Posts Tagged ‘minimal music’

Hypnotisierungsmusik

Oktober 12, 2013

MuPo006

Ralf Schuster und Stefan Hetzel – Hypnotisierungsmusik
(Tape, C60, MultiPop prod., MuPo 007, 1991)

Das ist doch mal ein schönes Wiederhören! Da hat Stefan Hetzel nun diese alte Kassettenveröffentlichung digitalisiert, die er zusammen mit Ralf Schuster bespielt hat und die wahrscheinlich nur in einer sehr kleinen Stückzahl unter die Leute gebracht wurde.

Endlich, muss man fast sagen! Denn die Arbeit hat sich gelohnt. Obwohl die Aufnahmen unglaubliche 22 Jahre alt sind, wirken sie überhaupt nicht angestaubt und schon gar nicht nostalgisch. Vielleicht liegt es daran, daß Hetzel & Schuster damals in der Ochsenfurter Fuchsenmühle ihr eigenes Ding vierspurig aufgenommen haben – ohne auch nur einen Gedanken an irgendeinen Zeitgeist zu verschwenden. Teilmengen dieser einstündigen Musikkassette wurden unter Verwendung von Instrumenten wie Synthesizer, Orgel, Melodica, E-Gitarre oder Schlagzeug improvisiert, manchmal werden Schuster’sche Texte dazu vorgetragen. Es kommt zum Haushaltskollaps und die Unterhosen sitzen nicht so gut.

In der Musik, bilde ich mir ein, sind Einflüsse von genialen Dilletanten zu erkennen, aber auch Jazz und Minimal Music spielt da eine Rolle und bestimmt auch Post Punk und sogar Frank Weghardt hat seine Spuren hinterlassen (ein Komponist, dem Schuster & Weber eine ganze 7″EP gewidmet haben).

Für mich ein All Time Favourite, der jetzt auch für Menschen hörbar wird, die damals den Herren Stefan Hetzel und Ralf Schuster nicht über den Weg gelaufen sind.

Ab sofort ist dieses Werk frei zugänglich auf archive.org zu hören. Dort findet man weitere Informationen sowie die ursprünglichen Liner Notes:
http://archive.org/details/hypnotisierungsmusik

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Orangerot

Juni 12, 2013

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Idiot.

Juni 4, 2013

SchusterHetzelIdiot

Wer komponiert, ist ein Idiot.
(Ralf Schuster, Musik-Dokumentation, 15 min., 2013)

Der Autor, Blogger, Musiker und Komponist Stefan Hetzel (*1966) hat seit den 1980er Jahren schon so manches auf die Beine gestellt und auch veröffentlicht – in Fanzines und Zeitschriften, auf Cassette und CD sowie in den unendlichen Weiten dieses Netzes, auch so manches Foto. Beeinflusst u.a. vom (Free) Jazz und Minimal Music improvisiert und komponiert Hetzel gleichermaßen.

Im März 2013 hat nun sein „Kumpel“ und Filmemacher Ralf Schuster ein kurzes Portrait dieses Herren vollführt, das Hetzel in seinem Eibelstädter Musikzimmer zeigt und vor allem seine Art zu  komponieren thematisiert. Heutzutage fröhnt Stefan Hetzel elektronisch generierter sogenannter Neuer Musik, wobei er beim Komponiervorgang sein MIDI-Keyboard in improvisierender Weise nutzt. Diese Arbeitsweise wird von Hetzel eloquent erklärt, auch Einflüsse werden offen gelegt, ebenso die Hoffnung, dass seine Kompositionen durch einen konventionellen kammermusikalischen Klangkörper (KKK) aufgeführt werden, obwohl das eigentlich garnicht nötig ist, da ja längst elektronische Möglichkeiten existieren. Momentan kommt vorwiegend der ePlayer zum Einsatz. Zum Thema Technik und Komponieren werden Ausschnitte aus seinem dreiteiligen Filmessay „Komponieren heute“ in diese Dokumentation eingestreut.

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Schuster und Hetzel bei einer Besprechung in Berlin

Im Film sieht man Stefan Hetzel auf dem Weg zum Bus, bei sich zu Hause, Kaffee trinkend, aber vor allem auf seinem Sofa im Gespräch mit einem Doktor der Musik im Rock’n’Roll-Look (der allerdings nur zweimal als Stichwortgeber ins Bild kommt), in seinem Studio, aber auch mit anderen Musikern in einer Galerie frei improvisierend. Zu hören ist das kammermusikalische Stück „2008“, das durch hypnotische Passagen glänzt. In den Redepausen streift die Kamera durch die Küche, in der nicht experimentiert wird, dafür aber im benachbarten Musikzimmer mit all dem Equipment, philosophische Bücher kommen ins Bild, auch eines über autonome Kunstkritik. Schön auch die sich zur Musik amorph bewegenden Trickfilmfiguren, welche die Handschrift von Ralf Schuster tragen. Im Abspann noch eine Impression der heimischen Mainschifffahrt.

Es gäbe sicherlich noch viel mehr zu erzählen über diesen unterfränkischen Komponisten, dennoch konzentriert sich diese Dokumentation auf das Thema Komponieren und wühlt nicht in der Vergangenheit. Das tut diesem Kurzfilm gut. Es lohnt sich, diesen Typen kennenzulernen. Anschauen!

Der Film von Ralf Schuster:
Wer komponiert ist ein Idiot.

Das Filmessay von Stefan Hetzel:
Komponieren heute

Dessen Blog:
Weltsicht aus der Nische

Seine Homepage:
www.stefanhetzel.de

Aural Screen Savers

Juni 28, 2011

Dies ist mir beim umzugsbedingten Sortieren wiedermal in die Hände gefallen: Ein Artikel über den Musiker und Komponisten Stefan Hetzel, der im Würzburger Stadtmagazin Herr Schmidt (Heftpreis 3 DM) im Februar 1998 veröffentlicht wurde.

Ohrschirmschoner aus Eibelstadt

In Unterfranken gibt es nicht nur selbstgebrannten Schnaps, sondern auch Musiker, die ihre ungewöhnliche Musik auf CDs in Kleinstauflagen veröffentlichen — also ebenfalls so gut wie selbstgebrannt.

Im romantischen Eibelstadt hat sich ein solcher Musiker namens Stefan Hetzel in einer ehemaligen Pension eingemietet und komponiert dort seit einigen Jahren, meist für rechnergesteuertes Digital-Klavier. Zumindest soweit dies seine kaufmännische Erwerbstätigkeit erlaubt. Nebenbei gibt er noch das Literaturmagazin mit dem sinnigen Titel „Ich“ heraus – im Buchladen Neuer Weg erhältlich – und schreibt Essays über Jazz und Minimal Music für das Würzburger Fanzine „Bad Alchemy“. Womit bereits zwei Referenzpunkte erwähnt wurden, die für Hetzels Musik eine große Rolle spielen. Bei den Kompositionen für rechnergesteuertes Klavier, die er im März 1997 in der Produzentengalerie Nulldrei vorgestellt und im November auf CD mit dem bescheidenen Titel „Aural Screen Savers“ („akustische Bildschirmschoner“) veröffentlicht hat, ließ er sich u.a. von den Großmeistern der Minimal Music (Morton Feldman, Steve Reich, Philip Glass) inspirieren. Aber auch der letztes Jahr verstorbene Conlon Nancarrow hat hier Spuren hinterlassen: dieser Eigenbrötler schrieb – für normale Pianisten unspielbare – Kompositionen, die Pianolas mittels Walzen oder Lochstreifen realisierten. Auch bei Stefan Hetzel wird ein Musikautomat angesteuert: von einem im Omikron-Basic
geschriebenen Programm über einen Atari-Computer auf ein Digital-Klavier bzw. ein Soundmodul, das quasi dem Player Piano von Nancarrow entspricht.

Trotz all dieser Bezüge, die von Stefan Hetzel keineswegs verschwiegen werden, klingen die Stücke auf „Aural Screen Savers“ gottseidank nicht so wie die Kompositionen der Leute, denen sie gewidmet sind. Weder klingt „Romantic Loop“ nach Wim Mertens harmonischem Kitsch, noch strahlt der dritte Satz von „Triptychon“ die minimalistische Unruhe eines Steve Reich aus.

Außer vorgegebenen Strukturen spielen Zufälle eine große Rolle; aleatorische Parameter lassen das zu. Bei jeder Aufführung bzw. nach jedem Programmstart kann dasselbe Stück in engen Grenzen anders klingen. Bei einer Komposition werden beispielsweise die festgelegten Patterns mit Tönen gefüllt, deren Höhe dem Zufall überlassen wird. Mit alldem sitzt der Schöpfer freilich zwischen den Klavierhockern. Teilweise kann man es als zeitgemäße instrumentale Electronic Listening Music mit Ambient-Charakter verstehen – oder aber als ernstzunehmende Neue Musik, mit der man sich in Ruhe befassen muß. Also weder was für Kids noch für Professoren? Dafür jedenfalls etwas für Musikliebhaber, die auf Grenzüberschreitendes stehen. Die erwähnte CD ist im Plattenladen monophon in der Sartoriusstraße 2 und beim Komponisten selbst erhältlich.

Eine weitere seiner grenzüberschreitenden Tätigkeiten ist übrigens das Spielen von Jazz-Standards aus Spaß an der Freude. Das kann man jeden zweiten Donnerstag im Würzburger Residenz-Cafe erleben.

Guido Zimmermann,
1998

Hier nochmal als PDF:
Stefan Hetzel in Herr Schmidt 02/1998