Posts Tagged ‘Hamburger Schule’

Durchschnitt

November 9, 2012

Wir werden immer weiter gehen
(95 Minuten, Dokumentarfilm, Deutschland, 2012)

Am vergangenen Sonntag habe ich es doch noch geschafft für einen Film auf das Berliner Musikfilmfestival In-Edit zu gehen. Es lief nochmal der Eröffnungsfilm „Wir werden immer weiter gehen“ von George Lindt und Ingolf Rech, der sich „Berlin und Hamburg als Epizentren deutscher Musikproduktion“ (so zu lesen in der Ankündigung) widmet.

Im Vorspann wird diese Dokumentation als Kaleidoskop betitelt – aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass es sich hier eher um ein Sammelsurium kurzer Schnipsel aus der Indie Rock Pop Szene besagter Städte handelt. Es fängt recht gut gelaunt mit  kurzen Interviewpassagen und Konzertmitschnitten der Berliner Rockgruppe Stereo Total an. Und viele weitere Live- und Gesprächsmitschnitte folgen. Rocko Schamoni (Motion, Little Machine, Studio Braun, Fraktus), Schorsch Kamerum (Die Goldenen Zitronen), Christiane Rösinger (Lassie Singers, Britta), Dirk von Lowtzow (Tocotronic) oder Alec Empire (Atari Teenage Riot) tauchen beispielsweise auf, aber auch die Betreiber von Clubs wie dem Tresor in Berlin oder der Tanzhalle in Hamburg, Plattenläden wie Michelle Records oder Mr Dead & Mrs Free, Plattenlabel wie Buback, Zickzack, Vielklang (auch ein Studio) oder Kitty-yo und sogar ein Berliner CD-Presswerk oder ein Hamburger Gitarrenfachgeschäft. Und Nikel Pallat, der früher bei Ton Steine Scherben mit von der Partie war (und in irgendeiner WDR-Talkshow anno 1971 einen Tisch mit der Axt malträtierte sowie mit der Würzburger Jazzrockband Munju eine Solo-LP aufgenommen hat) zeigt wie es beim Indigo-Vertrieb im Lager und Versand zugeht. So wie diese Aufzählung pendelt auch der Film zwischen den Orten. Die Sequenzen wirken auf mich zumeist mehr oder weniger zufällig aneinandergereiht. Kaleidoskop halt. Das macht den Film aber nicht besonders spannend, die Filmemacher gehen einfach immer weiter in die Breite. Und der Fan geht mit.

Leider wird nie konkret dokumentiert, aus welchem Jahr die Bilder stammen. Als Uli Rehberg in seinem Plattenladen Unterm Durchschnitt, den er bis ca. 2003 in Hamburg betrieb, auftaucht, wird schnell klar, dass es sich hier vorwiegend um Material aus den frühen Nuller-Jahren handelt. Gegen Ende des Films wird in Schwarzweiss schnell noch der aktuelle Stand – „10 Jahre später“ – nachgereicht. Viele machen immernoch Musik, manche haben Kinder, einige sind am Theater gelandet oder schreiben Bücher, weil man mit Musik ja kein Geld mehr verdienen kann.

Eine schöne Überraschung war für mich das Auftauchen von eben erwähntem Uli Rehberg (aka Ditterich von Euler-Donnersperg, Dr. Kurt Euler), einem herrlichen Kauz, der so manche launige Meinungsäußerung von sich gab, mit einem Kind auf dem Arm. Über diesen Mann sollte mal jemand einen Dokumentarfilm machen. Unvergessen sein Label Walter Ulbricht Schallfolien und die Pelzwurstlieder! Auf sein Buch – er arbeitet angeblich an einem Industrial-Roman (?) – darf man gespannt sein.

Ein Buch zu diesem Film gibt es übrigens bereits, aber ich kenne es noch nicht.

GZ,
04. / 08.11.2012

Werbeanzeigen

… klingt gut

Mai 23, 2012

Teekrautzungen

Der Zickzack-Mann bringt drei Promo-CDs vorbei, Teil 3:

BESSERE ZEITEN – Sanktionen im Schutt
(LP/DL, All Rock’n’Roll Speeds Up/Zickzack/Hanseplatte, ZZ2037, 2012)

Für diese Band wünsche ich mir einen Besseren Namen, denn wenn ich „Bessere Zeiten“ lese muß ich Alter Sack / Alte Schachtel an den gleichnamigen Song von Kolossale Jugend (ca. 1988 bis 1991) denken. Und deren ehemaliger Sänger Kirstof Schreuf schreibt dann auch noch den Begleittext zu diesem Album, der allerdings genausowenig erhellend ist wie die Texte der Band. Zu allem Überfluß nimmt Tobias Levin of Capt. Kirk &.-Fame (ca. 1986 bis 1994) diese wohlklingende Platte auf. Das sind mir allzuviele offensichtliche Referenzen an den Kern der sogenannten Hamburger Schule Ende letzten Jahrhunderts.

Krautzungen, immer wieder werden Krautzungen erwähnt. Keine Ahnung, was das sein soll. Eine Wucherung mit Phantasienamen, eine Veranstaltungsreihe, eine Kreuzung von Kunst und Popkultur?

Egal, vielleicht sollte man diesen ganzen Ballast einfach ignorieren, wenn man denn könnte…

Dieses Album, das am 1. Juni 2012 in den Darreichungsformen LP und Download erscheint, enthält zehn Lieder mit deutschsprachigen Texten, eingespielt in der waaahnsinnig originellen Besetzung Gitarre, Bass und Schlagzeug plus Keyboards. Natürlich singt auch noch einer. Die Lyrics vermeiden konsequent Einfachheit und Eingängigkeit. Da hat womöglich wiedermal jemand sein Studium der Literatur zu ernst genommen. Nicht mein Fall sowas. Die Musik klingt super angenehm, fast schon zu perfekt produziert, zwischen elegantem Schmalz („Mexiko“, beispielsweise) und nervösem Rock (beim Titelstück, beispielsweise), auch wenn der Keyboarder ab und zu zweifelhafte Sounds einsetzt. Natürlich gibt es auch ein bedeutungsschwangeres Sprechstück mit atmosphärischer Klavieruntermalung.

Gymnasiasten-Pop /
Germanisten-Rock.

Trotzdem sympathisch.

Video gucken:
Zuweitgehen

GZ,
23.05.2012

Musik aus einer Hafenstadt

Januar 15, 2011

Hamburg Calling – Musik aus einer Hafenstadt
(Oliver Schwabe, Musik-Dokumentation, ca. 90 min., NDR)

Heute, am 15. Januar 2011, hatte Oliver Schwabes Musik-Dokumentation „Hamburg Calling – Musik aus einer Hafenstadt“ im Rahmen des 5. Elbblick-Filmfestivals seine Kinopremiere. Produziert wurde der Film im Jahr 2010 für den Norddeutschen Rundfunk. Schwabe stieg tief ins dortige Archiv um Material für diese Collage zu finden, die 50 Jahre Hamburger Pophistorie abdeckt (von Freddy Quinn bis 1000 Robota), aber dennoch den Schwerpunkt auf die Zeit Ende der 1980er und die 90er Jahre legt. Also als Bands wie Cpt. Kirk &., Blumfeld, Kolossale Jugend oder Tocotronic (denen für meinen Geschmack etwas zuviel Platz eingeräumt wird) aufkamen und ihre Hochzeit hatten.

Ergänzt wird das Archiv-Material durch aktuelle Interviews vorwiegend mit  Musikern wie Bernd Begemann (Die Antwort, Die Befreiung), Bernadette La Hengst (Huah!, Die Braut Haut Ins Auge), Frank Spilker (Die Sterne, Frank Spilker Gruppe), Jochen Distelmeyer (Die Bienenjäger, Blumfeld), Kristof Schreuf (Kolossale Jugend, Brüllen), Tobias Levin (Cpt.Kirk &.), Schorsch Kamerun (Die Goldenen Zitronen), Frank Ziegert (Abwärts) u.a. – aber auch mit Horst Fascher, einem begeisterten Unterstützer der Beatles. Und R.J. Schlagseite singt ein paar Songs zum Thema.

In den Sixties wie in den späteren Jahrzehnten war St. Pauli wohl so eine Art Schutzraum für entstehende Musikbewegungen, egal ob für den „Hamburg Sound“ der Sixties oder die sogenannte „Hamburger Schule“, ein Begriff, der in diesem Film diskutiert wird. Und im Star Club gab es nicht nur die Beatles, sondern auch die Liverbirds, eine der ersten Frauenbands überhaupt, die wiederum von Musikerinnen wie Bernadette La Hengst als Role Model genannt werden.

Schön ist es natürlich, all diese alten Fernsehausschnitte zu sehen. Beispielsweise den ziemlich jungen Begemann mit Die Antwort in einer Talkshow als musizierender Gast – aber auch als Gastgeber im Bademantel für Tocotronic in seiner Rothenburgsorter Küche (check out on youtube!). Oder den jungen King Rocko Schamoni bei einem TV-Interview in dem er cool schweigt und statt Antworten Zigarettenrauch ins Mikrophon haucht. Auch Videos aus alten Zeiten sind zu sehen, manche – aus heutiger Sicht – von zweifelhafter Ästhetik, aber super interessant! Schön auch die alten Schwarzweiss-Aufnahmen eines vergangenen Hamburg, die mit in diese Collage einflossen.

Udo Lindenberg wird nur am Rande erwähnt. Ebenso die Hamburger HipHopper. Und das Lied „Hamburg Calling“, ein Clash-Remake von Fettes Brot, ist gottseidank garnicht zu hören.

Für Freunde (diskursiver) (deutscher) Popmusik ist dieser Film eine Fundgrube. Besten Dank an den NDR, der diese Low Budget-Produktion ermöglichte. Trotzdem sollte sich diese öffentlich-rechtliche Sendeanstalt schämen, solch eine interessante Dokumentation nach Mitternacht einfach so zu versenden – wie Ende letzten Jahres geschehen (hat wahrscheinlich damals keiner mitgekriegt, ich leider auch nicht).

Der Regisseur im Netz:
www.oliverschwabe.de