Posts Tagged ‘Punk’

totgut

Februar 25, 2012

DIE TOTEN HOSEN
‚Wir sind bereit‘ / ‚Jürgen Engler’s Party‘
(7″, Totenkopf, Tot2, 1982)

Seit ein paar Monaten gibt es in Düsseldorf ein neues Label: TOTENKOPF- Schallplatten. Ihre ersten Produkte sind eine ZK-live-LP (lustig! lustig!) und als zweites eine Single der TOTEN HOSEN (Bestellnummer TOT 2).
Die Vereinigung der TOTEN HOSEN besteht aus Trini Trimpop (ex der KfC), Jochen H., Kuddel. Whyat Earp, W. November, Andi M. und Campi. Wenn man die Single das erste Mal hört, denkt man unwillkürlich an die legendären ZK: der gut arrangierte (arrangiert???) Chorgesang (Aaaaaa/Aaaaa), das Klatschen und die tolle Stimme. Kein großes Wunder, denn Campi, der Sänger mit der tollen Stimme kommt direkt von ZK, die sich ja getrennt haben, aber back to the Musik: einfacher, gerader, harter und gutgemachter (Punk?-) Rock mit guten, originellen deutschen Texten. Allerdings besser bzw. perfekter produziert als bei ZK. Die A-Seite ‚Wir sind bereit‘ ist gut, aber die B-Seite ‚Jürgen Engler’s Party‚ ist genial!
Der Text beißt alle düsseldorfer Ex-UntergrundundjetztPopstars, vor allem die Englers und Doraus*. Passend zum Song ist auf dem Cover noch der Brief einer 13jährigen Gymnasiastin an Jürgen abgedruckt: „Ich hab alle deine Platten und viele Fotos von Dir und Bernward. Ich weiß nicht, wen ich von euch schöner finde. ….. Wenn ich mir zusammen mit Ulla und Karin eure Platten anhöre, muß ich immer in die Hosen machen. Letzte Woche…“

*****

DIE TOTEN HOSEN
‚Niemandsland‘ / Reisefieber‘
(7″, Totenkopf, Tot1, 1982)

Die zweite TOTEN HOSEN-Single ist da! (Diesmal Best.-Nr. TOT 1). Wieder gerader, rauher und fetziger Rock mit tollem Backgroundgesang und Campi’s (Hallo, wie gehts deinen Campino-Bonbons?) einzigartiger Stimme. Die Texte sind kurz und bündig, aber nie albern, sondern gut. Danke für das Textblatt, ohne das würde man nur die Hälfte mitkriegen!
Am Anfang von ‚Reisefieber‚ hört man einen Dudelsack (oder ist es eine Tote Hose?) und das Meer (eigentlich mehr den Wind) rauschen. Bei ‚Niemandsland‘ gefällt mir besonders dieses ‚khwüa!‘ (oder halt so ähnlich) in der Mitte.
DIE TOTEN HOSEN schaffen es, obwohl bei ihnen u.a. Leute mitspielen, die seit ca. fünf Jahren aktiv sind, frischeste Musik zu machen, die auch noch mit guten Texten Spaß macht. DIE TOTEN HOSEN gegen tote Hose in überall!

Achtung! Hab noch mehr Informationen aus Düsseldorf über die TOTEN HOSEN gekriegt: Und zwar, daß es schon wieder eine neue Single gibt. Titel: ‚Armee der Verlierer‘, ‚Opel-Gang‘ und ‚Eisgekühlter Bommerlunder‘. Eine Flasche Bommerlunder liegt bei. Aber besauft euch nicht!
P.S.: DIE TOTEN HOSEN sind nicht toll, sondern totgut ! ! !

dom

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Diese beiden zeitgenössischen Reviews stammen aus der im April 1983 erschienenen Erstausgabe des Würzburger Fanzines Oi Oi Oi!.

Ein herzliches Beileid an Die Toten Hosen zu ihrem 30-jährigen Jubiläum und dazu, daß ausgerechnet die Zeitschrift Rolling Stone aus diesem Anlaß im April 2012 ihre erste Single wiederveröffentlichen wird. Was nichts daran ändert, daß die ersten Hosen-Singles zu meinen All time favourites zählen!

Anmerkung:
* wobei eh klar ist, daß Andreas Dorau kein Düsseldorfer ist, genausowenig wie Holger Hiller. Aber bei den Leuten von Der Plan bzw. Ata Tak hat er die eine Hit-Single aufgenommen. Im Song der Toten Hosen ist Dorau auf dem Balkon zu sehen. Der Bilker Jürgen Engler war Mitglied von Male, bevor er mit Die Krupps erfolgreich wurde.

Hemmungslos

Februar 17, 2012

Die Aeronauten – Too Big To Fail
(DoCD/DoLP/DL, Rookie/Ritchie Records/Broken Silence, 2012)
und live im Hafenklang, Hamburg, 16.02.2012

Gestern waren Die Aeronauten wiedermal in der Stadt und haben den Hafenklang gerockt und hatten auch ihre neue Platte im Gepäck. Erschienen ist diese bereits am 3. Februar 2012, genau 20 Jahre nach ihrer ersten Cassetten-Veröffentlichung.

„Too Big To Fail“ ist kein einfacher Tonträger sondern ein Doppel-Album. Angeblich erfüllt sich die Band mit der zweiten Scheibe den Traum eine Instrumental-Platte zu veröffentlichen. Aber da sich so etwas womöglich nicht so gut verkauft, tun sie den Labels den Gefallen und packen noch viele Songs dazu. Zumindest haben sie das so ungefähr letztes Jahr im Schaffhausener Fernsehen erzählt. Dabei bereiteten die Instrumentals der Die Aeronauten schon immer hervorragenden Hörgenuss. Ich denke da nur an die Western-Melodie „Extremadura“ oder an das vermutlich von Billy Childish bzw. The Milkshakes inspirierte „Roter Stern“ (beides auf „Jetzt Musik“, 1997). Eine Instrumental-Platte war also längst überfällig. Auf „Too Big To Fail“ sind so einige mehr als gelungene Lieder ohne Worte zu hören. Da gibt es Stücke, die man gerne in Western-Filme  oder Agenten-Thrillern wiederhören möchte. Und mit „Ärger in Shit City“ gibt es die beste O-Ton-Dialog-aus-Krimi-geklaut-Musik-Kombination seit „Television / Kommissar“ von The Wirtschaftswunder (1980). Vereinzelt geht mit den Die Aeronauten auch der mal soulige, mal funkige oder sogar jazzige Groove durch. Entfernte Assozationen an Mariachi oder gar Klezmer können da durchaus aufkommen. Und „Asino Morto“ erinnert mich von der Klangästhetik her an das, was Olifr M. Guz zusammen mit Die Zorros gemacht hat, nur etwas schöner und mit Bläsern. Und das ist ja das besondere an Die Aeronauten: rockigen Indie-Pop (ich hasse mich für diese Schubladisierung) zu machen, mit guten, teils kulturpessimistischen Texten, herrlichen Gitarrenriffs und so, aber auch mit Saxophon und Trompete. Und alles hat Seele, mit Liebe zum Detail aufgenommen und stellenweise wird auch georgelt.

Produktfoto, Innenansicht, aufgeklappt

Live präsentieren Die Aeronauten nicht allzu viele Instrumental-Stücke, binden diese aber geschickt in ihr Programm ein, das  dem Publikum neben den neuen Songs natürlich auch etliche alte Knaller um die Ohren haut. Da kommt bei 21 Jahren Bandgeschichte so einiges zusammen. Eines der ältesten Stücke dürfte „Sexy Terrorist“ von ihrer ersten Platte gewesen sein, das als Zugabe gespielt wurde. Weil das Publikum es nicht lassen konnte nach „Freundin“ zu verlangen, wurde dieses Lied dann gegen Ende doch gespielt – aber in einem schlageresken Arragement, das mich dank entsprechendem Synthie- und Saxophon-Spiel an Münchner Freiheit erinnert hat. War  das nun humorvoll oder schon selbstironisch?
Auf jeden Fall hatte die sechsköpfige Band ihren Spaß auf der Bühne und began die Show ausgerechnet mit „Das Ende ist nah“ (das ist der Song dessen „Na na na na“-Chorgesang nach „The Night They Drove Old Dixie Down“ klingt). Teile der Band kamen für diesen Song in weißen Gewändern auf die Bühne und ließen sich von UV-Licht optisch aufhellen. Mit den beiden Stücken, die auch auf ihrer Picture-Disc zu hören sind, wurde  der offizielle Teil dieses Konzertes beendet und das Zugaben-Ritual eröffnet. Davon gab es etliche, gefühlt mehr als zehn, irgendwie schien es mir als ob Die Aeronauten gar nicht mehr aufhören wollten. Von wegen das Ende ist nah…

Klasse Konzert, super Scheiben!

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Bankert

Februar 10, 2012

Des derf jetz ned wahr sei:

Da zappe ich in die Live-Übertragung der „Fastnacht aus Franken“ und wer hat da in Veitshöchheim das Privileg in der ersten Reihe zu sitzen? Wie immer verschiedenste fränkische und bayerische Politiker, natürlich. Aber den Vogel schießt diesmal der Markus Söder ab: Da verkleidet der bayerische Finanzminister sich doch glatt als Punk bzw. Punker – oder doch etwa als Banker? – mit einer aufwendigen Irokesen-Frisur sowie Euro-Tattoo auf dem linken Oberarm und lächelt dümmlich über die Gags, die auf seine Kosten gemacht werden.

Peinlich.

Halsteufel haben keine Chance mehr

Februar 9, 2012

Zur Orientierung

Various: Halsteufel haben keine Chance mehr – Der Obereuerheim-Sämpler
(Cassette, OH!, OH!1, 1984)

Obereuerheim ist ein Ortsteil der Gemeinde Grettstadt von 800 Einwohnern, unter denen sich phänomenal viele Musikfreaks befinden, so viele, daß sie letztes Jahr diesen Sampler produziert haben. Ein knallvolles Beiblatt informiert über die Aufnahmen, die Musiker, die Bands und ihr Leben. Bilder, Texte, sogar ein Kartenausschnitt. In dem Kaff links unten (Würzburg) ist leider nicht der Größe entsprechend viel los wie an der markierten Stelle rechts oben (Obereuerheim). Zur Einleitung wird auf diesem Info der Käufer – zurecht – zu seiner guten Wahl beim Erwerb dieser Cassette beglückwünscht. Es folgt die optimale Beschreibung ihres Inhalts: „Von Blasmusik bis zum Punk kannst Du auf dieser Cassette alles finden. Und als Bonbon obendrein bekommst Du eine bisher unbekannte Aufnahme der berühmten RESIDENTS, die – und das wird wahrscheinlich noch keiner geahnt haben – auch aus Obereuerheim stammen. Wahrscheinlich wirst Du keine der anderen Gruppen schon jemals gehört haben, aber darüber brauchst Du dir keine Sorgen zu machen, denn das sind solche Insidertips, daß sie teilweise nur 5 -10 Menschen auf dem ganzen Erdball bekannt sind. Aber das wird sich jetzt ändern!“.

PERRY RHODAN’S SEX SHOP BAND fängt an, sehr heavy, sehr frisch, perfekt. Sie spielen Punk „sehr gelegentlich. Sehr privat. Einmal im Jahr“. Vielleicht ist das ihre Stärke. So fetzig wie „Totensonntag“ klingt höchstens noch THE ONE & ONLY OBEREUERHEIM GROUP, „ein einmaliger Zusammenschluß von Musikern der unterschiedlichsten Stilrichtungen“‚. Eine Bandband, aber von ganz anderer Art als BAND AID! Aber mein Lieblingsstück ist „Abgebrannt“ von SPASMES, das hat gefunkt, ein Ohrwurm, energiegeladen, funky, guter Text, da stimmt einfach alles zu 100%. KOLBENFRESSER bringen die Vergangenheit, „Come On Louis“, eine wahre Stimmleistung. Später swingen sie noch. DR. HELGA TÜRENG („Fischkutter.) verschmilzt Text und Musik. Es ist überhaupt viel Experimentelles dabei, HERR BAHN z.B. erinnert leicht an CHROME. PLASTIKTÜTE „existiert schon seit 5 Jahren und ist eher berüchtigt als berühmt“. „Rap-Attack“ und hartes, gradlinigeres Gitarrenspiel. Die BLASKAPELLE, naja, auch Musik. „This is not a Song“ von PUBLIC RELATION IMAGE LIMITED (PRIL) und der Auftritt der legendären RESIDENTS – genial. Es ist alles vertreten, was es an neuerer, interessanter Musik überhaupt gibt, alle Richtungen von Dilettanten bis Perfektionisten, von Liedermachern (KONSTANTIN AMBROS) bis Punk.

Die Adresse:
DaDa-Bureau
/Gerald J. Gynther
Michaelspfeiler 33a
8722 Obereuerheim

DR. NO

Dieser zeitgenössische Tape-Review stammt aus 10.15 Megazine edit 5 und erschien im März/April 1985. Autor: Walter Bräutigam.

Die oben genannte Adresse stimmt natürlich nicht mehr.
Die aktuelle ist unter folgendem Artikel zu finden:
Penial

Penial

Februar 5, 2012

Der kosmische Penis – Das Organ der freien Jugend, Heft 79
(Fanzine, 72 Seiten, DIN A5, 23.12.2011)

Auch die aktuelle Ausgabe dieser Schweinfurter Institution hat alles, was einen Der kosmische Penis ausmacht. In der seit der ersten Ausgabe enthaltenen Rubrik „Schlüsse & Küsse“ gibt es wie immer „Tratsch und Klatsch aus kosmischen Sphären“, hier wird der geneigte Leser über den Beziehungsstatus und Familienstand der Schweinfurter Szene samt Exilanten informiert. Das ist so amüsant, daß man diese ganzen Leute gar nicht kennen muß um zu schmunzeln. Inzwischen gibt es den Penis so lange, daß hier immer mehr Heiraten und Geburten verkündet werden konnten. Unter der Überschrift „Neues aus Schlotzingen“ werden kuriose Pressemeldungen aus der Schmuddelecke gesammelt, leider auch gerne Boulevard-Mist. Im „Wellenfahrplan“ werden vor allem Punk- und Rock-Platten besprochen, nicht ohne ab und zu mal ein Herz für Indie-Pop zu haben oder für ein Buch von Frau Roche. Aus Berlin berichtet wie immer „Die Berührerin“ Barbara Splieth aus ihrer sexy Berufspraxis. Ein weiterer Standard in diesem Fanzine ist natürlich der Penis-Poster in der Mitte, diesmal wird ein stählerner Penis aus Japan abgebildet – ein Leser berichtet von einem entsprechenden 300 Jahre alten Festival in Kawasaki. Auch immer lustig: das „Bandfoto aus der Hölle“.
Aber es gibt nicht nur Erotik und Quatsch hier zu lesen. Aus gegebenen Anlass wird ausführlich über Oi!-Punk und die Grauzone zum Rechtsrock berichtet. Ein Thema, das auch beim Interview mit der Band Kraftklub aus Karl-Marx-Stadt Erwähnung findet.
Auf der Heftrückseite hält der Langweiler Thees Uhlmann Ausgabe 78 in die Kamera. Schon lustig, wen die Penis-Redakteure immer dazu bringen so, ein Heft zu präsentieren. Da kann keiner Nein sagen. Das ist auch so ein running gag, der sich von Ausgabe zu Ausgabe zieht.
Im „Heimatspiegel“ erfährt man dann noch das Neueste über unterfränkische Bands und MusikerInnen wie Wilson Jr. oder die wunderbare Karo. Sogar zwei kurze Meldungen aus der Würzburger Alternativszene sind diesmal enthalten. Über Else Admire aus Breitengüssbach wird diesmal nichts gemeldet. Und natürlich gibt es wie immer seltsame kurze Geschichten von Bdolf oder John Boruckowski sowie herrliche Cartoons von Philip Katzenberger und Eo Borucki. Und vieles mehr. Das Titelblatt steht manchmal in Sachen Geschmacklosigkeit der Titanic in nichts nach. Diesmal bekommt der Verfassungsschutz sein Fett ab.

Aus gegebenen Anlass werden in dieser Ausgabe alle Penis-Verkaufstellen in Bamberg, Schweinfurt, Würzburg und Zeil porträtiert. Denn am 27.02.2012, so steht es dort geschrieben, kann der  Penis auf 25 kosmische Jährchen zurück schauen. Laut eigener Einschätzung sind sie damit „nach Maximum Rock’n’Roll (USA) und Trust (D) das drittälteste Musik-Fanzine der Welt“. Aber da wird die Rechnung ohne das  Bad Alchemy gemacht, das sich ganz und gar nicht um Punk Rock kümmert und dessen Erstausgabe 1985 erschien und immer noch auf Papier veröffentlicht wird. Egal. Aber ähnlich wie das zuletzt genannte Würzburger Fanzine hat auch Der kosmische Penis zuerst Cassetten und später CDs herausgebracht (allerdings immer separat erhältlich, nicht als Beigabe). Hier wurde so manche Perle der regionalen Musikszene veröffentlicht und die Highlights des alljährlichen Grand Prix De La Chanson De Penivision dokumentiert. Und noch eine klitzekleine Schnittmenge hat Der kosmische Penis mit Bad Alchemy: hier durfte Frank Apunkt Schneider seine „Notizen eines King Crimson-Ironikers“ frei heraus schwurbeln – jetzt schreibt er für Testcard sowie Skug und hält Vorträge über Kunst und Sacro-Pop (nachdem er zwischendurch für Bad Alchemy ein paar ausführliche Reviews geschrieben hatte). Nach Heft 53 reichte es ihm.

Einer der Penis-Macher namens Gerald J. Günther aka Dr. T und ehemaliger Bassist der schon lange nicht mehr existierenden Band The For Presidents ist auch für den 1984 erschienenen Obereuerheimer Cassetten-Sampler „Halsteufel haben keine Chance mehr“ verantwortlich. Und auf seinem Cassetten-Label OH! wurde seinerzeit auch ein Tape von The Suzie Cream Cheese veröffentlicht. Auch so eine kurzlebige Band, die es immerhin zu einer LP-Veröffentlichung auf Glitterhouse Records gebracht hat. Ko-Chef-Redakteur Wolle Hanke arbeitet (glaub ich) in Würzburg beim Rundfunk und so wundert es nicht, daß ein paar wenige Male ein gewisser Achim 60 Bogdahn (of Zündfunk Fame) zu Gast in diesem Fanzine war, und zwar als Mit-Autor eines Berichts von einem isländischen Musikfestival. Ehrensache, daß sie auch im Penis-Museum in Reykjavik zu Besuch waren!

Mit folgendem Song wünsche ich dem selbsternannten Organ der freien Jugend alles Gute zum 25. Jubiläum. Cheers! Freue mich schon auf Heft 80!

Wolfgang Müller – Penismuseum Reykjavik

Da dieses Fanzine keine Internetpräsenz besitzt, hier Dr. Teebeutels Mail-Adresse. Dort kann man Hefte, Abonnements und T-Shirts bestellen: kosmischerpenis@freenet.de

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Guter Abzug

Januar 21, 2012

In der Hamburger Hoheluftchaussee stehen seit einiger Zeit etliche Ladenlokale leer. In einem ehemaligen gelb gestrichenen Sonnenstudio hat sich jemand wohl einen Spaß daraus gemacht, den Leerstand mit gelben Sachen aufzufüllen. Los ging es mit ein paar wenigen Dingen wie einem Schwimmreifen. Mit der Zeit kam immer mehr Gelbes hinzu und auch ein Zettel an der Tür, der darüber aufklärt, dass es sich hier um eine Installation von Loorbeer-Raumkunst handelt. Sachspenden und Leihgaben, mit denen dieser Raum bis 21. März 2012 gefüllt werden soll, sind gerne willkommen.

Heute laufe ich nichts ahnend an diesem Schaufenster vorbei und stolpere sozusagen über diese – natürlich gelbe – Schachtel mit dem Aufdruck „GUTER ABZUG – eine dokumentation der neuen deutschen musik“. File under: Sammlerstück. Der Karton sieht nicht gerade gut erhalten aus und auch seine inneren Werte kommen hier garnicht zum Ausdruck. Der ursprüngliche Inhalt dieser Box: Fotos von ar/gee gleim, Fanzine-Auszüge, Songtexte, Poster und eine Flexi-Disc.  Daran beteiligt waren neben dem Fotografen noch Peter Glaser, Karin Dreier, Susanne Wiegand sowie Xao Seffcheque und Jürgen Engler. 1982 war diese Dokumentation sogar auf der Documenta (wo auch sonst…) in Kassel zu sehen. Später, als Punk und New Wave reif für’s Museum waren, wurden einige Fotos von Richard Gleim auch in der Ausstellung „Zurück zum Beton“ in der Kunsthalle Düsseldorf (7. Juli bis 15. September 2002) gezeigt.

Da wird also wahre Kunst in einer provinziell anmutenden Installation versteckt!?

Mehr über Guter Abzug kann man bei Wikipeter oder Wikihorst nachlesen:
m.wikihost.org/w/sturclub/abzuggut

Der Katalog zur Ausstellung „Zurück zum Beton“ ist laut Museums-Website leider vergriffen.

Hollow Punk

Dezember 5, 2011

Hollow Skai:
Punk – Versuch der künstlerischen Realisierung einer neuen Lebenshaltung.
(Sounds-Buch)

Schon 1980 versuchte Hollow Skai in diesem Buch etwas von dem Drive des Punk für die Nachwelt festzuhalten. So spricht Hollow quasi aus den Herzen der Scene, und wenn man es nicht zweimal liest, glaubt man es nicht: Es war seine Magisterarbeit, in der er (wissenschaftlich-) analysierende Prosa mit dem LayOut eines Fanzines verband und den eigentl. Punk als Ausbruch aus der Langweile Mitte der 70er charakterisierte.

Gleich zu Anfang des Buches zerstört Hollow Skai jede Hoffnung auf ein ‚Happy End‘. Sämtliche Thesen zur Festlegung des Begriffs ‚Punk‘ werden über den Haufen geworfen, um am Ende zu dem Schluß zu kommen, Punk sei immer mehr als… . Seine Festlegung bedeute seinen Tod. Daher jedoch erörtert Hollow von den SEX PISTOLS in England über Fanzines, etc. bis zu Art Attaks in Amerika, alles was irgendwie mit Punk zusammenhängt. Dies geschieht in umfangreicher Form, ist wegen des abwechslungsreichen Schreibstils aber nie ermüdent. Auch die Reaktion der öffentlichen Presse kommt in vielen eingefügten Original-Artikeln nicht zu kurz und wirkt bisweilen grotesk bis erheiternd. Besonders gut gefallen mir die Artikel über Fanzines und der Anhang „Der destruktive Charakter“ in dem nocheinmal sämtliche (polit.) Schablonen zerstört werden und der Mensch und seine Kultur als einziges übrig bleibt.

Kein Buch über Punk, sondern ein Buch der Punk-Scene für Leute, die’s nicht (von Anfang an) miterlebt haben und es trotzdem ‚verstehen‘ wollen. Aber natürlich auch für andere.

Erhältlich leider nur noch in der Stadtbücherei; dort aber im ‚Sonderangebot‘: Entweder kostenlos (nicht weitersagen!!) oder für 13,20 dm (66 Verkleinerungen).

cl.g.

Dieser Text stammt aus dem 4. Heft des Würzburger Fanzines Oi Oi Oi! (später 10.15 bzw. 10.16 Megazine), erschienen im Juli 1984.
Autor: Claus-Georg Pleyer

Du verstehts uns nicht

Oktober 19, 2011

Die Aeronauten: Too Big To Fail / Zementgarten
(7“, Picture Disc, Ritchie Records, 2011)

Von den Die Aeronauten aus der Schweiz gibt es übrigens eine neue, farbig bedruckte Single.

Auf Seite 1 kommen sie verhalten daher, mit zurückhaltenden Drums, akustischer Gitarre, schöner Orgel und Olifr. M. Guz entschuldigt sich für seine Fehler. Für was genau weiss man nicht – und der Rest der Band singt background und pfeift sich einen. Hat also garantiert nichts mit Bankenkrise und Systemrelevanz zu tun.

Auf der anderen Seite rockt die Band wieder, die Bläser dürfen endlich in ihre Hörner stoßen (und nicht nur pfeifen), Bass und Gitarre riffen fein vorwärts. Auch hier ist der Text etwas fremdartig. Was wird da vom Todesplaneten Morta gesungen? „Du verstehst uns nicht“, gibt man dem Zuhörer zu verstehen. Es riecht seltsam. Aber die Musik ist wie immer gut.

Ist da etwa eine neues Album unterwegs?
Würde mich freuen.

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R.A.F.G I E R

Januar 9, 2011

v.l.n.r.: Eni, Rolle, Wolfgang, Ralf

Folgendes Interview führte F.W. Ernstfall (später auch Blank Frank genannt)  mit Ralf Plaschke. Es erschien Ende 1985 im 10.15 Megazine, edit six.

Zu den interessantesten deutschen Punkbands gehört zweifelsohne die Münsteraner Formation R.A.F.GIER.
Sie spielen nicht nur guten, sondern auch abwechslungsreichen Punk, Punk wie im Ernstfall, der das Gespräch mit ihnen suchte und fand, schätzt.

Vor kurzem kam eine neue Single von R.A.F.GIER heraus. Auf Seite 1 ist der alte QUEEN-Heuler „Sheer Heart Attack“ in einer Neubearbeitung der vier Münsteraner zu hören. Sehr schnell gespielt – gefällt gut. Auf der B-Seite ist das Stück „Lois“ zu hören. Es ist mehr in der 77er Punkspielart gehalten und erinnert mich etwas an die U.K.SUBS, Besonders nett finde ich auch die Single-Beigabe, einen Flaschenöffner mit original R.A.F.GIER-Schriftzug.

Ich habe mich jedenfalls mal näher mit dieser Band beschäftigt und habe dem Ralf, Sänger und ‚Sprachrohr‘ von R.A.F.GIER einige Fragen gestellt. Hier nun also das beliebte Frage-Antwort-Spiel:

FW: Also, wer ist R.A.F.GIER?
R: R.A.F.GIER ist: Eni (Bass), Rolle (Gitarre), Wolfgang (Schlagzeug) und Ralf (Gesang) sowie alle am Background-Gesang.

FW: Seit wann gibt’s R.A.F.GIER?
Die Idee und der Name entstanden so Herbst bis Ende 1980, eigentliches Gründungsdatum (= erste Probe) ist der Februar 1981, seither gibt es die Band in der immergleichen Besetzung.

FW: Welche Produkte kann mnan von Euch bisher erstehen und was ist für demnächst geplant?
R: Bisher gibt es eine Split-LP, die wir uns mit den CHANNEL RATS aus Hamburg teilen, eine Single mit R.A.F.GIER-Flaschenöffner sowie jede Menge Beuträge zu Cassettensamplern, auch welche aus USA, Frankreich, Holland u.a.m. Demnächst ist eine neue, erste komplette LP geplant, die im Juli im MITTEK-Tonstudio aufgenommen wurde und im Herbst erscheinen wird.

FW: Was macht für Euch den Punk zum Punk?
R: Mann, die Frage ist echt ’n Hammer. Ich fürchte, dass es jetzt etwas ausführlicher werden wird.
(Anmerkung: Das wurde es dann auch und ich will hier nur das Wichtigste von Ralfs Antwort wiedergeben – FW).
Für mich heißt Punk, konsequent sein Leben zu leben, unabhängig von irgendwelchen Normen und/oder Erwartungen anderer. Das bedeutet aber, dass man selbst tolerant sein muss, denn man kann nicht etwas verlangen und durchsetzen versuchen, was man anderen nicht zubilligt. Hier liegt der Punkt im Punk, der mir von Anfang an missfiel. Bestandteil der allgemeinen Punk-Szene war es schon immer, sich über andere, anders aussehende, anders denkende und handelnde lustig zu machen, solche herunterzuputzen. Sowas ist genauso bescheuert wie das Verhalten der vielgeschmähten Spießer, ja es ist spießig. Meine Vorstellung von Punk ist also eher eine absolute Demokratie, deren Grenze für den einzelnen durch die Tatsache gesetzt sind, dass er seine Freiheiten anderen genauso zubilligen muss, deren Freiheit zu achten hat. Aber das ist alles sehr theoretisch.

FW: Wo spielt Ihr am liebsten?
R: Am liebsten spielen wir vor Leuten, denen unsere Musik Spaß macht und die das auch zeigen/hören lassen.

FW: Was stinkt Euch und was mögt Ihr?
R: Noch so’n schwerer Brocken. Ich antworte wieder nur für mich und da wäre die bereits angesprochene Intoleranz, Gewalt gegen andere und sicher noch mehr, das mir jetzt nicht einfällt. Ich mag Liebe, Sex mit dem Mädchen, in das ich verliebt bin, Abreagieren ohne andere zu belasten, nette Leute kennenlernen bzw. kennen, Post, gelegentlich betrunken sein, Musik, Musik, Musik… Ich mag das Leben.

FW: Wie würdet Ihr selbst Eure Musik charakterisieren?
R: Eigenständige, abwechslungsreiche Punkrockmusik mit dem Versuch, Klischees in Text und Musik zu vermeiden.

FW: Habt Ihr musikalische Vorbilder?
R: Vorbilder im Sinne von „eine Musik, wie die und die möchte ich machen“ haben wir nicht, unsere Stücke entstehen als rein R.A.F.GIER-interne Angelegenheit, doch gibt es natürlich Sachen, die uns beeinflusst haben. Dazu zählen sicherlich die DEAD KENNEDYS, BAD BRAINS, frühe englische Punkbands und ansonsten jede andere Musik, die gefällt.

FW: Was haltet Ihr von Alkohol?
R: Einem gelegentlichen Umtrunk sind wir nicht abgeneigt. Mag es nun doof, vernünftig oder was auch immer sein, angemessen häufig saufen bringt Fun und lässt den Alltag vergessen. Was dabei angemessen bedeutet, muss jeder selbst wissen.

FW: Was haltet Ihr von Tierversuchen?
R: Ohne Tierversuche würden wahrscheinlich heute noch viele Menschen an irgendwelchen, mittlerweile harmlosen oder gar längst ausgerotteten Krankheiten sterben, andererseits finden viele Tierversuche wohl nur statt um Luxusgüter (z.B. Kosmetika) zu produzieren und solche Versuche sind unsinnig. Ich glaube, dass es jetzt gilt die Tierversuche auf das Unvermeidliche zu reduzieren.

FW: Seid Ihr politisch?
R: Alles ist politisch, folglich sind auch wir politisch. Falls Du Parteien, Demos und ähnliches meinst: Sowas halte ich für Volksverarschung, Alibishow und somit interessiert es mich nicht. Ich versuche allerdings die Geschehnisse zu beobachten.

FW: Würdet Ihr gerne mal in der DDR spielen?
R: Natürlich würden wir gerne und wir werden auch versuchen, das zu verwirklichen. Zumindest in Ost-Berlin ist vielleicht  eines Tages ein heimlicher Gig möglich.

FW: Welchen Stellenwert hat für Euch Geld?
R: Geld ist ein Mittel, ein Gegenstand um dessen Benutzung und Bedeutung man nicht herumkommt. Eine gute Anlage, ein guter Proberaum, Porto, Telefon, Bier, Benzin…., alles Dinge, die man braucht, um ungehindert so weitermachen zu können, wie man das möchte. Alles Ausgaben, die nur der Erhaltung und Weiterbetreibung der Band dienen, kein Gewinn. Dieses Geld muss mindestens da sein. Durch Gigs, Plattenverkauf und vor allem Jobben kommt es zusammen, wobei man mehr Geld braucht, je mehr die Sache wächst. Der Endpunkt wäre ein Leben als Profimusiker, wo man auch noch seinen Lebensunterhalt durch Musik verdienen  muss. Bis zu diesem Punkt ist Geld wichtig, wenn es darüber hinausgeht, ist es mir ziemlich egal. Ich hätte nichts gegen ein dickes Bankkonto, denn mit viel Geld könnte man viel machen, was auch anderen zu gute käme, doch ich lege es nicht auf ‚Reichtum‘ an.

FW: Letzte Frage: Wollt Ihr berühmt werden? – Ehrlich!
R: Zum Schluss noch ein Überraschungsei. Echt schwierig zu beantworten, denn auch Ruhm hat verschiedene Seiten. Grundsätzlich glaube ich, dass jeder, der sich mit seinem Schaffen in die  Öffentlichkeit begibt, automatisch zu Ruhm kommt. Ruhm beginnt bereits, wenn nur eine Person, die du nicht persönlich kennst, sich deinen Namen gemerkt hat, sich eine Meinung gebildet hat. Wer als Band/Musiker sagt, er wolle nicht berühmt werden, lügt. An die Öffentlichkeit gehen, viele Gigs spielen, Platten machen wollen bedeutet alles „Ruhm“. Wir wollen also berühmt werden im Sinne von bekannt und beliebt, auf jeden Fall aber im Sinne von registriert werden. Wir wollen dem Zuschauer bzw. Zuhörer nicht egal sein. Er soll sich zumindest eine Meinung bilden, uns beschissen oder gut finden. Diese Form von Ruhm suchen wir.

Das Wort zum Punktag sprach: Hobbypsychologe und -philosoph, Chef-Ideologe, Vernunftmensch, ‚Euer Geld ist unser Geld‘-Hälfte und R.A.F.GIER-Sänger Dr. DER Ralf.


Abschrift aus 10.15 Megazine edit six, 1985
Die damalige Doppelseite als PDF-Datei:
Rafgier_1015_Megazine_6_1985

 

Oh Boy!

Oktober 21, 2010

Boy Division – Ill
(2001 / 2010, damals CD, jetzt LP, damals Fidel Bastro, jetzt Slowboy)

Die erste Compact Disc „Ill“ (schaut aus wie römisch Drei, meint aber englisch krank) der Hamburger Band Boy Division gibt es nun auch auf Vinyl – in einer schön gemachten Ausgabe. Der grau gefärbte Karton ist ein haptisches Erlebnis. Das Design lehnt sich still an Tonträger einer Band namens Joy Division oder so ähnlich an. Hat man die Banderole, auf der drei verschieden große Megaphone abgebildet sind, entfernt, kann man die äußerst stabile Plattenhülle aufklappen und ein großformatiges Portrait des Sängers im groben Raster kommt zum Vorschein. Siebdruck-Cover sagt der Fachhandel dazu. Aber nicht nur der Sänger trägt gerne Krawatte, nein, auch die anderen Mitglieder der Boy Division bevorzugen dunkle Hosen, weiße Hemden und schwarze Krawatten. Sehr stylish. Im krassen Gegensatz dazu steht ihre Musik. Der Sänger schreit ins Megaphon, der in gebückter Haltung stehende Schlagzeuger haut auf verschiedene blecherne, auf einen Barhocker montierte Gerätschaften ein, Bass und Gitarre klingen kernig und rotzig. Manchmal scheint auch ein primitives Tasteninstrument mit von der Partie zu sein. Dabei ist Boy Division „nur“ eine Cover-Band, aber eine der noisigsten ever. Da wird eine geschmackvolle Auswahl an Post Punk New Wave Klassikern ebenso wie Hits der 70er, 80er und 90er Jahre einer gnadenlosen Behandlung unterzogen. Erst bei „That‘s Entertainment“ werden die Herren etwas sanfter. Und dann ist die Platte schon zu Ende. Das ist das genaue Gegenteil des James Last Party Sounds. Ziemlich klasse!

Für Fans uns Sammler sei erwähnt, dass im Vergleich zur digitalen Erstausgabe ein Song fehlt und zwei hinzugekommen sind.

www.boy-division.de
www.slowboy.de
www.fidel-bastro.de