Posts Tagged ‘free impro’

Souvenir du Free Jazz (2)

Dezember 14, 2014

jazzhats

Erinnerungsstücke in Form verschiedener Aufkleber an die 12., 13. und 14. Leipziger Jazztage 1987 –1989.

Mehr zu lesen gibt es hier:
Stefan Hetzel über die 12. Jazztage Leipzig 1987
mr.boredom über 5 Tage DDR

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Vor dem Konzert

Januar 19, 2014

UrbanLouis

Blick durchs Fenster, ungefähr 70 Minuten vor dem Konzert der Free Jazz Band BAUER 4 (Konrad aka Conny Bauer, Johannes Bauer, Matthias Bauer, Louis Rastig) im Urban Spree, Berlin-Friedrichshain, 18.01.2014

Best of 2013

Dezember 17, 2013
eastley

An aeolian harp on top of a former water tower,
part of Max Eastley’s sound installation Aeolian Circles.

Schon seltsam, im Lauf der Zeit werden meine Listen mit den Lieblingen des Jahres immer kürzer. Nunja, egal, hier nun wiedermal ein Überblick über die Sachen aus dem Jahr 2013, die mir irgendwie gut gefallen haben. Hipsterkinderkram müsst ihr woanders suchen.

Alben
Laurent De Schepper Trio – Aquanaut
Woog Riots – From Lo-Fi To Disco!

Konzeptkunstvinyl
Christine Sun Kim / Wolfgang Müller – Ranging From Panning To Fanning

Maxi-Single
Die Tödliche Doris – Stopp (Der Information) (Vollendet von Namosh 2012)

Wiederveröffentlichung
Max Müller – Alt Und Schwul

Bestgelaunte Musik
Orchestre Miniature in the Park – Der Sommer ist da EP

Denkwürdige Konzerte
Jerry Dammers‘ Spatial Orchestra
(25.02.2013, Haus der Kulturen der Welt, Berlin)
Auf / Shellac
(29.05.2013, Berghain, Berlin)

Tolles Festival
A L’Arme Festival Volume II – Avantgarde Jazz
(08.-10.08.2013, Radialsystem V, Berlin)

Bestes Lied im Burt-Bacharach-Gedächtnis-Sound
Julia Holter – This Is A True Heart

Sound Museum
Max Eastley – Aeolian Circles
(Singuhr Hörgalerie, Großer Wasserspeicher, Berlin)

Musikdokumentation
Ralf Schuster – Wer komponiert ist ein Idiot

Buch
Wolfgang Müller – Subkultur Westberlin 1979-1989

Trauer
15.08.2013 Almut Klotz
18.09.2013 Lindsay Cooper
23.09.2013 Paul Kuhn
19.10.2013 Ronald Shannon Jackson
27.10.2013 Lou Reed

Hypnotisierungsmusik

Oktober 12, 2013

MuPo006

Ralf Schuster und Stefan Hetzel – Hypnotisierungsmusik
(Tape, C60, MultiPop prod., MuPo 007, 1991)

Das ist doch mal ein schönes Wiederhören! Da hat Stefan Hetzel nun diese alte Kassettenveröffentlichung digitalisiert, die er zusammen mit Ralf Schuster bespielt hat und die wahrscheinlich nur in einer sehr kleinen Stückzahl unter die Leute gebracht wurde.

Endlich, muss man fast sagen! Denn die Arbeit hat sich gelohnt. Obwohl die Aufnahmen unglaubliche 22 Jahre alt sind, wirken sie überhaupt nicht angestaubt und schon gar nicht nostalgisch. Vielleicht liegt es daran, daß Hetzel & Schuster damals in der Ochsenfurter Fuchsenmühle ihr eigenes Ding vierspurig aufgenommen haben – ohne auch nur einen Gedanken an irgendeinen Zeitgeist zu verschwenden. Teilmengen dieser einstündigen Musikkassette wurden unter Verwendung von Instrumenten wie Synthesizer, Orgel, Melodica, E-Gitarre oder Schlagzeug improvisiert, manchmal werden Schuster’sche Texte dazu vorgetragen. Es kommt zum Haushaltskollaps und die Unterhosen sitzen nicht so gut.

In der Musik, bilde ich mir ein, sind Einflüsse von genialen Dilletanten zu erkennen, aber auch Jazz und Minimal Music spielt da eine Rolle und bestimmt auch Post Punk und sogar Frank Weghardt hat seine Spuren hinterlassen (ein Komponist, dem Schuster & Weber eine ganze 7″EP gewidmet haben).

Für mich ein All Time Favourite, der jetzt auch für Menschen hörbar wird, die damals den Herren Stefan Hetzel und Ralf Schuster nicht über den Weg gelaufen sind.

Ab sofort ist dieses Werk frei zugänglich auf archive.org zu hören. Dort findet man weitere Informationen sowie die ursprünglichen Liner Notes:
http://archive.org/details/hypnotisierungsmusik

Idiot.

Juni 4, 2013

SchusterHetzelIdiot

Wer komponiert, ist ein Idiot.
(Ralf Schuster, Musik-Dokumentation, 15 min., 2013)

Der Autor, Blogger, Musiker und Komponist Stefan Hetzel (*1966) hat seit den 1980er Jahren schon so manches auf die Beine gestellt und auch veröffentlicht – in Fanzines und Zeitschriften, auf Cassette und CD sowie in den unendlichen Weiten dieses Netzes, auch so manches Foto. Beeinflusst u.a. vom (Free) Jazz und Minimal Music improvisiert und komponiert Hetzel gleichermaßen.

Im März 2013 hat nun sein „Kumpel“ und Filmemacher Ralf Schuster ein kurzes Portrait dieses Herren vollführt, das Hetzel in seinem Eibelstädter Musikzimmer zeigt und vor allem seine Art zu  komponieren thematisiert. Heutzutage fröhnt Stefan Hetzel elektronisch generierter sogenannter Neuer Musik, wobei er beim Komponiervorgang sein MIDI-Keyboard in improvisierender Weise nutzt. Diese Arbeitsweise wird von Hetzel eloquent erklärt, auch Einflüsse werden offen gelegt, ebenso die Hoffnung, dass seine Kompositionen durch einen konventionellen kammermusikalischen Klangkörper (KKK) aufgeführt werden, obwohl das eigentlich garnicht nötig ist, da ja längst elektronische Möglichkeiten existieren. Momentan kommt vorwiegend der ePlayer zum Einsatz. Zum Thema Technik und Komponieren werden Ausschnitte aus seinem dreiteiligen Filmessay „Komponieren heute“ in diese Dokumentation eingestreut.

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Schuster und Hetzel bei einer Besprechung in Berlin

Im Film sieht man Stefan Hetzel auf dem Weg zum Bus, bei sich zu Hause, Kaffee trinkend, aber vor allem auf seinem Sofa im Gespräch mit einem Doktor der Musik im Rock’n’Roll-Look (der allerdings nur zweimal als Stichwortgeber ins Bild kommt), in seinem Studio, aber auch mit anderen Musikern in einer Galerie frei improvisierend. Zu hören ist das kammermusikalische Stück „2008“, das durch hypnotische Passagen glänzt. In den Redepausen streift die Kamera durch die Küche, in der nicht experimentiert wird, dafür aber im benachbarten Musikzimmer mit all dem Equipment, philosophische Bücher kommen ins Bild, auch eines über autonome Kunstkritik. Schön auch die sich zur Musik amorph bewegenden Trickfilmfiguren, welche die Handschrift von Ralf Schuster tragen. Im Abspann noch eine Impression der heimischen Mainschifffahrt.

Es gäbe sicherlich noch viel mehr zu erzählen über diesen unterfränkischen Komponisten, dennoch konzentriert sich diese Dokumentation auf das Thema Komponieren und wühlt nicht in der Vergangenheit. Das tut diesem Kurzfilm gut. Es lohnt sich, diesen Typen kennenzulernen. Anschauen!

Der Film von Ralf Schuster:
Wer komponiert ist ein Idiot.

Das Filmessay von Stefan Hetzel:
Komponieren heute

Dessen Blog:
Weltsicht aus der Nische

Seine Homepage:
www.stefanhetzel.de

Souvenir du Free Jazz

Mai 9, 2013

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Erinnerungsstücke an die 14. Jazztage Leipzig 1989:
zwei kleine Badges bzw. Anstecknadeln und Eintrittskarten.

Mehr zu lesen gibt es hier:
Stefan Hetzel über die 12. Jazztage Leipzig 1987
mr.boredom über 5 Tage DDR

Hinweis: Unerhört! 2012

Mai 6, 2012

Unerhört! Musikfilmfestival Hamburg
11. bis 13. Mai 2012

Ihr habt es bestimmt schon mitbekommen, am kommenden Wochenende findet das 5. Unerhört! Musikfilmfestival im B-Movie Kino statt – diesmal wieder als eigenständige Veranstaltung und nicht wie im Vorjahr als Gast bei einem anderen Festival. Zwölf Spieltermine stehen an diesen drei Tagen auf dem Plan, inklusive eines kleinen Asien-Schwerpunkts am Samstagabend mit zwei Filmen über Myanmar und China.

Sonntags gibt es eine dreistündige (!) Matinée mit „Neuer Aktueller Musik“ – mit dabei u.a. ein Kurzfilm über den Free Impro Vocalisten Phil Minton.  Und am Freitag werde ich mir auf jeden Fall die bestimmt interessante Dokumentation über den Free Jazzer Ornette Coleman ansehen.

Auch für sogenannte Indie-Fans ist etwas dabei: Es gibt Filme über Tortoise und das letzte PJ Harvey-Album. Und der empfehlenswerte Liebesfilm „The Ballad Of Genesis And Lady Jaye“ über Genesis P-Orridge, Jaye Breyer, Industrial Music, Kunst und Plastische Chirurgie wird hier ebenfalls gezeigt (obwohl er schon auf mehreren Festivals lief, auch in Hamburg).

Weitere vertretene Musikrichtungen: Afrobeat, Kuduro, Neue Musik, Pop, Punk, Rap etc.

Check out!
www.unerhoert-filmfest.de

Holger, Alexander, Evan und Paul

April 14, 2012

Gestern (am 13.04.2012) gab es im Lichtmeß-Kino im Rahmen der 9. Dokumentarfilmwoche Hamburg zwei relativ kurze, wunderbare Musikfilme zu sehen. Erst einer über Holger Hiller und dann ging es weiter mit dem  Schlippenbach Trio. Free Jazz nach Samplingkunst.
Wie es sich für ein Festival gehört, waren die beiden FilmmacherInnen anwesend und ließen sich zu ihren Werken von der Moderatorin und dem Publikum befragen.

Oben im Eck – Holger Hiller
(Janine Jembere, Musik-Dokumentation, 34 min., 2012)

Kurz vor Weihnachten 2011 war Holger Hiller (*1956) mit seiner alten Band Palais Schaumburg, die er nach der ersten LP verlassen hatte, live zu bewundern. Und jetzt hat dieser Film über ihn Premiere. Schöner Zufall!
Hier nähert sich Janine Jembere (*1985) an Hiller an, die dessen Musik nicht von früher kennt sondern erst in einem Seminar damit in Kontakt kam. Ein Jahr bevor Hillers Solo-Album „Oben im Eck“ auf Mute erschien wurde sie in Magdeburg geboren. Daher kommt dieses Portrait erfreulicherweise ohne nostalgische Schwelgereien aus. Aufnahmen aus der Jetztzeit, z.B. von Proben mit zwei Musikerinnen, werden kombiniert mit Archivmaterial – Ausschnitte aus der Fernsehrevue „Dreiklangsdimensionen“ beispielsweise oder dem Video von Ohi Ho Bang Bang u.v.m.
Anhand von Privat-Fotos zeigt Hiller seine Stationen auf: Hamburg, London, Berlin. Es gibt keine Interviews und keine Fakten aus dem Off – im ganzen Film ist fast nur die Stimme von Holger Hiller zu hören, beim Proben, Bilderzeigen, Instruktionsvideogucken und Verlesen für diesen Film selbst geschriebener Texte. Für frei gesprochene Interviews war er wohl nicht zu haben, da er sicher sein wollte, daß keine Ungenauigkeiten verbreitet werden. Das ganze beginnt am Berliner Hauptbahnhof (vermute ich jetzt mal), Hiller auf der Rolltreppe und Jembere im Aufzug, dazu ein Ausschnitt aus dem wunderbaren Hörspiel „Little Present“, in dem er den Besuch bei seinem vierjährigen Sohn in Tokio akustisch verarbeitet hat. Am Ende betritt Holger Hiller zwar zusammen mit den beiden bereits erwähnten Musikerinnen eine Bühne in Paris, dann wird die Leinwand schwarz, Abspann.
Die Palais Schaumburg-Reunion ist hier übrigens kein Thema, die Dreharbeiten waren wohl schon abgeschlossen als diese Idee aufkam. Ein wunderbarer Film über einen wirklich interessanten Künstler.
Diese empfehlenswerte Doku entstand übrigens als Abschlussfilm an der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HFBK) und wird zusammen mit 12 anderen Abschlussfilmen am 26. April 2012 im Metropolis Kino gezeigt.

Aber das Wort Hund bellt ja nicht
(Bernd Schoch, Musik-Dokumentation, 48 min., 2011)

Bernd Schoch (*1971) ist u.a. auch Dozent an eben erwähnter HFBK und war 2009 auf dem Unerhört! Musikfilm-Festival mit „Slide Guitar Ride“ über Bob Log III vertreten.
Jetzt hat er sich den Spaß erlaubt, drei Free Jazzer abzulichten: Alexander von Schlippenbach (*1938, Piano), Evan Parker (*1944, Saxophon) und Paul Lovens (*1949, Schlagzeug). Unter der Firmierung Schlippenbach Trio machen diese Herren jeden Winter eine Tour und an vier aufeinanderfolgenden Jahren wurden ihre Konzerte in immer dem selben Jazzclub in Karlsruhe (Schoch kommt offensichtlich aus dieser Gegend) aufgenommen. Fast wäre es ein Triptychon geworden – jedem der drei wird eine längere Sequenz gewidmet. Die Mitmusiker sind nur zu hören. Als Zuschauer ist man so nah an ihnen und ihren Instrumenten dran, daß man die Personen fast schon nicht mehr sieht. Da gleiten Finger über Tasten, ein Schweißtropfen perlt herab, man glaubt fast selbst im Schlagzeug zu sitzen. Man kann die Konzentration spüren mit der diese Musik entsteht und sehen, wie ein Musiker auch erstmal hineinhört bevor er weiterspielt. Die drei Herren sind nie gleichzeitig im Bild zu sehen und es gibt auch keine langweilige Totale. Statt Interviews gibt es von jedem der Drei ein Statement zu ihrer Musik und den Ritualen auf ihrer Reise zu hören. Diese dienen als Zwischenspiel und Trennung der dann doch vier Konzertsequenzen. „Aber das Wort Hund bellt ja nicht“ ist somit weder eine klassische Doku noch ein herkömmlicher Konzertfilm sondern fast schon selbst Musik. Alles ist im Fluß. Und wie bei einem guten Konzert hätte ich gerne ab und zu mal die Augen geschlossen um mehr zu hören. Aber das wäre ziemlich doof gewesen bei einem so sehenswerten Film!

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VEB Free Jazz

Februar 1, 2012

VEB FREE JAZZ
IMPORT/EXPORT
KOMBINAT LEIPZIG

12. JAZZTAGE IN LEIPZIG [1987]

Jazz in der DDR – gewiß keine problemlose Symbiose. Dennoch hat sich dort eine ernstzunehmende, wenn auch oft noch lokal beschränkte Szene etabliert. Kristallisationspunkt ist dabei die Metropole Leipzig, im vergangenen September Schauplatz der 12. Jazztage.

Im Arbeiter- und Bauern-Staat führt der Weg zu wirksamer Öffentlichkeitsarbeit über die Eingliederung in bereits bestehende gesellschaftliche Institutionen. Auch der 500 (!) Mitglieder starke „Jazzklub Leipzig“ ist eine Sektion des „Kulturbundes der DDR“. Was uns im Westen allerdings nur nach Beschneidung eines erforderlichen Freiraumes riecht, ist Garant dafür, alljährlich das neben Warschau und Prag wohl bedeutendste Jazz-Festival Osteuropas auf die Beine zu stellen. Beim Durchlesen des diesjährigen Aufgebots mochte man freilich leicht enttäuscht sein: Die ganz großen, international zugkräftigen Namen fehlten, lediglich der amerikanische Posuanist Woody Shaw mit seinem Quartett versprach auf den ersten Blick internationales Niveau. Abgesehen natürlich von DDR-Größen wie etwa Conny Bauer (Posaune) oder dem Schlagzeuger Günter „Baby“ Sommer – beide übrigens Vertreter jener unbequemen 68er Free-Jazz-Generation, deren entscheidender Einfluß auf die ostdeutsche Szene westliche Strömungen zweitrangig werden ließ. Frei Improvisiertes ohne modischen Schnickschnack galt und gilt den Leipziger Fans immer noch als ultima ratio ihrer Avantgarde. Deutlich wurde dabei vor allem eines: trotz vielfältiger Einflüsse aus dem Ausland haben sich diese Free-Jazzer der ersten Stunde ihre eigenartig expressiv-kompromißlose Handschrift bewahrt. Schlagendstes Beispiel: das Duokonzert Sommer/Bauer. Wer einmal erlebt hat, wie das ungeschlachte Schlagzeugtier „Baby“ Sommer brüllend und krachmachend über die Bühne tobt, während der eher zerbrechlich wirkende Conny Bauer, zuckende Arabesken blasend, nervös von einem Bein aufs andere tritt, erkennt plötzlich die wahren kreativen Potentiale dieser Musik, die leider nur allzu oft durch destruktive „Kaputtspieler“ in ihr Gegenteil verkehrt wurden.

Altwilde

Brennende Aktualität gewinnt der Leipziger Gig, vergleicht man ihn mit der Musik des internationalen Improvisationsprojekts „Last Exit“ des New Yorker Bassisten Bill Laswell. Röhrt da nicht auch so ein westdeutscher Free-Jazz-Opa namens Peter Brötzmann ins Horn? – Warten wir’s ab: vielleicht hat die improvisierte Musik nur im Osten überwintert, um als neue?! alte?! Avantgarde in amerikanischen Plattenstudios eines Tages fröhliche Urständ zu feiern . . .
Bis dahin ist es allerdings ein weiter Weg – und ob längst auf die Fünfzig zugehende Kulturdenkmale diesen noch zurücklegen können, bleibt zweifelhaft. Größere Hoffnung darf man da wohl beim experimentellen Nachwuchs hegen, der sich in Leipzig vor allem in Gestalt zweier Formationen westlicher Provenienz präsentierte.

Jung, Brom, Fett

Das Schweizer Trio „Brom“: Drei finster-kahlrasiert dreinblickende Jünglinge wuchteten so erfrischend verbeulte Eisentonnen über die Bühne, daß einige der hartgesottene Jazzer im Publikum, offenbar vom Phänomen Punk nicht angetan, den Saal verließen. Wagten es diese unbedarften Alpenländler doch, wave-orientierte Rhythmen in ihr Konzept einfließen zu lassen. Neben seiner Metall-Bearbeitung (die „Einstürzenden Neubauten“ lassen grüßen) überzeugte ein Thomas Meier vor allem am rotzigen Tenorsax, während Fredi Flückiger, äußerlich eine Mischung aus Stefan Remmler und John Lurie, für den sicherlich originellsten Schlagzeugsound dieses Festivals sorgte: schräges Voodoo-Getrommel und ein unstet pulsierender Swing voll unterkühlter Energie ließen die Stimmung in aufgeklärteren Teilen des Publikums steigen.
Junge Wilde, Teil 2: „Fat“ aus Kanada. Wieder ein Trio, wieder provokative Stilvermischungen. Diesmal waren vor allem Fingerhütchen, Miniradios, Gummibälle und Vibratoren am Werk – heraus kam so etwas wie gefälschter Free-Jazz, frei nach dem Motto: lerne, wie man Krach macht, und gründe eine Band. Die Grenzen zwischen Genialität und Dilettantismus waren bekanntlich schon immer fließend. „Fat“ verwischte sie gänzlich. Trotzdem: wie Gitarrist Erich Rosenzweig, dutzendemale die gleiche Nonsens- Phrase spielend, unverschämt grinsend in die gequälte Masse starrte – das hatte sowas . . . angenehm Sadomasochistisches. Schwamm drüber.
Die interessanteste Nachwuchsformation Ost stellten die Gastgeber selbst. „Leipzig Workshop“, eine illustre Ansammlung lokaler Größen unter Leitung des erfahrenen Saxophonisten Manfred Hering, brachte eine durchaus stimmige Melange aus traditionellem Free-Jazz der Sechziger und dumpf-depressiven Drumbeats der Achtziger; Ausweg aus der Sackgasse der „reinen“ Improvisation? Klubinterne Jamsessions nach den offiziellen Konzerten zeigten eindrucksvoll, wie verblüffend viele Talente in dieser erstaunlichen Szene um neue musikalische Ausdrucksformen ringen. Ein intensiverer gesamtdeutscher Musik- und Gedankenaustausch brächte sicher allen Beteiligten neue kreative Impulse. Dem stehen immer noch die Ein- und Ausreisebestimmungen der DDR hemmend entgegen. Eigentlich unverständlich bei dem Renommee, das sich der Jazz mittlerweile bei der SED-Obrigkeit erworben hat. Das „Neue Deutschland“ lobte bereits 1981: „Der Jazz ist aus unserem Musikleben nicht mehr wegzudenken. Die Jazzmusiker aus der DDR erfreuen sich hoher internationaler Wertschätzung.“

Einreisebedingungen zum Davonlaufen

Seltenes Lob von staatlicher Seite; es überwiegen die Probleme, die die Organisatoren alljährlich haben, um ein repräsentativ besetztes Festival auf die Beine zu stellen. Selbst private Briefkontakte in den Westen, die nur zu Konzertbesuchen aufrufen, können nach geltendem DDR- Strafrecht als „unerlaubte Kontaktaufnahme“ mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden. Und für Musiker aus dem Westen sind Auftritte in der DDR nicht besonders attraktiv: Die Gage gibt’s nur in Ostmark, Musikergepäck erfreut sich der besonderen Aufmerksamkeit des Zolls. Der australische Cellist und Performance-Künstler Jon Rose etwa geriet an den Rand der Verzweiflung, als die Grenzer sein selbstproduziertes Super-8-Filmmaterial vorübergehend beschlagnahmten und erst kurz vor dem Konzerttermin wieder freigaben. Hinzu kam, daß extra ein geeigneter Projektor mühsam aus irgendeinem Winkel des Landes herangekarrt werden mußte, weil die Einfuhr von derlei Geräten verboten und Super-8-Systeme in der DDR normalerweise nicht erhältlich sind.
Haupthindernis der Organisatoren war jedoch wieder einmal die staatliche „Künstleragentur der DDR“ mit Sitz in Ostberlin, ohne deren Einverständnis kein ausländischer Musiker im SED-Staat gastieren kann. Honecker-Besuch hin, deutsch-deutsches Kulturabkommen her: ein Großteil der bundesdeutschen Jazzer, die heuer auf der Wunschliste der Leipziger standen, durften nicht kommen. Der spektakulärste Fall betraf den bayerischen Gitarristen Harald Lillmayer, der Werke zeitgenössischer E-Musik zu Gehör bringen wollte. Bis wenige Tage vor dem Konzert wurde der Augsburger über seine Einreisegenehmigung im Unklaren gehalten. Aus Protest gegen eine solche Behandlung verzichtete Lillmeyer schließlich auf die Teilnahme am Festival. Wie drückte es doch Jazztage-Organisator Immo Fritzsche aus: „Anspruch und Realisierung der Programmgestaltung sind nicht automatisch als Gleichung zu betrachten, sondern stets von den objektiven Bedingungen abhängig.“ So gelesen im Geleitwort zum 1985 erschienenen Report „10 Jahre Leipziger Jazztage“.
Fairerweise sei aber auch gesagt: Nicht nur Musiker aus dem kapitalistischen Westen haben Schwierigkeiten bei der Einreise, auch Künstlern aus „sozialistischen Bruderländern“ werden oft unerklärliche Hinternisse in den Weg gelegt. So glaubten unerfahrene West-Besucher ihren Ohren nicht zu trauen, als im diesjährigen Programm mit der Vokalistin Anna Parghel und dem Posaunisten Liviu Marculescu die ersten Vertreter des zeitgenössischen rumänischen Jazz präsentiert wurden, die die DDR jemals (!) besuchen konnten.

Stars und Kooperations-Mißtöne

Und dennoch: „Es war alles schon viel schlimmer“, ist die einhellige Meinung langjähriger Beobachter der Szenerie. Das Programmheft der ersten Jazztage 1976 beispielsweise verzeichnete ausschließlich DDR-Musiker, auch im folgenden Jahr fand man höchstens vereinzelt Gaststars aus Ungarn, Polen etc. in Leipzig wieder. Erst 1978 gelang es dem bundesdeutschen Alexander von Schlippenbach, ein Gastspiel zu geben. Im folgenden Jahr war dann gar ein Amerikaner, der Drummer Doug Hammond, zu hören. Von da an ging’s steil aufwärts: Illustre Namen der internationalen Szene wie etwa Egberto Gismonti, Albert Mangelsdorff oder Alphonse Mouzon gaben sich ein Stelldichein und trugen zum wachsenden Ansehen der Jazztage bei. Doch trotz nach wie vor steigender Beliebtheit ihres Festivals fühlen sich viele Leipziger Jazzfreunde immer noch etwas isoliert und international, vor allem publizistisch, benachteiligt.
Nicht nur diesbezüglich wäre Unterstützung seitens westdeutscher Jazzclubs da zu wünschen. Warum beispielsweise nicht eine (inoffizielle) Partnerschaft zwischen dem „Jazzklub Leipzig“ und der „Jazzinitiative Würzburg“?!? Bisherige Versuche der Leipziger, Kontakt mit bundesdeutschen Jazzclubs aufzunehmen, scheiterten – man höre und staune – an der Arroganz der hiesigen Vereine.

Text und Fotos: Stefan Hetzel

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe 12/1987 der Würzburger Stadtzeitschrift Herr Schmidt.

Zur Wiederveröffentlichung hat der Autor folgende Anmerkungen:

Ich lege Wert auf die Feststellung, dass folgende Teile dieses Textes ohne meine Mitwirkung und ohne mein Einverständnis entstanden:

1. Die Überschrift „VEB Free Jazz Import / Export Kombinat Leipzig“
2. Der Artikelanfang:
„Im Arbeiter- und Bauern-Staat führt der Weg zu wirksamer Öffentlichkeitsarbeit über die Eingliederung in bereits bestehende gesellschaftliche Institutionen. Auch der 500 (!) Mitglieder starke „Jazzklub Leipzig“ ist eine Sektion des „Kulturbundes der DDR“. Was uns im Westen allerdings nur nach Beschneidung eines erforderlichen Freiraums riecht, ist Garant dafür, alljährlich das neben Warschau und Prag wohl bedeutendste Jazz-Festival Osteuropas auf die Beine zu stellen.“

Ich erinnere mich nicht mehr exakt, was ich 1987 über den „Kulturbund der DDR“ geschrieben habe, ganz genau weiß ich jedoch, dass ich ihn nicht als „Garanten“ der Leipziger Jazztage bezeichnet habe! Die Originalpassage ging eher so (sinngemäß):

Alljährlich macht es der „Kulturbund der DDR“ dem Jazzklub Leipzig auf’s Neue so schwer wie möglich, ein Festival auf internationalem Niveau zu organisieren.

Mein sonstiger Text blieb jedoch weitgehend unverändert – dort ist ja noch genügend von den bürokratischen Schikanen der damaligen Obrigkeit die Rede, so dass der mehr als merkwürdige Anfang beim Leser wohl ein wenig in Vergessenheit geraten mag – hoffentlich!

Dennoch schwillt mir bis heute der Kamm, wenn ich an die ganze Angelegenheit denke – da steht dein Name plötzlich unter einem Text, der für die „Eingliederung“ renitenter Jazzer in „bestehende gesellschaftliche Institutionen“ eines „Arbeiter- und Bauern-Staates“ wirbt! Und wir dummen, verblendeten Westler können das mal wieder nur als „Beschneidung von Freiräumen“ verkennen!

Weiterhin: Die Überschrift suggeriert, wenn auch ironisch verbrämt, eine Art „friedlicher Koexistenz“ von offizieller DDR-Kulturpolitik und Free-Jazz-Szene. In Wirklichkeit war der unberechenbare kulturelle Freiheitsdrang der Free Jazzer den Genossen mitunter ein gewaltiger Dorn im Auge (siehe hierzu Bert Noglik im Wikipedia-Artikel „Jazzmusiker in Deutschland“)!

Welcher Teufel ritt die „Herr Schmidt“-Redaktion also im Jahre 1987, den Sinn meines Textes derartig ins glatte Gegenteil zu verkehren? Auf wen musste hier Rücksicht genommen werden?

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Stefan Hetzel,
Januar 2012

Das Original gibt es hier als PDF:
VEB_FreeJazz

5 Tage DDR

Februar 1, 2012

Die Deutsche Demokratische Republik scheint ja leider kein besonders populäres Reiseland zu sein und ohne daß man dort ‚drüben‘ Verwandte hat, werden sich nur wenige Bundesbürger in Deutschlands Osten gezogen fühlen. Als wir (Stefan und Guido) allerdings von einem Bekannten, den wir bislang nur von Briefen her kannten, zu den 12. Leipziger Jazztagen [1987] eingeladen wurden, sagten wir natürlich zu. Schließlich war man neugierig auf das andere Teil Deutschlands.

Nachdem wir also am Grenzübergang Hirschberg die ganzen Formalitäten  mit den Zollorganen der DDR ohne größere Probleme überstanden und unser Eintrittsgeld plus Verzehrbons (sprich: Visagebühr plus Zwangsumtausch) gezahlt hatten, fuhren wir in Richtung einer kleinen Stadt im Kreis Döbeln, wo wir schon von unserem Bekannten samt Family erwartet wurden, deren Wohnlage recht illuster ist:
Zu dem alten Backsteinhaus, das sich noch in Privatbesitz befindet, gelangt man, indem man am Knast links abbiegt, und wenn man aus den hinteren Fenstern der Wohnung guckt, die sich in einem oberen Stockwerk befindet, kann man in den Hof der Psychiatrie blicken, in dem die Insassen dieser Anstalt hinter den hohen Mauern nachmittags ihre Kreise ziehen; irgendwie fühlte ich mich bei diesem Anblick an den Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ erinnert.
Bei einer Tasse Kaffee kommt man schnell ins Gespräch über dies und jenes und stößt dabei selbstverständlich immer wieder auf den Vergleich von Hier und Drüben. Und dabei fällt auch immer wieder auf, daß unsere Bekannten besser über unsere Verhältnisse informiert sind als wir über deren; Westfernsehen macht’s möglich. Und eigentlich möchte ich jetzt nicht so auf die Unterschiede eingehen, bevor man mir vorwirft, ich wiederhole nur Klischees, die man eh andauernd hören kann. Aber trotzdem bestätigten sich diese Vorstellungen, die man vom Leben in der DDR nun mal hat, allerdings macht man dort halt das beste aus dieser Situation, während man als verwöhnter Außenstehender sich nur wundern mag und sich unwohl fühlt. Man hilft sich hier halt mehr untereinander aus, indem man z.B. Kinderkleidung austauscht und sich gegenseitig beim Wohnungsrenovieren hilft. Denn auch an Handwerker kommt man nicht so leicht heran, vor allem weil anscheinend diese alle die Hauptstadt der DDR Berlin zur 750-Jahre-Feier aufmöbeln mußten. Es lebe das Prestige. Scheint überall das Gleiche zu sein…….

Dresden

Am zweiten Tag unseres 5-Tages-Aufenthalts machten wir uns auf, um Dresden anzugucken. Wir fahren also auf der Autobahn ins ‚Tal der Ahnungslosen‘ ein, da so genannt wird, weil es dort (rund um Dresden) nicht möglich ist, West-Sender zu empfangen. Nur im luxuriösesten Hotel Bellevue soll dies dank Verkabelung möglich sein, erzählt man sich. In Dresden, der Stadt der Kunst und Kultur und heute auch der Industrie, gibt es viele alte Bauwerke, u.a. aus dem Barock, zu sehen. Eines der berühmtesten Bauten ist ‚Der Zwinger‘, der der Würzburger Residenz nicht unähnlich ist; nur macht es die Industrieluft dem Gebäude nicht gerade leicht. Nicht unweit davon findet sich im Innenstadtbereich, der viel gepflastert ist, die Semper-Oper, die noch vor garnicht langer Zeit renoviert und mit modernem Anbau versehen worden ist. Nach ein paar weiteren Schritten kommt man schon auf die brühlsche Terrasse, die sich in Höhe der Anlegestelle der Weißen Flotte die Elbe entlang zieht, von der man allerdings noch durch eine Brüstung und eine Straße getrennt ist. Hier hat sich vor genau 250 Jahren Graf Brühl einen Garten mit etlichen Bäumchen anlegen lassen und heute läuft dort jedermann umher, wo sich jetzt in den alten Gebäuden, in deren Dachrinnen Grünzeug rankt, Museen und Vorlesungssäle befinden. In der Altstadt kann man also viele Sehenswürdigkeiten anschauen, während man zu Fuß im Innenstadtbereich spazieren geht und in Richtung Stadtrand die Leuchtreklame des VEB Kombinat Robotron auf einem Hochhaus erblicken kann. Über die Georgi-Dimitroff-Brücke kommt man in den Neubaubezirk von Dresden, wo man Hotels, eine moderne Prachteinkaufstraße und Gaststätten findet. Es lebe der Beton.

Dessau

Die restlichen Tage wollten wir in Leipzig verbringen, wo uns eben die 12. Leipziger Jazztage hinzogen und wo am Donnerstag-Abend, unserem dritten Tag in der DDR, auch das erste Konzert stattfand. Und so machten wir uns vormittags auf den Weg, allerdings mit einem Abstecher über Dessau, wo wir uns das dortige Bauhaus, in dem u.a. Walter Gropius wirkte, sehen wollten, was eigentlich auch schon das einzig interessante an dieser Stadt für uns darstellte.
Auf Dessaus Straßen machten wir dann auch Bekanntschaft mit der Polizei der Deutschen Demokratischen Republik, als wir nichtsahnend in eine vierspurige Straße einfahren und vor der nächsten Kreuzung auf zwei Polizeibeamte stoßen, die uns fragen, ob wir nicht gesehen hätten, daß diese Straße gesperrt sei, schließlich sei da vorne ein entsprechendes Schild gewesen, das man mißachtet hätte. Darauf knöpfte man uns 20 Mark – natürlich DM, schließlich ist man ja scharf auf harte Devisen – ab und als Stefan fragte, wie man von hier aus zum Bauhaus kommt, erklärte uns der eine Beamte: „Ja, da fahrn’se geradeaus und dann…….“. Wo diese Straße gesperrt gewesen sein sollte, wissen wir uns die vielen Trabis vor und hinter uns bis heute nicht.
Für diese Schlappe entschädigte uns dann aber das Bauhaus, das etwas außerhalb der Innenstadt liegt und schon 1926 erbaut wurde, was man dem Gebäude mit den riesigen Glasflächen und den niedlichen Balkons auf der Rückseite kaum ansehen kann, was zeigt, wie weit die Bauhäusler ihrer Zeit voraus waren. Als wir feststellen mußten, daß ausgerechnet wenn wir hier sind, die Ausstellung über das Bauhaus geschlossen ist, machten wir uns auf ins Zimmer des zuständigen Menschen, mit dem auch Führungen außerhalb der Öffnungszeiten ausgemacht werden können, so versprach es zumindest das Plakat am Eingang. Im besagtem Raum fragten wir dann, ob irgendwie die Möglichkeit bestünde, heute die Ausstellung zu sehen, worauf die freundliche Frau, die dort anzutreffen war, leider antwortete, daß heute zwar eine Führung sei, aber daß hierzu niemand mehr dazu genommen werden könne und spurtete sogleich fort um den zuständigen Herren zu suchen. Nach einer kurzen Weile  stand ein junger Ingenieur vor uns, wohl kaum über 30, der anbot uns kurz in der Ausstellung umsehen zu lassen, was wir natürlich begeistert annahmen. In der Ausstellung kann man Skizzen, Fotos, Modelle, erklärende Tafeln sowie Original-Werkstücke bewundern, zu denen unser Ingenieur auch bereitwillig und mit einem gewissen Enthusiasmus unsere Fragen beantwortete. Nachdem seine Mittagspause, die er für uns geopfert hatte, dem Ende entgegen ging, mußten wir dann wieder raus. So war es also kurz aber interessant – und es gibt doch ab und an nette Leute!
Danach suchten wir noch das heutige Gewerkschaftshaus, einen halbrunden Bau, dessen Modell wir auch in der Bauhaus-Ausstellung gesehen hatten und das von Gropius entworfen wurde. Allerdings war dieses Gebäude mit der Zeit schon so zugebaut und zugewachsen, daß man es als Ganzes gar nicht mehr so richtig wahrnehmen konnte und sich mit Details zufrieden geben mußte.

Leipzig

Am Nachmittag kommen wir dann in Leipzig an wo wir bei einem Kumpel unseres Bekannten übernachten konnten, der in der Trabantenstadt Leipzig-Grünau wohnt, wo in einer Neubausiedlung voller Hochhäuser ungefähr so viele Leute leben wie in einer kleinen Großstadt (also so ungefähr 100.000 Menschen). Dieser Stadtteil wurde eigentlich schon vor vier Jahren fertiggestellt, aber immer noch sieht es hier wie auf einer Baustelle aus, weil die Begrünung noch auf sich warten läßt.
Von hier aus kommt man mit der Tram oder der S-Bahn innerhalb einer halben Stunde in die Leipziger Innenstadt, was pro Fahrt nur ein paar Pfennige kostet. Als erstes schauen wir im noblen Interhotel Astoria vorbei, wo einige Organisatoren des Leipziger Jazz-Club in der Vorhalle sitzen, um hier ankommende Musiker zu empfangen. Das bunte Grüppchen von Jazzfreaks machte sich als Kontrapunkt zu dieser von Eleganz strotzenden Halle sehr gut. Als unsere Bekannten, die bei den Jazztagen auch ein bißchen mitorganisierten und deshalb hierhergekommen waren, ihre Sachen erledigt hatten, ging es in die Innenstadt um noch einen Happen essen zu gehen bevor man sich von 19 Uhr 30 bis Halbdrei nachts, acht Stunden lang dem Jazz in seinem ganzen Spektralbereich hingab. Bemerkenswert ist übrigens, daß jedem für kulturschaffendes Engagement ein paar Tage Sonderurlaub zustehen, so daß sich unsere Freunde während der Jazztage um ihre Arbeit nicht kümmern mußten. Praktische Sache, was!
Während wir nachts also Jazzmusikern aus der DDR und BRD, Rumänien, USA, UdSSR, Schweiz, Österreich, Niederlande, Australien, Großbritannien und Japan zuhörten, schauten wir uns nachmittags Leipzig an.

Eines der herausragendsten Bauwerke Leipzigs ist das 91 Meter hohe Völkerschlachtdenkmal, das am Stadtrand von 1889-1913 zum Gedenken der Völkerschlacht im Oktober 1813 erbaut wurde und heute angeblich als Mahnmal für den Frieden dient. Herausragend kann man dieses Denkmal vor allem deshalb bezeichnen, weil es absolut wuchtig ist und über 500 Stufen gelangt man auf die Plattform dieses teutonischen Bauwerks, von wo aus man eine gute Aussicht hat, die bei klarer Wetterlage wunderbar sein muß. Am Völkerschlachtdenkmal hält die Freie Deutsche Jugend auch regelmäßig größere zeremoniellen Meetings ab, wozu aus dem Bassin vor dem Denkmal extra das Wasser abgelassen wird, um einen schönen großen Platz hierfür trockenzulegen.
In der Deutschen Bücherei, die 1913 in Leipzig eröffnet wurde und sich auf das Sammeln von deutschsprachigem Schrifttum des In- und Auslands spezialisiert hat, konnten wir uns eine interessante Ausstellung zur Geschichte der Schrift und der Papierherstellung ansehen, während wir im Musikinstrumenten-Museum der Karl-Marx-Universität alte Instrumente wie Hammerflügel, Cembali, Orgeln oder ein dreigeteiltes transportables Cembalo sowie etliche Blas- und Saiteninstrumente, worunter sich einige obskure Einzelstücke befinden, bestaunen konnten.
Nach solchen interessanten Touren per Tram und Fußsohle durch Leipzig wird man hungrig und wenn man wie unsereins mittags gefrühstückt hat für den geht’s dann gegen Abend ans Mittagessen. Allerdings muß man erst einmal einen Platz in einer volkseigenen Gaststätte ergattern, was zu manchen Stoßzeiten einfach ans Unmögliche grenzt, weil dann plötzlich alle Essen gehen wollen und bis auf die Straße für einen freiwerdenden Platz anstehen. Ein paarmal hatten wir Glück und kamen genau vor dem großen Gedränge und bekamen in einem gut-bürgerlichen Gasthaus einen recht guten Platz an einem Tisch, an dem schon ein Ehepaar und zwei junge Frauen Platz genommen hatten. Als wir meinten, daß letztere aus dem Westen kommen könnten, weil sie eine Kaufhoftüte dabei hatten, wurden wir von unserem einheimischen Begleiter bitter enttäuscht. Daß man hier mit einer Plastiktüte aus dem Westen rumläuft sei eigentlich nichts ungewöhnliches – schließlich kann man Verwandte und Bekannte dort haben – und außerdem könne man es auch an ihrer Sprache hören, daß sie nach Leipzig gehören. So kann der Anschein  trügen. Trotzdem scheinen die Leipziger Großstädter (Leipzig hat 559.000 Einwohner) irgendwie ‚westlicher‘ eingestellt zu sein als die Leute in kleineren Städten wie Dresden oder Dessau. Jedenfalls lief in besagtem Lokal andauernd Musik von Modern Talking und C.C.Catch und ähnlich dekadentem Pop vom Band, das wohl bei irgendeinem West-Sender mitgeschnitten wurde.
Am Sachsenplatz, den sich Jugendliche als abendlichen Treffpunkt ausgesucht haben, konnte man auch ein paar Punks entdecken, was natürlich nicht so überraschend ist, wenn man weiß, daß von Leipziger Punks schon längst illegale Mitschnitte von Live-Concert-Feten existieren, die ins westliche Ausland geschmuggelt wurden und auf Tape vertrieben werden. Ich denke da als Beispiel an die L’ATTENTAT-Aufnahmen, die vom SM-Vertrieb in der Schweiz herausgebracht wird.
Als wir dem Polnischen Informations- und Kulturzentrum einen Besuch abstatten, in dem man polnische Volkskunst, Zeitschriften und auch Schallplatten erwerben kann, mache ich auch eine überraschende Entdeckung in dieser Richtung. Hinter der Schallplattentheke fiel mir nämlich ein LP-Cover in einem komischen Grün in die Augen und bei genauerem Hinsehen entziffere ich als erstes den Bandnamen U.K.Subs. Ich ließ mir diese Platte, die sich als ein Punk-Sampler namens „Backstage Pass“ eines polnischen (Jazz-) Labels entpuppte, zeigen und kaufte sie dann, obwohl ich noch im Unklaren war, ob dies wirklich Originalversionen waren, was sich später allerdings bewahrheitete. Das tolle an dieser Platte war zudem noch, daß nicht einmal die gängigen Punk-Hits enthalten sind, sondern auch unbekanntere 77er-Songs zu hören sind. Surprise Surprise.
Was einem Wessi noch penetrant auffällt, ist die Art und Weise wie man hier z.B. Geschäfte benennt. Im Schallplattengeschäft bekommt man eine Papiertüte der volkseigenen Einzelhandelskette mit der Aufschrift „Konsument“. Diese Protzerei mit westlicher Dekadenz ist einfach erstaunlich, merkwürdig und allerdings auch schon wieder amüsant.

Am Sonntagnachmittag geht’s für uns schon ins letzte Konzert der 12. Jazztage. Es hatte geregnet und die Luft war danach erstaunlich klar und gut, was in dieser Industriegegend selten sein soll. Wir machen uns also auf in Richtung Süden und an der Grenze dauert es diesmal beträchtlich länger, weil sonntagabends einfach alle nach Hause wollen. Als wir schließlich nach Rückbank vorklappen, Motorhaube und Kofferraum öffnen wieder in der Bundesrepublik Deutschland sind, haben wir endlich freie Fahrt und man kann wieder mit einer Geschwindigkeit über 100 km/h gen Heimat düsen. Im Radio hören wir noch Nachtsendungen über Laurie Anderson und Psychic TV, von denen wir erst später herauskriegen, daß sie vom DDR-Jugendradio DT 64 ausgestrahlt wurden.
Natürlich waren diese fünf Tage viel zu kurz um die Gegend hier wirklich kennenzulernen. Ich denke, wir kommen wieder.

Hier noch kurz Büchertips und eine Adresse für Leute, die es vielleicht auch mal in die Deutsche Demokratische Republik zieht:
– „Reisen in die DDR“ heißt ein sehr brauchbares Merkblatt des Bundesministeriums für innerdeutsche Beziehungen (Vertrieb: Gesamtdeutsches Institut, Postfach 12 06 07, D-5300 Bonn 1), das vor allem bei der Reisevorbereitung sehr nützlich ist und das es kostenlos in Reisebüros geben müßte.
– „Reiseatlas mit 60 Autorouten durch die DDR“ ist ein handlicher DDR-Straßenatlas des VEB Tourist Verlag, dessen 232 Seiten 25 Karten und einen umfangreichen Teil an Ortsbeschreibungen enthalten. Kostenpunkt: 12,50 Mark in der DDR. Ich habs allerdings für 13,40 DM in einem Würzburger pseudo-linken Buchladen erstanden, aber trotzdem dürfte es nicht so leicht zu finden sein.
– Zu guter letzt hier noch die offizielle Adresse des Jazz Club Leipzig: Postfach 543, DDR-7010 Leipzig. Hier gibt es auch die Programme zum Festival, das heuer vom 22.-25. September [1988] stattfinden wird.
– über die letzten Jazztage steht übrigens ein Artikel von Stefan Hetzel in der 12/87-Nummer der Würzburger Stadtzeitung „Herr Schmidt“.

mr.boredom,
1987

Fotos: Stefan Hetzel,
September 1987

Original Layout und Fotomontage:
Framed Dimension D-Sign, 1988

Dieser nur sehr wenig überarbeitete Text stammt aus Heft No. 11 des 10.15 Megazine, vermutlich im Mai 1988 in Würzburg erschienen.
Das Original gibt es hier als PDF:
5_Tage_DDR

Der oben erwähnte Artikel von Stefan Hetzel über die 12. Jazztage Leizpig wurde hier wiederveröffentlicht:
VEB Free Jazz