Posts Tagged ‘Palais Schaumburg’

Holger, Alexander, Evan und Paul

April 14, 2012

Gestern (am 13.04.2012) gab es im Lichtmeß-Kino im Rahmen der 9. Dokumentarfilmwoche Hamburg zwei relativ kurze, wunderbare Musikfilme zu sehen. Erst einer über Holger Hiller und dann ging es weiter mit dem  Schlippenbach Trio. Free Jazz nach Samplingkunst.
Wie es sich für ein Festival gehört, waren die beiden FilmmacherInnen anwesend und ließen sich zu ihren Werken von der Moderatorin und dem Publikum befragen.

Oben im Eck – Holger Hiller
(Janine Jembere, Musik-Dokumentation, 34 min., 2012)

Kurz vor Weihnachten 2011 war Holger Hiller (*1956) mit seiner alten Band Palais Schaumburg, die er nach der ersten LP verlassen hatte, live zu bewundern. Und jetzt hat dieser Film über ihn Premiere. Schöner Zufall!
Hier nähert sich Janine Jembere (*1985) an Hiller an, die dessen Musik nicht von früher kennt sondern erst in einem Seminar damit in Kontakt kam. Ein Jahr bevor Hillers Solo-Album „Oben im Eck“ auf Mute erschien wurde sie in Magdeburg geboren. Daher kommt dieses Portrait erfreulicherweise ohne nostalgische Schwelgereien aus. Aufnahmen aus der Jetztzeit, z.B. von Proben mit zwei Musikerinnen, werden kombiniert mit Archivmaterial – Ausschnitte aus der Fernsehrevue „Dreiklangsdimensionen“ beispielsweise oder dem Video von Ohi Ho Bang Bang u.v.m.
Anhand von Privat-Fotos zeigt Hiller seine Stationen auf: Hamburg, London, Berlin. Es gibt keine Interviews und keine Fakten aus dem Off – im ganzen Film ist fast nur die Stimme von Holger Hiller zu hören, beim Proben, Bilderzeigen, Instruktionsvideogucken und Verlesen für diesen Film selbst geschriebener Texte. Für frei gesprochene Interviews war er wohl nicht zu haben, da er sicher sein wollte, daß keine Ungenauigkeiten verbreitet werden. Das ganze beginnt am Berliner Hauptbahnhof (vermute ich jetzt mal), Hiller auf der Rolltreppe und Jembere im Aufzug, dazu ein Ausschnitt aus dem wunderbaren Hörspiel „Little Present“, in dem er den Besuch bei seinem vierjährigen Sohn in Tokio akustisch verarbeitet hat. Am Ende betritt Holger Hiller zwar zusammen mit den beiden bereits erwähnten Musikerinnen eine Bühne in Paris, dann wird die Leinwand schwarz, Abspann.
Die Palais Schaumburg-Reunion ist hier übrigens kein Thema, die Dreharbeiten waren wohl schon abgeschlossen als diese Idee aufkam. Ein wunderbarer Film über einen wirklich interessanten Künstler.
Diese empfehlenswerte Doku entstand übrigens als Abschlussfilm an der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HFBK) und wird zusammen mit 12 anderen Abschlussfilmen am 26. April 2012 im Metropolis Kino gezeigt.

Aber das Wort Hund bellt ja nicht
(Bernd Schoch, Musik-Dokumentation, 48 min., 2011)

Bernd Schoch (*1971) ist u.a. auch Dozent an eben erwähnter HFBK und war 2009 auf dem Unerhört! Musikfilm-Festival mit „Slide Guitar Ride“ über Bob Log III vertreten.
Jetzt hat er sich den Spaß erlaubt, drei Free Jazzer abzulichten: Alexander von Schlippenbach (*1938, Piano), Evan Parker (*1944, Saxophon) und Paul Lovens (*1949, Schlagzeug). Unter der Firmierung Schlippenbach Trio machen diese Herren jeden Winter eine Tour und an vier aufeinanderfolgenden Jahren wurden ihre Konzerte in immer dem selben Jazzclub in Karlsruhe (Schoch kommt offensichtlich aus dieser Gegend) aufgenommen. Fast wäre es ein Triptychon geworden – jedem der drei wird eine längere Sequenz gewidmet. Die Mitmusiker sind nur zu hören. Als Zuschauer ist man so nah an ihnen und ihren Instrumenten dran, daß man die Personen fast schon nicht mehr sieht. Da gleiten Finger über Tasten, ein Schweißtropfen perlt herab, man glaubt fast selbst im Schlagzeug zu sitzen. Man kann die Konzentration spüren mit der diese Musik entsteht und sehen, wie ein Musiker auch erstmal hineinhört bevor er weiterspielt. Die drei Herren sind nie gleichzeitig im Bild zu sehen und es gibt auch keine langweilige Totale. Statt Interviews gibt es von jedem der Drei ein Statement zu ihrer Musik und den Ritualen auf ihrer Reise zu hören. Diese dienen als Zwischenspiel und Trennung der dann doch vier Konzertsequenzen. „Aber das Wort Hund bellt ja nicht“ ist somit weder eine klassische Doku noch ein herkömmlicher Konzertfilm sondern fast schon selbst Musik. Alles ist im Fluß. Und wie bei einem guten Konzert hätte ich gerne ab und zu mal die Augen geschlossen um mehr zu hören. Aber das wäre ziemlich doof gewesen bei einem so sehenswerten Film!

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Haus Vaterland

März 14, 2011

Walter Welke geboren Thielsch (1950 – 2011)

Haus Vaterland
(Musikfilm, Deutschland, 1983-84, 3 x 60 Minuten)

Am 13.03.2011 wurde im Hamburger Metropolis-Kino eine Horst Königstein-Retrospektive mit dieser 3-stündigen Musikrevue beendet. Und, wie es im Untertitel heißt, mit einer „sehr deutschen“.

Entstanden ist dieser Film 1983, zu einer Zeit als die sogenannte Neue Deutsche Welle (NDW) ihren Zenit bereits überschritten hatte, die interessantesten Sachen bereits gelaufen waren und dann von der Musikindustrie zu Tode geplätschert wurde. Genau zu diesem Zeitpunkt wurde im „Haus Vaterland“ ein Blick in die nicht nur musikalische Vergangenheit gewagt, zurück bis in die 1920er Jahre, ein Blick, der ansonsten durch die Geschichten des 2. Weltkriegs verstellt wird.

Der Titel „Haus Vaterland“ hat aber nix mit Teutschtümelei zu tun. Laut Wikipedia war das Haus Vaterland „von 1928 bis 1943 ein großer Gaststättenbetrieb und Vergnügungspalast am Potsdamer Platz in Berlin mit rund einer Million Besuchern im Jahr, der als Vorläufer der heutigen Erlebnisgastronomie angesehen werden kann“. In diesem Kempinski-Betrieb gab es Themenrestaurants entsprechend der verschiedensten deutschen Regionen. Allerdings war das nur etwas für Kaffer, Provinzler, also alle außerhalb Berlins (so die Kommentare von Zeitzeugen in diesem Film) oder wie man heutzutage sagen würde: Touristen. Andererseits gab es auch in Hamburg bis ca. 1972 ein Haus Vaterland, wohl ein klassisches Varietéhaus am Ballindamm. Und genau das ist das Hauptthema dieser in Hamburg produzierten Revue: Varieté. Aber auch alte deutsche Filme sind ein Thema.

Leuten wie Hans Albers oder Heinz Rühmann und vielen anderen begegnet man in schwarzweissen Ausschnitten aus historischen Musik- und Revuefilmen. Aber dann sind da noch die Sänger und Sängerinnen von damals wie beispielsweise Robert Biberti (von den Comedian Harmonists), Curt Bois, Ilse Werner oder Blandine Ebinger und viele mehr, die hier Lieder zum besten geben, aber auch interviewt werden – teilweise von Annette und Inga Humpe (Ideal, Neonbabies, Humpe & Humpe, Ich + Ich, Zweiraumwohnung) sowie Peter Glaser (hier auch am Drehbuch beteiligt; ansonsten Co-Autor von „Der große Hirnriss“, heutzutage Internet-Kolumnist).

Gerade dieses Holen der Vergangenheit in die damals aktuellen 1980er Jahre machen diesen Dreiteiler für mich so interessant. Denn hier gibt es auch zeitgenössische Interpretationen z.B. von „Goodbye Johnny“ von den späten Palais Schaumburg (also ohne Holger Hiller), die ansonsten nicht zugänglich sind. Auch die Version des Chansons „Nuit et jour“ von Humpe & Humpe dürfte eher selten zu sehen sein. Schön auch die visuelle Umsetzung der elektronischen Interpretation der Hindemith‘schen Kinderoper „Wir bauen eine neue Stadt“ von Holger Hiller und Thomas Fehlmann, bei der Kinder in comic-artigen Kulissen schauspielern dürfen (zu sehen am Anfang von Folge 3 dieses Dreiteilers). Auch ist meines Erachtens kurz Moritz von Oswald (Palais Schaumburg, Basic Channel, Maurizio, Rhythm & Sound, Moritz von Oswald Trio) Schlagzeug spielend zu sehen, als Begleitung eines Steptänzers, der seiner Faszination für die 20er Jahre Ausdruck verleiht. Aus dem wavigen Kühl der Neuinterpretationen brechen Heiner Goebbels und Alfred 23 Harth zusammen mit Ernst Stötzner während der Darbietung eines Liedes von Friedrich Hollaender in freejazzigen Krach aus (herrlich!). Ebenfalls der Hammer ist die schnörkellose Darbietung von „Johnny zum Geburtstag“ durch Original-Interpretin Blandine Ebinger, einer Freundin (bzw. Ehefrau) von Friedrich Hollaender. Der Text ist sowas von ‚politisch unkorrekt‘, dass es eine wahre Freude ist.

Was Peter Gabriel und seine deutschsprachige Version von „The Flood“ in diesem Zusammenhang zu suchen hat, ist mir eher schleierhaft (okay, Regisseur Horst Königstein hat den deutschen Text für Gabriel geschrieben).

Im Netz sind leider keine Ausschnitte aus „Haus Vaterland“ mehr zu finden.
Folgende Clips wurden bei youtube entfernt:
Palais Schaumburg / Hans Albers – Goodbye Johnny
Blandine Ebinger – Johnny zum Geburtstag
Blandine Ebinger – Die Trommlerin
Annette & Inga Humpe – Nuit et jour
Inga Humpe & Thomas Fehlmann – Staubige Worte
Curt Bois – Im Jahre des Heils

Musik aus einer Hafenstadt

Januar 15, 2011

Hamburg Calling – Musik aus einer Hafenstadt
(Oliver Schwabe, Musik-Dokumentation, ca. 90 min., NDR)

Heute, am 15. Januar 2011, hatte Oliver Schwabes Musik-Dokumentation „Hamburg Calling – Musik aus einer Hafenstadt“ im Rahmen des 5. Elbblick-Filmfestivals seine Kinopremiere. Produziert wurde der Film im Jahr 2010 für den Norddeutschen Rundfunk. Schwabe stieg tief ins dortige Archiv um Material für diese Collage zu finden, die 50 Jahre Hamburger Pophistorie abdeckt (von Freddy Quinn bis 1000 Robota), aber dennoch den Schwerpunkt auf die Zeit Ende der 1980er und die 90er Jahre legt. Also als Bands wie Cpt. Kirk &., Blumfeld, Kolossale Jugend oder Tocotronic (denen für meinen Geschmack etwas zuviel Platz eingeräumt wird) aufkamen und ihre Hochzeit hatten.

Ergänzt wird das Archiv-Material durch aktuelle Interviews vorwiegend mit  Musikern wie Bernd Begemann (Die Antwort, Die Befreiung), Bernadette La Hengst (Huah!, Die Braut Haut Ins Auge), Frank Spilker (Die Sterne, Frank Spilker Gruppe), Jochen Distelmeyer (Die Bienenjäger, Blumfeld), Kristof Schreuf (Kolossale Jugend, Brüllen), Tobias Levin (Cpt.Kirk &.), Schorsch Kamerun (Die Goldenen Zitronen), Frank Ziegert (Abwärts) u.a. – aber auch mit Horst Fascher, einem begeisterten Unterstützer der Beatles. Und R.J. Schlagseite singt ein paar Songs zum Thema.

In den Sixties wie in den späteren Jahrzehnten war St. Pauli wohl so eine Art Schutzraum für entstehende Musikbewegungen, egal ob für den „Hamburg Sound“ der Sixties oder die sogenannte „Hamburger Schule“, ein Begriff, der in diesem Film diskutiert wird. Und im Star Club gab es nicht nur die Beatles, sondern auch die Liverbirds, eine der ersten Frauenbands überhaupt, die wiederum von Musikerinnen wie Bernadette La Hengst als Role Model genannt werden.

Schön ist es natürlich, all diese alten Fernsehausschnitte zu sehen. Beispielsweise den ziemlich jungen Begemann mit Die Antwort in einer Talkshow als musizierender Gast – aber auch als Gastgeber im Bademantel für Tocotronic in seiner Rothenburgsorter Küche (check out on youtube!). Oder den jungen King Rocko Schamoni bei einem TV-Interview in dem er cool schweigt und statt Antworten Zigarettenrauch ins Mikrophon haucht. Auch Videos aus alten Zeiten sind zu sehen, manche – aus heutiger Sicht – von zweifelhafter Ästhetik, aber super interessant! Schön auch die alten Schwarzweiss-Aufnahmen eines vergangenen Hamburg, die mit in diese Collage einflossen.

Udo Lindenberg wird nur am Rande erwähnt. Ebenso die Hamburger HipHopper. Und das Lied „Hamburg Calling“, ein Clash-Remake von Fettes Brot, ist gottseidank garnicht zu hören.

Für Freunde (diskursiver) (deutscher) Popmusik ist dieser Film eine Fundgrube. Besten Dank an den NDR, der diese Low Budget-Produktion ermöglichte. Trotzdem sollte sich diese öffentlich-rechtliche Sendeanstalt schämen, solch eine interessante Dokumentation nach Mitternacht einfach so zu versenden – wie Ende letzten Jahres geschehen (hat wahrscheinlich damals keiner mitgekriegt, ich leider auch nicht).

Der Regisseur im Netz:
www.oliverschwabe.de

 

Wir bauen eine neue Stadt

Mai 24, 2010

Bei „Wir bauen eine Stadt – Ein Spiel für Kinder“ handelt es sich eigentlich um ein klassisches Musikstück von Paul Hindemith, das  in den frühen 1980er Jahren von Holger Hiller und Thomas Fehlmann elektronisch gecovert und auf Cassette (bei Ata Tak) veröffentlicht wurde, anschließend bzw. gleichzeitig hat Palais Schaumburg (siehe Foto: Thomas Fehlmann, Holger Hiller, Timo Blunck, Ralph Hertwig) einen New Wave Pop Song daraus gemacht, den wiederum Jahrzehnte später die junge Hamburger Band 1000 Robota nachspielte. Und nun haben auch noch Gudrun Gut und Antye Greie zusammen auf ihrer Baustelle eine neue Version veröffentlicht. Hört selbst! Hier ein paar Links zum Thema:

PAUL HINDEMITH (1930)
(leider nur ein sehr kurzer Ausschnitt auf dem Klavier)

HOLGER HILLER / THOMAS FEHLMANN (1981)
Leider keine klingende Datei gefunden. Aber eine Besprechung von Martin Büsser, anlässlich der Wiederveröffentlichung auf Vinyl:
Wir bauen eine Stadt (nach Paul Hindemith)

PALAIS SCHAUMBURG (1981)

1000 ROBOTA (2008) live:

AGF / ANTYE GREIE (2010)
Acappela in Vorfreude auf ihre Kooperation „Baustelle“ mit Gudrun Gut:

GREIE GUT FRAKTION (2010)