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Geschichten

Mai 30, 2017

A Million Mercies – Elektrische Geschichten von Glaube, Liebe und Verachtung
(LP/CD + Heft, Hausmusik, HM 082, 2017)

Seit den 1990er Jahren veröffentlicht Wolfgang Petters (ex Fred Is Dead) seine Musik unter dem Namen A MILLION MERCIES. Bereits im Februar 2017 erschienen diese „Elektrische Geschichten von Glaube, Liebe und Verachtung“ auf seinem Hausmusik-Label in verschiedenen Formaten. Die LP wird in einem per Hand beschrifteten und beklebten Cover unter die Leute gebracht. Ergänzt wird das alles durch ein 16-seitiges Heft in dem nicht nur die Texte abgedruckt sind sondern auch Zeichnungen bzw. Gemälde von Florian Thomas.

Der etwas lang gewordene Album-Titel deutet bereits das Konzept dieser Platte an. Hier werden Geschichten von damals erzählt bzw. verarbeitet. Es geht um alte Familiengeheimnisse, Krieg, Flucht und das Leben in der neuen Heimat. Was damals anno 1997 bei Fred Is Dead in einem Song angedeutet wurde („… wir sind als Flüchtlingskinder geboren in der amerikanischen Zone,  unsere Großeltern haben ihre Möbel verloren, wir haben keine Traditionen …“) füllt nun ein ganzes Album.

Musikalisch bewegt sich A Million Mercies hier zwischen Krautrock und Americana, kammermusikalischer Folklore und Countrymusik. Mal wird gefiddelt, mal der Rhythmus monoton nach vorne getrieben, schräge Bläser kommen ebenfalls vor – genauso wie von Johnny Cash inspirierte Gitarren (der, wie wir spätestens dank Fred Is Dead wissen, seine erste Gitarre in Landsberg am Lech gekauft haben soll). Gesungen wird ausschließlich in deutscher Sprache, manchmal klingt Petters‘ Stimme etwas brüchig, was nur unterstreicht wie wichtig und persönlich diese Platte für ihn sein muss. Unter den musikalischen Helfern sind hier übrigens auch Martin Lickleder und Claudia Kaiser zu hören, die vor über zehn Jahre mal in der ebenfalls Münchner Band Moulinettes spielten.

Als digitalen Bonus gibt es am Ende noch einen loungig-clubbigen Keckson-Remix des Eröffners „Abend“. Aber mein persönliches Lieblingslied dieser Platte heißt „Senior“, ein krautig nach vorne treibender Siebenminüter mit herrlich schrägen Bläserpassagen.

GZ,
30.05.2017

Bilderwitz

Oktober 1, 2014

baselitz

’ne Skulptur von Georg Baselitz, gesehen im Haus der Kunst, Prinzregentenstraße 1, 80538 München, Germany, 22.09.2014

Molto bene

Juni 11, 2014

Du bist so gut zu mir

Copy Artwork aus einem Kassetten-Katalog von Molto Menz, München, 1983

Always the movies

März 25, 2013

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Broken Radio – It’s Only Fool’s Gold
(CD / DL, Hausmusik, hm78, 2013)

Es gibt viele kaputte Empfangsgeräte. Dieses Broken Radio gehört zu Klaus Patzak, der schon auf etlichen Samplern des Labels Hausmusik vertreten ist und auch Berührungspunkte mit dem Frühwerk von Fred Is Dead und den Borrowed Tunes hat.

Broken Radio kommt zwar aus Oberbayern, aber macht ortsunabhängig eher amerikanische Musik, vielleicht alternative Americana, vielleicht Slow Music, irgendsowas, Genres sind eh nur Schall und Rauch. Und warum sollte solche Musik nicht dort produziert werden, wo Johnny Cash seine erste Gitarre gekauft hat (wie wir aus dem Song „(Wir sind in der amerikanischen Zone geboren) Heimat“ von Fred Is Dead wissen) und das erste Album von Spoke alias Calexico veröffentlicht wurde. Gleiche Firma hat nun „It’s Only Fool’s Gold“ herausgebracht.

Hinter Broken Radio steht Klaus Patzak, der – bis auf eine Ausnahme – alle Songs dieses Albums geschrieben und aufgenommen hat. Trotz Homerecording klingt das alles keineswegs nach Demo-Tape. Vielmehr sind detailverliebte, sauber aufgenommene Arrangements zu hören. Da lohnt es sich, diese CD auch mal in Ruhe mit einem guten Kopfhörer anzuhören. Geige, Klavier oder Bläser (beispielsweise) setzen Glanzpunkte während Schlagzeug, Bass und Orgel die Basis für diese Songs bilden und Gitarre oder Pedal Steel für Country-Stimmung sorgen. Unglaublich, dass dies das Werk einer einzelnen Person sein soll, die auch vor dem Einsatz dezenter Elektronik nicht zurück schreckt.  Die ruhige, tiefe Stimme erzählt von Leben(skampf) in dieser „big old crazy world“, von Heimat, (vergangener) Liebe und der Suche nach Glück und so.

Auch wenn diese Songs beim ersten Hören eher etwas lasch daher kommen (das meine ich überhaupt nicht negativ), können sich einzelne zu beharrlichen Ohrwürmern entwickeln – bei mir derzeit z.B. „Western Movies“ oder „El Dorado“. Und irgendwie macht es auch nichts, dass der kürzeste dieser 12 Song schon über vier Minuten lang ist. Denn der Klang ist so angenehm ausgefeilt, dass man gerne darin schwelgt.

Großes Kino!

Reinhören: It’s Only Fool’s Gold

Video: Lay Your Guns Down

GZ,
24.03.2013

Auf Draht

November 20, 2012

Notizen vom 1998er Hausmusik- und Jimmy Draht Comic-Festival

FAZIT

Im November 1998 fand das alljährige Hausmusik-Festival, auf das man eineinhalb Jahre warten mußte, nicht mehr in Landsberg sondern im München statt. Ein Grund, den Schritt in die Großstadt zu wagen, war bestimmt der Mangel an Veranstaltungsorten in Landsberg. Andererseits ist das potentielle Publikum in München naturgemäß größer. Und außerdem leben eh schon eine ganze Reihe von Hausmusikanten in München. Also: was lag näher?! Auch der Entschluß, das Jimmy Draht-Comic-Festival parallel zum bzw. zusammen mit dem Musikfestival stattfinden zu lassen, war aufgrund der großzügigen Räumlichkeiten im Feierwerk ein geschickter. Auch wenn es für Fans der Weilheim-Landsberg-München-Connection wenig wirklich überraschendes gab, so war es doch schön zu beobachten, welche Fortschritte Bands wie beispielsweise Subatomic, Teleconductor oder das Tied & Tickled Trio seit ihrem Live-Debut vor eineinhalb Jahren gemacht haben. Trotzdem war das Festival besser als das letzte Mal, wirkte einfach runder, was vielleicht auch an den guten Rahmenbedingungen lag. So war der Sound optimal. Das von Quantensprung besorgte Licht war immer ein Augenschmaus. Das Programm umfangreich, inklusive Ausstellung und Lesungen. Und irgendwie war auch mehr los. Und dann waren da noch die netten Leute aus Bamberg, Berlin, Düsseldorf, Stuttgart oder Würzburg, die man bei dieser Gelegenheit wiedersehen konnte…

Donnerstag

TUNIC aus Berlin hatten die Ehre, das Festival zu eröffnen. Wunderschöne Musik – Schlagzeug, Gitarre, Bass plus zurückhaltender Frauenstimme – eine Schnittmenge aus Durutti Column und Punk Rock?!

Mit LALI PUNA, dem auch in der Reihenhausmusik-7″-Reihe vetretenen Homerecording-Projekt von Valerie Trebeljahr, ging es in Richtung unschuldigem Synthie-Pop. Gerne singt sie in Sprachen, die sie nicht beherrscht. Live unterstützt von drei Herren. Sehr sympathisch.

COUCH mit ihrem Gitarren-Briefoderpaketpost?-Gitarrenrock ist da schon wesentlich anspruchsvoller und auch anstrengender. Aber dennoch ist es faszinierend, dieser nun durch Stefanie Böhm und deren Synthesizer erweiterten Herrendreierrunde und ihren manchmal recht vertrackten Instrumentalnummern zu lauschen. Wenn mich nicht alles täuscht klingen sie jetzt nicht mehr so spröde wie früher.

Als Headliner des ersten Abends spielte Notwist, die mir live heute wesentlich besser gefallen als vor meinetwegen zwei Jahren. Die Öffnung hin zu Jazz, Elektronik und Pop hat diesen “Indierockern” absolut gut getan. Jetzt kann man wenigsten – ohne genervt frühzeitig den Konzertsaal zu verlassen – ihre Konzerte durchhören.

Freitag

Am Freitag war am meisten geboten. Hier wurde nicht nur die Comic-Ausstellung eröffnet und Filme gezeigt, sondern es wurde parallel auf zwei Bühnen Livemusik dargeboten. Im Hauptgebäude lief bis kurz vor vier Uhr zumeist mehr oder weniger elektronische Musik, während im Nebengebäude verschiedene Bands aus dem Umfeld der Berliner Galerie berlintokio auftraten. So gab es immer ein Hin und Her zwischen den Orten.

Am frühen Abend fiel es gar nicht auf, daß das Einmannprojekt FILES auflegte. So kann es gehen, wenn man das DJ-Pult der Bühne vorzieht.

METAL LOOP wurden auf dem Festival-Album noch als MINITCHEV geführt. Dabei handelt es sich hier um einen Ableger dieser Berliner Band um Evelin Höhne, die wiederum auch in Sachen Comics unterwegs ist. Zu dritt wurde hier sympathischer Synthie-Pop in typisch Berliner Trash-Variante dargeboten (man denke nur an Ladybird oder Stereo Total…).

Während die Berliner Bands ihre Bühne umbauten fungierte NEOANGIN (= der Comic-Künstler Jim Avignon) als pausenfüllender Alleinunterhalter mit herrlicher Synthie-Musik (vgl. meine CD-Rezension in diesem Heft).

Das IS068-Konzert auf dem 97er Gehörsturzfestival war eigentlich gar keines, weil der damalige DJ wegen Herzschmerz nicht anreisen konnte. Mittlerweile wird der Keyboardelektroniker Thomas Göbel vom FRED IS DEAD-Schlagzeuger Florian Zimmer unterstützt. Improvisation hat inzwischen bei ISO68 AKTUELL einen sehr geringen Anteil, was der Musik in diesem Fall eher gut tut. Auch ist es nicht verkehrt, etwas krautrockig zu klingen, wenn das Schlagzeug mal eingesetzt wird. Gute Elektronik, wie auf ihrer Reihenhausmusik-Single nachzuhören ist.

[BLOND verpaßt zu Gunsten von JEANS TEAM].

Daß das Jeans Team mehr als nur eine Rockband darstellt, sondern auch eine Künstlergruppe sein soll, kann man in der zweiten, empfehlenswerten Ausgabe des Münchner Heftes Anti-Hund nachlesen. Ihr Konzert begannen sie mit zwei langen Nummern, die irgendwie so klangen als ob sie die ganz frühen Kraftwerk nachäffen wollten. Erst danach rockte das Jeans Team los um zwischendurch auch wieder ein paar minimalistischere Keyboard-Stücke darzubieten. Hier spielt übrigens auch Reimo mit, der sich bei Stereo Total manchmal zum Kasper macht, obwohl er das eigentlich garnicht nötig hat.

[MINA und CONTRIVA verpaßt zugunsten von SCHNEIDER TM].

SCHNEIDER von Hip Young Things etc. trat hier mit seinem Elektronikprojekt live auf. Im Grunde ist es Techno, was Schneider hier macht – allerdings kein sturer Minimal Techno. Denn er baut alle drei, vier Minuten eine Variation oder Wendung in seine Musik ein, da kommt ganz der Indierockmusiker in ihm durch. Lustig anzusehen, wie Schneider und seine beiden Live-Assistenten ab und zu auf der Bühne rumhüpfen. Das ist Rock!

Eines der interessantesten weil neuesten Projekte war das Trio TED MILTON / ANDREAS GERTH / MICHAEL HEILRATH. Milton kennt man von seiner Band Blurt her, mit der er auch schon bestimmt zwanzig Jahre lang unterwegs ist. Mit diesem neuen Projekt bewegt er sich weg vom präzis-repetitiven Gitarrenrock und knüpft eher wieder an seine 1984 von Steve Beresford produzierte 12″ „Life is but a violence“ an. Die elekronischen Klänge von Andreas Gerth und die (auf Platte von Paddy Steer gespielten) Basslinien bilden die Basis für Ted Miltons Texte, die er mehr vorträgt als singt. Zwischendurch bläst er auch sein Saxophon. Aber gottseidank nicht so expressiv wie bei Blurt, das würde hier garnicht so passen.

Anschließend stand Gerth mit dem TIED & TICKLED TRIO auf der Bühne, das auch immer perfekter klingt. Dub-Jazz-Rock wie gehabt. Sehr schön die dank zusätzlichem Gast stellenweise auf drei Instrumente verstärkten Bläsersätze. Wunderbar. Blue.

Tief in der Nacht trat dann noch CONSOLE alias Martin Gretschmann auf. Seine meisterhaften elektronischen Pop-Instrumentals, in die er stellenweise Zitate aus den 80er Jahren einbaut (vgl.“Rocket In The Pocket“) werden live von einer Band begleitet. So rockt es stellenweise auch hier ordentlich. Am nettesten finde ich Martin in dem Moment, wo er nichts tut außer seine Mitmusiker anzugrinsen  während sie zum Finale mal so richtig lärmen dürfen. Einfach süß!

Samstag

Heute gibt es nachmittags auch Lesungen, die ich natürlich halb verpasste. Daß ich Katja Hubers Darbietung dann doch miterleben darf, ist eine erfreuliche Schicksalswendung. Denn wie sie ihre Texte vorträgt ist einfach klasse. Einen selbstverfaßten, eigentlich ernst gemeinten, wissenschaftlichen Text trägt die derart originell vor, daß das Publikum ins Lachen kommt. Zu jedem Fremdwort packt sie irgendeinen Gegenstand aus und hebt ihn hoch. Bei einem frei vorgetragenen Text, ich glaube es ist der, der auch im Beiheft zum Festival-Album abgedruckt wurde, zieht sie sich nach und nach aus – nein, trotzdem kein Striptease, das wäre wirklich zu platt – und zaubert im passenden Moment einen Zettel aus ihrem Stiefel. Poetry in Motion. Sehr sympathisch.

Abends dann wieder Musik.

Den Anfang machten EVONIKE mit zwei Frauen an Bass und Gitarre sowie jeweils einem Herren am Fender Rhodes Piano und Schlagzeug. Guter Gitarrenalternativepunkrock, der mir stellenweise etwas zu arg amerikanisch daher kam. Gute Menschen, die sich die Zeit nahmen, sich zwischen den Songs auf der Bühne hochzunehmen. Was positiv auffiel – bei den meisten andere Bands vermißte man soetwas.

SUBATOMIC haben ihre Drum-And-Zwei-Bässe-Musik weiter perfektioniert und bewegen sich immernoch zwischen Bossa Nova und Punk’Rock’n’Roll. Wann kommt da mal eine Single?

Eine Single gibt es dagegen schon von TELECONDUCTOR, die auch immer besser werden mit ihrer Gitarrenschrammelmusik. Erinnert dank der jungen Mädchenstimme etwas an englischen Girl-Pop der frühen 80er Jahre.

Mit SCHWERMUT FOREST haben wir es mit hervorragenden Musikern zu tun, deren Rockmusik dank Klarinetteneinsatz manchmal etwas in Richtung Jazz steuert. Gute seltsame Texte inklusive. Werden auch immer besser. Das hier gespielte neue Material macht gespannt auf die kommende Platte!

Ein Konzert mit FRED IS DEAD ist für mich immer ein Genuß. Und ähnelt meist einem Treffen mit alten Bekannten. Auch wenn man kaum wirklich neue Songs dargeboten bekommt, ist das wiederhören immer eine große Freude.

Zu guter letzt kamen noch PRAM aus England als krönender Abschluß auf die Bühne. Superstrange Klangteppiche, zwischendurch mit ätherischem Theremin, from outer space. Dank Kurztrompete mit jazzigen Anklängen, geerdet von Gitarre, Schlagzeug, Bass und zwei Keyboards. Für manche Konzertbesucher dann wohl doch zu strange, denn das bestbesuchteste Konzert war dieses nicht. Trotzdem faszinierende Musik.

ENDE

Neben einigen von Comic-Künstlern gestalteten Räumen gab es in einem Kellerraum eine hochinteressante Installation mit dem Titel „typodiatextbildvideosoundfilmetc“ von Leuten aus dem Umfeld der Würzburger Galerie Nulldrei. In einem schwarz gestrichenen Raum wurden Dias und Filme bzw. Videos kreuz und quer durch den Raum projiziert. Diese Bilder konnte man allerdings erst wahrnehmen, nachdem man einen Trichter mit aufgespanntem Transparentpapier aufsetzte und so durch den Raum wandelte. Ein schönes Spiel mit unserer visuellen Wahrnehmung!

(first published in Bad Alchemy 33/1999).

Kunst im Bau

April 2, 2012

(Foto: Guido Zimmermann)

In der Pinakothek der Moderne, München, 31.03.2012

Musik um zu leben

Februar 20, 2012

A Million Mercies – Wir sind elektrisch
(CD / LP-Box mit CD / Download, Hausmusik, HM 77, 2011)

Als mir DJ St.Micha 69 im letzten Dezember erzählte, daß es wieder einen Hausmusik-Online-Shop gibt, bei dem man auch noch die im Herbst 2011 erschienene, neue Platte von A Million Mercies bestellen kann, war ich hocherfreut. „Wir sind elektrisch“ ist seit seinen Beiträgen zur 2006 erschienenen Compilation „You Can’t Always Listen To Hausmusik But…“ (zwei Kollaborationen mit Broken Radio bzw. Calexico) Wolfgang Petters erstes musikalisches Lebenszeichen. Zwischendurch ging sein Hausmusik-Vertrieb dank nicht zahlender, internationaler Kundschaft den Bach runter, was ihn nicht davon abhielt, später mit Hausmunik einen Laden für Platten und Kaffeespezialitäten zu eröffnen. Und jetzt wurde das Hausmusik-Label für sein zweites Solo-Album wiederbelebt.

Für Fans gibt es dieses Album auch in einer limitierten Box mit LP und CD sowie einem großformatigen Siebdruck-Heft, für das der Johnny Cash-Biograph Franz Dobler die Liner Notes schreiben durfte. Die Vinyl-Ausgabe verdeutlicht die beiden Pole dieses Albums: Die ersten acht Songs sind eher akustisch und ruhiger, während es auf Seite 2 dann verstärkt und elektrifiziert zugeht. Die Beats werden lauter, der Titelsong rockt los und plötzlich gibt es mit „Speed“ sogar einen Synthie-Pop-Kracher aus der 80er-Jahre-Disco. Für „Reich die Hand“ wird die Musik aus dem blauäugigen Velvet Underground entliehen. Insgesamt überwiegt aber dieses auf nicht nur akustischer Gitarre basierende Singer/Songwriter-Dingens, das manchmal dezent von Elektronik und Sampling unterstützt wird. Das weckt bei mir stellenweise Assoziationen an die Fellow Travellers oder Leonard Cohen. Oder an Hausmusik-Freunde wie Calexico, was nun wiederum kein Wunder ist – denn deren Kontrabassist Volker Zander spielt neben anderen befreundeten Musikern auf einigen Stücken mit. Einmal geigt Martin Lickleder (Jeep Beat Orchestra, Suzie Trio, Moulinettes) und sogar Familienmitglieder tauchen immer wieder auf. Überhaupt ist dies eine sehr persönliche Platte. In „Man Behind The Drumkit“ verarbeitet er den Tod seines musikalischen Weggefährden Thomas Ganshorn (Fred Is Dead, Broken Radio). Und Wolfgang Petters findet dazu den passenden Ton, unterstützt mit Klangfarben von Akkordeon und Klarinette. Eingerahmt wird das Ganze von „Servabo“, einmal in englisch und einmal vorwiegend in deutsch. Überhaupt singt Wolfgang Petters (Fred Is Dead, Village Of Savoonga) mit seiner Nicht-Sänger-Stimme vorwiegend englisch, aber auch deutsch und italienisch.

Die Musik von A Million Mercies ist offensichtlich aus dem Leben gegriffen. Und das macht sie so einzigartig.

Diese Platte gefällt mir immer besser.

mrboredom
19.02.2012

Hörprobe auf Soundcloud:
„Come Sei Bella“

*****

Diskografie:

  • This Is Not Your Home / Matador (10″, 1994)
  • Elektrizität –  (hält dich in Bewegung) (LP, 1996)
  • A Million Mercies & Alles Wie Gross – 5 hours / Essen ist wichtig (7″, 1997)
  • Wir sind elektrisch (LP/CD, 2011)

Sampler-Beiträge:

  • „Jump Right Through The Window“ auf „Hausmusik“ (1991)
  • „Disobediance“ auf „Flederhausmusik“ (1994)
  • „Essen ist wichtig“ auf „Festplatte“ (1996)
  • A Million Mercies & Alles Wie Gross – „Essen Ist wichtig“ auf „Zur Hölle Mama – Perlen deutschsprachiger Popmusik #3“ (1998)
  • „Duck And Crawl“ auf „Do You Think That I’ll Be Different When You’re Through?“ (2001)
  • Broken Radio / A Million Mercies – „One Way Trip“ und A Million Mercies / Calexico – „Freunde“ auf „You Can’t Always Listen To Hausmusik But…“ (2006)

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Lorenz Lorenz unterwegs

Januar 5, 2012

Historisches Fundstück:
Ausriss aus der Fernsehzeitschrift Gong bayern Nr. 39/1988
(1.-7. Oktober) über den Autor, Performance-Künstler und Zündfunk-Mitarbeiter Lorenz Schröter aka Lorenz Lorenz und seine Radtour um die halbe Welt.

Aromatisierte Luft

November 23, 2011

Michaela Melián und Justus Köhncke – Liebe tut weh (Foto: Guido Zimmermann)

Programmvorschau:
Konspiratives KüchenKonzert mit
Justus Köhncke und Michaela Melián
(wird an irgendeinem Freitag im Februar 2012 auf ZDFkultur gesendet)

Am vorgestrigen Montag (21. November 2011) wurde diese neue Folge der Konspirativen KüchenKonzerte in Hamburg-Wilhelmsburg aufgezeichnet. Zu Gast bei Chefkoch Marco Antonio Reyes Loredo waren die MusikKünstlerInnen Justus Köhncke (*1966, war mal bei Whirlpool Prod. dabei) und Michaela Melián (*1956, schon immer Mitglied von Freiwillige Selbstkontrolle / F.S.K.). Wobei Köhncke eher für die Musik zuständig war und Melián für die (Medien-) Kunst – obwohl beide ja beides machen und auch nicht voneinander trennen mögen.

Obwohl ich im Studio-Publikum saß, bin ich sehr gespannt, wie die fertige Sendung auf dem Bildschirm wirken wird. Denn Michaela Melián hatte sich ein Konzept für diese Sendung ausgedacht, das frühe experimentelle Fernseh-Kunst zitiert. Vor die Kameralinsen wurden transparente Folien gespannt, die mit Silhouetten, Texturen, Grafiken, Bildern, Typo oder Texturen versehen waren und alle paar Minuten gewechselt wurden. Am Bildschirm sieht man dann also keine reine Abbildung der Studio-Realität mehr sondern bekommt einen durch die entsprechenden Folien verfremdeten Eindruck. Im ersten Gespräch im Küchenbereich wurde als Referenz auf den Ausstellungskatalog „Ready to Shoot“ der Fernsehgalerie Gerry Schum hingewiesen. Später verteile Michaela Melián noch Schildchen mit fernseh-kritischen Parolen, die das Publikum möglichst voll in die Kamera halten sollte. Wie das wohl am heimischen TV rüber kommt?

Justus Köhncke sorgte mittels Laptop, Mischpult und einem alten Korg-Synthesizer für musikalische Unterhaltung. Angenehme elektronische Tanzmusik, zu der Köhncke auch manchmal in deutscher Sprache sang – u.a. bei seinem hit-verdächtigen „So weit wie noch nie“. Als Höhepunkt gab er zusammen mit Michaela Melián eine Cover-Version von „Liebe tut weh“ zum besten. Dieser Song stammt von der Debut-LP der New Wave Band Freiwillige Selbstkontrolle und wurde von ihr hier wohl das erste Mal selbst gesungen – im Duett mit Justus – obwohl ihre Band diesen Song heute live immernoch spielt. Schade, dass diese schöne, flotte Version so kurz war.

Ach, und was gab es zu Essen? Von den Star-Gästen wurde Molekularküche gewünscht. Schließlich war Ferran Adrià ja Gast auf der Documenta 12. Chefkoch Marco nahm die Herausforderung an und servierte als Gruß aus der Küche aromatisierte Luft, abgefüllt in bunten Luftballons. Nach gemeinsamen Öffnen der Ballons duftete es nach zitroniger Quarkspeise oder so. Später wurde noch Fischfilet auf Erbsenspiegel mit gelierten Tomaten und mittels Stickstoff aufgeschäumten Kartoffelmus serviert. Kommentar der Künstlerin: „Also mit Molekularküche hat das echt nichts zu tun!“. Aber was will man schon erwarten von einem ersten solchen Experiement ohne entsprechende Laborgeräte?

Zwischendurch haben sich die beiden Gäste in der Musikecke noch Musik für den Abspann (vermute ich mal) ausgesucht und konnten sich auf eine Single-B-Seite von Can einigen: „Shikako Maru Ten“.

Also den noch nicht fixen Termin schonmal vormerken!

Nachtrag:
Der Sendetermin steht nun fest. Diese Folge wird am 03.02.2012 auf ZDFkultur verstrahlt.

Diese Sendung kann man sich immernoch auf youtube im KuechenKino angucken.

Die konspirative Videothek:
konspirativekuechenkonzerte.de

It’s More Fun In 3D

Oktober 18, 2011

Kraftwerk
3D Video-Installation
Kunstbau Lenbachhaus München
15. 10 – 13.11.2011

Schöner Zufall, dass ich letztes Wochenende in München war. Denn seit dem Samstag nach ihren drei Konzerten in der Alten Kongresshalle sind die – live wohl ebenfalls verwendeten – Animationen von Kraftwerk im Kunstbau des Lenbachhauses zu sehen. Die Musikvideos werden an die Längsseite der in einer U-Bahn-Station befindlichen Ausstellungshalle projeziert – in 3D. Am Eingang wird jedem Besucher eine entsprechende Brille augehändigt. Allerdings ist hier kein 3D-Hollywood-Kino-Schnickschnack zu sehen, sondern geschmackvoll designte, eher graphisch oder gar typographisch orientierte Animationen. Da wird zu „Autobahn“ das damalige Gemälde animiert und dreidimensional aufgearbeitet. Die karge Landschaft schaut zwar anfangs etwas nach Teletubbies aus, aber später fragte ich mich allerdings ob da hinter Leverkusen nicht Düsseldorf in Sichtweite kommt. Die ziemlich leeren Autobahnen und die knuffigen Automobile lassen nostalgische Gefühle aufkommen.

Geschätze eineinhalb Stunden kann man hier mit Techno-Synthie-Pop-Klassikern wie „Radioaktivität“, „Menschmaschine“, „Heimcomputer“, „Musik Non Stop“ oder auch „Vitamin“ etc. verbringen. Dreimal springen einem fast Nummern, Noten oder Blasen direkt ins Gesicht. Besonders gut kommt der 3D-Effekt in virtuellen geometrischen Räumen. Allerdings zeigt sich manchmal auch, dass Kraftwerk keine Vorreiter in Sachen 3D-Technik sind, sondern diesen Trend wiedermal dazu nutzen, ihr Reperoire bzw. dessen Präsentation an die Jetztzeit anzupassen. Seit ca. 20 Jahren machen sie nichts anderes. Dass sie nun endlich im Museum angekommen sind, kann man ihnen somit nicht nachsagen – denn ihre eigene Musealisierung betreibt Kraftwerk ja eigentlich seit sie ihr Material digitalisierten und somit ihr alt-bewährtes Repertoire technisch aktualisiert haben. Dies passiert hier ähnlich auf visueller Ebene.

Neben den eigentlichen Projektionen kann man auch noch die vier Kraftwerkler als Roboter-Puppen in schwarzen Schreinen begutachten. Auch diese bewegen sich von Zeit zu Zeit.

Der Eintritt kostet übrigens nur 5 Euro.
Meine Empfehlung: Ansehen!

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