Posts Tagged ‘New Wave’

Hemmungslos

Februar 17, 2012

Die Aeronauten – Too Big To Fail
(DoCD/DoLP/DL, Rookie/Ritchie Records/Broken Silence, 2012)
und live im Hafenklang, Hamburg, 16.02.2012

Gestern waren Die Aeronauten wiedermal in der Stadt und haben den Hafenklang gerockt und hatten auch ihre neue Platte im Gepäck. Erschienen ist diese bereits am 3. Februar 2012, genau 20 Jahre nach ihrer ersten Cassetten-Veröffentlichung.

„Too Big To Fail“ ist kein einfacher Tonträger sondern ein Doppel-Album. Angeblich erfüllt sich die Band mit der zweiten Scheibe den Traum eine Instrumental-Platte zu veröffentlichen. Aber da sich so etwas womöglich nicht so gut verkauft, tun sie den Labels den Gefallen und packen noch viele Songs dazu. Zumindest haben sie das so ungefähr letztes Jahr im Schaffhausener Fernsehen erzählt. Dabei bereiteten die Instrumentals der Die Aeronauten schon immer hervorragenden Hörgenuss. Ich denke da nur an die Western-Melodie „Extremadura“ oder an das vermutlich von Billy Childish bzw. The Milkshakes inspirierte „Roter Stern“ (beides auf „Jetzt Musik“, 1997). Eine Instrumental-Platte war also längst überfällig. Auf „Too Big To Fail“ sind so einige mehr als gelungene Lieder ohne Worte zu hören. Da gibt es Stücke, die man gerne in Western-Filme  oder Agenten-Thrillern wiederhören möchte. Und mit „Ärger in Shit City“ gibt es die beste O-Ton-Dialog-aus-Krimi-geklaut-Musik-Kombination seit „Television / Kommissar“ von The Wirtschaftswunder (1980). Vereinzelt geht mit den Die Aeronauten auch der mal soulige, mal funkige oder sogar jazzige Groove durch. Entfernte Assozationen an Mariachi oder gar Klezmer können da durchaus aufkommen. Und „Asino Morto“ erinnert mich von der Klangästhetik her an das, was Olifr M. Guz zusammen mit Die Zorros gemacht hat, nur etwas schöner und mit Bläsern. Und das ist ja das besondere an Die Aeronauten: rockigen Indie-Pop (ich hasse mich für diese Schubladisierung) zu machen, mit guten, teils kulturpessimistischen Texten, herrlichen Gitarrenriffs und so, aber auch mit Saxophon und Trompete. Und alles hat Seele, mit Liebe zum Detail aufgenommen und stellenweise wird auch georgelt.

Produktfoto, Innenansicht, aufgeklappt

Live präsentieren Die Aeronauten nicht allzu viele Instrumental-Stücke, binden diese aber geschickt in ihr Programm ein, das  dem Publikum neben den neuen Songs natürlich auch etliche alte Knaller um die Ohren haut. Da kommt bei 21 Jahren Bandgeschichte so einiges zusammen. Eines der ältesten Stücke dürfte „Sexy Terrorist“ von ihrer ersten Platte gewesen sein, das als Zugabe gespielt wurde. Weil das Publikum es nicht lassen konnte nach „Freundin“ zu verlangen, wurde dieses Lied dann gegen Ende doch gespielt – aber in einem schlageresken Arragement, das mich dank entsprechendem Synthie- und Saxophon-Spiel an Münchner Freiheit erinnert hat. War  das nun humorvoll oder schon selbstironisch?
Auf jeden Fall hatte die sechsköpfige Band ihren Spaß auf der Bühne und began die Show ausgerechnet mit „Das Ende ist nah“ (das ist der Song dessen „Na na na na“-Chorgesang nach „The Night They Drove Old Dixie Down“ klingt). Teile der Band kamen für diesen Song in weißen Gewändern auf die Bühne und ließen sich von UV-Licht optisch aufhellen. Mit den beiden Stücken, die auch auf ihrer Picture-Disc zu hören sind, wurde  der offizielle Teil dieses Konzertes beendet und das Zugaben-Ritual eröffnet. Davon gab es etliche, gefühlt mehr als zehn, irgendwie schien es mir als ob Die Aeronauten gar nicht mehr aufhören wollten. Von wegen das Ende ist nah…

Klasse Konzert, super Scheiben!

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Halsteufel haben keine Chance mehr

Februar 9, 2012

Zur Orientierung

Various: Halsteufel haben keine Chance mehr – Der Obereuerheim-Sämpler
(Cassette, OH!, OH!1, 1984)

Obereuerheim ist ein Ortsteil der Gemeinde Grettstadt von 800 Einwohnern, unter denen sich phänomenal viele Musikfreaks befinden, so viele, daß sie letztes Jahr diesen Sampler produziert haben. Ein knallvolles Beiblatt informiert über die Aufnahmen, die Musiker, die Bands und ihr Leben. Bilder, Texte, sogar ein Kartenausschnitt. In dem Kaff links unten (Würzburg) ist leider nicht der Größe entsprechend viel los wie an der markierten Stelle rechts oben (Obereuerheim). Zur Einleitung wird auf diesem Info der Käufer – zurecht – zu seiner guten Wahl beim Erwerb dieser Cassette beglückwünscht. Es folgt die optimale Beschreibung ihres Inhalts: „Von Blasmusik bis zum Punk kannst Du auf dieser Cassette alles finden. Und als Bonbon obendrein bekommst Du eine bisher unbekannte Aufnahme der berühmten RESIDENTS, die – und das wird wahrscheinlich noch keiner geahnt haben – auch aus Obereuerheim stammen. Wahrscheinlich wirst Du keine der anderen Gruppen schon jemals gehört haben, aber darüber brauchst Du dir keine Sorgen zu machen, denn das sind solche Insidertips, daß sie teilweise nur 5 -10 Menschen auf dem ganzen Erdball bekannt sind. Aber das wird sich jetzt ändern!“.

PERRY RHODAN’S SEX SHOP BAND fängt an, sehr heavy, sehr frisch, perfekt. Sie spielen Punk „sehr gelegentlich. Sehr privat. Einmal im Jahr“. Vielleicht ist das ihre Stärke. So fetzig wie „Totensonntag“ klingt höchstens noch THE ONE & ONLY OBEREUERHEIM GROUP, „ein einmaliger Zusammenschluß von Musikern der unterschiedlichsten Stilrichtungen“‚. Eine Bandband, aber von ganz anderer Art als BAND AID! Aber mein Lieblingsstück ist „Abgebrannt“ von SPASMES, das hat gefunkt, ein Ohrwurm, energiegeladen, funky, guter Text, da stimmt einfach alles zu 100%. KOLBENFRESSER bringen die Vergangenheit, „Come On Louis“, eine wahre Stimmleistung. Später swingen sie noch. DR. HELGA TÜRENG („Fischkutter.) verschmilzt Text und Musik. Es ist überhaupt viel Experimentelles dabei, HERR BAHN z.B. erinnert leicht an CHROME. PLASTIKTÜTE „existiert schon seit 5 Jahren und ist eher berüchtigt als berühmt“. „Rap-Attack“ und hartes, gradlinigeres Gitarrenspiel. Die BLASKAPELLE, naja, auch Musik. „This is not a Song“ von PUBLIC RELATION IMAGE LIMITED (PRIL) und der Auftritt der legendären RESIDENTS – genial. Es ist alles vertreten, was es an neuerer, interessanter Musik überhaupt gibt, alle Richtungen von Dilettanten bis Perfektionisten, von Liedermachern (KONSTANTIN AMBROS) bis Punk.

Die Adresse:
DaDa-Bureau
/Gerald J. Gynther
Michaelspfeiler 33a
8722 Obereuerheim

DR. NO

Dieser zeitgenössische Tape-Review stammt aus 10.15 Megazine edit 5 und erschien im März/April 1985. Autor: Walter Bräutigam.

Die oben genannte Adresse stimmt natürlich nicht mehr.
Die aktuelle ist unter folgendem Artikel zu finden:
Penial

Guter Abzug

Januar 21, 2012

In der Hamburger Hoheluftchaussee stehen seit einiger Zeit etliche Ladenlokale leer. In einem ehemaligen gelb gestrichenen Sonnenstudio hat sich jemand wohl einen Spaß daraus gemacht, den Leerstand mit gelben Sachen aufzufüllen. Los ging es mit ein paar wenigen Dingen wie einem Schwimmreifen. Mit der Zeit kam immer mehr Gelbes hinzu und auch ein Zettel an der Tür, der darüber aufklärt, dass es sich hier um eine Installation von Loorbeer-Raumkunst handelt. Sachspenden und Leihgaben, mit denen dieser Raum bis 21. März 2012 gefüllt werden soll, sind gerne willkommen.

Heute laufe ich nichts ahnend an diesem Schaufenster vorbei und stolpere sozusagen über diese – natürlich gelbe – Schachtel mit dem Aufdruck „GUTER ABZUG – eine dokumentation der neuen deutschen musik“. File under: Sammlerstück. Der Karton sieht nicht gerade gut erhalten aus und auch seine inneren Werte kommen hier garnicht zum Ausdruck. Der ursprüngliche Inhalt dieser Box: Fotos von ar/gee gleim, Fanzine-Auszüge, Songtexte, Poster und eine Flexi-Disc.  Daran beteiligt waren neben dem Fotografen noch Peter Glaser, Karin Dreier, Susanne Wiegand sowie Xao Seffcheque und Jürgen Engler. 1982 war diese Dokumentation sogar auf der Documenta (wo auch sonst…) in Kassel zu sehen. Später, als Punk und New Wave reif für’s Museum waren, wurden einige Fotos von Richard Gleim auch in der Ausstellung „Zurück zum Beton“ in der Kunsthalle Düsseldorf (7. Juli bis 15. September 2002) gezeigt.

Da wird also wahre Kunst in einer provinziell anmutenden Installation versteckt!?

Mehr über Guter Abzug kann man bei Wikipeter oder Wikihorst nachlesen:
m.wikihost.org/w/sturclub/abzuggut

Der Katalog zur Ausstellung „Zurück zum Beton“ ist laut Museums-Website leider vergriffen.

Gute Luft

Dezember 17, 2011

Palais Schaumburg live
(Golden Pudel Club, Hamburg, 16.12.2011)

Das hätte ich ja nicht gedacht, daß ich jemals Palais Schaumburg live erleben würde. Und dann auch noch in der Besetzung ihrer ersten Langspielplatte aus dem Jahr 1981, einem Klassiker der Moderne, produziert von David Cunningham (The Flying Lizards). Mit Ralf Hertwig am Schlagzeug und Timo Blunck am Bass (und manchmal auch am elektrischen Upright Bass) hat diese New Wave Band eine hervorragende Rhythmus-Gruppe. Thomas Fehlmann ist für die Elektronik bzw. Synthesizer und die mit Effekten behandelte Trompete zuständig, während Holger Hiller singt, nicht immer Gitarre spielt und ab und zu den Korg erklingen läßt.

Nach 30 Jahren ist dies das erste Konzert von Palais Schaumburg. Zuletzt haben sie wohl in der Hamburger Markthalle gespielt (erzählte Holger Hiller in einer seiner wenigen Ansagen). Nun absolvieren die vier Herren den ersten von zwei mehr oder weniger inoffiziellen Warm-up Gigs im kleinen Golden Pudel Club, unweit vom ehemaligen Hafenklang Studio, in dem sie ihre ersten Singles für das ZickZack-Label aufgenommen haben. Am 30.12.2011 spielt Palais Schaumburg dann ein großes Reunion-Konzert in Berlin.

Aufgeführt wurde fast das komplette Debut-Album, alle ZickZack-Singles und auch der Beitrag zum Sampler „Lieber zuviel als zu wenig“. Trotzdem kamen mir zwei, drei Stücke nicht so bekannt vor (man kann ja nicht alles kennen).  Auch „Herzmuskel“ wurde dargeboten, ein Stück von Holger Hiller solo bzw. Träneninvasion (und geschrieben von Chris Lunch). Live klang das teilweise fast besser als auf Platte, insbesondere den ganz frühen Sachen taten die elektronisch verbesserten Bässe gut. Sehr selten hatte ich den Eindruck, daß die Musiker ihre alten Songs noch nicht so recht auf der Kette hatten. Aber das ist mehr als verzeihbar nach 30 Jahren Bühnen-Abstinenz. Gegen Ende wurde Palais Schaumburg immer lockerer und besser. Fast hätten die Leute angefangen zu tanzen – wäre nur etwas mehr Platz im naturgemäß ausverkauften Etablissement gewesen (ein paar haben natürlich getanzt). Dabei wäre Bewegung die einzige Antwort auf diese hackigen Grooves gewesen. Und irgendwie kam mir das garnicht mehr so sehr nach Post Punk New Wave (und sowieso nicht nach Neue Deutsche Welle oder gar NDW) vor, sondern machte mir eher den Eindruck von zeitloser Musik,  manchmal sogar Jazz (Kontrabass, Trompete und seltene Freak Outs) oder Art Rock (Gitarren-Sounds). Nostalgische Gefühle kamen bei mir nicht auf. Das war damals ebenso authentisch wie heute. Und dafür liebe ich diese Formation.

Hollow Punk

Dezember 5, 2011

Hollow Skai:
Punk – Versuch der künstlerischen Realisierung einer neuen Lebenshaltung.
(Sounds-Buch)

Schon 1980 versuchte Hollow Skai in diesem Buch etwas von dem Drive des Punk für die Nachwelt festzuhalten. So spricht Hollow quasi aus den Herzen der Scene, und wenn man es nicht zweimal liest, glaubt man es nicht: Es war seine Magisterarbeit, in der er (wissenschaftlich-) analysierende Prosa mit dem LayOut eines Fanzines verband und den eigentl. Punk als Ausbruch aus der Langweile Mitte der 70er charakterisierte.

Gleich zu Anfang des Buches zerstört Hollow Skai jede Hoffnung auf ein ‚Happy End‘. Sämtliche Thesen zur Festlegung des Begriffs ‚Punk‘ werden über den Haufen geworfen, um am Ende zu dem Schluß zu kommen, Punk sei immer mehr als… . Seine Festlegung bedeute seinen Tod. Daher jedoch erörtert Hollow von den SEX PISTOLS in England über Fanzines, etc. bis zu Art Attaks in Amerika, alles was irgendwie mit Punk zusammenhängt. Dies geschieht in umfangreicher Form, ist wegen des abwechslungsreichen Schreibstils aber nie ermüdent. Auch die Reaktion der öffentlichen Presse kommt in vielen eingefügten Original-Artikeln nicht zu kurz und wirkt bisweilen grotesk bis erheiternd. Besonders gut gefallen mir die Artikel über Fanzines und der Anhang „Der destruktive Charakter“ in dem nocheinmal sämtliche (polit.) Schablonen zerstört werden und der Mensch und seine Kultur als einziges übrig bleibt.

Kein Buch über Punk, sondern ein Buch der Punk-Scene für Leute, die’s nicht (von Anfang an) miterlebt haben und es trotzdem ‚verstehen‘ wollen. Aber natürlich auch für andere.

Erhältlich leider nur noch in der Stadtbücherei; dort aber im ‚Sonderangebot‘: Entweder kostenlos (nicht weitersagen!!) oder für 13,20 dm (66 Verkleinerungen).

cl.g.

Dieser Text stammt aus dem 4. Heft des Würzburger Fanzines Oi Oi Oi! (später 10.15 bzw. 10.16 Megazine), erschienen im Juli 1984.
Autor: Claus-Georg Pleyer

Cassettentäter: Markus

Dezember 5, 2011

Oben abgebildete Seite stammt aus der Sonderausgabe des 10.15 Megazine (Edit 7), die parallel zum Cassetten-Sampler „Saturday Night Favourites“ (Klappstuhl Records / Zu Viel Cassetten, 1986) erschien.

Hier war Markus mit dem Titel „Dark Room“ vertreten. Auf seinem eigenen Label Einsame Kultur Erzeuger veröffentlichte er die beiden Tapes „Solo 1982-1983“ (1984) und „Filmmusik 1“ (1985)

Damals lebte er in Osnabrück, heute wohl in Berlin.

Abschrift:

„markus ( geb. 1962 ) kann aus allem Musik machen, was er in die Finger kriegt. Manchmal leiht er sich auch ganz normale Instrumente, und wenn dann noch eine so gute Sängerin wie Hurwineck dazukommt, entsteht so was wie „Dark Room“.
Eigentlich ist das ein Stück Filmmusik, zum „Zebrastreifer“ von Hanno Nehring.
Ansonsten versammelt markus unter seinem Label EINSAME KULTURERZEUGER diverse seltsame Musik, einzige Gemeinsamkeit ist, daß alles nur auf Cassette produziert wird. Wenn er keine Musik macht, so macht er gerade Filme oder Comix oder Fanzines oder Fotos oder rast auf seinem Fahrrad durch Osnabrück.“

(Autor unbekannt)

Aromatisierte Luft

November 23, 2011

Michaela Melián und Justus Köhncke – Liebe tut weh (Foto: Guido Zimmermann)

Programmvorschau:
Konspiratives KüchenKonzert mit
Justus Köhncke und Michaela Melián
(wird an irgendeinem Freitag im Februar 2012 auf ZDFkultur gesendet)

Am vorgestrigen Montag (21. November 2011) wurde diese neue Folge der Konspirativen KüchenKonzerte in Hamburg-Wilhelmsburg aufgezeichnet. Zu Gast bei Chefkoch Marco Antonio Reyes Loredo waren die MusikKünstlerInnen Justus Köhncke (*1966, war mal bei Whirlpool Prod. dabei) und Michaela Melián (*1956, schon immer Mitglied von Freiwillige Selbstkontrolle / F.S.K.). Wobei Köhncke eher für die Musik zuständig war und Melián für die (Medien-) Kunst – obwohl beide ja beides machen und auch nicht voneinander trennen mögen.

Obwohl ich im Studio-Publikum saß, bin ich sehr gespannt, wie die fertige Sendung auf dem Bildschirm wirken wird. Denn Michaela Melián hatte sich ein Konzept für diese Sendung ausgedacht, das frühe experimentelle Fernseh-Kunst zitiert. Vor die Kameralinsen wurden transparente Folien gespannt, die mit Silhouetten, Texturen, Grafiken, Bildern, Typo oder Texturen versehen waren und alle paar Minuten gewechselt wurden. Am Bildschirm sieht man dann also keine reine Abbildung der Studio-Realität mehr sondern bekommt einen durch die entsprechenden Folien verfremdeten Eindruck. Im ersten Gespräch im Küchenbereich wurde als Referenz auf den Ausstellungskatalog „Ready to Shoot“ der Fernsehgalerie Gerry Schum hingewiesen. Später verteile Michaela Melián noch Schildchen mit fernseh-kritischen Parolen, die das Publikum möglichst voll in die Kamera halten sollte. Wie das wohl am heimischen TV rüber kommt?

Justus Köhncke sorgte mittels Laptop, Mischpult und einem alten Korg-Synthesizer für musikalische Unterhaltung. Angenehme elektronische Tanzmusik, zu der Köhncke auch manchmal in deutscher Sprache sang – u.a. bei seinem hit-verdächtigen „So weit wie noch nie“. Als Höhepunkt gab er zusammen mit Michaela Melián eine Cover-Version von „Liebe tut weh“ zum besten. Dieser Song stammt von der Debut-LP der New Wave Band Freiwillige Selbstkontrolle und wurde von ihr hier wohl das erste Mal selbst gesungen – im Duett mit Justus – obwohl ihre Band diesen Song heute live immernoch spielt. Schade, dass diese schöne, flotte Version so kurz war.

Ach, und was gab es zu Essen? Von den Star-Gästen wurde Molekularküche gewünscht. Schließlich war Ferran Adrià ja Gast auf der Documenta 12. Chefkoch Marco nahm die Herausforderung an und servierte als Gruß aus der Küche aromatisierte Luft, abgefüllt in bunten Luftballons. Nach gemeinsamen Öffnen der Ballons duftete es nach zitroniger Quarkspeise oder so. Später wurde noch Fischfilet auf Erbsenspiegel mit gelierten Tomaten und mittels Stickstoff aufgeschäumten Kartoffelmus serviert. Kommentar der Künstlerin: „Also mit Molekularküche hat das echt nichts zu tun!“. Aber was will man schon erwarten von einem ersten solchen Experiement ohne entsprechende Laborgeräte?

Zwischendurch haben sich die beiden Gäste in der Musikecke noch Musik für den Abspann (vermute ich mal) ausgesucht und konnten sich auf eine Single-B-Seite von Can einigen: „Shikako Maru Ten“.

Also den noch nicht fixen Termin schonmal vormerken!

Nachtrag:
Der Sendetermin steht nun fest. Diese Folge wird am 03.02.2012 auf ZDFkultur verstrahlt.

Diese Sendung kann man sich immernoch auf youtube im KuechenKino angucken.

Die konspirative Videothek:
konspirativekuechenkonzerte.de

Pechschwarzes Vinyl

September 12, 2011

Andreas Dorau – Todesmelodien
(CD / LP+CD / DL, Staatsakt, 2011)

Bereits 1992 hatte Andreas Dorau (*1964) Ärger mit der Unsterblichkeit (so der Titel seines damaligen Albums), vor ein paar Monaten erschienen seine zwölf „Todesmelodien“, die so garnicht traurig klingen, eher munter – auch wenn sie teilweise wirklich ernste Themen beinhalten. Durch den Tod seiner Mutter beschäftigte sich Dorau wohl mit Sachen wie Altenheim („Ausruhen“), Übergang zwischen Leben und Tod („Es war hell“) oder  Gedenken an die Verstorbenen („Edelstein“). Aber von einem Konzept-Album zum Thema Tod zu reden wäre nicht zutreffend. Denn es werden auch andere, durchaus diesseitige Dinge angesprochen wie „Inkonzequenz“, „Größenwahn“ oder „Neid“.  Aber er fragt auch, ob es die Natur wirklich so gewollt hat, dass das Federkleid eines Vogels die Farben der deutschen Flagge trägt. Das Lied „Single“ ist eine Ode auf das selbige Tonträger-Format – der Text kann aber auch bei weniger genauem Hinhören als Abhandlung des Alleinstehenden-Daseins von Leuten Mitte 40 interpretiert werden.

Bei der Produktion haben ihm so einige Freunde in Hamburg und Berlin geholfen. Wolfgang Müller (Die Tödliche Doris) hat ein paar Texte beigesteuert, Françoise Cactus (Les Lolitas, Stereo Total, Wollita) singt nebenbei mit, ebenso wie Inga Humpe (Neonbabies, 2raumwohnung). So manchen Track hat Mense Reents (Das Neue Brot, Stella, Die Goldenen Zitronen, Die Vögel) produziert und für nicht nur geblasene Wohlklänge sorgt Jakobus Siebels (Das Neue Brot, JaKönigJa, Die Vögel). Justus Köhncke (Whirlpool Productions), Moritz Reichelt (Der Plan) und Ebba Durstewitz (JaKönigJa) tauchen auch noch auf. Und Erobique sorgt für einen eleganten Abschluss dieses Albums. Um nur ein paar Namen zu nennen.

Da gibt es Lieder mit 70er-Jahre-Streicher-Disco-Arrangement (wie im gerade erwähnten Finale), aber auch ein minimalistisches, fast nur auf Rhythmus und Gesang reduziertes Stück. Flott kommt so manch anderer Track daher. Da sitzt jeder Ton, selbst Störgeräusche werden perfekt integriert. Klar wurde da so einiges elektronisch sequenziert und zusammengesampelt, aber dank verschiedener, in diesen Kreisen eher weniger genutzten Instrumenten wie Banjo, Posaune oder Tuba kommen angenehme Klangfarben ins Spiel. Bester Post Dancefloor Pop!

Irgendwie gefällt mir diese Platte immer besser. Würde mich nicht wundern, wenn sie in meiner Favoritenliste für das Jahr 2011 auftaucht…

Das Ganze gibt es übrigens auch gepresst „in pechschwarzes Vinyl“.

Hörproben:
Andreas Dorau – Stimmen in der Nacht
Andreas Dorau – Größenwahn

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The Raincoats 1982

Juli 25, 2011

Gestern zu Hause wiederentdeckt:
Ein Promo-Poster zu der im Juli 1982 erschienenen 7″-Single „Running Away“ / „No One’s Little Girl“ der The Raincoats.

Rediscovered yesterday at home:
A promotional poster for the 7″ single „Running Away“ / „No One’s Little Girl“ by The Raincoats, released in july 1982.

Mit 66 fängt das Leben erst an

Juni 30, 2011

Blondie – Panic Of Girls
(LP/CD/DL, Five Seven Music/EMI, 2011)

Die neuen Blondie-CD hat ein ziemlich häßliches Cover – auf der Rückseite sieht das Gesicht von Deborah Harry bizarr verzerrt wie das eines Aliens aus. In Echt ist diese alte Schachtel doch viel hübscher!

Elf neue Songs gibt es zu hören. Gleich die ersten beweisen, dass man auch im hohen Alter noch „gut abrocken“ kann. Alles fett produziert, mit knackigen Gitarren-Riffs, maschinenartigem Schlagzeug und Keyboards, die alles zukleistern. Die Stimme wird manchmal mit einem Autotune-Effekt (oder wie auch immer dieser unnötige Sound-Design-Schnick-Schnack sich nennen mag) belegt, was mich tendenziell anekelt. Nach drei Knallern wird das Tempo etwas herausgenommen und es geht eher in eine Richtung, die an alte Hits wie „The Tide Is High“ (gewiss nicht mein Lieblingslied von Blondie) denken läßt. Die Leichtigkeit von damals vermisse ich etwas. Alles ist so gnaden- und seelenlos hart überproduziert, dass der Sound und auch diese Musik mir keinen Spaß machen. Auch nicht, wenn es dann noch etwas mehr reggae-mäßig oder gar südamerikanisch angehaucht weiter geht. „Love Doesn‘t Frighten Me“ könnte – anders produziert – vielleicht eine klassisches Blondie-Stück sein und wird nach radiotauglichen drei Minuten ausgeblendet (es gibt nichts einfallsloseres als eine Ausblende!).
Zusammenfassung meines ersten und zweiten Höreindrucks:
Schade eigentlich.

Vertrieben wir diese CD – ähnlich wie die letzte Prince-CD im August 2010 – vorab als Beigabe zur Juli-Ausgabe des (deutschen) Rolling Stones, heute ist Erstverkaufstag. Ab 15. Juli 2011 wird es dann wohl u.a. noch eine „Chris Stein Doppel CD Edition“ und Vinyl geben.
Zum Rolling Stone-Heft und dem dort enthaltenen „35 Jahre Punk Special“ sag ich lieber erstmal nix – das wäre eine Geschichte für sich…

Nachtrag vom 1. Juli 2011:
Alles Gute zum 66. Geburtstag, liebe Deborah Harry!

Noch ein Nachtrag, diesmal vom 28. Juli 2011:
Irgendwie stand ich da völlig auf dem Schlauch, aber meine Schwester hat sofort erkannt, daß es sich bei „Sunday Smile“ um eine Cover-Version handelt. Das Original stammt von Beirut (die Band von Zach Condon) und ist einfach herrlich schön. Etwas besseres kann jemandem an einem Sonntagmorgen kaum passieren. Aber in der Version von Blondie wird daraus eine charmelose Schmonzette. Das gibt nochmals Punk(t)abzug.

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