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GO BETWEENS

März 19, 2012

Der 3.6.1986 – Welch ein historisches Datum für diese Zeitung. Unser erstes Interview. Mehrmals hatten wir telefonisch erfolglos versucht, den Interviewtermin und -Ort der Go Betweens in Erfahrung zu bringen, so daß wir uns um 18.00 Uhr nach viel Stress im verregneten Köln am Luxor einfanden, ohne etwas in der Hand zu haben. Aus dem Luxor hörten wir auch jemand ein Schlagzeug ausprobieren. Soundcheck. Sollten wir einfach anklopfen und sagen: „Hallo, wir sind von METRO-NOM, dürfen wir die Go Betweens interviewen?“ So standen wir da und diskutierten im Regen, ob es weise sei, jetzt einfach hereinzuplatzen. Nach 10 Minuten (wir waren uns immer noch nicht einig) öffnete sich die Tür, und wir gingen hinein. Dort trafen wir dann den Tour-Manager, der uns alles erklärte und („was, ihr seid von Metro-nom. Kenn ich garnicht“) uns auf die Gästeliste schrieb.

Die Vorstellung begann mit einem 20-minütigen Tanz-Theater-Projekt „Faces in the Crowd“. Es war interessant anzusehen, eine Mischung aus ägyptischen, orientalischen Bauchtänzen und Disco, wobei sich Breakdance-Einflüsse nicht leugnen ließen.
Danach betraten die Go Betweens mit einiger Verspätung die Bühne, dieses Jahr zu fünft, man hatte die 20-jährige Amanda Brown (Geige und Orgel) mit auf Tour genommen. Was nun folgte, war das, was sich jeder unter einem guten Konzert vorstellt.

A.
Schöne, manchmal etwas spröde Songs. Die schönsten Songs der Band stammen aus der Feder von Grant. Seine beiden Stücke („Bachelor Kisses“, „The wrong road“) sind wirklich große, melancholische Lieder. In ihrem Bannkreis denkt man unwillkürlich an die erste große Liebe, das erste verschwiegene Treffen und an die lange, schreckliche Zeit der Trennung. Für diese beiden Songs alleine haben die Go Betweens schon einen Platz auf dem Pop-Olymp verdient. Grant brachte diese Songs (die den Besuch eines Go Betweens Konzerts rechtfertigen) live rauher und ungeschliffener. Doch ihren Zauber spürte man ganz deutlich.

B.
Charisma. Der zweite Kopf der Band, Robert, schreibt schöne Songs („Bad Company“) aber keine genialen. Dafür besitzt er, der so aussieht, wie ein australischer David Byrne (längeres Haar) andere Qualiäten. Robert verfügt über ein reichhaltiges Repertoire an publikumswirksamer Gestik. Er reckt seine Arme beschwörend gegen die (ca. 3 m) hohe Hallendecke als sei in diesem Mikrokosmos die Antwort auf die große Frage nach der menschlichen Existenz greifbar. Auch als „Herbert von Karajan“, das Geigenspiel der zwanzigjährigen Gastmusikerin dirigierend, macht er eine gute Figur. Robert, der visuelle Anziehungspunkt der Gruppe, wirkt wie ein intellektueller Westentaschen-Sinatra (hieß doch die zweite LP der Go-Betweens bezeichnenderweise „Before Hollywood“). Seinen wahrlich größten Moment hatte dieses große Kind (dies bitte ich als Kompliment zu verstehen) als er sein Publikum an der Klangwelt von Tambourin und Gitarre teilhaben lassen wollte. Obwohl wir uns (das Publikum) bemühten, konnten wir ihm nicht ganz folgen. Trotzdem wirkte diese Geste nicht lächerlich, sondern schlichtweg ergreifend.

C.
Frauen. Man kann einwenden, Madonna sei hübscher als die beiden Frauen, die man auf der Bühne sah. Die beiden (Schlagzeugerin Lindy und Gastmusikerin) sahen aus wie weibliche Mitglieder in einer nicht nur Pop Band nun mal aussehen; nämlich eher unauffällig. Jedoch wirkten sie sympathisch, auch wenn man zehn Meter von der Bühne entfernt stand. Böse Zungen behaupten zwar, ich finde Lindy nur so sympathisch, weil sie mich im Laufe des Interviews dreimal anlächelte und mir mit der neuesten Ausgabe eines Kölner Magazins auf den Rücken klopfte. Aber das ist unwahr! Wahr ist vielmehr, daß sie mich während des Interviews mindestens fünfmal anlächelte und mir die neueste Ausgabe des Magazins auf den Hintern schlug.

D.
Entertainment. Auch das wurde uns geboten. Ob Grant nun wie ein Blinder über die Bühne tapste, um deutlich zu machen, daß ihn der Scheinwerfer blendete oder ob Robert Grants Satz „I’m a lonly one“ („The wrong road)“ mit Grimassen quittierte. Unterhaltung war angesagt. Besondere Leistung zeigte auch der ansonsten sehr stille Bassist. Fernab von jeder Allüre benutzte er seine Zunge ausschließlich dazu, sie gegen die Backe zu pressen. Dies hatte zur Folge, daß innerhalb des Publikums Wetten darüber abgeschlossen wurden, wie lange dieser arme, von Zahnschmerzen geplagte Mann noch auf der Büne stehen würde. Das war jedoch ein Irrtum. Wie wir erfuhren, ist der Bassist berühmt für seinen Zungentick.

E.
Langeweile. Wie bei fast allen schönen Dingen im Leben (denkt nur an Eure erste Klassenfahrt) stellte sich ab und an eine gediegene Langeweile ein. Man hatte Schwierigkeiten mit dem Sound (ein Gesangsmikro fiel teilweise aus) und die meisten Songs der Band sind wie gesagt gut aber nicht genial. Trotz dieser Längen war es ein gutes Konzert.

Epilog
Die Go-Betweens sind sympathische Leute, man wird sie mögen aber nicht lieben (ob live oder auf der Platte).

Nach dem Konzert sollte nun also das Interview stattfinden. Man wartete artig vor der Tür auf der Bühne, bis die Damen und Herren von einem mysteriösen Radiosender fertig wurden. Dann ging es hinein in einen winzigen überfüllten Raum, in dem extrem Partystimmung herrschte. Stimmengewirr, wo man sein Mikrofon nur hinstellte. Am besten war Drummerin Lindy Morrison gelaunt. Sie kreischte von einer Dinnerparty, zu der sie nicht eingeladen war und in die sie noch den Drummer der Sting-Rays mitgenommen hatte „Fantastic!“. Es muß sehr lustig gewesen sein. Zuerst diskutierten wir, mit wem wir nun sprechen sollten. Es war alles sehr aufregend! Gekreisch dort, Alkohol in der Ecke, berühmte Gesichter hier. Also schnappten wir uns Grant McLennan und wimmelten alle Leute ab, die ihn belagerten. „Hi, we are from METRO-NOM. Are you ready for an interview?“

METRO-NOM: Kannst du uns einige wichtige Ereignisse in deinem Leben nennen, die dich zu dem gemacht haben, was du heute bist, und was hast du vor der Gründung der Go Betweens gemacht?
GRANT: Also, bei dem wichtigsten Ereignis war ich nicht dabei, wenn meine Eltern nicht gewesen wären, säße ich jetzt wohl nicht hier, das muß ich betonen. Aber ich glaube, es fing an nachdem Robert und ich mit dem Studium fertig waren. Ich wußte nicht, was ich machen sollte. Ich dachte, ich bekäme keinen Job darum fing ich an, mit Robert zu spielen. Ja, und das war der Beginn der Band Ende 1977. Ist ’ne lange Zeit her, was?
METRO-NOM: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Eurem Namen „Go Betweens“ und Eurer Musik?
GRANT: Es gibt keine spezielle Bedeutung, aber ich glaube, als wir anfingen befanden wir uns zwischen zwei Arten von Musik. Wir lieben Patti Smith und ihre poetische Musik und genauso die Monkees, die Beatles, vor alle, gute Pop-Musik wie Prince und Madonna.
METRO-NOM: Hat Patti Smith Euch irgendwie musikalisch beeinflußt?
GRANT: Nein, das hat sie nicht getan. Ich kann Euch eine lustige Geschichte über sie erzählen. Wir schickten ihr unsere erste Single, genauer gesagt zu Lenny Kaye, ihrem Gitarristen. Dann, auf einer ihrer Platten war ein sehr sehr gutes Stück, und es war genau der Song, den wir ihnen geschickt hatten. Wir dachten daran juristisch gegen sie vorzugehen, aber die Version des Songs war so gut, daß Lenny Kaye uns sogar zurückschrieb und uns bat, noch einen anderen Song zu schicken. Er hatte echt Sinn für Humor.
METRO-NOM: Wie schreibt ihr eure Musik?
GRANT: Immer mit Gitarre. Ich schreibe immer zuerst die Melodien und dann die Texte.
METRO-NOM: Warum habt ihr einen Song „Les Immer Essen“ gewidmet, und wie findet Ihr deren Musik?
GRANT: Weil sie sehr gute Freunde von uns sind. Vor zwei Jahren lernten wir sie auf einer Tour kennen und seitdem verstehen wir uns recht gut mit ihnen. Ich hoffte, sie würden heute abend kommen, und sie kamen. Als sie mit uns spielten, brachten sie eine tolle Version von „Life’s a Gas“ von Marc Bolan + T. Rex (er singt: „Life’s a gas“). Sie sind einfach nett, und es ist nicht wichtig, ob ich ihre Musik mag.
METRO-NOM: Wie stellst du dir deine musikalische Zukunft vor?
GRANT: Ich werde bei den Go Betweens bleiben, und die Band wird bestehen bleiben solange wir „lebendige“ Musik machen, die unserer Band neue Impulse gibt.
METRO-NOM: Habt ihr niemals daran gedacht, zu einer größeren Plattenfirma zu gehen.
GRANT: Waren wir ja eine Zeit lang. Unser drittes Album „Spring Hill Fair“, das mit dem roten Cover, das nahmen wir für Warner Brothers auf. Dasselbe Label, bei dem Madonna war. Also, das ist ein ziemlich großes Label, aber leider waren sie von unserer Platte nicht sehr beeindruckt, so daß sie in darauffolgenden Jahr vergaßen, uns zu bitten, noch eine zu machen.
METRO-NOM: Kannst du etwas über die Szene in Australien berichten?
GRANT: Mich dürft ihr das nicht fragen, weil wir seit etwa 4 Jahren in London wohnen. Wir fahren nur ein- oder zweimal im Jahr nach Australien. Es bestand immer schon ein Unterschied zwischen Melbourne und Sidney. Die Bands aus Sidney sind mehr von „Detroit-Sound“ beeinflußt wie die MC 5, wogegen der „Melbourne-Sound“ mehr gekünstelt Englisch ist wie Captain Beefheart, z.B. Birthday Party hätte niemals aus einer anderen Stadt als Melbourne im Australien kommen können. Genauso können „Died Pretty“ und „Hoodoo Gurus“ nur von Sydney kommen.
METRO-NOM: Warst du zufrieden mit dem Konzert heute abend?
GRANT: Ja, hat Spaß gemacht.
METRO-NOM: Aber ich glaube Robert hatte Probleme mit den Mikro?
GRANT: Ach, er hat mal wieder posiert, er spielt so gerne damit wie ein Showman. Wie Frank Sinatra in den Vierzigern.
METRO-NOM: Spielt Amanda auch auf der Platte Violine?
GRANT: Nun, wir trafen Amanda Anfang des Jahres auf einer Tournee und fragten sie, ob sie nicht bei uns mitspielen wolle. Dann flog sie mit uns nach England und spielte mit uns in Schottland, Irland, Italien, Belgien, Schweiz, Norwegen, Frankreich, Holland und im Luxor.
METRO-NOM: Wie findest du Nick Cave?
GRANT: Toller Mensch, ein persönlicher Fremd von mir. Wir stehen uns sehr nahe und kennen uns schon seit Jahren.
METRO-NOM: Magst du seine Musik?
GRANT: Ja, ich glaube nicht, daß alles, was er gemacht hat, so toll ist, aber er schreibt gute Texte. Manchmal wünsche ich mir, daß er eine gute Melodie bringen würde. Aber er hat ja gerade eine neue Platte aufgenommen, die noch nicht veröffentlicht wurde. Es wird eine Platte mit Cover Songs und sie wird wohl ganz gut werden.
METRO-NOM: Könntest du dir vorstellen,  mit ihm zusammenzuarbeiten?
GRANT: Haben wir schon. 1981 machten wir eine Single mit ihm. Sie hieß „After the fireworks“. Robert und ich schrieben den Song, Nick sang, Lindy spielte Schlagzeug, Nick Harvey spielte Klavier, Roland Howard spielte Gitarre. Mir nannten uns Tuff Monks. Nick ist augenblicklich in Berlin und schreibt sein Buch zu Ende, einen Roman.
METRO-NOM: Warum, glaubst du, habt ihr nicht so viel Erfolg wie Prince oder Madonna?
GRANT: Wir verdienen ihn natürlich. Ich glaube, wir sehen ganz einfach nicht so gut aus wie Prince.
METRO-NOM: Aber Prince ist doch sehr häßlich.
GRANT: Wirklich? Ich finde ihn großartig. Er schreibt tolle Popsongs. Das kannst du als Mann gar nicht beurteilen.
METRO-NOM: Du bist ja auch ein Mann!
GRANT: Nein, bin ich nicht, die Hälfte von mir ist eine Frau.
METRO-NOM: Gibt es eine Art Konkurrenz zwischen dir und Robert?
GRANT: Nein, überhaupt nicht. Robert und ich gründeten die Band. Als wir anfingen, konnte ich überhaupt keine Gitarre spielen. Jetzt bin ich genial, und er geht so. Also gibt es keine Konkurrenz. Die Songs, die er schreibt, singt er auch, die Songs, die ich schreibe, singe ich. Darum ist die Band auch so gut, wir haben zwei Songwriter.

Zu diesem Zeitpunkt wurde das Stimmengewirr immer lauter. Gelächter von nebenan und dann kommt es:

LINDY (schrill): Grahaant, in einem deutschen Magazin steht, daß die Liebe deines Lebens in Adelaide ist, und daß das der Grund dafür war, daß du in Adelaide so toll warst. Hahahahaharghghgh. Woher das wohl stammt?
GRANT: From your fucking mouth!
LINDY: Ahahahaha!
GRANT: From your bloody mouth!
LINDY: Hahahahaharhgrgh!
GRANT (auf deutsch): Scheiße, Scheiße, Scheiße.
Jemand: Ist das wahr?
GRANT: Nein, natürlich nicht.
LINDY: Haahaahaahahaha.
GRANT: Sie ist großartig, sie hat ein großes Maul, aber sie ist lieb. Zu Lindy: Du bist wieder umwerfend.

Danach wurde alles chaotischer. Lindy verbreitete noch ein paar Gerüchte und wir verabschiedeten uns.

Mehmet Yalcin / Thomas Stephan

Diese Texte stammen ebenso wie dieses Die Tödliche Doris-Interview aus dem Kölner Fanzine METRO-NOM, Ausgabe Nr. 1,  August/September 1986.
Digitalisiert und sparsam editiert von Guido Zimmermann.
Hier diese vier Seiten im Original-Layout als PDF:
Metronom_Nr1_1986_Go-Betweens_Interview

Die Tödliche Doris, Köln-Ehrenfeld 1986

März 13, 2012

DIE TÖDLICHE DORIS
Ehrenfeld, NARANJA

Wolfram Kühne

20 qm reichten aus, um das Kölner Begehren nach einer tödlichen Doris auszufüllen. Nach einer Nachmittagsvorstellung begann die Truppe ihren zweiten Auftritt um 21.30 Uhr.
Die drei Akteure beschränkten sich auf reinen Gesang und kostümische Darbietung, die mit einem musikalisch Playback untermalt wurde. Die einzige Ausnahme bildete eine karge, kindlich gespielte Gitarre. Die Darbietung von Gesang, Bewegung und Verkleidung wurde mit gleicher Ernsthaftigkeit präsentiert. Diese drei Elemente waren weder extrem kraftvoll noch an die Realität gebunden.
Während des gesamten Konzertes liefen Filme, vor deren Hintergrund die Drei agierten. Überdimensionale Hüte, weiße Tücher von Reinheit, Baströckchen, Herrenslips für die Dame, Nacktheit für die beiden Herren, mit den Händen verbundene Gesichter. Freier Tanz zur Musik, Wortfetzen als Sprachgesang. Eine Improvisation war es nicht.

Nikolaus Utermöhlen

DIE TÖDLICHE DORIS
NARANJA, Köln-Ehrenfeld

Gisela Lobisch

Gerade zurück von einer Tournee mit dem Goethe-Institut, traten die „Tödliche Doris“ zum ersten Mal in Köln auf. Die beiden Berliner Besitzerinnen des Narinja, seit etwa 10 Monaten in Köln, hatten die Gruppe aus Berlin für einen Auftritt in ihrer Galerie gewinnen können. Zwischen dem Nachmittagskonzert und dem Abendkonzert sprachen wir mit „Tödliche Doris“.

METRO-NOM: Tödliche Doris, ihr seid Käthe Kruse, Wolfgang Müller und Nikolaus Vermählen [eigentlich Utermöhlen – GZ]. Könnt Ihr etwas über euch erzählen, eure Art von Musik, eure Performance, euer Hauptaktionsfeld.
WOLFGANG: Nun, die Gruppe gibt’s seit 1980, und wir haben verschiedene Platten gemacht.
METRO-NOM: Wieviel Platten habt ihr bis jetzt gemacht?
WOLFGANG: Ich glaube das war jetzt die 4. LP, die wir kürzlich gemacht haben.
METRO-NOM: Wo ordnet ihr euch musikmäßig ein?
WOLFGANG: Ach, das machen wir gar nicht. Die Frage der Einordnung berührt uns nicht. Es gibt verschiedene Menschen, und die ordnen das ein, für uns ist das eigentlich keine Frage. Wir möchten nicht etwas machen, damit man uns einordnet.
METR-NOM: Wie ist eigentlich der Verkauf von euren Platten?
WOLFGANG: Ach, ganz gut würde ich sagen, von den ganzen Independent Sachen, die so 1980 entstanden sind, gibt’s kaum noch welche auf dem Markt. Wir haben nie auf einen größeren Verkauf spekuliert. Ist ja auch schlecht mit der Musik. Es ist verschieden, von dem einen Objekt hamwa nur 1.000 Stück gemacht, und die waren in 2 Monaten alle weg. Die gingen auch in’s Ausland. Andere Platten sind nicht limitiert. Die ersten Platten werden immer noch kontinuierlich weiterverkauft. Es ist verschieden.
METRO-NOM: Irgend jemand hat euch als „geniale Dilettanten“ bezeichnet.
WOLFGANG: Ich habe mal ein Buch geschrieben mit diesem Titel. Es ist im Merve-Verlag erschienen.
METRO-NOM: Ja, ich habe versucht es im Buchhandel zu bekommen. Aber leider war es vergriffen, und man denkt auch nicht an einen Nachdruck. U.a. stand auch was drin über Blixa Bargeld.
WOLFGANG: Das Buch bezog sich auf ein Festival, das 1983 in Berlin stattgefunden hatte. Die Bezeichnung „geniale Dilettanten“ war die Möglichkeit, uns zu unterscheiden von dem, was damals alles mit „Neue Deutsche Welle“ abgehandelt wurde. Der Begriff löst sich ja auch selbst auf. Deswegen ist er auch gar nicht so dogmatisch und ideologisch wie er sich anhört.
METRO-NOM: Ihr habt vor einiger Zeit eure Performance auf einer „Kaffeefahrt“ nach Helgoland gemacht?
WOLFGANG: Ja, vor 2 Jahren.
METRO-NOM: Wie lief das denn ab, was kamen da für Leute?
WOLFGANG: Wir haben das aufgezogen wie die üblichen Kaffeefahrten, die immer so angeboten werden. Da gibt’s ja auch Tagesfahrten in den Westerwald oder in verschiedene Städte. Wir haben Karten verkauft,
und es sind 25 Leute mitgefahren.
METRO-NOM: Was sind eure Pläne für die nächsten Monate?
WOLFGANG:Wir bereiten ein Buch vor.
METRO-NOM: Worüber?
WOLFGANG: Ist schwer zu sagen. Ja, ein ziemlicher Info-Crack das Buch, es wird mehrere 100 Seiten haben.
METRO-NOM: Kannst du das etwas näher erklären? Was wird drin stehen?
WOLFGANG: Ooch, eigentlich alles. Das Buch ist ein Objekt.
METRO-NOM: Mmh?
WOLFGANG: Ja, dann waren wir jetzt in Japan.
METRO-NOM: Wie kommen eigentlich solche Kontakte in’s Ausland zustande? Wenn ich an eine Plattenauflage von 2.000 Stück denke …
WOLFGANG: Das greift ganz bestimmte Ecken, und ich glaube nicht, daß es eine Frage der Auflage ist. Wir reagieren ja z.B. auch nur auf Anfragen. Wenn wir gefragt werden, dann überlegen wir, ob wir wollen oder nicht wollen. Wir lassen das einfach fließen, was gerade so kommt, das nehmen wir vielleicht. Wir haben also keine Kontakte nach Japan oder Amerika aufgebaut.
METRO-NOM: Ihr hab vorher noch nie in Köln gespielt, wie kommt’s?
WOLFGANG: Wir haben noch nie eine Anfrage bekommen. Das mag auch daran liegen, daß viele Gruppen den Veranstaltern Angebote machen, das machen wir eigentlich nie. Wenn sich jemand meldet, dann sagen wir nicht gleich ja, aber wir entscheiden uns. Dann kommen wir auch in ganz komische Ecken. In Darmstadt haben wir z.B. in einen Buchladen gespielt.
NIKOLAUS: Finde ich auch besser, weil die Leute die an uns herantreten, sich dafür begeistern und sich speziell dafür einsetzen, und dann ist es auch interessanter für dich selber.
WOLFGANG: Das finde ich auch angenehmer, es ist nicht so inszeniert, und dadurch merken wir auch, aus welcher Ecke die Angebote kommen. Wir haben schon Briefe von Leuten bekommen, die sich beschwert haben, daß wir noch nie in Ruhrgebiet gespielt haben. In England hatten wir mal einen großen Artikel in einer Zeitung, eine Doppelseite aber noch nie ein Konzert.
METRO-NOM: Legt ihr Wert darauf, vor einem bestimmten Publikum zu spielen, oder ist euch das egal?
WOLFGANG: Also, egal ist uns das nicht. Im Grunde ist es schon gut, wenn sich das mischt. Es kann auch nicht anders sein.
METRO-NOM: Die Karten für das Laurie Anderson Konzert kosteten 40 – 60 Mark und das Publikum war geprägt durch die, die sich das leisten konnten.
WOLFGANG: Ja, ich fände gut, wenn man das ausschließen könnte …. nein, ich meine, wenn man dann auch die Möglichkeit schafft, Schülerkarten zu 10 Mark anzubieten.
METRO-NOM: Wie war die Vorstellung heute nachmittag?
WOLFGANG: Och, ganz gut. Ist halt klein hier der Raum, deswegen haben wir auch 2 Konzerte gemacht. Normalerweise machen wir ja nur eins.
METRO-NOM: Das Naranja ist ja ziemlich neu hier in Köln und ist auch noch nicht so sehr bekannt. Trotzdem sind beide Vorstellungen fast ausverkauft.
WOLFGANG: Das spricht sich eben rum. Gestern haben wir in Darmstadt gespielt. Der Veranstalter meinte, höchstens 1/3 der Leute seien aus Darmstadt gewesen. Der Rest kam aus Karlsruhe, Frankfurt, Heidelberg, und einer war aus Tokyo.
METRO-NOM: Was haltet ihr von der Performance einer Laurie Anderson.
WOLFGANG: Ich habe noch nie etwas von ihr gesehen. Wir hätten sie beinah getroffen bei der „Gelbe Musik“ Signierstunde, aber da waren wir gerade weg. Die Produzentin der „Gelben Musik“ produziert zwei Projekte von uns. Wir haben auch 2 Platten bei Atatak gemacht, und dann haben wir eine privat machen lassen. Da ist ein Fan von uns, seit Jahren, der hat zehntausend Mark geerbt und hat davon eine LP für achttausend Mark produziert. Vertreibt er auch selbst. Der sitzt zuhause in seiner Wohnung und hat da seinen Stapel-Platten. Er ist allerdings auch etwas unzuverlässig. Oft antwortet er nicht. Wenn die Leute unfreundlich sind, kostete die Platte ein bischen mehr, wenn sie nett sind, kostet sie etwas weniger. Manchmal ist er etwas störrisch. Ja, dann kam wieder „Gelbe Musik“, die klassische Musik und Avantgarde erfaßt, aus sehr künstlerischen Gesichtspunkten. Das ist eine schöne Kreuz- und Quer-Bewegung. Die Sachen müssen nicht an einer Stelle landen. Das finde ich das Langweilige an diesen ganzen deutschen Gruppen. Man weiß, jetzt wird das Label noch größer und dann ist Schluß. Es geht nie jemand von einem großen Label zu einem ganz kleinen, weil das dann gleich einen irrer Image-Verlust mit sich bringen würde, und die Gruppe ist dann nicht mehr „in“. Wenn man sich von vornherein diese Möglichkeiten des Wechsels schafft, kann man immer damit operieren, man hat einen größeren Freiraum.
METRO-NOM: Habt ihr überhaupt irgendwelche Kontakte zu Künstlern aus eurem Bereich? Macht ihr schon mal mit anderen Gruppen was zusammen?
WOLFGANG: Eigentlich kaum. Plan, z.B., die haben 2 Platten von uns realisiert. Wir haben unsere Platten immer bei unterschiedlichen Labels gemacht. Wir haben kein Label, bei dem wir bleiben wollen und sagen, da verpflichten wir uns jetzt.
METRO-NOM: Wollen wir hier mal abbrechen? Ich glaube ihr müßt euch jetzt fertigmachen. Eure nächste Vorstellung beginnt um 21.00 Uhr?
WOLFGANG: Och nee, lieber später, so um halb zehn, ’n bischen partymäßig.
METRO-NOM: Käthe, auf dem Gebiet der Performance und Musik sind relativ wenig Frauen dabei. Wie fühlst du dich hier mit den beiden Jungs.
KÄTHE: Gut, ja
WOLFGANG: (!!) Wenig Frauen sind also nicht dabei. Wir sind überrepräsentiert. Wir haben auch mit T[h]abea Blumenschein gespielt, sehr oft. Dann waren wir zwei Männer und zwei Frauen. Jetzt haben wir eine Mischtechnikerin, Beate, also zwei Frauen, zwei Männer. Wenn wir mit dem Auto fahren, fährt Käthe hauptsächlich.
METRO-NOM: Und die anderen saufen.
Käthe: Nein, nein, auch Beate fährt. Wolfgang hat als einziger keinen Führerschein. Nikki fährt die DDR-Strecken bis 100. Ist alles aufgeteilt.
METRO-NOM: Wer bringt denn die Ideen rein, die Lyrik, Musik, Filme, ist das ein Gemeinschaftsprojekt?
WOLFGANG: Jeder bringt was rein. Wir haben verschiedene Stärken. Es gibt eine Kontrolle dadurch, daß ein Text steht und jemand sagt: „Also das finde ich ganz bescheuert, das Wort hier oder den Zusammenhang“ oder „Das finde ich ganz toll“.
METRO-NOM: Könnt ihr von eurer Musik leben?
WOLFGANG: Wir machen auch Filme und Bücher. Na ja, leben … Wenn wir keine Lust haben, Konzerte zu machen oder es kommen nur blöde Angebote, dann arbeiten wir eben was anderes.
METRO-NOM: Also ist euch das nicht so wichtig, von eurer Musik zu leben?
WOLFGANG: Nein, aber es ist schon angenehmer, wenn wir gute Angebote haben und wenn das Honorar dann so ist, daß wir nicht unbedingt andere Arbeiten machen müssen. Die Vorbereitungszeit nimmt ja auch viel Zeit in Anspruch. Wir haben schon oft Nebenjobs gehabt.
Stimme aus dem Hintergrund: Ihr müßt euch jetzt fertigmachen!
WOLFGANG: Ja, ok. Vielleicht sehen wir uns nachher noch?
METRO-NOM: Ja, danke.

Über die Inhalt des geplanten Buches konnte ich der „Tödlichen Doris“ nichts Genaueres entlocken. Lassen wir uns überraschen …

Diese Texte stammen aus dem Kölner Fanzine METRO-NOM, Ausgabe Nr. 1,  August/September 1986.
Hier diese drei Seiten im Original-Layout als PDF:
Metronom_Nr1_1986_DieToedlicheDoris_Interview