Posts Tagged ‘FSK’

Bildnis Alfred Hilsberg

Dezember 6, 2011

Fundstück aus der Zeitschrift ELASTE Nr. 10 August/September 1984:
Die Mitglieder der Band Freiwillige Selbstkontrolle interpretieren ein von Michaela Melián gemaltes Portrait des ZickZack-Label-Machers Alfred Hilsberg.

Herausgeber von ELASTE war u.a. Michael Reinboth, der später Compost Records gründete.

Hier das Ganze auch als PDF:
Bildnis Alfred Hisberg

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Aromatisierte Luft

November 23, 2011

Michaela Melián und Justus Köhncke – Liebe tut weh (Foto: Guido Zimmermann)

Programmvorschau:
Konspiratives KüchenKonzert mit
Justus Köhncke und Michaela Melián
(wird an irgendeinem Freitag im Februar 2012 auf ZDFkultur gesendet)

Am vorgestrigen Montag (21. November 2011) wurde diese neue Folge der Konspirativen KüchenKonzerte in Hamburg-Wilhelmsburg aufgezeichnet. Zu Gast bei Chefkoch Marco Antonio Reyes Loredo waren die MusikKünstlerInnen Justus Köhncke (*1966, war mal bei Whirlpool Prod. dabei) und Michaela Melián (*1956, schon immer Mitglied von Freiwillige Selbstkontrolle / F.S.K.). Wobei Köhncke eher für die Musik zuständig war und Melián für die (Medien-) Kunst – obwohl beide ja beides machen und auch nicht voneinander trennen mögen.

Obwohl ich im Studio-Publikum saß, bin ich sehr gespannt, wie die fertige Sendung auf dem Bildschirm wirken wird. Denn Michaela Melián hatte sich ein Konzept für diese Sendung ausgedacht, das frühe experimentelle Fernseh-Kunst zitiert. Vor die Kameralinsen wurden transparente Folien gespannt, die mit Silhouetten, Texturen, Grafiken, Bildern, Typo oder Texturen versehen waren und alle paar Minuten gewechselt wurden. Am Bildschirm sieht man dann also keine reine Abbildung der Studio-Realität mehr sondern bekommt einen durch die entsprechenden Folien verfremdeten Eindruck. Im ersten Gespräch im Küchenbereich wurde als Referenz auf den Ausstellungskatalog „Ready to Shoot“ der Fernsehgalerie Gerry Schum hingewiesen. Später verteile Michaela Melián noch Schildchen mit fernseh-kritischen Parolen, die das Publikum möglichst voll in die Kamera halten sollte. Wie das wohl am heimischen TV rüber kommt?

Justus Köhncke sorgte mittels Laptop, Mischpult und einem alten Korg-Synthesizer für musikalische Unterhaltung. Angenehme elektronische Tanzmusik, zu der Köhncke auch manchmal in deutscher Sprache sang – u.a. bei seinem hit-verdächtigen „So weit wie noch nie“. Als Höhepunkt gab er zusammen mit Michaela Melián eine Cover-Version von „Liebe tut weh“ zum besten. Dieser Song stammt von der Debut-LP der New Wave Band Freiwillige Selbstkontrolle und wurde von ihr hier wohl das erste Mal selbst gesungen – im Duett mit Justus – obwohl ihre Band diesen Song heute live immernoch spielt. Schade, dass diese schöne, flotte Version so kurz war.

Ach, und was gab es zu Essen? Von den Star-Gästen wurde Molekularküche gewünscht. Schließlich war Ferran Adrià ja Gast auf der Documenta 12. Chefkoch Marco nahm die Herausforderung an und servierte als Gruß aus der Küche aromatisierte Luft, abgefüllt in bunten Luftballons. Nach gemeinsamen Öffnen der Ballons duftete es nach zitroniger Quarkspeise oder so. Später wurde noch Fischfilet auf Erbsenspiegel mit gelierten Tomaten und mittels Stickstoff aufgeschäumten Kartoffelmus serviert. Kommentar der Künstlerin: „Also mit Molekularküche hat das echt nichts zu tun!“. Aber was will man schon erwarten von einem ersten solchen Experiement ohne entsprechende Laborgeräte?

Zwischendurch haben sich die beiden Gäste in der Musikecke noch Musik für den Abspann (vermute ich mal) ausgesucht und konnten sich auf eine Single-B-Seite von Can einigen: „Shikako Maru Ten“.

Also den noch nicht fixen Termin schonmal vormerken!

Nachtrag:
Der Sendetermin steht nun fest. Diese Folge wird am 03.02.2012 auf ZDFkultur verstrahlt.

Diese Sendung kann man sich immernoch auf youtube im KuechenKino angucken.

Die konspirative Videothek:
konspirativekuechenkonzerte.de

30 Jahre freiwillig in einer Schachtel

Februar 17, 2011

F.S.K. – Freiwillige Selbstkontrolle ist ein Mode & Verzweiflung Produkt
(3CD-Box, 1980 bis 2009, Disko B)

Schon irgendwie lustig, wenn eine Band mit auf Buback-Label-Tournee geht um ihre bei Disko B erschienene Anthologie der 30-jährigen Bandgeschichte zu präsentieren. Ihr letztes selbstbetiteltes Album war 2009 ihr Debut für Buback. Von da an geht „Freiwillige Selbstkontrolle ist ein Mode & Verzweiflung Produkt“ – so der Name dieser CD-Box – zurück bis ins Jahr 1980, als ihre erste 7″EP auf ZickZack erschien. Diese Compilation ist chronologisch sortiert und beginnt mit Songs aus ihrer frühen Post-Punk-New-Wave-Phase. Anschließend bekommen sie den Blues und interessieren sich eher für amerikanische Musik, allerdings für solche, die von Europa nach Übersee wanderte und holen diese wieder zurück. Das berühmte Transatlantic Feedback also. Da wird der Blue Yodel und die Pennsylfawnisch Schnitzelbank wieder nach Germany gebracht oder alte G.I.-Songs reinterpretiert. Ungereimtheiten und Missverständnisse inbegriffen.

Offensichtlich fließt in die Musik von F.S.K. immer das ein, für was man sich als Band so gerade interessiert. Das sind nicht nur Musikangelegenheiten  (inkl. der Amon Düül-Diskographie), sondern auch Fragen der Philosophie, Gender Trouble und queere Lebensaspekte.

So hat Thomas Meinecke auch zwei Compilations mit solcher in Texas vorgefundener Musik zusammengestellt („Texas Bohemia“ und „Slow Music“, Trikont, 1994/96), ein Hörspiel („Texas Bohemia“, Bayerischer Rundfunk, 1993) produziert und einen Roman geschrieben („The Church of John F. Kennedy“, edition suhrkamp, 1996). Schön nachvollziehbar ist dieses Interesse auch an den Radio-Sendungen, die Thomas Meinecke nachts für bayern2radio macht (und dort sowohl Techno a la Underground Resistance oder Dopplereffekt als auch R&B von Tweet auflegte). Und seine Bücher sind eh ein Parallel-Universum zu F.S.K. – wer „International“ hört, findet in „Tomboy“ das passende Buch dazu.

Nach einer Übergangsphase, in der die Rhythmusbox gegen einen echten Schlagzeuger eingetauscht wurde und man mit David Lowery (von Camper van Beethoven bzw. Cracker) unterwegs war, erschien 1996 eine 12″ mit vier rein instrumental angelegten Tracks. Das war überraschend bei so einer diskursiv-textlastigen Band – aber auch irgendwie zeitgemäß in den Jahren als der sogenannte Post-Rock modern wurde und Techno sowieso. Auf den darauf folgenden Platten hat F.S.K. nach und nach seine Sprache wieder gefunden. Und mit ihrer bereits erwähnten selbstbetitelten Platte knüpften sie dann wieder etwas mehr an ihre wavige Anfangszeiten an. Soweit die Ultrakurzversion dieser Bandgeschichte.

Das letzte Lied dieser Compilation – „Stimme“ – stammt von einem Peter Weibel-Tribute-Album („Der Künstler als junger Hund“, intermedium, 2009) und verweist auf die hörspiel- und medienkünstlerischen Projekte der Band. So hat F.S.K. auch die velvetundergroundeske Musik zur Hörspiel-Produktion „Bambiland“ von Elfriede Jelinek (Regie: Karl Bruckmaier, Bayerischer Rundfunk, 2005) beigesteuert. Davon abgesehen sind Michaela Melián (u.a. mit „Föhrenwald“) und Thomas Meinecke auch solo bereits als Hörspielautoren immer wieder in Erscheinung getreten.

Diese CD-Box ist also eine Zeitreise durch das Werk einer der interessantesten deutschen und deutschsprachigen Nebenerwerbs-Pop-Gruppen (Meinecke ist ja u.a. als Autor unterwegs, Melián als bildende Künstlerin, Wilfried Petzi als Photograph, Justin Hoffmann als Dozent und Kurator, Carl Oesterhelt aka Carlo Fashion als Komponist) und wird durch ein 76-seitiges Büchlein mit vielen Bandfotos und einer diskursiven Abhandlung von Didi Neidhart über F.S.K. ergänzt. Auf einem Faltblatt gibt es noch einen englischsprachigen Text von Franc Myles über die Band zu lesen, dessen Vorderseite die Worte „Heute Disco / Morgen Umsturz / Übermorgen Landpartie“ zieren, die Losung der 1978 gegründeten Zeitschrift „Mode & Verzweiflung“, als deren musikalischer Arm Freiwillige Selbstkontrolle fungiert (und wer will kann diese Losung auch im großen Format DIN B0 ordern). Als kleiner Gimmick liegen der Box noch drei kleine Zahnstocher-Flaggen bei, passend zum Song „Flagge verbrennen (Regierung ertränken)“.

Prädikat wertvoll.

 

Das unsichtbare Monument

Dezember 5, 2010

Michaela Meliáns Memory Loops

Am 23. September 2010 wurde das virtuelle und dezentrale Denkmal „Memory Loops – 300 Tonspuren zu Orten des NS-Terrors in München 1933-1945“ der Künstlerin Michaela Melián offiziell in Betrieb genommen. Nach umfangreicher Recherchearbeit hat Melián, die seit 30 Jahren auch mit der Band Freiwillige Selbstkontrolle unterwegs ist, 300 Audio-Miniaturen in deutscher und 175 in englischer Sprache erarbeitet, die jeweils zu einem bestimmten Ort in München das Schicksal einzelner Menschen während des NS-Regimes erzählen. Diese Dateien kann man mittels einer Website, auf der die entsprechenden Tonspuren in einem stilisierten Stadtplan verortet werden, auswählen, downloaden und zu Tracklists zusammenstellen. Man kann sich aber auch Abspielgeräte in verschiedenen Münchner Museen ausleihen oder an 60 beschilderten Orten per Telefon die passenden Tracks abrufen. Für den Bayerischen Rundfunk, Abteilung Hörspiel- und Medienkunst, wurden fünf lange Memory Loops (zu jeweils ca. 55 Minuten) produziert, die im Herbst 2010 gesendet wurden und ebenfalls als kostenlose Downloads zugänglich sind.

Machart und Ästethik der Memory Loops lehnen sich an Michaela Meliáns Werk „Föhrenwald“ aus dem Jahr 2005 an. Die individuellen „Geschichten“, aus Archivmaterial und Interviews herausdestilliert, werden von Sprechern mit ruhiger, leiser Stimme gelesen und Kinder tragen behördliche Anordnungen und andere offiziellen Verlautbarungen vor. Unterlegt wird dies mit ambienten, reduzierten Loops, die manchmal von Klaviertönen akzentuiert werden. Nichts lenkt vom Thema ab. Durch den Bezug der jeweiligen Hörstückchen zu einzelnen Orten des damaligen Geschehens wird das Gedenken an diese üble Zeit aus seiner Abstraktion geholt und geerdet. Auch für Nicht-Münchner ist das alles mehr als hörenswert und sehr interessant.

PS: Interessant finde ich übrigens auch, daß sich die Stadt München zu so einem flächendeckenden Denkmal durchringen konnte – während das ebenfalls dezentrale Gedenk-Konzept der Stolpersteine meines Wissens dort immernoch nicht genehmigt wurde…

Nachtrag:
Im Mai 2012 wurde Memory Loops für den „Grimme Online Award SPEZIAL“ nominiert.
Siehe: Grimme.

Die Website:
www.memoryloops.net

Die Memory Loops beim Bayerischen Rundfunk:
www.br-online.de

 

3 Pop Bücher 1998

Mai 1, 2010

Pop-Literatur ist schon ein komischer Begriff. Wörtlich gelesen müsste er für populäre Literatur stehen – also für alles, was der Allgemeinheit zumindest vom Namen her etwas sagen müsste. Bei den Büchern, die hier nachfolgend eine Rolle spielen, handelt es sich allerdings um Literatur, die Pop-Musik zum Thema hat oder zumindest im Umfeld einer pop-kulturellen Praxis entstand, die auch mehr oder weniger aktuelle Pop-Diskurse aufgreift. Hier soll die Rede sein von Andreas Neumeister und von Thomas Meinecke, zwei (zufälligerweise) in München ansässige Autoren. Danach als Bonus noch kurz etwas über Herrn Wolfgang Müller.

Andreas Neumeisters Buch „Gut laut“ (Suhrkamp 1998) wird vom Verlag zwar als Roman geführt, hat aber meines Erachtens mit dieser Erzählform wenig zu tun. Eher handelt es sich hier um einen Gedankenstrom, der sich insbesondere um München und Musik sowie damit verbundenen Kindheitserinnerungen dreht. Es geht um The [Disco-] Sound Of Munich und das glamouröse München der 70er Jahre, aber auch um das München der Jetztzeit, in dem Leute wie DJ Hell leben und arbeiten. Unterbrochen wird dieser Gedankenstrom immer wieder durch z.B. Bildunterschriften – zu denen es keine Abbildungen gibt -, Auflistungen verschiedenster Dinge (darunter auch recht komplett wirkende, literarisch spielerisch verpackte Zusammenstellungen der Pseudonyme/Projekte von Aphex Twin oder Mike Ink) oder auch einfach mal einer leeren Seite (Stille im Sinne von John Cage?). Kompositionsprinzipien und Stilelemente, wie sie Neumeister auch schon bei seinem Vorgänger „Ausdeutschen“ (1994) verwendet hat, aber hier zum Thema Musik besser passen. Gerne wird soetwas mit der Tätigkeit eines DJs verglichen und in der Tat ist Neumeister auch als DJ und sogar als Hörspielautor unterwegs. Aber gab es soetwas ähnliches – okay, in radikalerer Form – in der Literatur nicht längst vor der Sampletechnologie und wurde damals Cut-Up genannt? Auf jeden Fall ist dieses Buch eine Freude für alle, die mit orange-schwarzen BASF-Cassetten und Lego-Bausteinen aufgewachsen sind und sich für Plastikmusik der 70er, 80er, 90er Jahre – also für Disco, New Wave, (Minimal) Techno und all dem Pop interessieren. Schöne Sache und ohne lästigen theoretischen Überbau.
Einzelne Textabschnitte aus „Gut laut“ fanden übrigens auch Eingang in die Hörspielproduktion „Prima leben und sparen“, die er zusammen mit Robert und Ronald Lippok von To Rococo Rot unter dem Projektnamen DOLORES im Jahr 1998 für den Bayerischen Rundfunk realisierte. Spätestens hier wird deutlich, dass diese Texte gut dafür geeignet sind, laut vorgetragen zu werden. Wen wundert es da, dass Neumeister 1996 den Sammelband „Poetry!Slam!“ zusammen mit Marcel Hartges herausgegeben hat…

„Tomboy“ (Suhr camp, 1998) von Thomas Meinecke wird ebenfalls als Roman kategorisiert, obwohl sich dieses Buch genauso wenig wie „Gut laut“ um die Pflege dieses Formates kümmert. Viel mehr reihen sich hier kurze Abschnitte aneinander, die wie Dreiminuten-Pop-Songs zusammen ein Konzeptalbum ergeben. In „Tomboy“ geht es um feministische Männer, um Frauen, die Frauen lieben, um Frauen, die Frauen lieben, die eigentlich Männer sind usw. usf. – gender troubles at it’s best. Das ganze spielt im Odenwald bzw. im lieblichen Heidelberg. Hier wird natürlich die Gelegenheit an Schopf gepackt, das dort ansässige Source Label mit ins Spiel zu bringen. überhaupt spielt Musik in diesem Buch eine nicht gerade kleine Rolle – mal reden die Protagonisten über irgendwelche Schallplatten oder Bands, die mehr oder weniger Bezug zum Thema haben. Für einen Vortrag von Judith Butler fährt man zwischendurch mal nach München. Ansonsten trifft man sich und diskutiert irgendwelche literarische Texte oder wissenschaftliche Quellen, auf die man als Philosophiestudentin gestoßen ist. Oder man liest sich gar vor (das Wort „man“ wurde von Thomas Meinecke übrigens ganz ausgemerzt und taucht in Tomboy auf keiner Seite auf. Politische Korrektheit bis ins Detail). Auf diese Weise werden verschiedenste Theorie- und Literaturschnipsel in dieses Buch hineingesampelt und anschließend mittels der mehr oder weniger agierenden Figuren zusammengehalten. Und zwischendurch gibt es noch ein paar banale Geschichten zu erleben, zu denen Meinecke bestimmt durch kleine Zeitungsmeldungen inspiriert wurde. Geschichten, die das Leben schrieb.
Mit der Frage „Warum kann ein Mann nicht lesbisch sein“ und dem Thema ‚Mark Twain in Heidelberg‘, das in diesem Buch auch kurz angeschnitten wird, hat sich Meinecke bereits vor Jahren in Liedform beschäftigt – zu hören auf der LP/CD „International“ von F.S.K. (1996, SubUp). Und den Titel „Tomboy“ trägt bereits ein im Jahr 1995 entstandenes Kunstwerk von Michaela Melián, der Musikerkollegin und Lebensgefährtin von Thomas Meinecke, das auszugsweise auch für das Layout des Schutzumschlages herangezogen wurde. Meinecke & Co. scheinen sich also schon länger mit dem Thema Gender zu beschäftigen. Im Katalogbuch zu Meliáns Ausstellung „Tomboy“ (1995) in der Kunsthalle Baden-Baden ist auch ein offensichtlich improvisierter Text von Thomas Meinecke und Thomas Palzer zu diesem Thema mit der Überschrift „I Gave My Cock A Woman’s Name“ enthalten. Und dieser Text fand wiederum Eingang in den Sammelband „Poetry!Slam!“. Der Kreis schließt sich. Die Welt ist klein. Hauptsache wir lassen die Kirche im Dorf.

Das Buch „Blue Tit – das deutsch-isländische Blaumeisenbuch“ des ehemaligen Mitglieds der Geniale-Dilletanten-Künstlergruppe Die Tödliche Doris wurde mindestens zwei Buchmessen lang als das bevorstehende neue Buch von Wolfgang Müller angekündigt und erschien letztendlich im Juli 1998 beim Martin Schmitz-Verlag. Vielleicht hat es sich vor allem durch die Übersetzung ins Isländische – das deutsch-isländische Blaumeisenbuch ist in der Tat zweisprachig gehalten! – verzögert. Oder lag es an den exzessiven Recherchearbeiten? Denn nahezu jede Kleinigkeit wird mit einer Fußnote belegt. Höhepunkt dabei sind die über zwanzig Anmerkungen zu Andreas Doraus Song „Blaumeise Yvonne“. Soviel übertriebener Fleiß läßt an Ironie denken.
„Blue Tit“ ist also kein Roman und schon gar kein Sachbuch zum Thema „Blaumeisen in Island“ – denn diese Meisenart gibt es dort garnicht – sondern ein alphabetisch geordnetes Sammelsurium zur isländischen Kultur. Und da packt Müller alles rein, was ihn so beschäftigt und interessiert. Das geht von Elfen über Flechten und Meisenknödel bis hin zu Islands einzigem Transsexuellen und anderen Obskuritäten. Diese einzelnen Sachverhalte werden teilweise in Art von Zeitungsreportagen dargelegt oder in Form von Interviews näher gebracht. Wobei einzelne Kapitel ja auch bereits tatsächlich in Zeitungen wie der Berliner taz veröffentlicht wurden. Desweiteren sind hier die schriftliche Dokumentationen eines Hörspiels sowie Auszüge aus einem Roman von Úlfur Hródólfsson enthalten, der offensichtlich mit Wolfgang Müller identisch ist. Trotz allem erfährt man viel Wissenswertes über Island und seine Seltsamkeiten, sollte diese Informationen aber am besten persönlich am Ort nachprüfen. Solche Schlitzohren wie Wolfgang Müller darf man nun mal nicht wörtlich nehmen, vor allem, weil da ein recht verschrobener Humor mitschwingt, der mit so ernster Miene dargeboten wird, dass unvorbereitete Menschen in Schleudern geraten könnten. Oder handelt es sich hier etwa doch um Kunst?

(überarbeitete Wiederveröffentlichung, geschrieben im Januar 1999 für Bad Alchemy)

Amigo

April 10, 2010

(Passend zum gestern wiederveröffentlichten Schwefel-Interview hier nun ein Artikel aus 10.15 Megazine No. 11 aus dem Jahr 1988 über das Westberliner Label Amigo, das nun seit 20 Jahren nicht mehr existiert.)

Angefangen hat wohl alles vor so fünf, sechs Jahren, als vier Teenager (so um die 14/15) mit Woolworth-Orgel, Bass, Gitarre und Schlagzeug die Westberliner Bühnen, die sie unter dem Namen Dreidimensional betraten, mit ihrem Ploing-Punk-Pop unsicher machten. Dank des Gitarristen Mirko Krüger – dem jetzigen Macher des Amigo-Labels – wurden damals ihre frühen Experimente auf der Suche nach dem definitiven Popsong auch auf Magnetband gebannt und als erste Schuldige Scheitel-Cassette mit dem Titel „Der kulturbefördernde Füll“ veröffentlicht. Dies muß 1983 gewesen sein, die Musik war frisch und dilettantisch und ebenso originell präsentierten sich die Tapeaufmachungen von Schuldige Scheitel (sch/sch); allerdings griff dies nie auf die Tonqualität der Tapes über, die von Anfang an auf Chromdioxidband kopiert wurden.

Die zweite sch/sch-Produktion war der Sampler „Abfuhr des Verdrängten“ mit Bands wie Die Zwei, Überhaupt, Dreidimensional, Frustrierte Konsumenten, L.A., Demontage, Sulo und 1-F, den ich allerdings nie zu Gehör bekam. 1984 kam wieder eine Dreidimensional-Cassette (die zwote) heraus, bei der man sich für die Verpackung wieder etwas besonderes einfallen ließ: Während sch/sch 1 samt Beiheft in einer Frischhaltefolie verkauft wurde, war die „Vier Männer und ein Pokerspiel“-Cassette zusammen mit einem 1,3 m langen Beiheft (ausgeklappt) auf einem rotgespritztem Karton aufgeklebt. Und die Musik von Dreidimensional wurde immer besser, was die zwölf schönen bis punkigen Popsongs auf diesem Tape bewiesen. Aber trotz ihrer Qualität mußten auch Dreidimensional das Zeitliche segnen: Die Band löste sich 1985 auf und verabschiedete sich am 09. März auf dem Kwahl-Festival bei ihrem letzten offiziellen Auftritt. Allerdings ging die Band nicht von uns, ohne ein Geschenk in Form eines Double-Dismissal-Tapes zu hinterlassen. Im September des selben Jahres kam diese „Crack The Heart“-Cassette gleichzeitig mit weiteren Produkten (von My Bloody Valentine und Fake Diskurs) heraus, die auf einer C-25 sechs Studioaufnahmen (u.a. eine The Teens-Coverversion und so tolle Popsongs wie „Susan (No Chance For A Popstar)“ oder „My Golden Toast“) und auf einer C-35 zehn weitere Live-Stücke enthielten.

Die gleichzeitig im September 1985 erschienene Live-Cassette „Man You Love To Hate“ von My Bloody Valentine zeigte wie es klingt, wenn eine Doors-Orgel auf Punkrock stößt – harter, englischer Psych-Punk at it’s best. Fake Diskurs, eine Oldenburger Studentenband, konnte mich da mit ihrer artifiziellen Musik nicht so mitreißen. Aber dafür wurde beim Cover ihrer „Parh Extend“ ein Farbfotoabzug verwendet, was wieder spüren läßt, daß hier immer mehr Professionalität angestrebt wurde. Als logische Weiterentwicklung kam im August 1986 die GEDULD!-Cassette in einer aufklappbaren Plastichülle (ungefähr im doppelten Cassettenformat) heraus, was die Tapes in den Läden etwas auffälliger macht, wo sie ja eh nur ein Schattendasein fristen müssen. Auf diese Weise wurden übrigens auch die IndepenDance-Tapes und werden heute noch die Amigo-Cassetten verpackt.

GEDULD! war das Solo-Projekt von Mirko Krüger persönlich, der hier eine Sammlung unterschiedlicher Songs aus einem Zeitraum von von drei Jahren veröffentlichte, die einige fantastische Leckerbissen enthält.

Anfang 1986 stellte Mirko von miserablen Tapeproduktionen, die er zu Gehör bekam, frustriert fest, daß „der positive Trend in der Cassettenszene zu professionelleren Aufmachungen und Tonqualität nichts an der Tatsache ändert, daß die Cassette in erster Linie ein Medium für Bands bleibt, die in ihrer Ideen- und Talentlosigkeit besser nie erwähnt hätten werden sollen“. Und somit lag es nah, sich auch der Produktion von Schallplatten zuzuwenden, um sich von dieser Masse etwas abzuheben. Als erste sch/sch-Schallplatte kam Ende 1986 dann die Mini-LP „Schizophrenic Party“ heraus, auf der der Mannheimer (Norbert) Schwefel Elemente der 70er und 80er Jahre verbindet und so eine eigene, gelungene Mixtur aus Rock, Jagger, Bauhaus, Punk, Pop etc. fertigbringt, die noch von Martin Buchholzs Saxophon und Klarinette veredelt wird. Während die ersten tausend Exemplare dieser Mini-LP noch unter dem Label-Namen ‚Schuldige Scheitel‘ erschienen, kamen die neuen Releases schon unter dem neuen Namen Amigo heraus.

Mit diesem neuen Namen wollte man sich offener präsentieren und sich nicht auf ‚Underground‘ (um ein blödes Wort zu gebrauchen, wie Mirko sagte) einschränken. Und außerdem wurde Mirko durch seine regen Kontakte nach Ost-Berlin dazu inspiriert der DDR-Plattenfirma Amiga ein männliches Gegenstück auf Westberliner Seite entgegenzusetzen …

Aber obwohl man sich durch den neuen Namen und dem Entschluß zur Plattenproduktion einem ‚größeren‘ (das ist natürlich alles relativ!) Publikum öffnen wollte, vernachlässigte Amigo trotzdem nicht den Underground und gibt auch weiterhin Cassettenproduktionen heraus. Während bei Vinyls die Verbreitung über existierende unabhängige Plattenvertriebe (EfA) einigermaßen gut klappt und somit einige tausend Platten (pro Schwefel-12“ wurden bisher jeweils ca. 2500 Exemplare gepreßt) in fast alle Plattenläden gebracht werden können, werden von Tapes vielleicht 200 – 300 Exemplare (von Schwefel- und Space Pop-Tapes jeweils ca. 300 verkaufte Ex.) in vielleicht 30 speziellen Läden verkauft, die man zudem noch selbst bedienen muß, da sich weder ein Vertrieb noch ein normales Plattengeschäft um die kleine Cassetten kümmern mag, die dort dann eh meist untergehen, weil sie nicht so wie LPs in die Regale gestellt werden können. Die einzige Chance eine einigermaßen gute Auflage zu erreichen ist, wenn es einem Label gelingt eine feste Tapereihe – vielleicht in der Art von Roir oder Touch – zu etablieren. Allerdings darf man sich von Cassetten einfach nicht zuviel erhoffen, denn wenn man seine Ziele zu hoch steckt, gibt man nur irgendwann einmal auf. Und dann wird die Lücke zwischen Democassetten und Schallplatten wieder unnötig vergrößert, was nicht gerade Sinn der Sache ist. (Das IndepenDance-Label macht ja inzwischen nur noch Schallplatten, nachdem sie bei ihren Tapes die erhofften Auflagen nicht erreicht hatten…).

Nach der ersten Schwefel-Mini-LP kam neben der „Detailed“-Cassette mit frühem Schwefel-Material (mehr über diesen Mannheimer bringen wir in unserer nächsten edit!) noch ein hervorragendes Tape namens „C87 Space-Pop Compilation“ heraus, auf dem elf deutsche Bands mehr oder weniger psychedelischen Pop machen. Neben einer Reihe von Musikern aus dem Schwefel-Umfeld und aus dem Berliner Untergrund (z.B. Camping Sex, Mutter) hört man auch solche alte Bekannte wie die Freiwillige Selbstkontrolle und begegnet bei PLO einer 39 Clocks-Hälfte. Und das schöne an diesem Sampler ist seine geschlossene Form – kein Song fällt stilistisch oder qualitativ ab und es macht Spaß, dieses Tape durchzuhören, während man bei einem Großteil von Samplern seine Favoriten aus den verschiedensten Beiträgen herauspickt und den Rest getrost vergißt. Aber bei der „C87 Space-Pop Compilation“ bereut man keine einzige der fünfzehn Deutschen Marken, die man hierfür über den Ladentisch schieben muß.

In ähnlicher Preislage gib’s inzwischen auch die zweite Schwefel-Schallplatte „Metropolis“ mit drei Titeln: ein Großstadtsoundtrack, ein Akkordeon-Märchen und eine Marc Bolan-Coverversion; eine Besprechung findet durch 69 N & F an anderer Stelle dieses Heftes statt.

Zukunftsmusik: Im April wird dann voraussichtlich die erste Langspielplatte von Schwefel auf Amigo veröffentlicht werden; die gehörten Vorabtitel sind wie immer hervorragend! Da in einer LP mehr Aufwand & Zeit & Geld steckt als in einer 3 Track-12“, will man sich hierfür noch nach einem besseren Vertrieb umschauen und inzwischen verhandelt Amigo sogar mit Polydor, die ja auch Philip Boas neue LP herausbringen. Genaueres weiß man allerdings noch nicht, man wartet noch ab. Aber dies wird keine Auswirkungen auf die Musik haben, solange die Produktion noch in unabhängigen Händen bleibt, was hier ja der Fall ist.

Machen wir weiter bei unserem Blick in die Zukunft, die uns schnell eingeholt haben wird: Für Ende Februar sind zwei neue Tapes, eines von Charles Bad L. (der Stimme bei Schwefels „Schizophrenic Party“) und eines von Evan Schoenfeld, sowie eine Mini-LP von Turkish Delight angekündigt. Turkish Delight ist eine Neuentdeckung des Amigo-Labels, das übrigens nur zu zweit betrieben wird, und stammen aus dem türkischen Teil Azerbeyschans und leben erst seit kurzem irgendwo in Norddeutschland. Ihr Power-Pop fusioniert britischen Noise-Pop, Punk-Energie und osteuropäische Folklore und am herrlichsten kommen die Gitarrenriffs, die sich zwischen Weltraum und Orient bewegen. Sowas macht mir wahre Freude. Man darf also gespannt sein, was von Amigo noch so kommt.

Hier die neue Contactadresse:
Amigo, Pücklerstr. 21, D-1000 Berlin 36

mr.boredom

Und hier gibt es diesen Artikel im Original-Layout als PDF!
(Graphick & Anti-Layout: Framed Dimension D-Sign)

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Schuldige Scheitel / Amig-o-graphie:

sch/sch 001 :
DREIDIMENSIONAL Der kulturbefördernde Füll (C-50)

sch/sch 002 :
Abfuhr des Verdrängten (C-45 Compilation)

sch/sch 003 :
DREIDIMENSIONAL Vier Männer und ein Pokerspiel (C-55)

sch/sch 101 bzw. Amigo-Cassette 3 :
FAKE DISKURS Parh Extend (C-35)

sch/sch 102 :
MY BLOODY VALENTINE Man You Love To Hate (C-32)

sch/sch 103 :
DREIDIMENSIONAL Crack The Heart (C-25 + C-35)

sch/sch 104 :
GEDULD! (No) Re-Generation In And Between The Years Of 1984 And 1986 And Never Again? (C-33)

sch/sch 501 bzw. Amigo 501 :
SCHWEFEL Schizophrenic Party ( 5 Track-12“)

Amigo-Cassette 1 :
C87 Space-Pop Compilation (C-87)

Amigo-Cassette 2 :
SCHWEFEL Detailed (C-40)

demnächst:

TURKISH DELIGHT (7 Track Mini-LP)
CHARLES BAD L. (Cassette)
EVAN SCHOENFELD (Cassette)
SCHWEFEL (LP)