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Hard Travellin‘

Oktober 3, 2012

Barbara Mürdter: Woody Guthrie – Die Stimme des anderen Amerika
(Verlag Neues Leben, 2012, ISBN 978-3-355-01801-02)

Fast jeder kennt Woody Guthrie (1912 – 1967) ohne sich dessen bewusst zu sein – oder zumindest sein Lied „This Land Is Your Land“, fast schon eine alternative amerikanische Nationalhymne. In USA kann man dieses Lied in Schulbüchern finden und wenn man eine engagierte Englischlehrerin hatte, konnte man es vielleicht sogar in deutschen Schulen kennenlernen. Oder einfach so. Sogar Sharon Jones & The Dap-Kings haben anno 2004 eine Soul-Version veröffentlicht. Auch bei Barack Obamas Amtseinführung wurde dieser Song von Pete Seeger und Bruce Springsteen in seiner vollen Länge zum besten gegeben (zwei sozialkritische Strophen gerieten lange Zeit in Vergessenheit).

Aber trotzdem wußte ich nicht mehr über diesen Mann. In ihrem Buch „Woody Guthrie – Die Stimme des anderen Amerika“ zeichnet die Anglistin Barbara Mürdter, die auch www.popkontext.de betreibt, das Leben dieser Folk-Legende und Geschichtenerzählers nach. Anfangs spielte er in Oklahoma noch harmlose Hillbilly Music und war von der Carter Family ziemlich begeistert. Er war in mehreren Radio Shows zu hören und wurde erst relativ spät politisiert. Nach langer Odyssee landete Guthrie schließlich Anfang der 1940er Jahre in New York und durfte dort Platten aufnehmen und wiederum Radiosendungen machen. In dieser Stadt traf er dann auch auf Bewunderer wie beispielsweise Bob Dylan.

In dieser Biographie erfährt man auch so einiges über amerikanische Geschichte. Denn viele persönlichen Entwicklungen werden von politischen und anderen historischen Gegebenheiten beeinflusst. So provozierten menschgemachte Naturkatastrophen wie die „Dust Bowl“ Migrationsbewegungen. Auch Guthrie ist on the road und wird Zeuge des Elends. Anderes Beispiel: Auftrittsmöglichkeiten für kritische Musiker bei Gewerkschafts-Veranstaltungen werden Zunichte gemacht, als die ganze USA dem Kommunismus abschwören muss.

Ein paar Legenden rückt Mürdter zurecht: der illegal auf Güterzügen reisende Hobo war Woody Guthrie dann doch nicht so ganz. Er stammte aus einer eher bürgerlichen Familie, die sich allerdings auf dem absteigenden Ast befand. Und Autostopp war wohl auch ganz okay.

Näheres kann man in dem empfehlenswerten Buch von Barbara Mürdter nachlesen.

Und jetzt muss ich noch etwas Musik von Woody Guthrie nachhören.

Am 14. Juli 2012 wäre er 100 Jahre alt geworden.
Heute vor 45 Jahren, am 3. Oktober 1967 starb Woody Guthrie  an Chorea Huntington.

GZ,
02./03.10.2012

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Die wundervollen Sümpfe von Pornesien

März 17, 2011

Christian Keßler – Die läufige Leinwand
(live, Lichtmess-Kino, Hamburg, 03.03.2011)

Vor vierzehn Tagen war ich auf keiner Lesung, sondern bei einem freien Vortrag mit Filmschnipseln. Der Film-Journalist und Schreiber für „Splatting Image“ Christian Keßler stelle im Hamburger Lichtmess-Kino, einer kleinen industriellen Kathedrale des Lichts, sein neues Buch mit dem etwas seltsamen Titel „Die läufige Leinwand“ vor. Sein Verleger Martin Schmitz hatte dazu eingeladen. Eigentlich habe ich mich bisher noch nicht für amerikanische Hardcorefilme von 1970 bis 1985 interessiert, aber nachdem aus diesem Verlag so einige interessante Bücher kamen, konnte ich nicht Nein sagen und machte mich auf den Weg nach Ottensen.

Autor Christian Keßler, Jahrgang 1968, wirkt keinswegs wie ein Sex Dwarf, eher wie ein angenehmer Film Nerd, der mit einem zum „Winkelement“ umfunktionierten Stofftier dem Filmvorführer Zeichen gibt. Bei seinem Vortrag erzählte er wie er als ca. 13-Jähriger das erste Mal mit sexuell aufgeladenen Filmen in Berührung gekommen ist. Irgendwie schaffte er es damals dann auch, trotz Minderjährigkeit, heißen Stoff aus Videotheken zu schleusen. Damit war wohl das Fundament für eine ewige Vorliebe für solche Filme gelegt. Aber Keßler hat kein Interesse an  Sachen, wie sie heutzutage u.a. bei youporn laufen und die nur der schnellen Befriedigung dienen. In den 1970er Jahren war der amerikanische Schmuddelfilm ein wahres Experimentierfeld. Da wurde nicht ausschließlich zielorientiert kopuliert, sondern auch noch Geschichten dazu erzählt.

Schon das erste Filmbeispiel, welches Keßler eloquent vorstellte, verwundert. Da gab es eine Alice In Wonderland-Adaption, als Musical! Und die Leute unterhielten sich singend über Sexualität während des Aktes. Unglaublich. Auch andere Genres wurden damals herangezogen. So konnte man eine witzige, pseudo-wissenschaftliche Abhandlung zum Thema sehen, ebenso wie vollkommen surreale Filmszenen. Von amüsant bis absurd war da einiges geboten. Trotzdem waren die gezeigten Beispiele eher harmlos, fast schon jugendfrei.

Das Buch habe ich noch nicht gelesen. Es ist eher ein Nachschlagewerk, versammelt aber auch Interviews mit Dave Friedman, Eduardo Cemano, Howard Ziehm, Zachary Youngblood, Zebedy Colt, Annette Haven, Ann Perry-Rhine, Jamie Gillis, Bill Margold, John Seeman und Veronica Hart. Alles Namen, die ich bislang nicht kannte. Und ein gewisser Arzt namens Dirk Felsenheimer aka Bela B. hat das Vorwort geschrieben. Und Bilder sind auch abgedruckt in diesem Hardcore Hardcover Buch!

Christian Keßler ist weiterhin auf „Lese“-Tour. Ich kann nur empfehlen, diese Gelegenheit, eine vollkommen neue alte Filmwelt kennenzulernen, wahrzunehmen. So ein Abend ist nicht nur lehrreich, sondern auch sehr amüsant. Die Widmung,  die der Autor in mein Exemplar schrieb, gilt auch für Euch: „Viel Spaß beim Erkunden der wundervollen Sümpfe von Pornesien!“.

Weitere Termine:

17. März 2011, Kultursalon Roderich, Berlin
18. März 2011, Ilses Erika, Leipzig
24. März 2011, King Georg Klubbar, Köln
09. April 2011, Folge Eins, Wien
10. April 2011, Werkstattkino, München
29. Juni 2011, Initiative Bielefelder Subkultur e.V., Bielefeld

Näheres & weiteres siehe: www.martin-schmitz-verlag.de/Termine

Das Buch kann man direkt beim Verlag bestellen:
www.martin-schmitz-verlag.de