen Song in weißen Gewändern auf die Bühne und ließen sich von UV-Licht optisch aufhellen. Mit den beiden Stücken, die auch auf ihrer Picture-Disc zu hören sind, wurde  der offizielle Teil dieses Konzertes beendet und das Zugaben-Ritual eröffnet. Davon gab es etliche, gefühlt mehr als zehn, irgendwie schien es mir als ob Die Aeronauten gar nicht mehr aufhören wollten. Von wegen das Ende ist nah…

Klasse Konzert, super Scheiben!

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Du verstehts uns nicht

Oktober 19, 2011

Die Aeronauten: Too Big To Fail / Zementgarten
(7“, Picture Disc, Ritchie Records, 2011)

Von den Die Aeronauten aus der Schweiz gibt es übrigens eine neue, farbig bedruckte Single.

Auf Seite 1 kommen sie verhalten daher, mit zurückhaltenden Drums, akustischer Gitarre, schöner Orgel und Olifr. M. Guz entschuldigt sich für seine Fehler. Für was genau weiss man nicht – und der Rest der Band singt background und pfeift sich einen. Hat also garantiert nichts mit Bankenkrise und Systemrelevanz zu tun.

Auf der anderen Seite rockt die Band wieder, die Bläser dürfen endlich in ihre Hörner stoßen (und nicht nur pfeifen), Bass und Gitarre riffen fein vorwärts. Auch hier ist der Text etwas fremdartig. Was wird da vom Todesplaneten Morta gesungen? „Du verstehst uns nicht“, gibt man dem Zuhörer zu verstehen. Es riecht seltsam. Aber die Musik ist wie immer gut.

Ist da etwa eine neues Album unterwegs?
Würde mich freuen.

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In der Bibliothek

Mai 7, 2011

Superpunk live at Umsonst & Draußen Festival Würzburg, 21.06.2009

Various Artists: Oh, dieser Sound – Stars spielen Superpunk
(Tapete Records, TR210, 2011)

Mit Cover-Versionen ist das ja immer so eine Sache – und mit Tribute-Alben sowieso. Aber offensichtlich sind die Jungs von Superpunk nun lange genug im „Geschäft“ um entsprechend gewürdigt zu werden. So hat Tapete Records hier nun 21 Tracks von 20 Interpreten gesammelt, die eine durchaus durchwachsene Mischung ergeben. Schon der Album-Titel wirft die Frage auf, wer denn diese „Stars“ sein sollen. Ich hatte zuerst Hemmungen, mir diese Platte zu kaufen, aber als ich dann im Zardoz Plattenladen bemerkte, dass hier auch Andreas Dorau sowie die Mobylettes mit dabei sind, mußte ich zugreifen.

Trotzdem verzichte ich gerne auf Bands, die das Original mehr oder weniger nachspielen ohne etwas wirklich originelles hinzuzufügen. Wenn Rockbands Rocksongs covern ist da sowieso nicht viel zu erwarten. Fettes Brot und Madsen braucht kein Mensch. Ebenso die nett gemeinte aber irgendwie schön-nervige Version von Anajo. Nom De Guerre nervt ebenfalls dank Eunuchen-Gesang. Und Egotronic geht auch nur gerade so.

Angenehm hingegen ist, wenn ein gewisser G.Weida ein Superpunk-Lied kurz instrumental auf dem Akkordeon interpretiert. Schön auch die Soul-Versionen von Al Supersonic & The Teenagers und dem The Frank Popp Ensemble.

Es gibt auch zwei Reggae-Versionen – von Die Sterne und Jasmin Wagner – zu hören, was vielleich originell wäre, wenn Superpunk dies mit ihrem „Ehrlicher Mann (Reggae Remix)“ nicht bereits wesentlich besser gemacht hätte. Wobei mir die Version von Jasmin Wagner (früher als Blümchen, jetzt mehr so im Theater unterwegs) besser als die von Die Sterne gefällt – und ihre Stimme auch viel besser als die der Sängerin, die in der Original-Version von „Oh, dieser Sound“ mitquäkt.

Die Aeronauten – eine meiner Lieblingsbands – enttäuschen mich mit ihrer zwar guten aber irgendwie doch nicht so mitreißenden Version von „Baby, ich bin zu alt“ ein wenig. Station 17 überzeugt mit einer coolen Version von „Neue Zähne für meinen Bruder und mich“, die mich dank der Rhythmbox irgendwie an Scritti Politti erinnert.

Ein Hammer ist allerdings die garnicht so gut gelaunte Interpretation von „Das Feuerwerk ist vorbei“ der österreichischen Neigungsgruppe Sex, Gewalt & Gute Laune. Und irgendwie überrascht mich auch Das Bierbeben mit einer schönen Version von Allein in eisigen Tiefen“ – coole Frauenstimme!

Und dann interpretieren zwei meiner Lieblinge noch meinen Lieblingssongs aus dem letzten Superpunk-Album mit dem etwas schwachsinnigen Titel „Die Seele des Menschen unter Superpunk“ namens „In der Bibliothek“.  Die Mobylettes führen diesen Song über in die orgeligen 60er Jahre. Sehr stilvoll! Andreas Dorau eignet sich diesen Song durch Samping an und macht einen flotten Popsong daraus, der mich ebenso wie die wesentlich gemütlichere Version der Mobylettes mehr als begeistert. Gute Cover-Versionen nehmen sich offensichtlich immer die Freiheit, sich vom Original zu entfernen. So nimmt sich Bernd Begemann zusammen mit seiner Befreiung die Frechheit heraus, aus zwei Liedern („Ich bin ein Snob“ und „Ich bin nicht so wie jeder andere auch“) eine handgemachte Bastard-Indie-Pop-Version zu schaffen.

Wer Superpunk und die Mobylettes und Andreas Dorau oder auch nur eine dieser genannten Musiker bzw. Bands mag, sollte auf diesen Sampler nicht verzichten.

GUZ – Leichte Amnesie

April 12, 2010

Dies war eine Rezension aus 10.16 Megazine XIII, erschienen Anfang 1990.

GUZ & Die Averells live im Hafenklang

Februar 26, 2010

(Hamburg, 28.05.2009)

So muss es sein. Genau in dem Moment als ich den sogenannten Goldenen Salon im Hafenklang betrete fängt die Vorgruppe zu rocken an. Drei Frauen aus Sydney namens Brigitte Handley & The Dark Shadows stehen da auf der Bühne und geben punkigen Rock‘n‘Roll mit etwas Gothic Flair zum besten und covern zwischendurch Devo‘s „Freedom of Choice“, was ich fast nur am Text erkannt habe. Power. Geradeaus. Schonmal okay.

Nach einer angenehm kurzen Umbaupause begaben sich GUZ & Die Averells aus der Schweiz auf die Bühne. Neben dem Songwriter Olifr M. Guz (Gesang, Gitarre) stehen diesmal Samuel Hartmann (Bass, Gesang) und Daniel D’Aujourd’hui (Schlagzeug, Gesang) als Die Averells mit auf der Bühne. Die drei kennen sich von Die Aeronauten, sind vielleicht auch privat gute Kumpels und legten zu dritt einen Sound hin, der das aktuelle Album „Mein Name ist Guz“ überproduziert wirken und mich entfernt an Thee Mighty Caesars oder irgendeine andere Band mit Wild Billy Childish denken ließ. Trotzdem vermisste man nichts. Die Songs von GUZ kommen auch so einfach gut. Es wurde fast alles von der eben erwähnten Platte gespielt, aber mindestens ebenso viele alte Stücke und Klassiker wie beispielsweise „Koresh Teed“ oder „Parisienne People“ sowie „Ideotental“ und auch „Krankenhaus“. Zwischen den Songs wurde manchal ausführlich mit den Zuhörern kommuniziert. Dem Publikum und den Fans hat‘s gefallen. Und Musikerkollegen wie Knarf Rellöm konnte man beim Sichzumusikbewegen sehen. Erst nach ungezählten Zugaben ging dieses Konzert zu Ende. Klasse war‘s!

(Wiederveröffentlichung – dieser Text wurde Ende Mai 2009 zusammengekloppt und bereits anderswo in diesem Netz veröffentlicht).