Posts Tagged ‘Jazz’

Plöpp Sounds 34

April 2, 2017

Neue Sendung von Sommer & Herbst ohne Motto und all mixed up.
Einfach selbst hören!
Und zwar hier:
Plöpp Sounds 34

Playlist:

01 The Delegators – Nowhere To Run
02 Mickey Murray – Shout Bamalama
03 Stella Chiweshe – Mese Maikwana
04 The International Noise Conspiracy – Capitalism Stole My Virginity
05 Kristof Schreuf – Bourgeois With Guitar
06 Motörhead – Killed By Death
07 The Remote Viewers – Screens And Uniforms
08 Jung An Tagen – Der klare Blick
09 Mouse On Mars – Schunkel
10 Patrick Pulsinger – City Lights Pt. 2 (City of Starsign)
11 Paka – Conquête (Version III)
12 Gil Scott-Heron – „B“ Movie
13 Orchestre Poly-Rythmo de Cotonou – Iya Me Dji Ki Bi Ni
14 Codona 3 – Clicky Clacky

Getränk dieser Sendung: 2014er Gau-Odernheimer Spätburgunder vom Weingut Becker Landgraf
Dauer: ca. 71 min.
Moderation: Sommer & Herbst
Recorded 31.03.2017 at Plöpp Sound Studios Berlin

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Souvenir du Free Jazz (2)

Dezember 14, 2014

jazzhats

Erinnerungsstücke in Form verschiedener Aufkleber an die 12., 13. und 14. Leipziger Jazztage 1987 –1989.

Mehr zu lesen gibt es hier:
Stefan Hetzel über die 12. Jazztage Leipzig 1987
mr.boredom über 5 Tage DDR

Kryptos

Oktober 24, 2013

Kryptos

Laurent de Schepper Trio feat. Paula Akinsinde: 
Kryptos / The Crypt (Kammerflimmer Kollektief Rmx)
(7″ / DL, Karlrecords, Paradigma Series, KR013, 2013)

Spitzt die Ohren, Karlrecords veröffentlicht wieder Vinyl – und zwar eine Single vom Laurent de Schepper Trio aus Leipzig! Nachdem dieses Saxophon-Drum-Bass-Trio auf seinem faszinierenden Debut-Album „Aquanaut“ (ebenfalls erschienen bei der in Hamburg ansässigen Plattenfirma Karlrecords) eine Männerstimme zu Gast hatte, singt und textet hier nun Paula Akinsinde.

Akinsindes Stimme fügt sich perfekt in den dicht-atmoshärischen Klang des Schepper Trios ein, der durch agiles Schlagzeug, kernigen Bass und elektronisch erweitertes Saxophon geprägt wird. Wer den Text nachlesen will, kann dies auf dem Etikett der B-Seite dieser Vinyl-Single tun.

Auf selbiger Flipside ist dann auch ein Remix dieses Stückes zu hören – und zwar vom allseits geschätzten Kammerflimmer Kollektief. Deren Version kommt ohne Gesang aus und klingt noch etwas hypnotischer als das Original. Südwestdeutschland trifft auf Nordosten und liegt dabei gar nicht soweit auseinander. Beide Bands haben eine gewisse Neigung zum Jazz – wasauchimmer dies sein mag – ohne wirklich Jazz – wasauchimmer das nun wirklich sein mag – zu spielen. Ach egal, dieses Schubladisieren geht mir schon seit ewigen Zeiten auf den Butterkeks. Am Ende ist eh alles Musik!

Eine wunderbare 7″-Schallplatte.

Kaufbar via Bandcamp:
karlrecords.bandcamp.com/album/kryptos-7

Idiot.

Juni 4, 2013

SchusterHetzelIdiot

Wer komponiert, ist ein Idiot.
(Ralf Schuster, Musik-Dokumentation, 15 min., 2013)

Der Autor, Blogger, Musiker und Komponist Stefan Hetzel (*1966) hat seit den 1980er Jahren schon so manches auf die Beine gestellt und auch veröffentlicht – in Fanzines und Zeitschriften, auf Cassette und CD sowie in den unendlichen Weiten dieses Netzes, auch so manches Foto. Beeinflusst u.a. vom (Free) Jazz und Minimal Music improvisiert und komponiert Hetzel gleichermaßen.

Im März 2013 hat nun sein „Kumpel“ und Filmemacher Ralf Schuster ein kurzes Portrait dieses Herren vollführt, das Hetzel in seinem Eibelstädter Musikzimmer zeigt und vor allem seine Art zu  komponieren thematisiert. Heutzutage fröhnt Stefan Hetzel elektronisch generierter sogenannter Neuer Musik, wobei er beim Komponiervorgang sein MIDI-Keyboard in improvisierender Weise nutzt. Diese Arbeitsweise wird von Hetzel eloquent erklärt, auch Einflüsse werden offen gelegt, ebenso die Hoffnung, dass seine Kompositionen durch einen konventionellen kammermusikalischen Klangkörper (KKK) aufgeführt werden, obwohl das eigentlich garnicht nötig ist, da ja längst elektronische Möglichkeiten existieren. Momentan kommt vorwiegend der ePlayer zum Einsatz. Zum Thema Technik und Komponieren werden Ausschnitte aus seinem dreiteiligen Filmessay „Komponieren heute“ in diese Dokumentation eingestreut.

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Schuster und Hetzel bei einer Besprechung in Berlin

Im Film sieht man Stefan Hetzel auf dem Weg zum Bus, bei sich zu Hause, Kaffee trinkend, aber vor allem auf seinem Sofa im Gespräch mit einem Doktor der Musik im Rock’n’Roll-Look (der allerdings nur zweimal als Stichwortgeber ins Bild kommt), in seinem Studio, aber auch mit anderen Musikern in einer Galerie frei improvisierend. Zu hören ist das kammermusikalische Stück „2008“, das durch hypnotische Passagen glänzt. In den Redepausen streift die Kamera durch die Küche, in der nicht experimentiert wird, dafür aber im benachbarten Musikzimmer mit all dem Equipment, philosophische Bücher kommen ins Bild, auch eines über autonome Kunstkritik. Schön auch die sich zur Musik amorph bewegenden Trickfilmfiguren, welche die Handschrift von Ralf Schuster tragen. Im Abspann noch eine Impression der heimischen Mainschifffahrt.

Es gäbe sicherlich noch viel mehr zu erzählen über diesen unterfränkischen Komponisten, dennoch konzentriert sich diese Dokumentation auf das Thema Komponieren und wühlt nicht in der Vergangenheit. Das tut diesem Kurzfilm gut. Es lohnt sich, diesen Typen kennenzulernen. Anschauen!

Der Film von Ralf Schuster:
Wer komponiert ist ein Idiot.

Das Filmessay von Stefan Hetzel:
Komponieren heute

Dessen Blog:
Weltsicht aus der Nische

Seine Homepage:
www.stefanhetzel.de

Souvenir du Free Jazz

Mai 9, 2013

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Erinnerungsstücke an die 14. Jazztage Leipzig 1989:
zwei kleine Badges bzw. Anstecknadeln und Eintrittskarten.

Mehr zu lesen gibt es hier:
Stefan Hetzel über die 12. Jazztage Leipzig 1987
mr.boredom über 5 Tage DDR

La Schepper

März 18, 2013

Laurent De Schepper Trio live in Berlin, 16. März 2013 (Foto: GZ)

Laurent De Schepper Trio – Aquanaut
(CD / DL, Karlrecords, KR010, 2013)
… und live im New Deli Yoga, Berlin, 16.03.2013

Am vergangenen Wochenende feierte das am Rand von Kreuzberg gelegene New Deli Yoga sein zweijähriges Jubiläum und lud sich eine Band aus Leipzig ein. Da wo es sonst gesundes Essen und Yoga gibt, wurde der riesige Tisch an die Wand gerückt um Platz zu machen für Alkohol trinkende und nicht nur Tabak rauchende Menschen. Drogi-Yogi?

Zu Gast war das Laurent De Schepper Trio, bestehend aus E-Bass (Isabel Fischer), Schlagzeug (Lars Oertel) und Saxophon (Thomas Bär) [v.l.n.r.], welches momentan durch die Gegend reist um ihre neue Platte „Aquanaut“ vorzustellen. Zu hören ist im weitesten und besten Sinne Instrumentalmusik, die sich irgendwo zwischen Jazz und Post Rock bewegt. Das Saxophon wird durch elektrische Effektgeräte gejagt und liefert submarine Klangflächen unter denen der relativ trockene Bass und das vitale Schlagzeug die Tracks vorantreiben. Zwischendurch gibt es kurz ruhigere, filmmusik-ähnliche Passagen; bei „Near The Weir“ fühle ich mich an den Soundtrack zu „Komm süßer Tod“, mein Lieblings-Brenner-Krimi, erinnert.

Sowohl live als auch auf CD ist für zwei, drei Stücke noch ein sprechsingender Wortkünstler (Sevenold) zu hören, der somit noch eine weitere Klangfarbe einbringt. Aber mehr als Bass, Drums und Sax braucht es eigentlich gar nicht, zumindest wenn sie so energiereich und ohne unnötigen Ballast gespielt werden wie hier. Statt solistischer Eskapaden oder zur Schau gestelltem Virtuosentum gibt es bestens aufeinander abgestimmte Spielfreude zu hören. Und das gerne immer wieder. Herrlich!

Unbedingt mal reinhören:
Laurent De Schepper Trio – Stormgebrus

Platte kaufen: bei Karlrecords

Live erleben:
18.03.2013 Blue Note, Dresden
21.03.2013 Kunsthof, Jena
22.03.2013 Hanseplatte, Hamburg (18 Uhr)
22.03.2013 Schwarze Katze, Hamburg (21 Uhr)
23.03.2013 Osnabrück, Der audiovisuelle Salon

Splace

Februar 25, 2013

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Jerry Dammers‘ Spatial A.K.A. Orchestra
(live, Haus der Kulturen der Welt, Berlin, 24.02.2013)

Gestern war im Rahmen des Anthropozän-Projekts (was auch immer das sein mag) im Haus der Kulturen der Welt und des viertägigen Festivals „Unmenschliche Musik – Kompositionen von Maschinen, Tieren und Zufällen“ Jerry Dammers und sein Spatial A.K.A. Orchestra zu Gast. Deren Musik war aber weder Maschinenmusik noch unmenschlich – höchstens außerirdisch, so wie halt Sun Ra auch out of space war (man muss nur dran glauben…).

Jerry Dammers war damals in der Ska-Band The Specials (mit und ohne AKA) mit von der Partie und macht sich seit ein paar Jahren einen Spaß daraus,mit einer riesigen Big Band aufzutreten. In Berlin waren insgesamt 24 Leute auf der freakig dekorierten Bühne. Alien-Puppen mit Gitarre standen da rum, ein Raumfahrzeug hing von der Decke und den Bühnenhintergrund zierten kryptische, güldene Zeichen und Tut-Ench-Amun war unter der Leinwand zu entdecken, auf der passende Filmsequenzen geworfen wurden. So ähnlich könnte es in den 1970er Jahre ausgesehen haben. Da passt auch die Keyboard-Burg vorne rechts ins Bild, in deren Mitte Jerry Dammers ungezählte Orgeln, Synthesizer und sonstige elektronischen Geräte bediente. Und natürlich waren fast alle maskiert und kostümiert, in afrikanischen Phantasie-Roben, als Pink Elephant, mit Pest-Maske, Federn, asiatischen Hüten, bescheuerten Brillen etc., alles schön bunt durcheinander.

Das Spatial A.K.A. Orchestra begann ursprünglich wohl als Sun Ra Tribute Band, aber spielt garnicht mehr so viele Stücke dieser Free-Jazz-Legende. Das erste Instrumental – nach einem kakophonen Keyboardgewitter, dem Ende der irdischen Welt – war von Sun Ra, aber bis später dann zwei Songs von ihm gespielt wurden, darunter das wunderbare „Nuclear War“, verging einige Zeit. Denn Jerry Dammers hatte auch Ska-Stücke aus Jamaika mit dabei, groovy Jazz und Easy Listening von deutschen Komponisten (Peter Thomas hieß der eine), Exotica von Martin Denny (ein Einfluss auf Sun Ra, wie Dammers zu erzählen wußte) , britische Library Music, Jazz von Coltrane und natürlich ein paar Stücke der The Specials und vieles mehr. Aus „International Jetset“ wird „Intergalactic Jetset“ und „Ghost Town“ mutiert zu „Ghost Planet“, featuring Rico Rodriguez als Gaststar. Und das ganze im Big Band Sound und einer riesigen Besetzung: Keyboards, Piano, Flöte, Saxophon, Posaune, Klarinette, Gesang, Percussion, Violine, Cello, Kontrabass, einige Instrumente mehr als doppelt besetzt. Schlagzeug, E-Bass und Gitarre sorgten für die Erdung. Free Jazz war das also keiner. Astreiner Jazz auch nicht (aber wer interessiert sich schon für Purismus?). Das eher gewöhnliche Rockundpopschlagzeug verhinderte strukturlose Abfahrten in himmlische Sphären. So konnten die vielen Musiker ihre Soli über angenehm groovige Musik abliefern. Sogar klassische Ska Riddims sind offensichtlich dafür geeignet. Und wenn dann mal ein paar Passagen oder Übergänge etwas chaotischer klangen,  so waren diese vermutlich wohl kalkuliert.

Die Ausdauer und Spielfreude war groß. Erst nach über geschätzt zweieinhalb Stunden klang das kurzweilige und abwechslungsreiche Konzert aus mit einem schönen kurzen Stück für die beiden Violinen, Cello und Kontrabass (die meist im Gesamtklang etwas untergingen) plus eine Posaune. Die anderen Musiker hatten das Auditorium bereits in einer kleinen Prozession durch den Zuschauerraum verlassen.

GZ,
25.02.2013

My First Moers Festival

November 11, 2012

Im Jahr Zweitausendeins fand am Niederrhein das 30. Moers Festival statt. Am Anfang eines neuen Jahrtausends konnte ein rundes Jubiläum gefeiert werden. Nachdem ich nun selbst am Rhein wohne und mich nur 30 Autominuten von Moers trennen, fiel mir die Entscheidung nicht schwer, dort mal vorbeizusehen. Für mich war das 30. somit mein erstes.

Vom einstigen kleinen Free Jazz Spektakel hat sich das Moers Festival zu einem großen Kessel Buntes mit angeschlossenem Pfingstzeltlager entwickelt. Der Begriff  „New Jazz Festival“ ist heute bezeichnenderweise nur noch im Untertitel zu finden.

Erfreulich ist dagegen, dass sich dieses Festival im Laufe der Zeit für Musiken jenseits des Jazz geöffnet hat – in Richtung Art Rock, Elektronik und (leider) auch verstärkt der sogenannten Weltmusik.

Für mich war das 30. Moers Festival allerdings durch solche Namen interessant geworden, die man seit über 20 Jahren liebt und / oder schätzt und die man bereits ‚damals‘ hätte live erleben sollen: Defunkt, Robert Wyatt, David Thomas, Fred Frith und schließlich The Residents. Letztere hatten mit Jazz nun wirklich noch nie etwas am Augapfel.

Anfang der 80er Jahre schufen Defunkt ihren eigenen Sound von Funk Rock, der anfangs durchaus dem damaligen No Wave nahe stand. Über zwanzig Jahre später formierten einige wenige Mitglieder aus den Anfangsjahren mit Musikern, die in den frühen 90er Jahre hinzu gestoßen sind, als DEFUNKT BIG BAND. Die Bläser wurden personell deutlich aufgestockt. Und irgendwie kam es mir so vor, als ob die beiden Bowie-Brüder Joseph und Byron es vorzogen, ihre teilweise jüngeren Mitmusiker spielen zu lassen und sich lediglich auf das singen oder das Dirigieren der Truppe zu beschränken. Trotzdem funkte und rockte das Zelt am späten Nachmittag.

Apropos Dirigieren: auf so einem Festival kann man ja die verschiedensten Varianten des Dirigierens beobachten. Besonders wichtig schien diese Tätigkeit bei DR. NERVE gewesen zu sein, die zusammen mit dem SIRIUS STRING QUARTET auf der Bühne standen. Zuerst gab sich das Sirius String Quartet kammermusikalisch, aber schon bald gesellten sich die Musiker von Dr. Nerve hinzu und boten dann eine Achterbahnfahrt, vom Streichquartett-Klang ausgehend über Free Jazz zum Artrock mit einem Kurzbesuch beim Heavy Metal. Was stellenweise free klang war allerdings wohl auskomponiert. Wie es sich für einen Mathematiker wie Nick Didkovski gehört, ist die Musik von Dr. Nerve sehr durchstrukturiert. Nichts wird dem Zufall überlassen. Zuerst dirigierte Didkovski selbst – mit vollem Körpereinsatz und geballter Faust. Aber als er dann selbst zur Gitarre griff, musste abwechselnd jeder Musiker, der gerade eine kurze Spielpause hatte, das Metrum anzeigen. Nur nicht aus dem Takt kommen! Trotzdem eine energiegeladene, abwechslungsreiche Darbietung, immer wieder von den scharfen Bläsersätzen durchschnitten oder von Nicks heavy Gitarre geerdet. Sein relativ kurzes Gitarrensolo gegen Ende der Performance wurde auch prompt vom Publikum mit einem Szene-Applaus belohnt.

Wobei wir zu einem der widerwärtigsten Rituale auf einen Jazzfest gekommen sind: Die Unsitte des erfahrenen, langjährigen Festival-Publikums, eine solistische Leistung unbedingt laut beklatschen zu müssen. Dass dabei so manch interessantere, nachfolgende leisere Übergangspassage übertönt wird, leuchtet diesen Leuten nicht ein. Ebensowenig, dass selbstgefälliges, virtuoses Rumgewixe musikalisch vollkommen uninteressant ist.

Bei SUPERSILENT habe ich mich gefreut, dass endlich mal auf der Hauptbühne vier Musiker zusammen (!) improvisieren. Und zwar nicht um ihre Solos nacheinander runter zu nudeln, sondern um Klanglandschaften entstehen zu lassen, die ästhetisch dem Ambient oder gar dem Clicks+Cuts-Sound näher stehen als dem Jazz. Schlagzeug, Keyboards und Trompete wurden elektronisch verfremdet und fügten sich zu einem kompakten Konglomerat zusammen, das in zwei Teilen dargeboten wurde. An einer Stelle klang es für mich kurz mal so, als wollten die vier Norweger den Sound von Sigor Ros veralbern. Aber das habe ich mir sehr wahrscheinlich nur eingebildet. Als der Schlagzeuger einmal etwas kräftiger auf die Felle schlug, wurde dies vom Publikum gleich für ein Solo gehalten und eifrig beklatscht. Unglaublich!

Auf der Hauptbühne fanden solch interessanten, zeitgemäßen Darbietungen leider selten statt. Experimentiert wurde fast nur innerhalb der vormittäglichen Projekte, z.B. in der abseits der Zeltstadt durchgeführten „electric lounge“. Hier wurde unter der konzeptionellen Leitung von Frank Schulte live und unter Einbeziehung moderner elektronischer Mittel kollektiv improvisiert. Wobei hier unterschiedlichste Künstler aus verschiedenen Ländern und Generationen drei Tage lang zusammen arbeiteten. Reine Samplingkünstler trafen hier auf Musiker, die Gitarre oder Cello als Basis ihrer Klangerzeugung verwenden. Dank Schulte fand alles innerhalb eines fest gefügten Zeitplanes statt. Jeder wußte, wann er mit wem zusammen im Duett improvisieren und wann wieder mal alle zusammen ans Werk gehen sollten. Das war dann wirklich kurzweilig, auch wenn man insgesamt drei Stunden (unterbrochen von zwei Pausen) Musikern wie Gry Bagoien, Jakob Kirkegaard, Lorenzo Brusci, Andreas Bosshard, David Shea, Anne Krickeberg oder Fred Frith zuhörte. Erstaunlich vor allen die kollektiv improvisierten Drones!

Ein paar Stunden später improvisierte FRED FRITH dann schon wieder solo auf der Hauptbühne des Festivals. Und es ist immer noch interessant und spannend zu sehen, wie Frith mit Hilfe seiner Gitarre, verschiedenster Alltagsgegenstände (aus den Bereichen Heimwerk und Küche) sowie einiger nachgeschalteter elektronischer Geräte seine Soundscapes entstehen lässt. Dabei kommt er ohne grundlegende Überraschungen aus, unterschreitet seinen gewohnten Qualitätsstandard allerdings nicht.

Das Projekt SOUPSONGS war ganz und gar der Musik von Robert Wyatt gewidmet. Wyatt war zwar nicht persönlich präsent, steht aber voll hinter diesem Projekt um Annie Whitehead, wie man in den liner notes zu deren Live-Doppel-CD nachlesen kann. Nach dem etwas gewollt wirkenden World-Music-Meets-Jazz-Projekt Tukki empfand ich diese song-orientierte, typisch englische Musik besonders erfrischend. Stellenweise driftete die zum Teil aus alten Weggefährten von Robert Wyatt bestehenden Band geringfügig ins überambitioniert-jazzige ab. Aber das ist zu verzeihen. Schließlich stellten solch herrlichen Musiker wie Julie Tippetts, Lol Coxhill oder Ian Maidman ihr Können ansonsten ganz in den Dienst der Wyatt’schen Songs. Hierbei ergab sich ein schöner Querschnitt durch drei Jahrzehnte der neueren Pop-Musikgeschichte.

In eigener Sache war DAVID THOMAS unterwegs. Unterstützt wurde er hier keineswegs von Pere Ubu sondern von den TWO PALE BOYS, die mit Gitarre, Trompete und Electronics die Basisarbeit für seine Songs erledigten. Thomas sang, spielte ab und zu Akkordeon oder stieß in ein Blasinstrument. Zwischendurch nahm er immer wieder mal einen Schluck Cognac aus dem Flachmann (!) oder griff zum Bierglas. Bei David Thomas weiß ich allerdings nicht so recht, ob man diesen Mann mit Übergewicht und Alkoholproblemen bemitleiden oder sich einfach nur an seinen in urbaner Bluesstimmung gehaltenen Songs erfreuen soll. Irgendwie befremdlich.

Am Ende des letzten Festivaltages präsentierten dann THE RESIDENTS ihre erste Digital Video Disc „Icky Flix“. Wobei streng genommen kaum etwas neues auf diesem Speichermedium geboten wird. Denn die Residents haben die neuen Möglichkeiten der DVD sofort erkannt und die Gelegenheit genutzt, um Videos aus den letzten drei Jahrzehnten darauf zu veröffentlichen. Gleichzeitig wurde die Musik zu diesen Filmen neu eingespielt, um sie im zeitgemäßen Dolby Surround Sound wiedergeben zu können. Wer einen DVD-Player sein Eigen nennt, kann sogar zwischen altem und neuem Soundtrack wählen. Wer sich die CD-Version von „Icky Flix“ zulegt, muss sich allerdings mit dem Stereo-Mix der neu eingespielten Musik begnügen. Tja, so ist das Leben.

Live boten die Residents – wie hätte man es anders erwartet – eine perfekt inszenierte Show. Auf einer Leinwand über der Bühne wurden die Filme gezeigt, während auf der Bühne die vier Residents zusammen mit zwei Gäste hinter silbergrau bespannten Paravents ihre vorwiegend elektronische Musik zum besten gaben. Nur der mit einer skurrilen Maske versehene Sänger sowie die plakativ geschminkte und eine großen Perücke tragende (Gast-) Sängerin trauten sich während der Show hinter ihrem Sichtschutz hervor. Die anderen Musiker zeigten sich dem Publikum seltener und waren – wie es sich für diese kalifornische Kultband gehört – vermummt. Nach etwa 90-minütiger Show wurde noch ein viertelstündiger Zugabeblock ohne Videoeinspielungen gegeben. Die zum Teil von weit her  angereisten Fans konnten zufrieden sein.

Auch insgesamt durfte man zufrieden mit diesem Moers Festival sein – zumindest wenn man sich den Luxus erlaubte, einfach großzügig auf Programmpunkte zu verzichten, bei denen es klar war, dass sie ins traditionelle (beispielsweise Gianluigi Trovesi und die WDR Big Band; Jeri Brown Quartet) oder ins pseudo-folkloristische (z.B. die beiden kubanischen Bands am Samstagabend oder die African Dance Night Sonntag nachts) abdriften würden. Wenn schon das Festival die Beschränkung auf das Wesentliche nicht leisten kann (wie sollte es auch?!?), muss man halt selbst sein Programmgestalter sein. Und das war dann (für mich) ganz okay so.

GZ,
Juni 2001

(geschrieben für Bad Alchemy 38).

Saxfx

Oktober 4, 2012

Diamond Terrifier live
(Golem, Hamburg, Germany, 21.09.2012)

Als nichtsahnender Neuankömmling im Golem fühlt man sich fast wie in einem dieser Edgar Wallace-Verfilmungen der frühen 1960er Jahre. Oben im Hochparterre befindet sich eine Bar, erst wenn man die Tür hinter der Bücherwand findet, gelangt man in die spärlich beleuchtete Krypta. Hier handelt es sich allerdings nicht um eine Gruft sondern nur um einen profanen, schwarz gestrichenen Keller.

Und wenn man Glück hat veranstaltet Har Ald ein experimentelles Konzert wie an diesem Abend: Sam Hillmer aka Diamond Terrifier bläst einem mit Saxophon und etlichen dahintergeschalteten Effektgeräten den Kopf frei, voller Energie – und beweist am Ende, dass er auch ohne elektronische Hilfsmittel auskommt. Noise und Jazz sind gute Freunde. Herrlich!

Sonic Cage Jazz

Juli 21, 2012

Rusconi live
(11.07.2012, Bix, Stuttgart)

Dieses nach Bix Beiderbecke benannte Lokal im Stuttgarter Gustav-Siegle-Haus erscheint mir fast etwas zu luxuriös-elegant für ernsthaften Musikgenuss. Dank der gemütliche Sessel und Tischchen wirkt es wie eine Mischung aus Restaurant und Kabarett-Bühne. So kann es passieren, daß man während einer lyrischen Musikpassage von der Bedienung schräg von der Seite angequatscht wird („Darf‘s noch etwas sein?“) oder der Bandleader den beiden abendessenden Gästen „Guten Appetit!“ wünscht. Aber solche Rahmenbedingungen sollten nicht von der Musik ablenken.

Rusconi ist ein Jazz Klavier Trio aus der Schweiz in der klassischen Besetzung Flügel (Stefan Rusconi), Kontrabass (Fabian Gisler) und Schlagzeug (Claudio Strüby). Aber so richtig konventionell klingen sie dann doch nicht: das Klavier wird mal mehr, mal weniger präpariert und liefert sich auch mal ein Duell mit den Schlagzeuger, der herrlich rumpeln und kratzen kann, wenn es von Nöten ist. Und dann wäre da noch dieser coole Kontrabassist mit Sonnenbrille, der ab und zu zur E-Gitarre greift. Man muss sich somit nicht wundern, dass diese Band schon verschiedene Songs von Sonic Youth weiterverarbeitet hat. Gemeinsam intonieren sie manchmal diesen wortlosen Harmonie-Gesang, der mich an die Fleet Foxes erinnert – obwohl ich die gar nicht so gut kenne.

Live changiert Rusconi zwischen schönen, fließenden und krachigen, energetischen Passagen – oftmals verbunden durch harte Schnitte. Ihr erster Set war etwas ruhiger, entsprechend ihres aktuellen Albums „Revolution“ (auf dem übrigens Fred Frith bei einem Stück gastiert), der zweite rockte mehr und wurde von einem neuen Stück mit gamelan-artiger Piano-Präparation eingeleitet – Weltpremiere eines Souvenirs von ihrer Asien-Tournee. Und dann hatte Rusconi bei einem sehr kurzen, rockigen  Stück noch eine selten gehörte Mitmach-Aktion auf Lager: statt schnipsen, klatschen oder mitsingen durfte das Publikum 12mal laut schreien. Die Stuttgarter machten begeistert mit. Urschrei Rules OK!

Überraschend in diesem Umfeld auch der Moment, in dem die Band ihre Instrumente komplett durchwechselte: Gitarre statt Piano, Schlagzeug statt Kontrabass, Tasten statt Sticks. So wurde Virtuosentum ausgebremst und die immer vorhandene Spielfreude kam für einen Moment noch deutlicher zum Vorschein.

Als Zugabe gab es nicht nur eine fast schon krautig-psychedelische Version des Sonic Youth-Titels „Hits Of Sunshine (For Allen Ginsberg)“, die ‚ältere Herrschaften‘ zu lauten Begeisterungsschreien (!) bewegte (bei der Tochter, noch Studentin, setzte die Begeisterung etwas später ein – war sie etwa peinlich berührt oder mußte sie nur ihren Facebook-Status aktualisieren?).

Tolles Konzert einer sympathischen Band mit Klangforschung der angenehmen Art. Hier sind keine Extremisten am Werk, aber Grenzgänger zwischen Jazz, Rock und Experiment.

GZ,
18. Juli 2012

Dort kann man Musik von Rusconi kaufen und selbst entscheiden wieviel Geld man für die Dateien ausgeben möchte (es gibt aber auch Vinyl):
rusconi-music.com

PS:
Vielen Dank an Micha und Thomas, die mich auf Rusconi gebracht haben!