Posts Tagged ‘Neue Welle’

Nie erreicht

März 26, 2012

Neulich im Fanzine-Archiv: Da schaue ich ein paar Din A5-Hefte durch und stolpere über diese Collage, zu finden auf der Rückseite von „Sid Lupo und der Giftzwerg – der erste New Wave Comic der Welt“, welcher mich seinerzeit zusammen mit der ersten Cassette der Poison Dwarfs erreichte (C-10 , 1981, Eigenverlag). Plötzlich fühle ich mich wegen der pyramidalen Kopfbedeckung an das aktuelle Video dieser mehr als verzichtbaren Remmidemmi-Band aus Hamburg erinnert – nur mit dem Unterschied, daß die Pyramiden heutzutage im Bewegtbild eingesetzt werden und nicht nur den Kopf sondern auch noch das Gesicht bedecken.

„Oft kopiert – nie erreicht“.

Zufall.

PS:
Laut einem Kommentar von Poison Dwarfs-Mitglied Hans Castrup stammt die Gestaltung von Helmut Westerfeld – „Der ‚andere‘ Poison Dwarf von Anfang bis 1983. Späterer Skalp-Mitgründer…“
(Facebook, 02.04.2012, 15:48 Uhr)

Die Tödliche Doris lebt!

März 14, 2012

Die Tödliche Doris als Puppen – aus Lichtschwindel, Ralf Schuster 1985

Wir erinnern uns: Noch 1985 wurde in Ochsenfurts Kulturszene rund um den Spi-Trust dem „Tötliche Doris-Kult“ mit größter Begeisterung gefrönt. Kaum eine Ausgabe von Student POGO INFO erschien, in der nicht irgendwelche Anspielungen, Zitate, News oder Erläufterungen zu/über/von Doris versteckt waren. Ralf und Robert (inzwischen als Weber & Schuster besser bekannt) fuhren nach Zagreb um Doris zu besuchen und drehten „Lichtschwindel“. Ein Film der viele Fragen offen läßt: Warum konnten die beiden die Kamera nicht ruhig halten? Hatten sie kein Stativ? Besteht Kunst wirklich darin unverständlich/metapysisch daher zu plaudern?

Antworten auf derlei Fragen gibt die Existenz/Das Vorbild der „Tötlichen Doris“. R. Schuster fühlte sich damals stets von Doris beeinflußt, fast schien es ihm, als sei eine geistige Symbiose zwischen ihm und der Berliner Dilletantenband entstanden, als hätte sich durch das Medium ihrer Schallplatten, Texte, Bilder etc… eine persönliche Übereinstimmung ergeben. Wenn Doris sang: „Heizkörper, Lüftungsgitter, Türklinke“ (Aus: „Der Tod ist ein Skandal“), dann glaubte R. Schuster in diesen drei Worten, die einzig wahre Metapher für das Leben auf diese Welt zu erkennen! Warum? Weil er und Doris sie für sich allein zu haben schienen. Die Freude am Intimen! Doris‘ Texte und Musik sind so ausgefuchst und hintergründig, daß man 99,9 % der Bevölkerung nur ein Schmunzeln des Unverstandes abringen kann, und wie schön ist es doch, zu dem privilegierten 0,1 % zu gehören. Doch genug der Vorrede!

Trotz aller damaligen Bemühungen traf R. Schuster nie auf sein verehrtes und ständig gepriesenes Vorbild, bis er den Entschluß faßte, alt genug zu sein, um selbst Vorbild zu werden. Dabei lief ihm Doris rein zufällig über den Weg.

Ich hielt mich bereits seit über drei Wochen in Berlin auf, wegen eines sehr profanen Anlasses: Ich mußte ein Praktikum für die Uni absitzen, aber das natürlich nur tagsüber, abends konnte ich versuchen, das zu finden, was Berlin zur Metropole macht. Bekannt ist über die Grenzen Berlins hinaus, daß der Abend frühestens um elf beginnt, und deshalb saß ich an fraglichem Tag total angelascht daheim und wäre am liebsten ins Casablanca Ochsenfurt gegangen, aber da ich mich in 1000 Berlin 30 befand, war mir dies verwehrt und es galt zu warten bis man sich als versierter Szenekenner auf die Straße trauen darf. Schließlich latschte ich los, Richtung Disco. Das ist zwar nichts besonderes, fast peinlich, aber man ist ja im fortpflanzungsfähigen Alter und die Berliner Frauen schneiden im Vergleich mit Ochsenfurt in Vielfalt und Anzahl sehr gut ab. Durch einige langweilige Irrungen und Wirrungen (wegen Ortsunkundigkeit), landete ich aber anstatt in der Disco im LOFT, wo die MEAT PUPPETS gerade kurz vor der Zugabe angelangt waren. Obwohl ich eine excellente Mini-LP der MEAT PUPPETS daheim hatte (harter Punk abseits der leidigen Hardcore-Klischees) erkannte ich sie nicht, dachte es handle sich um irgendwelche Berliner-High-Speed-Heavy-Metal-Freaks und blieb nur, weil es nichts kostete und genügend interessante Frauen im Publikum verteilt standen. Außerdem lehnte Nikolaus Utermöhlen, seines Zeichens Tödliche-Doris-Multiinstrumentalist am Bühnenrand, aber fiel mir nicht sofort auf und ich war mir natürlich auch nicht sicher, ob er es wirklich sei, schließlich kannte ich ihn nur von Fotos und sein Gesicht ist das fränkische Allerweltsgesicht schlechthin, Chameritz (Aufenthaltsort unbekannt), Edwins Onkel (Gaukönigshofen) und Holger (Michelfeld) sehen ihm sehr ähnlich. Wolfgang Müller meinte später sogar, ich würde ebenfalls so aussehen, aber das mußte ich von mir weisen. Ich hatte sowieso genug damit zu schaffen, daß mir Nikki in seinen Umgangsformen vertraut, eigentlich ähnlich war. Auf meine schlichte Frage, ob er zur tödlichen Doris gehöre, antwortete er mit ebenso schlichtem ja, und gestand, daß ihm mein Film und mein Name geläufig waren. Dann hatten wir uns nichts essentielles mehr zu sagen. Beiderseitige Versuche ein Gespräch in Gang zu bekommen, versiegten immer wieder nach ein- oder zweimaligem Frage-Antwort-Zyklus. Aber mir schien, als erübrige sich jede Frage, denn ich hatte mich ausführlich genug mit den künstlerischen Äußerungen der tödlichen Doris auseinandergesetzt, um glauben zu können, die Personen, die dahintersteckten zu einem gewissen Grad zu kennen. Die Teile im Mosaik, die noch fehlten, waren die Art sich zu kleiden, die Art zu reden, mit Leuten umzugehen, nicht aber, was konkret gesagt wurde, und es passte alles haarscharf in das Bild, das ich mir gemacht hatte, übertraf es sogar noch, als Nikki, kaum hatten wir uns auf den Weg in eine Kneipe gemacht, einfiel, daß er mit dem Fahrrad ins Loft gefahren sei, und ein pofeliges, rostiges Dreigangfahrrad herbeischleppte. Mir als Auto-Hasser bereitete das größte Genugtuung, zumal Berlin sowieso in Autos erstickt. Auto zu fahren ist eine einzige Qual, trotzdem sieht man erschreckend wenig Fahrradfahrer. Liegt vielleicht daran, daß die schönen Szeneklamotten darunter leiden könnten oder die elementarste Aufgabe von Kleidungsstücken, den Körper vor Kälte zu schützen, nicht ausreichend erfüllen. Bei uns auf dem Land höre ich ständig, man bräuchte ein Auto, weil die Dörfer so weit auseinander liegen, aber in der Großstadt scheint es andere Ausreden zu geben, die den Gebrauch des Autos rechtfertigen. Nikki führte mich in eine Kneipe nahe der Potsdamer Straße (Nutten ahoi!), in der alle von der tödlichen Doris zwecks Broterwerb [arbeiten. Es handelt sich] um einen ehemaligen Puff mit genialkitschigem Inventar wie Pornobilder in Barockrahmen, Kronleuchter mit Funkelglühbirnen und angenehmen Künstler-Publikum, z.B. Wolfgang Müller, Dilletanten-Mastermind und Doris-Sänger/Texter. Er erkannte mich fast von allein und begann sofort zu erzählen (mit der unverwechselbar üblen Stimme, die man von den Platten her gewohnt ist) und steckte dabei seinen Kopf meistens so nach vorne, daß ich dachte, er wolle die Pickel auf meiner Nase genauer anschauen. Tabea hätte eigentlich auch an dem Abend kommen wollen, meinte er, aber es sei ihr nicht gut. Schade, sie und Käthe hätten gerade noch gefehlt, aber man kann nicht alles haben. Im Lauf des Abends erfuhr ich auch so eine ganze Menge; Die Aufnahmen für die neue Platte sollten wenige Tage später beginnen, diesmal nur mit synthetischen Instrumenten „…. wird echt unpersönlich. Die haben da sogar diese sechseckigen Trommeln…“. Diese sechseckigen Dinger (genannt Simmons-Drums, danach verzehren sich alle provinziellen Pseudoprofis) könnte man, schlug Wolfgang vor, aus Pappdeckel nachbauen und auf der Bühne als Performance kaputt machen. Obwohl nur als spontane Idee formuliert, zeigt sich Doris‘ typische Anmache: Die Attacke auf den gutbürgerlichen, guten Geschmack. Die Hifi-HighTech-Kultur ist gerade recht um sie lächerlich zu machen. Zu Jahresende wird sich die tödliche Doris auflösen. Natürlich nur zum Schein, denn „wir sind immer noch die besten Freunde!“. Die Auflösung soll, soweit ich es verstand, nur dem Zweck dienen, das Konzept noch mehr zu erweitern, weg vom Bandimage, stärkeres Engagement auf anderen Gebieten. Dabei aktivierte Doris schon immer Grenzbereiche, musikfremde Darstellungsformen.

Tabea Blumenschein, Wolfgang Müller, Nikolaus Utermöhlen und Käthe Kruse (Autogrammkarte, 1983)

Projektnamen wie Fotodokumentararchiv, Naturkatastrophenballet, die tödliche Doris als Kontaktvermittlung lassen erahnen, wie vielfältig ihr Repertoire an Ausdrucksformen ist. Aber nicht nur vielfältig, vor allem schräg und unverdaulich war sie zu allen Zeiten. In einem Super-8-Dokumentarfilm über das SO 36 sah ich einem ihrer frühen Auftritte: Als Geräuscherzeuger stand ein pfeifender Teekessel auf einer Heizplatte und beides auf der Bühne. Nikki lockte dazu der Gitarre irgendwelche abscheuerregenden Töne und Wolfgang schrie hysterisch: „Kavaliere, Kavaliere, reiten die Welt in den Abgrund“. Eine leere Bierbüchse traf ihn dabei direkt an der Stirn. Ein Bild für die Götter. Inzwischen geht es auf Doris‘ Auftritten sicherlich nicht mehr so punkig/anarchistisch zu. Doris ist ein etabliertes Kunstphänomen für die intellektuelle Schickeria der ganzen Welt. Sie spielte im „Museum for Modern Art“ in Amerika, in Japan ist die letzte LP in den Charts und demnächst steht Moskau auf dem Tourprogramm. Aber angeblich ist das auch nicht immer aufregend.  „Es gibt nichts neues mehr!“ zitierte ich von Doris‘ erster Maxi und man gab mir Recht. Wolfgang vertraute mir an, daß er bald 30 wird, aber außer, daß er mit den Schultern zuckte, wußte er nicht, was man davon halten soll. Grund genug sich um die alltäglichen Dinge zu kümmern. Jemand holte noch eine Runde Budweiser und er erzählte mir, wie Tabea Blumenschein im Zoo das Zwergflußpferd gestreichelt und den Schuhschnabel aus seiner arrogant/stoischen Ruhe aufgeschreckt hätte. Dann gab es noch einige Details zwischen Nikki und Wolfgang zu besprechen, die sich auf das Studio und die Aufnahmen bezogen. Sehr bedeutend war es nicht, wie sie sich unterhielten, aber ich wußte schießlich, daß es sich bei diesen beiden betont gewöhnlich gekleideten Menschen um die „mit Abstand intelligentesten Köpfe unter den genialen Dilletanten“ handelte, wie KONKRET bereits ’81 aufgrund der ersten 12-Inch treffend erkannte. „Der Schönheit Stimme aber redet leise und schleicht sich nur in aufgeweckte Gemüter“, hing als schlauer Spruch in dem Musiksaal meiner Schule an der Wand, Goethe oder einer von denen hat das irgendwann einmal formuliert. Aber mit dem aufgewecktsein war es bei mir nicht mehr allzuweit her, die Uhr zeigte bereits zwei. Zu erzählen hatte ich nichts, und Fragen fielen mir auch keine mehr ein, zumal ich sowieso keine Lust auf das Frage-Antwort-Spiel verspürte. Also ging ich heim, um sieben würde der Wecker klingeln, wegen der alleralltäglichsten Arbeit.

Ralf Schuster,
1987

Original Layout:
Framed Dimension D-Sign, 1988

Dieser Text stammt aus Heft No. 11 des 10.15 Megazine, vermutlich im Mai 1988 in Würzburg erschienen.

Anmerkungen von GZ:

Autor Ralf Schuster ist auch Musiker (Schlagzeug, Akkordeon u.v.m.) und Filmemacher (Super-8, Video, Kurzfilme und Cottbus-Krimis etc.), stammt aus Ochsenfurt und lebt seit etlichen Jahren in Cottbus.

Beim SPI-Trust handelte es sich um einen Zusammenschluß verschiedener Bands einiger Musiker aus Ochsenfurt wie Rassenhass oder Die Mesomere Grenzstruktur. Aus dieser Szene ging sowohl das mit dem Scharfrichterbeil prämierte Duo Schuster & Weber hervor als auch die Filmproduktion MultiPop. Als Zentralorgan fungierte das meist aus acht DIN A5-Seiten zusammenkopierte Student POGO INFO.

Das Casablanca in Ochsenfurt ist immernoch ein Programmkino mit angeschlossener Kneipe.

Bei der von Ralf Schuster beschriebenen Berliner Kneipe dürfte es sich um das Kumpelnest 3000 gehandelt haben.

Das Original gibt es hier als PDF:
Ralf_Schuster_Die_Tödliche_Doris_lebt

totgut

Februar 25, 2012

DIE TOTEN HOSEN
‚Wir sind bereit‘ / ‚Jürgen Engler’s Party‘
(7″, Totenkopf, Tot2, 1982)

Seit ein paar Monaten gibt es in Düsseldorf ein neues Label: TOTENKOPF- Schallplatten. Ihre ersten Produkte sind eine ZK-live-LP (lustig! lustig!) und als zweites eine Single der TOTEN HOSEN (Bestellnummer TOT 2).
Die Vereinigung der TOTEN HOSEN besteht aus Trini Trimpop (ex der KfC), Jochen H., Kuddel. Whyat Earp, W. November, Andi M. und Campi. Wenn man die Single das erste Mal hört, denkt man unwillkürlich an die legendären ZK: der gut arrangierte (arrangiert???) Chorgesang (Aaaaaa/Aaaaa), das Klatschen und die tolle Stimme. Kein großes Wunder, denn Campi, der Sänger mit der tollen Stimme kommt direkt von ZK, die sich ja getrennt haben, aber back to the Musik: einfacher, gerader, harter und gutgemachter (Punk?-) Rock mit guten, originellen deutschen Texten. Allerdings besser bzw. perfekter produziert als bei ZK. Die A-Seite ‚Wir sind bereit‘ ist gut, aber die B-Seite ‚Jürgen Engler’s Party‚ ist genial!
Der Text beißt alle düsseldorfer Ex-UntergrundundjetztPopstars, vor allem die Englers und Doraus*. Passend zum Song ist auf dem Cover noch der Brief einer 13jährigen Gymnasiastin an Jürgen abgedruckt: „Ich hab alle deine Platten und viele Fotos von Dir und Bernward. Ich weiß nicht, wen ich von euch schöner finde. ….. Wenn ich mir zusammen mit Ulla und Karin eure Platten anhöre, muß ich immer in die Hosen machen. Letzte Woche…“

*****

DIE TOTEN HOSEN
‚Niemandsland‘ / Reisefieber‘
(7″, Totenkopf, Tot1, 1982)

Die zweite TOTEN HOSEN-Single ist da! (Diesmal Best.-Nr. TOT 1). Wieder gerader, rauher und fetziger Rock mit tollem Backgroundgesang und Campi’s (Hallo, wie gehts deinen Campino-Bonbons?) einzigartiger Stimme. Die Texte sind kurz und bündig, aber nie albern, sondern gut. Danke für das Textblatt, ohne das würde man nur die Hälfte mitkriegen!
Am Anfang von ‚Reisefieber‚ hört man einen Dudelsack (oder ist es eine Tote Hose?) und das Meer (eigentlich mehr den Wind) rauschen. Bei ‚Niemandsland‘ gefällt mir besonders dieses ‚khwüa!‘ (oder halt so ähnlich) in der Mitte.
DIE TOTEN HOSEN schaffen es, obwohl bei ihnen u.a. Leute mitspielen, die seit ca. fünf Jahren aktiv sind, frischeste Musik zu machen, die auch noch mit guten Texten Spaß macht. DIE TOTEN HOSEN gegen tote Hose in überall!

Achtung! Hab noch mehr Informationen aus Düsseldorf über die TOTEN HOSEN gekriegt: Und zwar, daß es schon wieder eine neue Single gibt. Titel: ‚Armee der Verlierer‘, ‚Opel-Gang‘ und ‚Eisgekühlter Bommerlunder‘. Eine Flasche Bommerlunder liegt bei. Aber besauft euch nicht!
P.S.: DIE TOTEN HOSEN sind nicht toll, sondern totgut ! ! !

dom

*****

Diese beiden zeitgenössischen Reviews stammen aus der im April 1983 erschienenen Erstausgabe des Würzburger Fanzines Oi Oi Oi!.

Ein herzliches Beileid an Die Toten Hosen zu ihrem 30-jährigen Jubiläum und dazu, daß ausgerechnet die Zeitschrift Rolling Stone aus diesem Anlaß im April 2012 ihre erste Single wiederveröffentlichen wird. Was nichts daran ändert, daß die ersten Hosen-Singles zu meinen All time favourites zählen!

Anmerkung:
* wobei eh klar ist, daß Andreas Dorau kein Düsseldorfer ist, genausowenig wie Holger Hiller. Aber bei den Leuten von Der Plan bzw. Ata Tak hat er die eine Hit-Single aufgenommen. Im Song der Toten Hosen ist Dorau auf dem Balkon zu sehen. Der Bilker Jürgen Engler war Mitglied von Male, bevor er mit Die Krupps erfolgreich wurde.

Guter Abzug

Januar 21, 2012

In der Hamburger Hoheluftchaussee stehen seit einiger Zeit etliche Ladenlokale leer. In einem ehemaligen gelb gestrichenen Sonnenstudio hat sich jemand wohl einen Spaß daraus gemacht, den Leerstand mit gelben Sachen aufzufüllen. Los ging es mit ein paar wenigen Dingen wie einem Schwimmreifen. Mit der Zeit kam immer mehr Gelbes hinzu und auch ein Zettel an der Tür, der darüber aufklärt, dass es sich hier um eine Installation von Loorbeer-Raumkunst handelt. Sachspenden und Leihgaben, mit denen dieser Raum bis 21. März 2012 gefüllt werden soll, sind gerne willkommen.

Heute laufe ich nichts ahnend an diesem Schaufenster vorbei und stolpere sozusagen über diese – natürlich gelbe – Schachtel mit dem Aufdruck „GUTER ABZUG – eine dokumentation der neuen deutschen musik“. File under: Sammlerstück. Der Karton sieht nicht gerade gut erhalten aus und auch seine inneren Werte kommen hier garnicht zum Ausdruck. Der ursprüngliche Inhalt dieser Box: Fotos von ar/gee gleim, Fanzine-Auszüge, Songtexte, Poster und eine Flexi-Disc.  Daran beteiligt waren neben dem Fotografen noch Peter Glaser, Karin Dreier, Susanne Wiegand sowie Xao Seffcheque und Jürgen Engler. 1982 war diese Dokumentation sogar auf der Documenta (wo auch sonst…) in Kassel zu sehen. Später, als Punk und New Wave reif für’s Museum waren, wurden einige Fotos von Richard Gleim auch in der Ausstellung „Zurück zum Beton“ in der Kunsthalle Düsseldorf (7. Juli bis 15. September 2002) gezeigt.

Da wird also wahre Kunst in einer provinziell anmutenden Installation versteckt!?

Mehr über Guter Abzug kann man bei Wikipeter oder Wikihorst nachlesen:
m.wikihost.org/w/sturclub/abzuggut

Der Katalog zur Ausstellung „Zurück zum Beton“ ist laut Museums-Website leider vergriffen.

Gute Luft

Dezember 17, 2011

Palais Schaumburg live
(Golden Pudel Club, Hamburg, 16.12.2011)

Das hätte ich ja nicht gedacht, daß ich jemals Palais Schaumburg live erleben würde. Und dann auch noch in der Besetzung ihrer ersten Langspielplatte aus dem Jahr 1981, einem Klassiker der Moderne, produziert von David Cunningham (The Flying Lizards). Mit Ralf Hertwig am Schlagzeug und Timo Blunck am Bass (und manchmal auch am elektrischen Upright Bass) hat diese New Wave Band eine hervorragende Rhythmus-Gruppe. Thomas Fehlmann ist für die Elektronik bzw. Synthesizer und die mit Effekten behandelte Trompete zuständig, während Holger Hiller singt, nicht immer Gitarre spielt und ab und zu den Korg erklingen läßt.

Nach 30 Jahren ist dies das erste Konzert von Palais Schaumburg. Zuletzt haben sie wohl in der Hamburger Markthalle gespielt (erzählte Holger Hiller in einer seiner wenigen Ansagen). Nun absolvieren die vier Herren den ersten von zwei mehr oder weniger inoffiziellen Warm-up Gigs im kleinen Golden Pudel Club, unweit vom ehemaligen Hafenklang Studio, in dem sie ihre ersten Singles für das ZickZack-Label aufgenommen haben. Am 30.12.2011 spielt Palais Schaumburg dann ein großes Reunion-Konzert in Berlin.

Aufgeführt wurde fast das komplette Debut-Album, alle ZickZack-Singles und auch der Beitrag zum Sampler „Lieber zuviel als zu wenig“. Trotzdem kamen mir zwei, drei Stücke nicht so bekannt vor (man kann ja nicht alles kennen).  Auch „Herzmuskel“ wurde dargeboten, ein Stück von Holger Hiller solo bzw. Träneninvasion (und geschrieben von Chris Lunch). Live klang das teilweise fast besser als auf Platte, insbesondere den ganz frühen Sachen taten die elektronisch verbesserten Bässe gut. Sehr selten hatte ich den Eindruck, daß die Musiker ihre alten Songs noch nicht so recht auf der Kette hatten. Aber das ist mehr als verzeihbar nach 30 Jahren Bühnen-Abstinenz. Gegen Ende wurde Palais Schaumburg immer lockerer und besser. Fast hätten die Leute angefangen zu tanzen – wäre nur etwas mehr Platz im naturgemäß ausverkauften Etablissement gewesen (ein paar haben natürlich getanzt). Dabei wäre Bewegung die einzige Antwort auf diese hackigen Grooves gewesen. Und irgendwie kam mir das garnicht mehr so sehr nach Post Punk New Wave (und sowieso nicht nach Neue Deutsche Welle oder gar NDW) vor, sondern machte mir eher den Eindruck von zeitloser Musik,  manchmal sogar Jazz (Kontrabass, Trompete und seltene Freak Outs) oder Art Rock (Gitarren-Sounds). Nostalgische Gefühle kamen bei mir nicht auf. Das war damals ebenso authentisch wie heute. Und dafür liebe ich diese Formation.

Aromatisierte Luft

November 23, 2011

Michaela Melián und Justus Köhncke – Liebe tut weh (Foto: Guido Zimmermann)

Programmvorschau:
Konspiratives KüchenKonzert mit
Justus Köhncke und Michaela Melián
(wird an irgendeinem Freitag im Februar 2012 auf ZDFkultur gesendet)

Am vorgestrigen Montag (21. November 2011) wurde diese neue Folge der Konspirativen KüchenKonzerte in Hamburg-Wilhelmsburg aufgezeichnet. Zu Gast bei Chefkoch Marco Antonio Reyes Loredo waren die MusikKünstlerInnen Justus Köhncke (*1966, war mal bei Whirlpool Prod. dabei) und Michaela Melián (*1956, schon immer Mitglied von Freiwillige Selbstkontrolle / F.S.K.). Wobei Köhncke eher für die Musik zuständig war und Melián für die (Medien-) Kunst – obwohl beide ja beides machen und auch nicht voneinander trennen mögen.

Obwohl ich im Studio-Publikum saß, bin ich sehr gespannt, wie die fertige Sendung auf dem Bildschirm wirken wird. Denn Michaela Melián hatte sich ein Konzept für diese Sendung ausgedacht, das frühe experimentelle Fernseh-Kunst zitiert. Vor die Kameralinsen wurden transparente Folien gespannt, die mit Silhouetten, Texturen, Grafiken, Bildern, Typo oder Texturen versehen waren und alle paar Minuten gewechselt wurden. Am Bildschirm sieht man dann also keine reine Abbildung der Studio-Realität mehr sondern bekommt einen durch die entsprechenden Folien verfremdeten Eindruck. Im ersten Gespräch im Küchenbereich wurde als Referenz auf den Ausstellungskatalog „Ready to Shoot“ der Fernsehgalerie Gerry Schum hingewiesen. Später verteile Michaela Melián noch Schildchen mit fernseh-kritischen Parolen, die das Publikum möglichst voll in die Kamera halten sollte. Wie das wohl am heimischen TV rüber kommt?

Justus Köhncke sorgte mittels Laptop, Mischpult und einem alten Korg-Synthesizer für musikalische Unterhaltung. Angenehme elektronische Tanzmusik, zu der Köhncke auch manchmal in deutscher Sprache sang – u.a. bei seinem hit-verdächtigen „So weit wie noch nie“. Als Höhepunkt gab er zusammen mit Michaela Melián eine Cover-Version von „Liebe tut weh“ zum besten. Dieser Song stammt von der Debut-LP der New Wave Band Freiwillige Selbstkontrolle und wurde von ihr hier wohl das erste Mal selbst gesungen – im Duett mit Justus – obwohl ihre Band diesen Song heute live immernoch spielt. Schade, dass diese schöne, flotte Version so kurz war.

Ach, und was gab es zu Essen? Von den Star-Gästen wurde Molekularküche gewünscht. Schließlich war Ferran Adrià ja Gast auf der Documenta 12. Chefkoch Marco nahm die Herausforderung an und servierte als Gruß aus der Küche aromatisierte Luft, abgefüllt in bunten Luftballons. Nach gemeinsamen Öffnen der Ballons duftete es nach zitroniger Quarkspeise oder so. Später wurde noch Fischfilet auf Erbsenspiegel mit gelierten Tomaten und mittels Stickstoff aufgeschäumten Kartoffelmus serviert. Kommentar der Künstlerin: „Also mit Molekularküche hat das echt nichts zu tun!“. Aber was will man schon erwarten von einem ersten solchen Experiement ohne entsprechende Laborgeräte?

Zwischendurch haben sich die beiden Gäste in der Musikecke noch Musik für den Abspann (vermute ich mal) ausgesucht und konnten sich auf eine Single-B-Seite von Can einigen: „Shikako Maru Ten“.

Also den noch nicht fixen Termin schonmal vormerken!

Nachtrag:
Der Sendetermin steht nun fest. Diese Folge wird am 03.02.2012 auf ZDFkultur verstrahlt.

Diese Sendung kann man sich immernoch auf youtube im KuechenKino angucken.

Die konspirative Videothek:
konspirativekuechenkonzerte.de

Pechschwarzes Vinyl

September 12, 2011

Andreas Dorau – Todesmelodien
(CD / LP+CD / DL, Staatsakt, 2011)

Bereits 1992 hatte Andreas Dorau (*1964) Ärger mit der Unsterblichkeit (so der Titel seines damaligen Albums), vor ein paar Monaten erschienen seine zwölf „Todesmelodien“, die so garnicht traurig klingen, eher munter – auch wenn sie teilweise wirklich ernste Themen beinhalten. Durch den Tod seiner Mutter beschäftigte sich Dorau wohl mit Sachen wie Altenheim („Ausruhen“), Übergang zwischen Leben und Tod („Es war hell“) oder  Gedenken an die Verstorbenen („Edelstein“). Aber von einem Konzept-Album zum Thema Tod zu reden wäre nicht zutreffend. Denn es werden auch andere, durchaus diesseitige Dinge angesprochen wie „Inkonzequenz“, „Größenwahn“ oder „Neid“.  Aber er fragt auch, ob es die Natur wirklich so gewollt hat, dass das Federkleid eines Vogels die Farben der deutschen Flagge trägt. Das Lied „Single“ ist eine Ode auf das selbige Tonträger-Format – der Text kann aber auch bei weniger genauem Hinhören als Abhandlung des Alleinstehenden-Daseins von Leuten Mitte 40 interpretiert werden.

Bei der Produktion haben ihm so einige Freunde in Hamburg und Berlin geholfen. Wolfgang Müller (Die Tödliche Doris) hat ein paar Texte beigesteuert, Françoise Cactus (Les Lolitas, Stereo Total, Wollita) singt nebenbei mit, ebenso wie Inga Humpe (Neonbabies, 2raumwohnung). So manchen Track hat Mense Reents (Das Neue Brot, Stella, Die Goldenen Zitronen, Die Vögel) produziert und für nicht nur geblasene Wohlklänge sorgt Jakobus Siebels (Das Neue Brot, JaKönigJa, Die Vögel). Justus Köhncke (Whirlpool Productions), Moritz Reichelt (Der Plan) und Ebba Durstewitz (JaKönigJa) tauchen auch noch auf. Und Erobique sorgt für einen eleganten Abschluss dieses Albums. Um nur ein paar Namen zu nennen.

Da gibt es Lieder mit 70er-Jahre-Streicher-Disco-Arrangement (wie im gerade erwähnten Finale), aber auch ein minimalistisches, fast nur auf Rhythmus und Gesang reduziertes Stück. Flott kommt so manch anderer Track daher. Da sitzt jeder Ton, selbst Störgeräusche werden perfekt integriert. Klar wurde da so einiges elektronisch sequenziert und zusammengesampelt, aber dank verschiedener, in diesen Kreisen eher weniger genutzten Instrumenten wie Banjo, Posaune oder Tuba kommen angenehme Klangfarben ins Spiel. Bester Post Dancefloor Pop!

Irgendwie gefällt mir diese Platte immer besser. Würde mich nicht wundern, wenn sie in meiner Favoritenliste für das Jahr 2011 auftaucht…

Das Ganze gibt es übrigens auch gepresst „in pechschwarzes Vinyl“.

Hörproben:
Andreas Dorau – Stimmen in der Nacht
Andreas Dorau – Größenwahn

Flattr this

Newavetumsforschung

August 15, 2011

Günter Sahler – NDW-Archäologie
(Taschenbuch, Edition Blechluft, 2011)

Mit der Edition Blechluft hatte ich bislang nur wenige Berührungspunkte. Der erste fand wohl irgendwann in den sogenannten Nuller-Jahren statt, als ich auf der Mainzer Minipressen-Messe am Stand des Musikers und Künstlers Brandstifter einen Sampler mit dem Titel „Klingende Blechluft in Siedlungsgebieten“ (CD-R?, Blechluft / Frische Ernte, 2003) erstand. Dort war neben Stücken von Brandstifter auch der herrliche Song „Frauen über 30“ der Ernst Neger Revival Band vertreten, ein Ableger der damaligen Bamberger Künstlergruppe Winkelwurst (deren Mitglied Frank Apunk Schneider heutzutage bei Monochrom Wien mitwirkt). Aber auch Sachen mit Felix Kubin, Günter Reznicek oder Frieder Butzmann (Interview-Ausschnitte) sind dort zu hören.

Im Jahr 2011 ist in der Edition Blechluft mit dem Titel „NDW-Archäologie“ nun schon der fünfte Band auf Papier erschienen. Autor Günter Sahler (*1967) forscht in Sachen Post Punk, New Wave und Neue Deutsche Welle und schreibt in diesem Buch über teils obskure, randständige Erscheinungen, aber auch Ikonen der NDW. So erläutert er am Beispiel der D.I.Y.-Künstlerin Sunny, über die man nicht viel weiss, die Quellenlage der Musikforschung (Traditionsquellen versus Überreste oder so). Ein Schwerpunkt dieses Buches liegt auf dem Werdegang der Fehlfarben. Deren Geschichte wird hier nochmal gut zusammengefaßt, allerdings ohne näher auf deren letzte Platte „Glücksmaschine“ (2010) einzugehen.
Desweiteren gibt es eine interessante Abhandlung über die Bands der sogenannten Limbuger Pest – sprich Wirtschaftswunder, Siluetes 61, Die Radierer und Konsorten.
Mehr oder weniger kurze Interviews mit Stef Petticoat oder Thomas Voburka sowie eine kurze Abhandlung über Hirsche Nicht Aufs Sofa und eine Auswahldiskographie (T bis Z) runden dieses Werk ab.
Was eingangs etwas akademisch anmutet entpuppt sich schnell als Fantum.

Für mich als Alter Sack, welcher mit dieser Musik aufgewachsen ist – wenn auch nur aus der Distanz in der Provinz und einen Tick zu spät geboren dafür, ein Schicksal, das ich mit dem Autor Günter Sahler, aber auch mit Frank Apunkt Schneider wohl teile – ist das immernoch interessanter Stoff. Mögen sich dennoch auch jüngere Leute dafür interessieren!

Das Buch kann man für wenig Geld hier bestellen:
www.blechluft.de.vu/

Mr.Boredom über die „Glücksmaschine“ der Fehlfarben:
Respekt!

Mr.Boredom über das Buch „Als die Welt noch unterging“ von Frank Apunkt Schneider:
Kassette sich wer kann!

Haus Vaterland

März 14, 2011

Walter Welke geboren Thielsch (1950 – 2011)

Haus Vaterland
(Musikfilm, Deutschland, 1983-84, 3 x 60 Minuten)

Am 13.03.2011 wurde im Hamburger Metropolis-Kino eine Horst Königstein-Retrospektive mit dieser 3-stündigen Musikrevue beendet. Und, wie es im Untertitel heißt, mit einer „sehr deutschen“.

Entstanden ist dieser Film 1983, zu einer Zeit als die sogenannte Neue Deutsche Welle (NDW) ihren Zenit bereits überschritten hatte, die interessantesten Sachen bereits gelaufen waren und dann von der Musikindustrie zu Tode geplätschert wurde. Genau zu diesem Zeitpunkt wurde im „Haus Vaterland“ ein Blick in die nicht nur musikalische Vergangenheit gewagt, zurück bis in die 1920er Jahre, ein Blick, der ansonsten durch die Geschichten des 2. Weltkriegs verstellt wird.

Der Titel „Haus Vaterland“ hat aber nix mit Teutschtümelei zu tun. Laut Wikipedia war das Haus Vaterland „von 1928 bis 1943 ein großer Gaststättenbetrieb und Vergnügungspalast am Potsdamer Platz in Berlin mit rund einer Million Besuchern im Jahr, der als Vorläufer der heutigen Erlebnisgastronomie angesehen werden kann“. In diesem Kempinski-Betrieb gab es Themenrestaurants entsprechend der verschiedensten deutschen Regionen. Allerdings war das nur etwas für Kaffer, Provinzler, also alle außerhalb Berlins (so die Kommentare von Zeitzeugen in diesem Film) oder wie man heutzutage sagen würde: Touristen. Andererseits gab es auch in Hamburg bis ca. 1972 ein Haus Vaterland, wohl ein klassisches Varietéhaus am Ballindamm. Und genau das ist das Hauptthema dieser in Hamburg produzierten Revue: Varieté. Aber auch alte deutsche Filme sind ein Thema.

Leuten wie Hans Albers oder Heinz Rühmann und vielen anderen begegnet man in schwarzweissen Ausschnitten aus historischen Musik- und Revuefilmen. Aber dann sind da noch die Sänger und Sängerinnen von damals wie beispielsweise Robert Biberti (von den Comedian Harmonists), Curt Bois, Ilse Werner oder Blandine Ebinger und viele mehr, die hier Lieder zum besten geben, aber auch interviewt werden – teilweise von Annette und Inga Humpe (Ideal, Neonbabies, Humpe & Humpe, Ich + Ich, Zweiraumwohnung) sowie Peter Glaser (hier auch am Drehbuch beteiligt; ansonsten Co-Autor von „Der große Hirnriss“, heutzutage Internet-Kolumnist).

Gerade dieses Holen der Vergangenheit in die damals aktuellen 1980er Jahre machen diesen Dreiteiler für mich so interessant. Denn hier gibt es auch zeitgenössische Interpretationen z.B. von „Goodbye Johnny“ von den späten Palais Schaumburg (also ohne Holger Hiller), die ansonsten nicht zugänglich sind. Auch die Version des Chansons „Nuit et jour“ von Humpe & Humpe dürfte eher selten zu sehen sein. Schön auch die visuelle Umsetzung der elektronischen Interpretation der Hindemith‘schen Kinderoper „Wir bauen eine neue Stadt“ von Holger Hiller und Thomas Fehlmann, bei der Kinder in comic-artigen Kulissen schauspielern dürfen (zu sehen am Anfang von Folge 3 dieses Dreiteilers). Auch ist meines Erachtens kurz Moritz von Oswald (Palais Schaumburg, Basic Channel, Maurizio, Rhythm & Sound, Moritz von Oswald Trio) Schlagzeug spielend zu sehen, als Begleitung eines Steptänzers, der seiner Faszination für die 20er Jahre Ausdruck verleiht. Aus dem wavigen Kühl der Neuinterpretationen brechen Heiner Goebbels und Alfred 23 Harth zusammen mit Ernst Stötzner während der Darbietung eines Liedes von Friedrich Hollaender in freejazzigen Krach aus (herrlich!). Ebenfalls der Hammer ist die schnörkellose Darbietung von „Johnny zum Geburtstag“ durch Original-Interpretin Blandine Ebinger, einer Freundin (bzw. Ehefrau) von Friedrich Hollaender. Der Text ist sowas von ‚politisch unkorrekt‘, dass es eine wahre Freude ist.

Was Peter Gabriel und seine deutschsprachige Version von „The Flood“ in diesem Zusammenhang zu suchen hat, ist mir eher schleierhaft (okay, Regisseur Horst Königstein hat den deutschen Text für Gabriel geschrieben).

Im Netz sind leider keine Ausschnitte aus „Haus Vaterland“ mehr zu finden.
Folgende Clips wurden bei youtube entfernt:
Palais Schaumburg / Hans Albers – Goodbye Johnny
Blandine Ebinger – Johnny zum Geburtstag
Blandine Ebinger – Die Trommlerin
Annette & Inga Humpe – Nuit et jour
Inga Humpe & Thomas Fehlmann – Staubige Worte
Curt Bois – Im Jahre des Heils

30 Jahre freiwillig in einer Schachtel

Februar 17, 2011

F.S.K. – Freiwillige Selbstkontrolle ist ein Mode & Verzweiflung Produkt
(3CD-Box, 1980 bis 2009, Disko B)

Schon irgendwie lustig, wenn eine Band mit auf Buback-Label-Tournee geht um ihre bei Disko B erschienene Anthologie der 30-jährigen Bandgeschichte zu präsentieren. Ihr letztes selbstbetiteltes Album war 2009 ihr Debut für Buback. Von da an geht „Freiwillige Selbstkontrolle ist ein Mode & Verzweiflung Produkt“ – so der Name dieser CD-Box – zurück bis ins Jahr 1980, als ihre erste 7″EP auf ZickZack erschien. Diese Compilation ist chronologisch sortiert und beginnt mit Songs aus ihrer frühen Post-Punk-New-Wave-Phase. Anschließend bekommen sie den Blues und interessieren sich eher für amerikanische Musik, allerdings für solche, die von Europa nach Übersee wanderte und holen diese wieder zurück. Das berühmte Transatlantic Feedback also. Da wird der Blue Yodel und die Pennsylfawnisch Schnitzelbank wieder nach Germany gebracht oder alte G.I.-Songs reinterpretiert. Ungereimtheiten und Missverständnisse inbegriffen.

Offensichtlich fließt in die Musik von F.S.K. immer das ein, für was man sich als Band so gerade interessiert. Das sind nicht nur Musikangelegenheiten  (inkl. der Amon Düül-Diskographie), sondern auch Fragen der Philosophie, Gender Trouble und queere Lebensaspekte.

So hat Thomas Meinecke auch zwei Compilations mit solcher in Texas vorgefundener Musik zusammengestellt („Texas Bohemia“ und „Slow Music“, Trikont, 1994/96), ein Hörspiel („Texas Bohemia“, Bayerischer Rundfunk, 1993) produziert und einen Roman geschrieben („The Church of John F. Kennedy“, edition suhrkamp, 1996). Schön nachvollziehbar ist dieses Interesse auch an den Radio-Sendungen, die Thomas Meinecke nachts für bayern2radio macht (und dort sowohl Techno a la Underground Resistance oder Dopplereffekt als auch R&B von Tweet auflegte). Und seine Bücher sind eh ein Parallel-Universum zu F.S.K. – wer „International“ hört, findet in „Tomboy“ das passende Buch dazu.

Nach einer Übergangsphase, in der die Rhythmusbox gegen einen echten Schlagzeuger eingetauscht wurde und man mit David Lowery (von Camper van Beethoven bzw. Cracker) unterwegs war, erschien 1996 eine 12″ mit vier rein instrumental angelegten Tracks. Das war überraschend bei so einer diskursiv-textlastigen Band – aber auch irgendwie zeitgemäß in den Jahren als der sogenannte Post-Rock modern wurde und Techno sowieso. Auf den darauf folgenden Platten hat F.S.K. nach und nach seine Sprache wieder gefunden. Und mit ihrer bereits erwähnten selbstbetitelten Platte knüpften sie dann wieder etwas mehr an ihre wavige Anfangszeiten an. Soweit die Ultrakurzversion dieser Bandgeschichte.

Das letzte Lied dieser Compilation – „Stimme“ – stammt von einem Peter Weibel-Tribute-Album („Der Künstler als junger Hund“, intermedium, 2009) und verweist auf die hörspiel- und medienkünstlerischen Projekte der Band. So hat F.S.K. auch die velvetundergroundeske Musik zur Hörspiel-Produktion „Bambiland“ von Elfriede Jelinek (Regie: Karl Bruckmaier, Bayerischer Rundfunk, 2005) beigesteuert. Davon abgesehen sind Michaela Melián (u.a. mit „Föhrenwald“) und Thomas Meinecke auch solo bereits als Hörspielautoren immer wieder in Erscheinung getreten.

Diese CD-Box ist also eine Zeitreise durch das Werk einer der interessantesten deutschen und deutschsprachigen Nebenerwerbs-Pop-Gruppen (Meinecke ist ja u.a. als Autor unterwegs, Melián als bildende Künstlerin, Wilfried Petzi als Photograph, Justin Hoffmann als Dozent und Kurator, Carl Oesterhelt aka Carlo Fashion als Komponist) und wird durch ein 76-seitiges Büchlein mit vielen Bandfotos und einer diskursiven Abhandlung von Didi Neidhart über F.S.K. ergänzt. Auf einem Faltblatt gibt es noch einen englischsprachigen Text von Franc Myles über die Band zu lesen, dessen Vorderseite die Worte „Heute Disco / Morgen Umsturz / Übermorgen Landpartie“ zieren, die Losung der 1978 gegründeten Zeitschrift „Mode & Verzweiflung“, als deren musikalischer Arm Freiwillige Selbstkontrolle fungiert (und wer will kann diese Losung auch im großen Format DIN B0 ordern). Als kleiner Gimmick liegen der Box noch drei kleine Zahnstocher-Flaggen bei, passend zum Song „Flagge verbrennen (Regierung ertränken)“.

Prädikat wertvoll.