Posts Tagged ‘jazz festival’

Souvenir du Free Jazz (2)

Dezember 14, 2014

jazzhats

Erinnerungsstücke in Form verschiedener Aufkleber an die 12., 13. und 14. Leipziger Jazztage 1987 –1989.

Mehr zu lesen gibt es hier:
Stefan Hetzel über die 12. Jazztage Leipzig 1987
mr.boredom über 5 Tage DDR

Advertisements

Souvenir du Free Jazz

Mai 9, 2013

IMG_1497

Erinnerungsstücke an die 14. Jazztage Leipzig 1989:
zwei kleine Badges bzw. Anstecknadeln und Eintrittskarten.

Mehr zu lesen gibt es hier:
Stefan Hetzel über die 12. Jazztage Leipzig 1987
mr.boredom über 5 Tage DDR

My First Moers Festival

November 11, 2012

Im Jahr Zweitausendeins fand am Niederrhein das 30. Moers Festival statt. Am Anfang eines neuen Jahrtausends konnte ein rundes Jubiläum gefeiert werden. Nachdem ich nun selbst am Rhein wohne und mich nur 30 Autominuten von Moers trennen, fiel mir die Entscheidung nicht schwer, dort mal vorbeizusehen. Für mich war das 30. somit mein erstes.

Vom einstigen kleinen Free Jazz Spektakel hat sich das Moers Festival zu einem großen Kessel Buntes mit angeschlossenem Pfingstzeltlager entwickelt. Der Begriff  „New Jazz Festival“ ist heute bezeichnenderweise nur noch im Untertitel zu finden.

Erfreulich ist dagegen, dass sich dieses Festival im Laufe der Zeit für Musiken jenseits des Jazz geöffnet hat – in Richtung Art Rock, Elektronik und (leider) auch verstärkt der sogenannten Weltmusik.

Für mich war das 30. Moers Festival allerdings durch solche Namen interessant geworden, die man seit über 20 Jahren liebt und / oder schätzt und die man bereits ‚damals‘ hätte live erleben sollen: Defunkt, Robert Wyatt, David Thomas, Fred Frith und schließlich The Residents. Letztere hatten mit Jazz nun wirklich noch nie etwas am Augapfel.

Anfang der 80er Jahre schufen Defunkt ihren eigenen Sound von Funk Rock, der anfangs durchaus dem damaligen No Wave nahe stand. Über zwanzig Jahre später formierten einige wenige Mitglieder aus den Anfangsjahren mit Musikern, die in den frühen 90er Jahre hinzu gestoßen sind, als DEFUNKT BIG BAND. Die Bläser wurden personell deutlich aufgestockt. Und irgendwie kam es mir so vor, als ob die beiden Bowie-Brüder Joseph und Byron es vorzogen, ihre teilweise jüngeren Mitmusiker spielen zu lassen und sich lediglich auf das singen oder das Dirigieren der Truppe zu beschränken. Trotzdem funkte und rockte das Zelt am späten Nachmittag.

Apropos Dirigieren: auf so einem Festival kann man ja die verschiedensten Varianten des Dirigierens beobachten. Besonders wichtig schien diese Tätigkeit bei DR. NERVE gewesen zu sein, die zusammen mit dem SIRIUS STRING QUARTET auf der Bühne standen. Zuerst gab sich das Sirius String Quartet kammermusikalisch, aber schon bald gesellten sich die Musiker von Dr. Nerve hinzu und boten dann eine Achterbahnfahrt, vom Streichquartett-Klang ausgehend über Free Jazz zum Artrock mit einem Kurzbesuch beim Heavy Metal. Was stellenweise free klang war allerdings wohl auskomponiert. Wie es sich für einen Mathematiker wie Nick Didkovski gehört, ist die Musik von Dr. Nerve sehr durchstrukturiert. Nichts wird dem Zufall überlassen. Zuerst dirigierte Didkovski selbst – mit vollem Körpereinsatz und geballter Faust. Aber als er dann selbst zur Gitarre griff, musste abwechselnd jeder Musiker, der gerade eine kurze Spielpause hatte, das Metrum anzeigen. Nur nicht aus dem Takt kommen! Trotzdem eine energiegeladene, abwechslungsreiche Darbietung, immer wieder von den scharfen Bläsersätzen durchschnitten oder von Nicks heavy Gitarre geerdet. Sein relativ kurzes Gitarrensolo gegen Ende der Performance wurde auch prompt vom Publikum mit einem Szene-Applaus belohnt.

Wobei wir zu einem der widerwärtigsten Rituale auf einen Jazzfest gekommen sind: Die Unsitte des erfahrenen, langjährigen Festival-Publikums, eine solistische Leistung unbedingt laut beklatschen zu müssen. Dass dabei so manch interessantere, nachfolgende leisere Übergangspassage übertönt wird, leuchtet diesen Leuten nicht ein. Ebensowenig, dass selbstgefälliges, virtuoses Rumgewixe musikalisch vollkommen uninteressant ist.

Bei SUPERSILENT habe ich mich gefreut, dass endlich mal auf der Hauptbühne vier Musiker zusammen (!) improvisieren. Und zwar nicht um ihre Solos nacheinander runter zu nudeln, sondern um Klanglandschaften entstehen zu lassen, die ästhetisch dem Ambient oder gar dem Clicks+Cuts-Sound näher stehen als dem Jazz. Schlagzeug, Keyboards und Trompete wurden elektronisch verfremdet und fügten sich zu einem kompakten Konglomerat zusammen, das in zwei Teilen dargeboten wurde. An einer Stelle klang es für mich kurz mal so, als wollten die vier Norweger den Sound von Sigor Ros veralbern. Aber das habe ich mir sehr wahrscheinlich nur eingebildet. Als der Schlagzeuger einmal etwas kräftiger auf die Felle schlug, wurde dies vom Publikum gleich für ein Solo gehalten und eifrig beklatscht. Unglaublich!

Auf der Hauptbühne fanden solch interessanten, zeitgemäßen Darbietungen leider selten statt. Experimentiert wurde fast nur innerhalb der vormittäglichen Projekte, z.B. in der abseits der Zeltstadt durchgeführten „electric lounge“. Hier wurde unter der konzeptionellen Leitung von Frank Schulte live und unter Einbeziehung moderner elektronischer Mittel kollektiv improvisiert. Wobei hier unterschiedlichste Künstler aus verschiedenen Ländern und Generationen drei Tage lang zusammen arbeiteten. Reine Samplingkünstler trafen hier auf Musiker, die Gitarre oder Cello als Basis ihrer Klangerzeugung verwenden. Dank Schulte fand alles innerhalb eines fest gefügten Zeitplanes statt. Jeder wußte, wann er mit wem zusammen im Duett improvisieren und wann wieder mal alle zusammen ans Werk gehen sollten. Das war dann wirklich kurzweilig, auch wenn man insgesamt drei Stunden (unterbrochen von zwei Pausen) Musikern wie Gry Bagoien, Jakob Kirkegaard, Lorenzo Brusci, Andreas Bosshard, David Shea, Anne Krickeberg oder Fred Frith zuhörte. Erstaunlich vor allen die kollektiv improvisierten Drones!

Ein paar Stunden später improvisierte FRED FRITH dann schon wieder solo auf der Hauptbühne des Festivals. Und es ist immer noch interessant und spannend zu sehen, wie Frith mit Hilfe seiner Gitarre, verschiedenster Alltagsgegenstände (aus den Bereichen Heimwerk und Küche) sowie einiger nachgeschalteter elektronischer Geräte seine Soundscapes entstehen lässt. Dabei kommt er ohne grundlegende Überraschungen aus, unterschreitet seinen gewohnten Qualitätsstandard allerdings nicht.

Das Projekt SOUPSONGS war ganz und gar der Musik von Robert Wyatt gewidmet. Wyatt war zwar nicht persönlich präsent, steht aber voll hinter diesem Projekt um Annie Whitehead, wie man in den liner notes zu deren Live-Doppel-CD nachlesen kann. Nach dem etwas gewollt wirkenden World-Music-Meets-Jazz-Projekt Tukki empfand ich diese song-orientierte, typisch englische Musik besonders erfrischend. Stellenweise driftete die zum Teil aus alten Weggefährten von Robert Wyatt bestehenden Band geringfügig ins überambitioniert-jazzige ab. Aber das ist zu verzeihen. Schließlich stellten solch herrlichen Musiker wie Julie Tippetts, Lol Coxhill oder Ian Maidman ihr Können ansonsten ganz in den Dienst der Wyatt’schen Songs. Hierbei ergab sich ein schöner Querschnitt durch drei Jahrzehnte der neueren Pop-Musikgeschichte.

In eigener Sache war DAVID THOMAS unterwegs. Unterstützt wurde er hier keineswegs von Pere Ubu sondern von den TWO PALE BOYS, die mit Gitarre, Trompete und Electronics die Basisarbeit für seine Songs erledigten. Thomas sang, spielte ab und zu Akkordeon oder stieß in ein Blasinstrument. Zwischendurch nahm er immer wieder mal einen Schluck Cognac aus dem Flachmann (!) oder griff zum Bierglas. Bei David Thomas weiß ich allerdings nicht so recht, ob man diesen Mann mit Übergewicht und Alkoholproblemen bemitleiden oder sich einfach nur an seinen in urbaner Bluesstimmung gehaltenen Songs erfreuen soll. Irgendwie befremdlich.

Am Ende des letzten Festivaltages präsentierten dann THE RESIDENTS ihre erste Digital Video Disc „Icky Flix“. Wobei streng genommen kaum etwas neues auf diesem Speichermedium geboten wird. Denn die Residents haben die neuen Möglichkeiten der DVD sofort erkannt und die Gelegenheit genutzt, um Videos aus den letzten drei Jahrzehnten darauf zu veröffentlichen. Gleichzeitig wurde die Musik zu diesen Filmen neu eingespielt, um sie im zeitgemäßen Dolby Surround Sound wiedergeben zu können. Wer einen DVD-Player sein Eigen nennt, kann sogar zwischen altem und neuem Soundtrack wählen. Wer sich die CD-Version von „Icky Flix“ zulegt, muss sich allerdings mit dem Stereo-Mix der neu eingespielten Musik begnügen. Tja, so ist das Leben.

Live boten die Residents – wie hätte man es anders erwartet – eine perfekt inszenierte Show. Auf einer Leinwand über der Bühne wurden die Filme gezeigt, während auf der Bühne die vier Residents zusammen mit zwei Gäste hinter silbergrau bespannten Paravents ihre vorwiegend elektronische Musik zum besten gaben. Nur der mit einer skurrilen Maske versehene Sänger sowie die plakativ geschminkte und eine großen Perücke tragende (Gast-) Sängerin trauten sich während der Show hinter ihrem Sichtschutz hervor. Die anderen Musiker zeigten sich dem Publikum seltener und waren – wie es sich für diese kalifornische Kultband gehört – vermummt. Nach etwa 90-minütiger Show wurde noch ein viertelstündiger Zugabeblock ohne Videoeinspielungen gegeben. Die zum Teil von weit her  angereisten Fans konnten zufrieden sein.

Auch insgesamt durfte man zufrieden mit diesem Moers Festival sein – zumindest wenn man sich den Luxus erlaubte, einfach großzügig auf Programmpunkte zu verzichten, bei denen es klar war, dass sie ins traditionelle (beispielsweise Gianluigi Trovesi und die WDR Big Band; Jeri Brown Quartet) oder ins pseudo-folkloristische (z.B. die beiden kubanischen Bands am Samstagabend oder die African Dance Night Sonntag nachts) abdriften würden. Wenn schon das Festival die Beschränkung auf das Wesentliche nicht leisten kann (wie sollte es auch?!?), muss man halt selbst sein Programmgestalter sein. Und das war dann (für mich) ganz okay so.

GZ,
Juni 2001

(geschrieben für Bad Alchemy 38).

VEB Free Jazz

Februar 1, 2012

VEB FREE JAZZ
IMPORT/EXPORT
KOMBINAT LEIPZIG

12. JAZZTAGE IN LEIPZIG [1987]

Jazz in der DDR – gewiß keine problemlose Symbiose. Dennoch hat sich dort eine ernstzunehmende, wenn auch oft noch lokal beschränkte Szene etabliert. Kristallisationspunkt ist dabei die Metropole Leipzig, im vergangenen September Schauplatz der 12. Jazztage.

Im Arbeiter- und Bauern-Staat führt der Weg zu wirksamer Öffentlichkeitsarbeit über die Eingliederung in bereits bestehende gesellschaftliche Institutionen. Auch der 500 (!) Mitglieder starke „Jazzklub Leipzig“ ist eine Sektion des „Kulturbundes der DDR“. Was uns im Westen allerdings nur nach Beschneidung eines erforderlichen Freiraumes riecht, ist Garant dafür, alljährlich das neben Warschau und Prag wohl bedeutendste Jazz-Festival Osteuropas auf die Beine zu stellen. Beim Durchlesen des diesjährigen Aufgebots mochte man freilich leicht enttäuscht sein: Die ganz großen, international zugkräftigen Namen fehlten, lediglich der amerikanische Posuanist Woody Shaw mit seinem Quartett versprach auf den ersten Blick internationales Niveau. Abgesehen natürlich von DDR-Größen wie etwa Conny Bauer (Posaune) oder dem Schlagzeuger Günter „Baby“ Sommer – beide übrigens Vertreter jener unbequemen 68er Free-Jazz-Generation, deren entscheidender Einfluß auf die ostdeutsche Szene westliche Strömungen zweitrangig werden ließ. Frei Improvisiertes ohne modischen Schnickschnack galt und gilt den Leipziger Fans immer noch als ultima ratio ihrer Avantgarde. Deutlich wurde dabei vor allem eines: trotz vielfältiger Einflüsse aus dem Ausland haben sich diese Free-Jazzer der ersten Stunde ihre eigenartig expressiv-kompromißlose Handschrift bewahrt. Schlagendstes Beispiel: das Duokonzert Sommer/Bauer. Wer einmal erlebt hat, wie das ungeschlachte Schlagzeugtier „Baby“ Sommer brüllend und krachmachend über die Bühne tobt, während der eher zerbrechlich wirkende Conny Bauer, zuckende Arabesken blasend, nervös von einem Bein aufs andere tritt, erkennt plötzlich die wahren kreativen Potentiale dieser Musik, die leider nur allzu oft durch destruktive „Kaputtspieler“ in ihr Gegenteil verkehrt wurden.

Altwilde

Brennende Aktualität gewinnt der Leipziger Gig, vergleicht man ihn mit der Musik des internationalen Improvisationsprojekts „Last Exit“ des New Yorker Bassisten Bill Laswell. Röhrt da nicht auch so ein westdeutscher Free-Jazz-Opa namens Peter Brötzmann ins Horn? – Warten wir’s ab: vielleicht hat die improvisierte Musik nur im Osten überwintert, um als neue?! alte?! Avantgarde in amerikanischen Plattenstudios eines Tages fröhliche Urständ zu feiern . . .
Bis dahin ist es allerdings ein weiter Weg – und ob längst auf die Fünfzig zugehende Kulturdenkmale diesen noch zurücklegen können, bleibt zweifelhaft. Größere Hoffnung darf man da wohl beim experimentellen Nachwuchs hegen, der sich in Leipzig vor allem in Gestalt zweier Formationen westlicher Provenienz präsentierte.

Jung, Brom, Fett

Das Schweizer Trio „Brom“: Drei finster-kahlrasiert dreinblickende Jünglinge wuchteten so erfrischend verbeulte Eisentonnen über die Bühne, daß einige der hartgesottene Jazzer im Publikum, offenbar vom Phänomen Punk nicht angetan, den Saal verließen. Wagten es diese unbedarften Alpenländler doch, wave-orientierte Rhythmen in ihr Konzept einfließen zu lassen. Neben seiner Metall-Bearbeitung (die „Einstürzenden Neubauten“ lassen grüßen) überzeugte ein Thomas Meier vor allem am rotzigen Tenorsax, während Fredi Flückiger, äußerlich eine Mischung aus Stefan Remmler und John Lurie, für den sicherlich originellsten Schlagzeugsound dieses Festivals sorgte: schräges Voodoo-Getrommel und ein unstet pulsierender Swing voll unterkühlter Energie ließen die Stimmung in aufgeklärteren Teilen des Publikums steigen.
Junge Wilde, Teil 2: „Fat“ aus Kanada. Wieder ein Trio, wieder provokative Stilvermischungen. Diesmal waren vor allem Fingerhütchen, Miniradios, Gummibälle und Vibratoren am Werk – heraus kam so etwas wie gefälschter Free-Jazz, frei nach dem Motto: lerne, wie man Krach macht, und gründe eine Band. Die Grenzen zwischen Genialität und Dilettantismus waren bekanntlich schon immer fließend. „Fat“ verwischte sie gänzlich. Trotzdem: wie Gitarrist Erich Rosenzweig, dutzendemale die gleiche Nonsens- Phrase spielend, unverschämt grinsend in die gequälte Masse starrte – das hatte sowas . . . angenehm Sadomasochistisches. Schwamm drüber.
Die interessanteste Nachwuchsformation Ost stellten die Gastgeber selbst. „Leipzig Workshop“, eine illustre Ansammlung lokaler Größen unter Leitung des erfahrenen Saxophonisten Manfred Hering, brachte eine durchaus stimmige Melange aus traditionellem Free-Jazz der Sechziger und dumpf-depressiven Drumbeats der Achtziger; Ausweg aus der Sackgasse der „reinen“ Improvisation? Klubinterne Jamsessions nach den offiziellen Konzerten zeigten eindrucksvoll, wie verblüffend viele Talente in dieser erstaunlichen Szene um neue musikalische Ausdrucksformen ringen. Ein intensiverer gesamtdeutscher Musik- und Gedankenaustausch brächte sicher allen Beteiligten neue kreative Impulse. Dem stehen immer noch die Ein- und Ausreisebestimmungen der DDR hemmend entgegen. Eigentlich unverständlich bei dem Renommee, das sich der Jazz mittlerweile bei der SED-Obrigkeit erworben hat. Das „Neue Deutschland“ lobte bereits 1981: „Der Jazz ist aus unserem Musikleben nicht mehr wegzudenken. Die Jazzmusiker aus der DDR erfreuen sich hoher internationaler Wertschätzung.“

Einreisebedingungen zum Davonlaufen

Seltenes Lob von staatlicher Seite; es überwiegen die Probleme, die die Organisatoren alljährlich haben, um ein repräsentativ besetztes Festival auf die Beine zu stellen. Selbst private Briefkontakte in den Westen, die nur zu Konzertbesuchen aufrufen, können nach geltendem DDR- Strafrecht als „unerlaubte Kontaktaufnahme“ mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden. Und für Musiker aus dem Westen sind Auftritte in der DDR nicht besonders attraktiv: Die Gage gibt’s nur in Ostmark, Musikergepäck erfreut sich der besonderen Aufmerksamkeit des Zolls. Der australische Cellist und Performance-Künstler Jon Rose etwa geriet an den Rand der Verzweiflung, als die Grenzer sein selbstproduziertes Super-8-Filmmaterial vorübergehend beschlagnahmten und erst kurz vor dem Konzerttermin wieder freigaben. Hinzu kam, daß extra ein geeigneter Projektor mühsam aus irgendeinem Winkel des Landes herangekarrt werden mußte, weil die Einfuhr von derlei Geräten verboten und Super-8-Systeme in der DDR normalerweise nicht erhältlich sind.
Haupthindernis der Organisatoren war jedoch wieder einmal die staatliche „Künstleragentur der DDR“ mit Sitz in Ostberlin, ohne deren Einverständnis kein ausländischer Musiker im SED-Staat gastieren kann. Honecker-Besuch hin, deutsch-deutsches Kulturabkommen her: ein Großteil der bundesdeutschen Jazzer, die heuer auf der Wunschliste der Leipziger standen, durften nicht kommen. Der spektakulärste Fall betraf den bayerischen Gitarristen Harald Lillmayer, der Werke zeitgenössischer E-Musik zu Gehör bringen wollte. Bis wenige Tage vor dem Konzert wurde der Augsburger über seine Einreisegenehmigung im Unklaren gehalten. Aus Protest gegen eine solche Behandlung verzichtete Lillmeyer schließlich auf die Teilnahme am Festival. Wie drückte es doch Jazztage-Organisator Immo Fritzsche aus: „Anspruch und Realisierung der Programmgestaltung sind nicht automatisch als Gleichung zu betrachten, sondern stets von den objektiven Bedingungen abhängig.“ So gelesen im Geleitwort zum 1985 erschienenen Report „10 Jahre Leipziger Jazztage“.
Fairerweise sei aber auch gesagt: Nicht nur Musiker aus dem kapitalistischen Westen haben Schwierigkeiten bei der Einreise, auch Künstlern aus „sozialistischen Bruderländern“ werden oft unerklärliche Hinternisse in den Weg gelegt. So glaubten unerfahrene West-Besucher ihren Ohren nicht zu trauen, als im diesjährigen Programm mit der Vokalistin Anna Parghel und dem Posaunisten Liviu Marculescu die ersten Vertreter des zeitgenössischen rumänischen Jazz präsentiert wurden, die die DDR jemals (!) besuchen konnten.

Stars und Kooperations-Mißtöne

Und dennoch: „Es war alles schon viel schlimmer“, ist die einhellige Meinung langjähriger Beobachter der Szenerie. Das Programmheft der ersten Jazztage 1976 beispielsweise verzeichnete ausschließlich DDR-Musiker, auch im folgenden Jahr fand man höchstens vereinzelt Gaststars aus Ungarn, Polen etc. in Leipzig wieder. Erst 1978 gelang es dem bundesdeutschen Alexander von Schlippenbach, ein Gastspiel zu geben. Im folgenden Jahr war dann gar ein Amerikaner, der Drummer Doug Hammond, zu hören. Von da an ging’s steil aufwärts: Illustre Namen der internationalen Szene wie etwa Egberto Gismonti, Albert Mangelsdorff oder Alphonse Mouzon gaben sich ein Stelldichein und trugen zum wachsenden Ansehen der Jazztage bei. Doch trotz nach wie vor steigender Beliebtheit ihres Festivals fühlen sich viele Leipziger Jazzfreunde immer noch etwas isoliert und international, vor allem publizistisch, benachteiligt.
Nicht nur diesbezüglich wäre Unterstützung seitens westdeutscher Jazzclubs da zu wünschen. Warum beispielsweise nicht eine (inoffizielle) Partnerschaft zwischen dem „Jazzklub Leipzig“ und der „Jazzinitiative Würzburg“?!? Bisherige Versuche der Leipziger, Kontakt mit bundesdeutschen Jazzclubs aufzunehmen, scheiterten – man höre und staune – an der Arroganz der hiesigen Vereine.

Text und Fotos: Stefan Hetzel

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe 12/1987 der Würzburger Stadtzeitschrift Herr Schmidt.

Zur Wiederveröffentlichung hat der Autor folgende Anmerkungen:

Ich lege Wert auf die Feststellung, dass folgende Teile dieses Textes ohne meine Mitwirkung und ohne mein Einverständnis entstanden:

1. Die Überschrift „VEB Free Jazz Import / Export Kombinat Leipzig“
2. Der Artikelanfang:
„Im Arbeiter- und Bauern-Staat führt der Weg zu wirksamer Öffentlichkeitsarbeit über die Eingliederung in bereits bestehende gesellschaftliche Institutionen. Auch der 500 (!) Mitglieder starke „Jazzklub Leipzig“ ist eine Sektion des „Kulturbundes der DDR“. Was uns im Westen allerdings nur nach Beschneidung eines erforderlichen Freiraums riecht, ist Garant dafür, alljährlich das neben Warschau und Prag wohl bedeutendste Jazz-Festival Osteuropas auf die Beine zu stellen.“

Ich erinnere mich nicht mehr exakt, was ich 1987 über den „Kulturbund der DDR“ geschrieben habe, ganz genau weiß ich jedoch, dass ich ihn nicht als „Garanten“ der Leipziger Jazztage bezeichnet habe! Die Originalpassage ging eher so (sinngemäß):

Alljährlich macht es der „Kulturbund der DDR“ dem Jazzklub Leipzig auf’s Neue so schwer wie möglich, ein Festival auf internationalem Niveau zu organisieren.

Mein sonstiger Text blieb jedoch weitgehend unverändert – dort ist ja noch genügend von den bürokratischen Schikanen der damaligen Obrigkeit die Rede, so dass der mehr als merkwürdige Anfang beim Leser wohl ein wenig in Vergessenheit geraten mag – hoffentlich!

Dennoch schwillt mir bis heute der Kamm, wenn ich an die ganze Angelegenheit denke – da steht dein Name plötzlich unter einem Text, der für die „Eingliederung“ renitenter Jazzer in „bestehende gesellschaftliche Institutionen“ eines „Arbeiter- und Bauern-Staates“ wirbt! Und wir dummen, verblendeten Westler können das mal wieder nur als „Beschneidung von Freiräumen“ verkennen!

Weiterhin: Die Überschrift suggeriert, wenn auch ironisch verbrämt, eine Art „friedlicher Koexistenz“ von offizieller DDR-Kulturpolitik und Free-Jazz-Szene. In Wirklichkeit war der unberechenbare kulturelle Freiheitsdrang der Free Jazzer den Genossen mitunter ein gewaltiger Dorn im Auge (siehe hierzu Bert Noglik im Wikipedia-Artikel „Jazzmusiker in Deutschland“)!

Welcher Teufel ritt die „Herr Schmidt“-Redaktion also im Jahre 1987, den Sinn meines Textes derartig ins glatte Gegenteil zu verkehren? Auf wen musste hier Rücksicht genommen werden?

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Stefan Hetzel,
Januar 2012

Das Original gibt es hier als PDF:
VEB_FreeJazz