Posts Tagged ‘indie pop’

Future Perfect

Mai 14, 2012

Woog Riots live in der Astra Stube Hamburg am 5.5.2012 (Foto: G. Zimmermann)

Der Zickzack-Mann bringt drei Promo-CDs vorbei, Teil 2:

WOOG RIOTS – Post Bomb Chronicles
(LP/CD/DL, Ritchie Records/What’s So Funny About/Broken Silence/Finetunes, SF1967, 2012)

Die Woog Riots kommen mir vor wie ein Schwamm, der so einiges während seines musikalischen Werdegangs aufgesogen und anschließend zu kurzen Pop Songs weiterverarbeitet hat. Wichtige Jahrzehnte dürften für Silvana Battisti und Marc Herbert die Sixites (Geburt? Man beachte die Bestellnummer „1967“!) sowie die 1980er Jahre gewesen sein (in denen deren musikalische Sozialisation stattfand, schätze ich mal). Von ihrem frühen Indie-Schrammel-Pop mit Antifolk-Connection haben sie sich zu einer astreinen Elektro-Pop-Band entwickelt ohne ihre freundliche Sympathie und Wärme zu verlieren. Nur die Stimmen und ein paar Gitarreneinsprengsel sind nicht synthetisch.

In Musik und Text tauchen schlagwortartige Zitate von den B-52’s („Huuh, Huuh“), frühe Depeche Mode, den nicht ganz so frühen Devo, New Order („Power, Corruption & Lies“ wird durch „Rumours“ ergänzt), von The Fall („Repetition / Repetition / Repetition“) und nochmal The Fall („My Disco Is A Rebellious Jukebox„) auf. Und vielleicht hat der Song „One Thousand Roboter“ auch etwas mit der Hamburger Nachwuchsband 1000 Robota zu tun, obwohl nicht nur hier der Kling sehr nach Kraftwerk klangt. Das erinnert mich wiederum an das britische Duo Komputer, welches sich bereits vor 15 Jahren einen Spaß daraus gemacht hat, ein Kraftwerk-Simulakrum zu entwickeln. Allerdings haben die Woog Riots den besseren, fetteren und wärmeren Sound. Nicht nur Musik ansich spielt hier als Einfluss eine Rolle, auch der mehr oder weniger aktuelle Popdiskurs. So werden ebenso Autoren wie Alvin Toffler oder Simon Reynolds verschlagwortet. Retro-Futurismus schwingt immer mit … „Komm Gestern Morgen“ … „Future Shock“.

Trotz dieses popkulturellen Ballasts klingen die Woog Riots munter und eigen und bringen ihre Songs auf den Punkt. Alle 13 Songs sind gleichermaßen toll, machen Spaß und wollen immer wieder am Stück gehört werden. Repetition, Repetition, Repetition…

Prädikat Evergreen!

PS:
Anno 2004 haben die Woog Riots für Zickzack übrigens einen Sampler namens „Perverted By Mark E. – A Tribute To The Fall“ zusammengestellt. Check out!

GZ,
14.05.2012

Penial

Februar 5, 2012

Der kosmische Penis – Das Organ der freien Jugend, Heft 79
(Fanzine, 72 Seiten, DIN A5, 23.12.2011)

Auch die aktuelle Ausgabe dieser Schweinfurter Institution hat alles, was einen Der kosmische Penis ausmacht. In der seit der ersten Ausgabe enthaltenen Rubrik „Schlüsse & Küsse“ gibt es wie immer „Tratsch und Klatsch aus kosmischen Sphären“, hier wird der geneigte Leser über den Beziehungsstatus und Familienstand der Schweinfurter Szene samt Exilanten informiert. Das ist so amüsant, daß man diese ganzen Leute gar nicht kennen muß um zu schmunzeln. Inzwischen gibt es den Penis so lange, daß hier immer mehr Heiraten und Geburten verkündet werden konnten. Unter der Überschrift „Neues aus Schlotzingen“ werden kuriose Pressemeldungen aus der Schmuddelecke gesammelt, leider auch gerne Boulevard-Mist. Im „Wellenfahrplan“ werden vor allem Punk- und Rock-Platten besprochen, nicht ohne ab und zu mal ein Herz für Indie-Pop zu haben oder für ein Buch von Frau Roche. Aus Berlin berichtet wie immer „Die Berührerin“ Barbara Splieth aus ihrer sexy Berufspraxis. Ein weiterer Standard in diesem Fanzine ist natürlich der Penis-Poster in der Mitte, diesmal wird ein stählerner Penis aus Japan abgebildet – ein Leser berichtet von einem entsprechenden 300 Jahre alten Festival in Kawasaki. Auch immer lustig: das „Bandfoto aus der Hölle“.
Aber es gibt nicht nur Erotik und Quatsch hier zu lesen. Aus gegebenen Anlass wird ausführlich über Oi!-Punk und die Grauzone zum Rechtsrock berichtet. Ein Thema, das auch beim Interview mit der Band Kraftklub aus Karl-Marx-Stadt Erwähnung findet.
Auf der Heftrückseite hält der Langweiler Thees Uhlmann Ausgabe 78 in die Kamera. Schon lustig, wen die Penis-Redakteure immer dazu bringen so, ein Heft zu präsentieren. Da kann keiner Nein sagen. Das ist auch so ein running gag, der sich von Ausgabe zu Ausgabe zieht.
Im „Heimatspiegel“ erfährt man dann noch das Neueste über unterfränkische Bands und MusikerInnen wie Wilson Jr. oder die wunderbare Karo. Sogar zwei kurze Meldungen aus der Würzburger Alternativszene sind diesmal enthalten. Über Else Admire aus Breitengüssbach wird diesmal nichts gemeldet. Und natürlich gibt es wie immer seltsame kurze Geschichten von Bdolf oder John Boruckowski sowie herrliche Cartoons von Philip Katzenberger und Eo Borucki. Und vieles mehr. Das Titelblatt steht manchmal in Sachen Geschmacklosigkeit der Titanic in nichts nach. Diesmal bekommt der Verfassungsschutz sein Fett ab.

Aus gegebenen Anlass werden in dieser Ausgabe alle Penis-Verkaufstellen in Bamberg, Schweinfurt, Würzburg und Zeil porträtiert. Denn am 27.02.2012, so steht es dort geschrieben, kann der  Penis auf 25 kosmische Jährchen zurück schauen. Laut eigener Einschätzung sind sie damit „nach Maximum Rock’n’Roll (USA) und Trust (D) das drittälteste Musik-Fanzine der Welt“. Aber da wird die Rechnung ohne das  Bad Alchemy gemacht, das sich ganz und gar nicht um Punk Rock kümmert und dessen Erstausgabe 1985 erschien und immer noch auf Papier veröffentlicht wird. Egal. Aber ähnlich wie das zuletzt genannte Würzburger Fanzine hat auch Der kosmische Penis zuerst Cassetten und später CDs herausgebracht (allerdings immer separat erhältlich, nicht als Beigabe). Hier wurde so manche Perle der regionalen Musikszene veröffentlicht und die Highlights des alljährlichen Grand Prix De La Chanson De Penivision dokumentiert. Und noch eine klitzekleine Schnittmenge hat Der kosmische Penis mit Bad Alchemy: hier durfte Frank Apunkt Schneider seine „Notizen eines King Crimson-Ironikers“ frei heraus schwurbeln – jetzt schreibt er für Testcard sowie Skug und hält Vorträge über Kunst und Sacro-Pop (nachdem er zwischendurch für Bad Alchemy ein paar ausführliche Reviews geschrieben hatte). Nach Heft 53 reichte es ihm.

Einer der Penis-Macher namens Gerald J. Günther aka Dr. T und ehemaliger Bassist der schon lange nicht mehr existierenden Band The For Presidents ist auch für den 1984 erschienenen Obereuerheimer Cassetten-Sampler „Halsteufel haben keine Chance mehr“ verantwortlich. Und auf seinem Cassetten-Label OH! wurde seinerzeit auch ein Tape von The Suzie Cream Cheese veröffentlicht. Auch so eine kurzlebige Band, die es immerhin zu einer LP-Veröffentlichung auf Glitterhouse Records gebracht hat. Ko-Chef-Redakteur Wolle Hanke arbeitet (glaub ich) in Würzburg beim Rundfunk und so wundert es nicht, daß ein paar wenige Male ein gewisser Achim 60 Bogdahn (of Zündfunk Fame) zu Gast in diesem Fanzine war, und zwar als Mit-Autor eines Berichts von einem isländischen Musikfestival. Ehrensache, daß sie auch im Penis-Museum in Reykjavik zu Besuch waren!

Mit folgendem Song wünsche ich dem selbsternannten Organ der freien Jugend alles Gute zum 25. Jubiläum. Cheers! Freue mich schon auf Heft 80!

Wolfgang Müller – Penismuseum Reykjavik

Da dieses Fanzine keine Internetpräsenz besitzt, hier Dr. Teebeutels Mail-Adresse. Dort kann man Hefte, Abonnements und T-Shirts bestellen: kosmischerpenis@freenet.de

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