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Free The Jazz!

Januar 9, 2012

Notizen vom TAKTLOS-Festival 2006

Im Mai 2006 fand in der Roten Fabrik in Zürich das 23. Taktlos-Festival statt. Man könnte es der Einfachkeit halber als Jazz-Festival bezeichnen – aber eines der wirklich interessanten Sorte, das diesmal eine Bandbreite von Neuer Musik bis hin zur Freien Improvisation aufweisen konnte. Experimentelle elektronische Musik oder Turntableism, sonst nichts ungewöhnliches in diesem Rahmen, blieb diesmal allerdings außen vor.

Eröffnet wurde Taktlos 2006 mit Klassikern der sogenannten Neuen Musik. PETRA RONNER und CLAUDIA RÜEGG, beide am Flügel, spielten je eine Komposition von John Cage und George Crumb. „Three Dances“ für zwei präparierte Flügel bestacht durch seinen typischen Cage-Sound, der mich an exotische Gamelan-Musik erinnerte. Erfrischend, solche alte Neue Musik wieder einmal zu hören. Für „Celestial Mechanics“ wurde ein Flügel beiseite geschoben und der andere wieder ent-präpariert. Jetzt wurde vierhändig gespielt – stellenweise durfte der Page Turner mit ins Geschehen eingreifen. Dies ist durchaus wörtlich zu verstehen, nämlich ins Innere des Piano. Harfenklänge und vereinzelte Klopfgeräusche wurden so diesem Instrument zusätzlich entlockt. Zur Klangverfremdung wurden auch gerne mal Eisenstangen im Inneren plaziert. Diese Spielweise konnte man auf diesem Festival auch noch bei anderen PianistInnen des mehr oder weniger freien Jazz beobachten.

Laut Programmheft kommt die Vokalistin FRANCOISE KUBLER unter anderem auch aus dem Bereich Neue Musik, hat aber im Zusammenspiel mit der Pianistin IRÈNE SCHWEIZER die grüne Grenze in Richtung Improvisation überschritten. Beide schienen gut aufeinander eingestellt zu sein, so gut hat das zusammen gepaßt, was da so improvisiert wurde. Schweizer spielte den für sie typischen, recht perkussiven Klavierstil. Kubler sang im polylingualen Kauderwelsch vermutlich Sinnfreies daher und besang auch den roten Wein. Auf mich wirkte sie wie eine operettenhafte, jüngere Maggie Nichols ohne deren esoterischen Einschlag. Kubler konnte faszinierenderweise sogar bei Schweizers Stakkato-Rhythmen vocal mithalten und bekam gerade noch die Kurve um nicht im selbstverliebten Scat-Gesang zu enden. Ab und zu spielte sie auch mit Rahmentrommel, Daumenklavier, knisternder Folie oder Dosen, die Tierlaute von sich geben. Und als Irène Schweizer wieder einmal das Innere des Flügels erforschte ließ Francoise Kubler es sich nicht nehmen ebenfalls nach dem rechten zu schauen und dort hinein zu singen. Eine kurzweilige Angelegenheit!

Ebenfalls zu zweit traten die Urgesteine WADADA LEO SMITH und GÜNTER SOMMER auf. Das erweiterte Schlagzeug des letztgenannten nahm viel Platz auf der Bühne ein mitsamt Pauke, Gong, klingenden Röhren und vielem mehr. Das faszinierende an Sommer ist, daß sein Spiel gut klingt – egal auf was er einschlägt. Selbst wenn er im irren Tempo Blech und Eisen bearbeitet so daß die Funken sprühen: es klingt nicht nach Schrott! Selbst einem Sprungkasten aus dem Schulsport kann er Wohlkang entlocken. Smith scheint das nicht allzu sehr zu beeindrucken. Er spielt seine coole, elektrifizerte und teils mit Effekten versehene Trompete eher flächig, fast schon a-rhythmisch.

Ganz alleine eröffnete NOËL AKCHOTÉ den zweiten Festivaltag. Sein dem legendären Sonny Sharrock verschriebenes Programm steigerte sich vom fast akustischen, unverzerrten Stück über gemäßigt-eruptive Sharrock-Hommagen zu einem geräuschhaften Finale. Obwohl er nur mit Gitarre samt Verstärker und wenigen Effekten arbeitete, ließ er mit diesen wenigen Mitteln ein spannendes, sich ständig veränderndes Klangbild entstehen. Teils huldigte er Sharrock, teils griff er dessen Blues-Wurzeln auf. Effektgeräte (wenn‘s denn mehr als eines war) wurden nur sehr sparsam eingesetzt und dann sogar per Hand bedient. Für Effekte machte Noël Akchoté keinen Zehen krumm. Zuletzt wurde die halbakustische gegen eine E-Gitarre getauscht – und ohne eine Saite zu berühren entlockte Akchoté dem System Gitarre-Verstärker-Effektgerät wohlgesetzte Geräusche, nur durch Betätigen der Kipp- und Drehschalter, durch Berührungen des Korpus, manchmal auch mit dem feuchten Finger. Ein Stück, das er kleinlaut dem Ende letzten Jahres verstorbenen Derek Bailey widmete.

Sonny Sharrock hatte in der Allstar-Band Last Exit auch mit einem Saxophonisten namens Brötzmann zu tun. Dieser durfte mit seinem international besetzten PETER BRÖTZMANN CHICAGO TENTET das Festival zu einem wunderbaren Ende bringen. Wobei Chicago in diesem Falle nicht nur in USA liegt, sonder auch in Deutschland, Schweden und Norwegen. Zumindest kommen die Musiker dieser Formation aus diesen Ländern. Die Besetzung liest sich wie ein Who Is Who der aktuellen Free Jazz Oder Wasauchimmer Szene: Johnnes Bauer, Mats Gustafsson, Per-Ake Holmlander, Fred Lonberg-Holm, Kent Kessler, Joe McPhee, Paal Nilssen-Love, Ken Vandermark, Michael Zerang und natürlich Peter Brötzmann himself. Zwei Schlagzeuger, ein Bassist und ein Cellist teilten sich mit einer Überzahl an Blasinstrumenten die Bühne und ließen es geradezu rotzig rocken. Beim Finale – als alle gleichzeitig spielten – kam es mir so vor als ob Speed Metal und Free Jazz nahe Verwandte wären. Diese Energie, die da von der Bühne kommt, bläst einem schön die Ohren durch. Aber es gab zuvor auch weniger heftige Momente. Johannes Bauer sorgte solo für einen kurzen, geradezu lyrischen Moment. Und auch die Nicht-Blasinstrumente bekamen ihre Freiräume, ebenso wie die anderen Musiker, die sich in immer wieder neuen personellen Kombinationen musikalisch äußern durften. Hier herrschte eine Spielfreude vor, die sich auch dann zeigte, wenn ein gerade mal nicht spielender Musiker dem Vortrag seiner Kollegen mit einem Lächeln im Gesicht folgte. „Free The Jazz“ war auf dem T-Shirt von Mats Gustafsson zu lesen. Genau, befreit den Jazz von Leuten, die ihn allzu ernst nehmen!

Aus den Niederlanden reisten zwei jeweils siebenköpfige Formationen an, denen etwas mehr Kraft und Spielfreude gut zu Gesicht gestanden hätte. Zum einem war dies Cor Fuhler mit seinem CORKESTRA (bestehend aus zwei Schlagzeugen, Flöte, Saxophon, Bass, Klavier, Electronics und einem Cimbalon, das mich an eine Art Hackbrett erinnert hat). Auf und abschwellender orchestraler Jazz, etwas seelenlos vom Blatt gespielt. Der voluminös-verzerrte Sound der Keyboards beschwörte den Geist eines Sun Ra. Zum anderen war dies Peter van Bergen mit seiner Formation LOOS (inklusive zweier afrikanischstämmiger Musiker an Gitarre und Percussion). Unter dem Motto „Loos plays the Magrebh“ gab es hier eine wenig interessante Mischung aus nordafrikanischer Musik und europäischem Jazz zu hören, die sich nur schwerfällig bewegte.

Wo der Bartel den Most holt zeige dagegen AKI TAKASE mit ihren „gut aussehenden“ Jungs: Paul Lovens, Rudi Mahall, Thomas Heberer und Eugene Chadbourne. Diese ließen die goldene 20er Jahre, Ragtime, Vaudeville und so, aufleben. Oder hauchten dieser Periode mit Preßluft wieder Atem ein. Kompositionen von Fats Waller (aber auch von W.C. Handy) wurden gespielt. Allerdings nicht ohne zu vergessen, daß man eigentlich vom Free Jazz der 70er Jahre kommt. Und alles unter der Führung von Energiebündel Aki Takase, die auch gerne mal mit dem Unterarmen auf die Tasten haut oder irgendwelche Gegenstände ins Innere des Flügels legt. Und als einzige Künstlerin des Festivals kurze Ansagen zwischen den Stücken machte. Lovens brachte seinen kleinen Drumset zum knarzen. Die Bläser genossen ihre Freiheit. Rudi Mahall immer mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht. Und Eugene Chadbourne sang ab und zu einen Song und spielte Banjo sowie Gitarre, schön versteckt im Hintergrund sitzend. Alles mit einer Lust an der Musik gespielt, dass es eine wahre Freude war. So lasse ich mir alte Jazz-Legenden gerne näher bringen.

Guido Zimmermann
im Mai 2006

First published in Bad Alchemy 51

www.badalchemy.de

Irène Schweizer

Februar 7, 2010

A Film by Gitta Gsell
(Reck Filmproduktion / Intakt DVD 121)

Der Titel verrät es schon: hier handelt es sich um einen Dokumentarfilm über die Jazz-Pianistin – und nicht zu vergessen Schlagzeugerin – Irène Schweizer (*1941). Weltpremiere hatte dieser Film im Herbst 2005 in Luzern, am gleichen Oktober-Wochenende als Schweizer innerhalb der Konzertreihe ‚Director‘s Choice‘ zu einem Solo-Konzert ins Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL) eingeladen war, das von Radio DRS 2 live übertragen wurde. Eine Würdigung ihres langjährigen musikalischen Wirkens, dem meinem Empfinden nach im großen Konzertsaal des KKL mehr Hochkultur- als Jazzfans beiwohnten. Trotzdem gab es lang anhaltende Standing Ovations – das würde in der Roten Fabrik nicht so schnell passieren, obwohl man ihre Musik an letzterem Ort vermutlich ernsthafter zu würdigen weiß.

Der Film zeichnet in einer geschickten Montage von jetztzeitnahen Interviews mit der Künstlerin und ihren Wegbegleitern (Musiker, Verleger, Freunde), altem Archivmaterial und neuen Live-Aufnahmen ein Portrait einer der wichtigsten PianistInnen der europäischen improvisierten Musik. Durch Studenten, die im Gasthof ihrer Eltern musizieren, kommt Irène im Alter von 12 Jahren mit Dixieland-Jazz in Berührung. In den 1960er Jahren gewinnt sie mit ihrem Irène Schweizer Trio den ersten Preis bei einem Amateur Jazzfestival, zusammen mit Mani Neumaier und Uli Trepte. Die 70er Jahre sind auch in der Schweiz eine wilde, vom politischen Aufbruch geprägte Zeit. Schweizers Musik radikalisiert sich – eine Reaktion auf die politische Lage. „So eine brutale Zeit erfordert brutale Musik“, sagt dann auch Jost Gebers (vom FMP) in die Kamera. In diese Zeit fällt auch Schweizers Engagement in Musikerkooperativen und der Emanzipationsbewegung sowie der Homosexuellen Frauengruppe (HFG). All dies wird nicht streng chronologisch erzählt, so werden die Verbindungen zwischen den „alten Zeiten“ und dem Hier & Jetzt deutlich gemacht. Mit dem Perkussionisten Louis Moholo, den sie in den Sechzigern als Mitglied der im Zürcher Club Africana gastierenden Blue Notes kennenlernt, geht sie 2003 auf Südafrika-Tour. Diese wird auch in diesem Film dokumentiert. Mit den durchaus schönen Afrika-Bilder (und auch den Schwimm- und Unterwasserbildern zu anderen Gelegenheiten) schweift die Kamera leider etwas vom musikalischen Thema ab. Mit der Formation Les Diaboliques, die aus der 1977 gegründeten Feminist Improvising Group hervorging, ist sie heute noch unterwegs – und irgendwie wirken Irène Schweizer, Maggie Nicols und Joëlle Léandre so als wären sie eine Freundinnen-Band.

Aber ich möchte jetzt nicht alles nacherzählen, was in diesem Film in kompakten 75 Minuten auf kurzweilige Art und Weise dargelegt wird. Ergänzend befinden sich auf dieser DVD noch zwei Live-Mitschnitte. Einmal Irène Schweizer zusammen mit Hamid Drake und Fred Anderson auf der Bühne des Jazzfestival Willisau 2004 (22 Minuten) sowie ein Jahr zuvor mit Han Bennink live im Moods Zürich (34 Minuten). Diese DVD sei nicht nur Intaktlos-Freaks empfohlen. Schließlich ist sie auch genau das Richtige für Leute wie mich, die andernorts als „Spätgeborene“ beschimpft werden. Und bitte nicht warten bis der Film irgendwann mal auf den Frequenzen der unterstützenden Sender Schweizer Fernsehen DRS oder 3Sat ausgestrahlt wird …

PS: Als Soundtrack zu diesem Film und als Irène Schweizer-Kennenlern-Album sei hier noch mal die in Bad Alchemy Nr. 48 auf Seite 32 so rigoros besprochene CD „Portrait“ (Intakt 105) erwähnt.

(geschrieben am 06. Juni 2006 für Bad Alchemy 51)