Posts Tagged ‘Neue Welle’

Tipp: Michaela Melián live in Hamburg, 29.07.10

Juli 25, 2010

Am 25. Mai 1991 mit Freiwillige Selbstkontrolle in Weikersheim

Konzert-Tipp:

Donnerstag, 29. Juli 2010, 21 Uhr:
MICHAELA MELIÁN
Dockville Kunst / Recreation Ausstellungsprogramm,
Reiherstieg Hauptdeich, Hamburg-Wilhelmsburg

Das Dockville Festival 2010 (13. bis 15. August) wirft seine Schatten voraus – ab 29.07.2010 gibt es schon ein Kunst-Programm mit Ausstellungen, Performances und Konzerten.

Dort wird am oben genannten Termin MICHAELA MELIÁN „ein elektro-akustisches Solo-Konzert auf Olaf Nicolais Arbeit ‚Landschaft‘“ geben. Olaf Nicolai ist der Bruder von Carsten Nicolai (Raster-Noton). Und Michaela Melián ist ebenfalls eine bildende Künstlerin, die man vielleicht eher als Bassistin der Band Freiwillige Selbstkontrolle (bzw. F.S.K. / FSK) kennt, die 1980 ihre erste 7“-EP veröffentlichte und seitdem verschiedenste stilistische Phasen durchgemacht hat (New Wave, Transatlantic Feedback, Instrumental-Musik…).

Vor sechs Jahren erschien ihre erste Solo-Platte „Baden-Baden“, 2007 folgte „Los Angeles“. Mit Unterstützung ihres Band-Kollegen Carl Friedrich Oesterhelt (aka Carlo Fashion) entstand hier reduzierte, pulsierende elektronisch wirkende Musik, die allerdings nicht rein elektronisch produziert wurde. Michaela Melián spielt ja auch Bass und Cello, singt aber eher selten – z.B. auf den beiden Roxy Music-Cover-Versionen, die ihre Solo-Alben jeweils abschließen. Ähnlich faszinierende Musik gibt es auch in der Installation (und gleichzeitig Hörspiel) „Föhrenwald“ zu hören, in der die Geschichte dieser 1937 erbauten Mustersiedlung und späteren Durchgangslagers thematisiert wird. Am 23. September 2010 startet ihr Werk „Memory Loops“, ein virtuelles Denkmal mit „300 Tonspuren des NS-Terrors in München“.

Aber am kommenden Donnerstag freuen wir uns erstmal auf ein Konzert von Michaela Melián.

PS: Schade, dass Michaela Melián an diesem Abend dann doch verhindert war.

Weiterführende Links:

Dockville Kunst Programm
Konzertankündigung

Memory Loops

Die Einsamkeit Des Amokläufers

Juni 20, 2010

Hörspiel-Tipp für heute nachts:
Deutschlandradio Kultur, 21.06.2010, 00:05 Uhr:
Lorenz Lorenz – Die Einsamkeit des Amokläufers

1982 hat der damals in München lebende Lorenz Lorenz bei Molto Menz (Du Bist So Gut Zu Mir) ein Büchlein mit „trivialen Kurzgeschichten“ veröffentlicht: „Die Einsamkeit Des Amokläufers“. Ich kann mich an eine Zündfunk Pop Sunday-Sendung erinnern, in der Lorenz Lorenz damals aus diesem Buch las, dazu wurde Musik von Public Image Limited, Burundi Black, Hans Albers u.v.m. gespielt. Das war eine sehr amüsante Sache. Es ging u.a. um Boy-meets-Girl, seltsame Auftritte usw. usf.

Unvergessen seine fast schon dadaistische Performance „Das Dreiminuten-Ei“ in einer TV-Revue, zusammen mit seinem Saxophon. Ei! Ei! Ei!

Irgendwann danach fuhr er mit dem Fahrrad durch China und berichtete im Zündfunk davon.

27 Jahre später hat der Westdeutscher Rundfunk unter der Regie von Thomas Wolfertz ein Hörspiel aus diesem 1980er-Jahre-Stoff produziert, auf welches ich nun sehr gespannt bin.

Weitere Infos auf der Seite vom Deutschland-Radio:
www.dradio.de/dkultur

Seen / Schlösser

Juni 13, 2010

Seen Links Schlösser Rechts
Tuo Men Xiong Haopéngyou / Die Nacht / Kreisel
(7″, Zensor cm 03, 1982)

Gestern fiel mir diese 1982 erschienene Single in die Hände, ein typisches Produkt der damaligen Westberliner New Wave Szenerie. Hinter SEEN LINKS SCHLÖSSER RECHTS scheinen keine allzu bekannten Musiker zu stehen. Bei meiner Internet-Recherche kam zumindest nicht viel heraus. Vokalistin und Trompetenspielerin Manuela Brandenstein könnte mit der gleichnamigen Synchronsprecherin identisch sein (?). Weitere Mitglieder waren Mathias [Fischer-(?)] Dieskau (Keyboards, Electronics), [Achim] Mennicken (Gitarre) und Volker Schönbühler (Saxophon; taucht später bei La Loora auf). Co-Produzent war Robert Crash, der auf ZickZack eine schöne Petticoat/Crash-Single veröffentlich hat.

Der Track der A-Seite hat einen chinesischen Titel, ist aber dreisprachig gehalten (auch englisch und deutsch) und wird andernorts auch als „Gute Freunde“ gelistet. Auf dem Cover sind nur die exotischen Schriftzeichen zu sehen. Insbesondere dieses Stück könnte bei so manchen Leuten in die nichtssagende Kategorie „minimal electro“ fallen. Der Rhythmus kommt von einer Maschine, die elektronische Basslinie ist etwas nervös, dazu noch Saxophon-Einsprengsel, Sprechgesang und Noise-Elemente im Hintergrund. Auf der Rückseite wird es mit „Die Nacht“ eingängiger. Hier handelt es sich um eine Cover-Version des durch Gustaf Gründgens bekannt gemachten Liedes aus dem Film „Tanz auf dem Vulkan“. Eine wunderbare, kurze und zeitgemäße Version! Bei „Kreisel“ kommt dann endlich die no-wavige Gitarre zum Vorschein und neben dem Saxophon ist auch stellenweise die Trompete zu hören. Ein schöner Abschluss dieser kleinen Schallplatte.

Wir bauen eine neue Stadt

Mai 24, 2010

Bei „Wir bauen eine Stadt – Ein Spiel für Kinder“ handelt es sich eigentlich um ein klassisches Musikstück von Paul Hindemith, das  in den frühen 1980er Jahren von Holger Hiller und Thomas Fehlmann elektronisch gecovert und auf Cassette (bei Ata Tak) veröffentlicht wurde, anschließend bzw. gleichzeitig hat Palais Schaumburg (siehe Foto: Thomas Fehlmann, Holger Hiller, Timo Blunck, Ralph Hertwig) einen New Wave Pop Song daraus gemacht, den wiederum Jahrzehnte später die junge Hamburger Band 1000 Robota nachspielte. Und nun haben auch noch Gudrun Gut und Antye Greie zusammen auf ihrer Baustelle eine neue Version veröffentlicht. Hört selbst! Hier ein paar Links zum Thema:

PAUL HINDEMITH (1930)
(leider nur ein sehr kurzer Ausschnitt auf dem Klavier)

HOLGER HILLER / THOMAS FEHLMANN (1981)
Leider keine klingende Datei gefunden. Aber eine Besprechung von Martin Büsser, anlässlich der Wiederveröffentlichung auf Vinyl:
Wir bauen eine Stadt (nach Paul Hindemith)

PALAIS SCHAUMBURG (1981)

1000 ROBOTA (2008) live:

AGF / ANTYE GREIE (2010)
Acappela in Vorfreude auf ihre Kooperation „Baustelle“ mit Gudrun Gut:

GREIE GUT FRAKTION (2010)

Schlimm. Schlimm?

Mai 20, 2010

Ein Interview mit DIE ZIMMERMÄNNER

(zwei Seiten aus Oi Oi Oi! Nr. 1 vom April 1983)

Ansteckende Krankheiten

Mai 2, 2010

Herpes – Das kommt vom Küssen
(Tapete Records, TR 177, 2010)

Manchmal sind Vorgruppen wirklich verzichtbar, aber neulich beim Konzert der Fehlfarben in Hamburg hat mir dieser ‚Support Act‘ namens HERPES mehr als nur gut gefallen. Irgendwie hatte die Band Hummeln im Arsch, trotz „file under: Junge Leute spielen Musik, die älter als sie selbst ist“. Dieses Quintett sah so aus, als ob deren MitgliederInnen erst Anfang 20 wären. Offensichtlich kommen sie aus Berlin, was auch zu deren angenehm unstylishem Styling passt. Auf ihrem ersten, 23 Minuten kurzen Longplayer haben die zehn Lieder selten eine Dauer von über drei Minuten, weisen aber vor allem interessante textliche Referenzen auf. Alleine das Wort „ausradiert“ im Song „Keine Experimente“ lässt mich schon an Hans-A-Plast denken und mit „Klatsch in die Hände und dreh dich nach rechts / beweg die Hüften und dreh dich nach links“ wird natürlich die Deutsch-Amerikanische Freundschaft (DAF) und ihr „Tanz den Mussolini“ gewürdigt. Im Lied „Das Ding auf F“ werden Tocotronic zitiert und Die (Goldenen) Zitronen sogar direkt erwähnt. Referenzen aus den 1980er und 90er Jahren, die sich sehen lassen können. Im Song „Galeristen“ gibt es sogar Sätze wie „Er baut eine neue deutsche Welle“. Oha! Und ich alter Sack wundere mich immer, wer sich für diese ollen Kamellen interessieren mag. Musikalisch steht Herpes irgendwo zwischen den frühen Abwärts („Computerstaat“) und der bereits erwähnten DAF in ihrer beginnenden Duo-Phase. Erinnert mich aber irgendwie auch ein bisschen an Rotzkotz auf Speed. Also deutschsprachiger Post Punk mit Keyboards, die an die Sequenzer von Robert Görl erinnern (oder, wie andernorts bereits erwähnt, an rockende Keyboard-Bands wie Aavikko), mit schnörkellosen Gitarrenriffs und einer energischen Rhythmusgruppe sowie einem hippeligen Sänger. Check out!

02.05.2010

Fortpflanzungssupermarkt

April 27, 2010

Ein altes Foto: Die Zimmermänner konzertierten am 15.02.1983 in Würzburg

DIE ZIMMERMÄNNER – Fortpflanzungssupermarkt
(LP / CD, Zickzack, ZZ2018, 2007)

Ich hätte ja nie im Leben einen Gedanken daran verschwendet, dass DIE ZIMMERMÄNNER jemals wieder eine Platte veröffentlichen würden. Aber genau dies ist im März 2007 geschehen. Das neue Album hört auf den Namen „Fortpflanzungssupermarkt“ – ein Titel, der natürlich an ihre erste LP „1001 Wege Sex zu machen ohne daran Spaß zu haben“ (von 1982) erinnert. Genau, DIE ZIMMERMÄNNER waren damals eine Hamburger Band um Timo Blunck und Detlef Diederichsen, die ihren deutschsprachigen Pop auf Labels wie Zickzack und Ata Tak veröffentlichten. Und 1983 sogar mal im Würzburger Kulturkeller live gespielt haben. Aber nach nur einer halben Stunde war Schluss, weil stumpfe, biertrinkende Punks die Band mit Hohlglas bewarfen. Für die waren diese Hamburger Jungs Popper, genauso schlimm wie Hubert Kah. Zu doof, diese spießige Intoleranz und Faulheit zu differenzieren! Dabei waren DIE ZIMMERMÄNNER nie eine richtige Neue Deutsche Welle-Band, sondern schon immer einfach nur an guter, geschmackvoller Popmusik interessiert – aber halt mit deutschsprachigen, durchaus originellen Texten. Und auch mal mit Bläsersätzen oder Streicherarrangements.

Anno 2007 besteht die Band fast nur noch aus Timo und Detlef – alte Schulfreunde und Gründungsmitglieder. Ab und zu tauchen auch frühere Mitmusiker auf. Darunter zum Beispiel Christian Kellersmann oder Rica Blunck, die auf der ersten Single – noch unter der Firmierung EDE & DIE ZIMMERMÄNNER – gesungen hat. „Fortpflanzungssupermarkt“, um nochmal diesen weniger super klingenden Titel des Albums zu erwähnen, mutet gottseidank nicht nostalgisch an. Die Produktion ist auf dem Stand der Zeit, das Sound-Design ‚amtlich‘ – schließlich ist Blunck im Besitz eines Tonstudios für Werbemusik. Eingängig groovt man sich von Bad Ems nach Paderborn. Singt eine Hommage auf die Schauspielerin Christiane Paul. Keine Ahnung, womit sie diese Ehre verdient hat. Ist trotzdem ein flotter Popsong. Während sich die Musik auf ordentlichem Niveau hält, gibt es so manche textlichen Aussetzer, die in den 1980er Jahren noch geschickt umschifft wurden. Trotzdem eine schöne, meist gut gelaunte Platte. Nix für Hardcore Bad Alchemisten. Eher etwas für den Mainstream der Minderheiten, der an gute Popmusik aus deutschen Landen glauben mag.

28.02.2007

(Wiederveröffentlichung; geschrieben für Bad Alchemy.
Das Foto erschien in der Erstausgabe des Fanzines Oi Oi Oi!)

Kassette sich wer kann!

April 22, 2010

Frank Apunkt Schneider:
Als die Welt noch unterging – Von Punk zu NDW
(Ventil Verlag, 2007, ISBN 3-931555-88-7)

Endlich komme ich dazu, dieses Buch zu lesen. Dessen Autor Frank Apunkt Schneider begegnete mir erstmals vor etlichen Jahren im Fanzine Der kosmische Penis als „King-Crimson-Ironiker“, dann als Mitglied der Ernst Neger Revival Band (ihr Hit: „Frauen über 30“) und der Künstlergruppe Winkelwurst sowie als Sacro-Pop-Experte, Lashcore-Cassetten-Compiler und Hörspielautor. Später schrieb er lieber für renommierte Fachmagazine wie Bad Alchemy und natürlich Testcard. Kunst macht er heutzutage unter der Wiener Dachmarke Monochrom. Er lebt, arbeitet und organisiert im oberfränkischen Bamberg.

Bei Testcard und Monochrom ist es ja durchaus üblich, als Fan an die Sachen ranzugehen, aber diese möglichst akademisch zu behandeln – oder umgekehrt. Wozu hat man schließlich irgendetwas geisteswissenschaftliches studiert?! Bei „Als die Welt noch unterging“ bekommt Apunkt aber noch ganz gut die Kurve, hier wird zwar auch manchmal wortreich diskursiert, aber der Musikfan dominiert dann doch. Eine eindeutige Definition dieser NDW kann und will Schneider nicht liefern. Vielmehr zeigt er, wie es zu diesem Begriff kam und dass es ihn womöglich auch schon vor Alfred Hilsberg gab. Um das Thema einzugrenzen schaut er nur bis etwa 1984 – Frank Apunkt Schneider war in diesem Jahr erst 15. Er bezeichnet sich selbst als „knapp Zuspätgekommener“. Was seiner Sammelwut und Sachkenntnis aber offensichtlich keinen Abbruch tut. Diese, wenn auch kurze, Distanz zum Thema tut dem Buch gut, man kann hier gottseidank keine nostalgisch verklärten Anekdoten eines ex-Mittendringewesenen lesen. Vielmehr versucht Schneider das Phänomen Punk und NDW in deutschsprachigen Landen (Österreich, Schweiz und die DDR werden ebenfalls angeschnitten) von verschiedensten Seiten her einzugrenzen. Was garnicht so einfach ist. Denn die Ränder fransen aus, sind unscharf und keineswegs eindeutig. Daher sei ihm auch verziehen, wenn Frank Apunkt in allgemeine, nicht nur für Deutschland spezifische Aspekte dieser Musikgeschichte abdriftet. Interessant ist das auf jeden Fall, auch wenn er manchmal dann doch ins Akademische verfällt und stellenweise vielleicht etwas zu viel Adorno und Horkheimer geraucht hat. Allerdings landet er während seinen Abschweifungen aber auch Seitenhiebe, die man lachend begrüßen muss. Das Schwurbeln hat er also nicht verlernt und seine Wortneuschöpfungen sind amüsant bis erstaunlich. Irgendwie ist genau dieses Diskursive das Schöne an Alcos Buch. Es wird abgeklopft was vorher, nachher, parallel so alles passierte. Und er wagt sich in den unübersichtlichen Untergrund der damaligen bundesdeutschen Kassettenszene. Diese wurde wohl in noch keinem anderen Buch über Punk und NDW so ausführlich gewürdigt. Auch wird hier die Provinz besser repräsentiert als in manch anderen Büchern zum Thema. Meist wird deutscher New Wave ja als Bewegung aus Düsseldorf, Westberlin, Hamburg und vielleicht noch Hannover und Hagen abgefeiert. Aber dass insbesondere in einzelnen Kleinstädten ein Urwuchs an Bands und Kassettentätern wucherte, wird meist vernachlässigt. Frank Apunkt Schneider versucht dies auch in der umfangreichen Disko- und Kassettografie abzubilden – was für eine Fleißarbeit! Offensichtlich hat er ein Herz für Sammler und berücksichtigt sogar die ein oder andere Phantomplatte, die zwar in der Primär-Literatur auftaucht, aber sich wohl nie materialisiert hat. Insgesamt sehr interessante, aber nicht gerade einfache Lektüre. Eher etwas für Fans der untergründigen Neuen Welle, für Leute, die es genau wissen wollen, und weniger für ich-will-spaßige NDW-Partygänger.

21.04.2010

Nicht alle durcheinander

März 31, 2010

Herpes und Fehlfarben live
(am 28.03.2010 im Uebel & Gefährlich, Hamburg)

Eigentlich wollte ich über dieses Konzert nichts schreiben. Denn im Juni 2007 hatte ich die Band schon mal am gleichen Ort gesehen und von daher waren für mich persönlich keine großen Überraschungen zu verzeichnen. Aber dann stieß ich auf einen Link zu einer Konzertkritik in der Welt und wollte meinen Augen nicht trauen. Da wurde so getan, als ob die Fehlfarben 2002 aus der Versenkung wiedererstanden wären – ein Blick in deren Diskographie hätte genügt um zu sehen, dass diese Band auch in den 1990ern in unterschiedlichen Konstellationen aktiv gar. Allerdings nicht mit so einer Schlagkraft wie jetzt. Ganz toll in diesem Artikel war auch die Behauptung, dass der Ansturm auf die Bar während der neuen Lieder deutlich größer gewesen wäre als bei den alten Hits (oder so ähnlich – ich werde mir jetzt diesen Artikel nicht heraussuchen um daraus zu zitieren). Das ist so eine abgehangene Floskel, die gerne genommen wird, wenn der Schreiberling irgendetwas nicht mag. Das mit dem Ansturm auf die Bar habe ich nicht beobachtet, denn ich stand vorne und was da hinten am Tresen abging war mir herzlich egal. Soweit zum Thema Qualitätsjournalismus.

Die Fehlfarben haben jedenfalls ordentlich gerockt an diesem Abend. Der offizielle Set wurde jeweils mit einem Song aus ihrem neuen Album begonnen und beendet. Zwischen „Glücksmaschinen“ und „Wir warten“ gab es eine bunte Mischung aus ganz alten, brandneuen und nicht mehr ganz so neuen Songs. Anschließend das Ritual mit den Zugaben und ca. fünf (?) weiteren Titeln. Natürlich wurden auch Hits wie „Paul ist tot“ und sogar „Ein Jahr (Es geht voran)“ gespielt – obwohl Peter Hein das Lied vor 30 Jahren nicht besonders mochte. Auch Liedgut, das damals ohne ihn entstand, wie „Die Wilde 13“ wurde dargeboten („… jetzt ’ne Coverversion…“). Schade, dass die launigen Ansagen von Peter Hein im Schlagzeuggewitter manchmal etwas untergingen. Die Band hat das Konzert natürlich profimäßig durchgezogen.

Für die Show wurden extra Klamotten gefertigt, die mit Farben gestaltet und beschriftet waren, die im Schwarzlicht extra grell leuchten. Gitarrist Uwe Jahnke mit seiner weißen Schlaghose schoss dabei den Vögel ab. Auch an Gerätschaften wurden Akzente mit Leuchtfarbe gesetzt. Und das Motto des Tages war am Podest unter dem Schlagzeug zu lesen: „Nicht alle durcheinander“. Auf dem Blog der Fehlfarben wird erklärt, was es mit diesem Spruch auf sich hat: er stammt ”von einer Kellnerin, die uns bediente und wir gerade mal alle schwiegen“.

Wer früh genug da war konnte noch eine hervorragende Vorgruppe erleben: Herpes, eine junge Band, anscheinend aus Berlin, die angenehm ungestylet (schreibt man das so?) und mit nervöser Energie daherkam. Fünf Leute an Schlagzeug, Bass, Gitarre, Keyboards (die Frau könnte meinetwegen auch bei Aavikko einsteigen) und Mikrophon. Deutschsprachige Texte, kurze Songs. Klasse!

31.03.2010

I Wanna Be A Mama

März 27, 2010

Stereo Total – Baby Ouh!
(LP, Disko B / Indigo, 2010)

Okay, es gibt eine neue Platte dieser Rockgruppe aus Berlin; 16 bis 17 neue Songs im guten alten Stereo Total-Sound. Das ist erstmal nicht so ungewöhnlich und man ist dazu bereit diese Platte vorab schonmal unter „just another Stereo Total record“ abzuheften. Aber dann schaffen Brezel Göring und Françoise Cactus wiedermal zu überzeugen, indem sie Referenzen aufzeigen, die dem Party-Charakter ihrer Musik scheinbar widersprechen, oder indem sie einfach ein paar Klassiker der Pop-Geschichte erfrischend aufarbeiten. Auf der B-Seite covern sie gleich drei Titel in Reihe. Zuerst „Wenn ich ein Junge wär“, ein Lied das durch die Nina Hagen Band bekannt gemacht und schon 1963 von Rita Pavone gesungen wurde. Auch der „Radio Song“ von Udo Lindenberg, in dem so rührend-unmoderne Vokabeln wie „Radio“ oder „Plattencompany“ vorkommen, muss daran glauben. Der Hammer ist allerdings die grelle Einlage von Der Grindchor (Das Original Oberkreuzberger Nasenflötenorchester) – spielt da nicht auch Thomas Kapielski mit? – auf „Tour de France“! Ehrfürchtiger Respekt sieht gottseidank anders aus. Der Song „No Controles“ darf einem ruhig spanisch vorkommen, aber so richtig interessant ist eher die Übertragung des Liedes „Voy A Ser Mama“ (Fans kennen beide Songs bereits vom Album „No Controles“) von Almodovar y McNamara aus den frühen 1980er Jahren vom Spanischen ins Englische. War da wirklich Pedro Almodovar mit im Spiel? Kein Wunder bei dem Thema. Wolfgang Müller (ex Die Tödliche Doris) durfte auch wieder textlich etwas beisteuern: „Du bist gut zu Vögeln“ darf zwar vom Partyvolk eindeutig zweideutig und somit für echt lustig gefunden werden – aber Müller ist wirklich an Vögeln interessiert, rein ornithologisch gesehen! Von ihm gibt es ein Blaumeisen-Buch und er hat auch schon mal eine Schallplatte mit Fledermäusen gemacht, aber das gehört nicht hierher. Ansonsten ist „Baby Ouh!“ wieder eine gute Ansammlung von Songs in deutscher, spanischer, englischer und französischer Sprache im treschicen Sequenzer-meets-Rockabilly-Schlagzeug-Sound. Klar, dass da Andy Warhol und Divine auch noch eine Rolle spielen dürfen. Sehr amüsant, das Ganze!

Hier noch eine Non-Album-Kurzversion von “ Wenn ich ein Junge wär“, wie sie im Sommer 2009 im TV zu sehen war:

27.03.2010