Posts Tagged ‘Wolfgang Müller’

Pechschwarzes Vinyl

September 12, 2011

Andreas Dorau – Todesmelodien
(CD / LP+CD / DL, Staatsakt, 2011)

Bereits 1992 hatte Andreas Dorau (*1964) Ärger mit der Unsterblichkeit (so der Titel seines damaligen Albums), vor ein paar Monaten erschienen seine zwölf „Todesmelodien“, die so garnicht traurig klingen, eher munter – auch wenn sie teilweise wirklich ernste Themen beinhalten. Durch den Tod seiner Mutter beschäftigte sich Dorau wohl mit Sachen wie Altenheim („Ausruhen“), Übergang zwischen Leben und Tod („Es war hell“) oder  Gedenken an die Verstorbenen („Edelstein“). Aber von einem Konzept-Album zum Thema Tod zu reden wäre nicht zutreffend. Denn es werden auch andere, durchaus diesseitige Dinge angesprochen wie „Inkonzequenz“, „Größenwahn“ oder „Neid“.  Aber er fragt auch, ob es die Natur wirklich so gewollt hat, dass das Federkleid eines Vogels die Farben der deutschen Flagge trägt. Das Lied „Single“ ist eine Ode auf das selbige Tonträger-Format – der Text kann aber auch bei weniger genauem Hinhören als Abhandlung des Alleinstehenden-Daseins von Leuten Mitte 40 interpretiert werden.

Bei der Produktion haben ihm so einige Freunde in Hamburg und Berlin geholfen. Wolfgang Müller (Die Tödliche Doris) hat ein paar Texte beigesteuert, Françoise Cactus (Les Lolitas, Stereo Total, Wollita) singt nebenbei mit, ebenso wie Inga Humpe (Neonbabies, 2raumwohnung). So manchen Track hat Mense Reents (Das Neue Brot, Stella, Die Goldenen Zitronen, Die Vögel) produziert und für nicht nur geblasene Wohlklänge sorgt Jakobus Siebels (Das Neue Brot, JaKönigJa, Die Vögel). Justus Köhncke (Whirlpool Productions), Moritz Reichelt (Der Plan) und Ebba Durstewitz (JaKönigJa) tauchen auch noch auf. Und Erobique sorgt für einen eleganten Abschluss dieses Albums. Um nur ein paar Namen zu nennen.

Da gibt es Lieder mit 70er-Jahre-Streicher-Disco-Arrangement (wie im gerade erwähnten Finale), aber auch ein minimalistisches, fast nur auf Rhythmus und Gesang reduziertes Stück. Flott kommt so manch anderer Track daher. Da sitzt jeder Ton, selbst Störgeräusche werden perfekt integriert. Klar wurde da so einiges elektronisch sequenziert und zusammengesampelt, aber dank verschiedener, in diesen Kreisen eher weniger genutzten Instrumenten wie Banjo, Posaune oder Tuba kommen angenehme Klangfarben ins Spiel. Bester Post Dancefloor Pop!

Irgendwie gefällt mir diese Platte immer besser. Würde mich nicht wundern, wenn sie in meiner Favoritenliste für das Jahr 2011 auftaucht…

Das Ganze gibt es übrigens auch gepresst „in pechschwarzes Vinyl“.

Hörproben:
Andreas Dorau – Stimmen in der Nacht
Andreas Dorau – Größenwahn

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Mutter 2011

Dezember 28, 2010

Es gibt nichts unoriginellere als am Jahresende einen Kalender für das kommende Jahr zu verschenken. Aber diesen habe ich mir selbst geleistet, denn in diesem Fall handelt es sich um ein besonderes Exemplar – um einen Pin-Up-Kalender des Westberliner Künstlers Max Müller, seines Zeichens Sänger der Gruppe Mutter. Aber er schreibt für Mutter nicht nur die Texte und singt, sondern spielt auch Gitarre und ist manchmal solo unterwegs. Hier hat er nun 13 Kalenderblätter – bis auf das vierfarbige Deckblatt alle monochrom gehalten – mit seinen im besten Sinne eigenartigen, primitivistischen Zeichnungen gestaltet. Ein gefundenes Fressen nicht nur für Mutter-Fans.

Bestandteil dieses Wandkalenders ist auch ein CD-Cover-Bastelbogen. Denn – und das ist die Überraschung – im Laufe des Jahres darf sich der geneigte Hörer und Kalenderbesitzer auch noch 12 bisher unveröffentlichte Muttermusikstücke („alte Nummern, Live-Aufnahmen, Mitschnitte aus dem Proberaum und ein Hörspiel“) herunterladen, jeden Monat eines. In einem Jahr wird dann die CD-R mit den Downloads gebrannt und ein Cover gebastelt. Ich bin sehr gespannt auf die einzelnen Stücke.

Hier die Playlist:
01 Ein kleines Stück Papier
02 Milch
03 Küss die Hand die dich schlägt
04 Zwischen Zeilen
05 Tag der Idioten
06 Heb dir deine Träne für jemand anders auf
07 Berlin
08 Filmmusik
09 Erlösung von oben
10 Samen für immer
11 Du bist nicht mein Bruder
12 Muttermal
Bonus Track:
13 Dietrich Diederichsen

Sichert euch die Restbestände!
muttermusik.de

Valeska

September 19, 2010

Wolfgang Müller – Valeska Gert: Ästhetik der Präsenzen
(Taschenbuch, Martin Schmitz Verlag, ISBN 978-3-927795-51-8)

Valeska Gert – Baby
(7“, Martin Schmitz Verlag, 2010)

Obwohl ich keine Ahnung von Tanz habe, finde ich dieses neue Buch von Wolfgang Müller (Die Tödliche Doris) sehr interessant. Denn hier stellt er nicht nur dar, welche Bedeutung Valeska Gert (1891 – 1978) für den Modernen Tanz hat, sondern auch den Einfluss auf ihn selbst und den Kreis der Genialen Dilletanten im Westberlin der frühesten 1980er Jahre. Müller selbst hat sie Mitte der 70er Jahre, als er noch in Wolfsburg wohnte, in einer Talkshow gesehen. Die Faszination an dieser Person scheint ihn bis heute nicht losgelassen zu haben. Aber auch Frieder Butzmann hat sie damals für sich entdeckt, was dazu führte, dass er einen Song mit dem Titel „Valeska“ aufnahm, eine Hommage an verschiedene starke Frauen (zu hören auf Butzmann & Sanja – Valeska / Spanish Fly / Waschsalon Berlin, 7“, Marat, 1979).

Auf dem Cover zitiert er eine kurze Passage aus Gerts Buch „Mein Weg“ aus dem Jahr 1931 (welches ergänzend als Anhang in Müllers Buch komplett mit abgedruckt wurde), die zeigt,  welche zukunftsweisenden Ansichten sie damals bereits hatte. Inspiriert durch neu aufkommende Technologien (z.B. Tonfilm)  brachte sie neue Elemente in den Tanz ein, der wohl fast schon Performance-Charakter hatte (bei dieser Gelegenheit kommt Müller auf das Thema Gebärdensprache zu sprechen, das ihn auch schon lange begleitet). Und auch das Konzept der Künstler-Kneipen, in den 1980ern gab es in Berlin beispielsweise das Kumpelnest 3000, hat Valeska Gert an verschiedensten Orten dieser Welt vorweggenommen. Und nicht nur das.

Parallel zum Buch wurde eine auf 400 Exemplare limitierte Vinyl-Single veröffentlicht. „Baby“ sollte in den 1960er Jahren bei der Deutschen Grammophon erscheinen. Aber anscheinend waren die damals entstandenen Aufnahmen immernoch zu revolutionär um veröffentlicht zu werden und sind verschollen. 2009 tauchte ein 40 Jahre altes Video auf und wurde vom ZKM in Karlsruhe digitalisiert. Die Tonspur kann man nun auf dieser Single hören: abstrakte, knurrige, mit Mund und Kehlkopf generierte Geräusche, Röcheln, Schreie. Ob Free Impro Vokalist Phil Minton auch mal so angefangen hat? Schade, dass man das dazugehörige Video und Gerts Mienenspiel nicht sehen kann. Aber im Buch wurde dies ja zumindest als schönes Daumenkino abgebildet.

Anlässlich dieser Veröffentlichung findet bis zum 6. Februar 2011 eine Ausstellung im Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart, in Berlin statt: Pause. Valeska Gert: Bewegte Fragmente
www.hamburgerbahnhof.de

Das Buch und die Schallplatte kann man direkt beim Verlag bestellen:
www.martin-schmitz-verlag.de

Leben heißt das Loch

September 12, 2010

Mutter live at Dockville Festival, Hamburg, 15.08.2010

MUTTER – Trinken Singen Schiessen
(CD / DoLP, Die Eigene Gesellschaft, DEG 006, 2010)

Schon das erste Lied dieses Albums zeigt, dass die Berliner Band Mutter immernoch keine allzu positive Sicht auf dieses Ding namens Leben hat. Dabei stammt der Text von „Loch“ ausnahmsweise nicht von Max Müller, sondern von Dieter Roth, einem Künstler, der ebenso wie Müllers Bruder Wolfgang, temporär auf Island aktiv war.*

Mutter blickt etwas genervt auf verschiedene Aspekte des Lebens, u.a. Liebe, Freiheit, Jung, Alt. Und auf Idioten, die einen dazu bringen sich selbst zum Idioten zu machen. In einem Lied geht es um das Verhältnis zwischen Wohltätern und Opfern. Eine Blasmusik-Version dieses Liedes am Ende des Albums nennt sich „Wohlopfer“. Dialektik ohne Ende.

Dabei bewegt sich Mutter musikalisch zwischen eher langsamen, manchmal malmenden Songs – ein Stück erinnerte mich entfernt an Bohren Und Der Club Of Gore, nur munterer sowie mit Gesang – und relativ flott und locker dahin gelegten, vermeintlichen Popsongs. Das Keyboard bringt stellenweise orchestrale Klangfarben mit ein in den von Gitarre, Schlagzeug und Bass dominierten Mutter-Klang. Aber es gibt auch eine seltsame Kinderstimme zu hören sowie feminine Background-Vocals, die – ba ba ba ba ba ba – eine gewisse Leichtigkeit in „Der Zug“ bringt. Gegend Ende ist sogar noch eine schöne akustische Gitarre zu hören. Es ist also durchaus für bunte Klangtupfer und Abwechslung gesorgt.

Wird wohl eine meiner Lieblingsplatten des Jahres 2010 werden.

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Anmerkung:
* Das ist nicht die erste Dieter Roth-Cover-Version dieser Band – auf der Compilation „Das Dieter Roth oRchester spielt kleine wolken, typische scheiße und nie gehörte musik“ wurde bereits „Warum ist das so?“ zu einem Song verarbeitet.

Hörproben: myspace.com/muttermusik

Mutter auf Tournee:
07.10.2010 Köln, Gebäude 9
08.10.2010 Trier, Exhaus
09.10.2010 München, 59 to 1
10.12.2010 Schorndorf, Manufaktur
11.12.2010 Weinheim, Café Central
16.12.2010 Hamburg, Hafenklang
17.12.2010 Husum, Speicher
18.12.2010 Wolfsburg, Hallenbad
(Quelle: www.muttermusik.de)

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Mutter – Trinken Singen Schießen

Juni 26, 2010

Manche Bands lassen sich etwas einfallen um ihre Platten selbst bzw. mit Hilfe ihrer Fans zu finanzieren. Die Berliner Band MUTTER gab im Dezember 2009 Schuldverschreibungen aus. Jeder Geldgeber erhielt eine nummerierte und signierte, im künstlerischen Tiefdruck hergestellte Grafik. Man konnte sogar unter drei Motiven wählen. Bis Ende März 2011 könnte man sein Geld wieder zurückfordern, aber wer will schon eine Radierung von Max Müller zurückgeben?

Schön zu hören, dass das Album „Trinken Singen Schießen“ wohl im August 2010 erscheinen wird. Am 5. August 2010 wird die neue Veröffentlichung live in Berlin gefeiert (siehe unten abgebildeten Flyer).
Weitere Termine siehe: muttermusik.de

Album Review siehe hier: Leben heißt das Loch

Elfen helfen

Mai 18, 2010

Der Islandliebhaber und Elfenforscher WOLFGANG MÜLLER hat es nicht nur geschafft uns zu Weihnachten 2000 die erste auch für Menschen sichtbare Elfenpost zu bescheren (in Form von vier in der taz erschienenen Zeitungsseiten), nein, ein paar Monate zuvor erschien auf einer CD-Maxi eine musikalische Huldigung seiner geliebten Elfen, Zwerge und Feen. In einem wunderbar eingängigen Synthie-Pop-Arrangement von und mit Sir Henry verkündigt er: „Ich hab sie gesehn’…“ (erschienen im Martin Schmitz Verlag Berlin, 2000). In einer besseren Welt würde dieser Song nicht in einer Kleinauflage erscheinen sondern als Superhit in der Heavy Rotation eines jeden Radiosenders zu finden sein. Für den Isländer in Euch gibt es diesen Song – ebenso wie ein Loblied auf den Wein – noch in einer isländischen Sprachversion.

Wolfgang Müllers Islandfaszination schlägt übrigens selbst dann noch durch, wenn er Geburtstagsständchen für Oswald Wiener singt. Auf der zu dessen 65. Geburtstag erschienenen Compilation „2:3“ (CD, Supposé Verlag Köln, 2000) ist Müller mit zwei Stücken vertreten, die etwas mehr an seine Vergangenheit als Mitglied von Die Tödlichen Doris erinnern als oben erwähnter Elfen-Popsong. Aber unter Mithilfe des Pianisten Sir Henry wird dennoch die Songform gewahrt, so daß trotz leichter musikalischer (aber genialer) Schräglage dank Repetition der immer gleichen Textzeilen ein gewisser Ohrwurmeffekt nicht ausbleibt.

PS: Auf der Frankfurter Buchmesse 2000 hat Wolfgang Müller seine Musik am Supposé-Stand ähnlich präsentiert wie hier:

(Wiederveröffentlichung; geschrieben im Dezember 2000 / Januar 2001 für Bad Alchemy 37)

3 Pop Bücher 1998

Mai 1, 2010

Pop-Literatur ist schon ein komischer Begriff. Wörtlich gelesen müsste er für populäre Literatur stehen – also für alles, was der Allgemeinheit zumindest vom Namen her etwas sagen müsste. Bei den Büchern, die hier nachfolgend eine Rolle spielen, handelt es sich allerdings um Literatur, die Pop-Musik zum Thema hat oder zumindest im Umfeld einer pop-kulturellen Praxis entstand, die auch mehr oder weniger aktuelle Pop-Diskurse aufgreift. Hier soll die Rede sein von Andreas Neumeister und von Thomas Meinecke, zwei (zufälligerweise) in München ansässige Autoren. Danach als Bonus noch kurz etwas über Herrn Wolfgang Müller.

Andreas Neumeisters Buch „Gut laut“ (Suhrkamp 1998) wird vom Verlag zwar als Roman geführt, hat aber meines Erachtens mit dieser Erzählform wenig zu tun. Eher handelt es sich hier um einen Gedankenstrom, der sich insbesondere um München und Musik sowie damit verbundenen Kindheitserinnerungen dreht. Es geht um The [Disco-] Sound Of Munich und das glamouröse München der 70er Jahre, aber auch um das München der Jetztzeit, in dem Leute wie DJ Hell leben und arbeiten. Unterbrochen wird dieser Gedankenstrom immer wieder durch z.B. Bildunterschriften – zu denen es keine Abbildungen gibt -, Auflistungen verschiedenster Dinge (darunter auch recht komplett wirkende, literarisch spielerisch verpackte Zusammenstellungen der Pseudonyme/Projekte von Aphex Twin oder Mike Ink) oder auch einfach mal einer leeren Seite (Stille im Sinne von John Cage?). Kompositionsprinzipien und Stilelemente, wie sie Neumeister auch schon bei seinem Vorgänger „Ausdeutschen“ (1994) verwendet hat, aber hier zum Thema Musik besser passen. Gerne wird soetwas mit der Tätigkeit eines DJs verglichen und in der Tat ist Neumeister auch als DJ und sogar als Hörspielautor unterwegs. Aber gab es soetwas ähnliches – okay, in radikalerer Form – in der Literatur nicht längst vor der Sampletechnologie und wurde damals Cut-Up genannt? Auf jeden Fall ist dieses Buch eine Freude für alle, die mit orange-schwarzen BASF-Cassetten und Lego-Bausteinen aufgewachsen sind und sich für Plastikmusik der 70er, 80er, 90er Jahre – also für Disco, New Wave, (Minimal) Techno und all dem Pop interessieren. Schöne Sache und ohne lästigen theoretischen Überbau.
Einzelne Textabschnitte aus „Gut laut“ fanden übrigens auch Eingang in die Hörspielproduktion „Prima leben und sparen“, die er zusammen mit Robert und Ronald Lippok von To Rococo Rot unter dem Projektnamen DOLORES im Jahr 1998 für den Bayerischen Rundfunk realisierte. Spätestens hier wird deutlich, dass diese Texte gut dafür geeignet sind, laut vorgetragen zu werden. Wen wundert es da, dass Neumeister 1996 den Sammelband „Poetry!Slam!“ zusammen mit Marcel Hartges herausgegeben hat…

„Tomboy“ (Suhr camp, 1998) von Thomas Meinecke wird ebenfalls als Roman kategorisiert, obwohl sich dieses Buch genauso wenig wie „Gut laut“ um die Pflege dieses Formates kümmert. Viel mehr reihen sich hier kurze Abschnitte aneinander, die wie Dreiminuten-Pop-Songs zusammen ein Konzeptalbum ergeben. In „Tomboy“ geht es um feministische Männer, um Frauen, die Frauen lieben, um Frauen, die Frauen lieben, die eigentlich Männer sind usw. usf. – gender troubles at it’s best. Das ganze spielt im Odenwald bzw. im lieblichen Heidelberg. Hier wird natürlich die Gelegenheit an Schopf gepackt, das dort ansässige Source Label mit ins Spiel zu bringen. überhaupt spielt Musik in diesem Buch eine nicht gerade kleine Rolle – mal reden die Protagonisten über irgendwelche Schallplatten oder Bands, die mehr oder weniger Bezug zum Thema haben. Für einen Vortrag von Judith Butler fährt man zwischendurch mal nach München. Ansonsten trifft man sich und diskutiert irgendwelche literarische Texte oder wissenschaftliche Quellen, auf die man als Philosophiestudentin gestoßen ist. Oder man liest sich gar vor (das Wort „man“ wurde von Thomas Meinecke übrigens ganz ausgemerzt und taucht in Tomboy auf keiner Seite auf. Politische Korrektheit bis ins Detail). Auf diese Weise werden verschiedenste Theorie- und Literaturschnipsel in dieses Buch hineingesampelt und anschließend mittels der mehr oder weniger agierenden Figuren zusammengehalten. Und zwischendurch gibt es noch ein paar banale Geschichten zu erleben, zu denen Meinecke bestimmt durch kleine Zeitungsmeldungen inspiriert wurde. Geschichten, die das Leben schrieb.
Mit der Frage „Warum kann ein Mann nicht lesbisch sein“ und dem Thema ‚Mark Twain in Heidelberg‘, das in diesem Buch auch kurz angeschnitten wird, hat sich Meinecke bereits vor Jahren in Liedform beschäftigt – zu hören auf der LP/CD „International“ von F.S.K. (1996, SubUp). Und den Titel „Tomboy“ trägt bereits ein im Jahr 1995 entstandenes Kunstwerk von Michaela Melián, der Musikerkollegin und Lebensgefährtin von Thomas Meinecke, das auszugsweise auch für das Layout des Schutzumschlages herangezogen wurde. Meinecke & Co. scheinen sich also schon länger mit dem Thema Gender zu beschäftigen. Im Katalogbuch zu Meliáns Ausstellung „Tomboy“ (1995) in der Kunsthalle Baden-Baden ist auch ein offensichtlich improvisierter Text von Thomas Meinecke und Thomas Palzer zu diesem Thema mit der Überschrift „I Gave My Cock A Woman’s Name“ enthalten. Und dieser Text fand wiederum Eingang in den Sammelband „Poetry!Slam!“. Der Kreis schließt sich. Die Welt ist klein. Hauptsache wir lassen die Kirche im Dorf.

Das Buch „Blue Tit – das deutsch-isländische Blaumeisenbuch“ des ehemaligen Mitglieds der Geniale-Dilletanten-Künstlergruppe Die Tödliche Doris wurde mindestens zwei Buchmessen lang als das bevorstehende neue Buch von Wolfgang Müller angekündigt und erschien letztendlich im Juli 1998 beim Martin Schmitz-Verlag. Vielleicht hat es sich vor allem durch die Übersetzung ins Isländische – das deutsch-isländische Blaumeisenbuch ist in der Tat zweisprachig gehalten! – verzögert. Oder lag es an den exzessiven Recherchearbeiten? Denn nahezu jede Kleinigkeit wird mit einer Fußnote belegt. Höhepunkt dabei sind die über zwanzig Anmerkungen zu Andreas Doraus Song „Blaumeise Yvonne“. Soviel übertriebener Fleiß läßt an Ironie denken.
„Blue Tit“ ist also kein Roman und schon gar kein Sachbuch zum Thema „Blaumeisen in Island“ – denn diese Meisenart gibt es dort garnicht – sondern ein alphabetisch geordnetes Sammelsurium zur isländischen Kultur. Und da packt Müller alles rein, was ihn so beschäftigt und interessiert. Das geht von Elfen über Flechten und Meisenknödel bis hin zu Islands einzigem Transsexuellen und anderen Obskuritäten. Diese einzelnen Sachverhalte werden teilweise in Art von Zeitungsreportagen dargelegt oder in Form von Interviews näher gebracht. Wobei einzelne Kapitel ja auch bereits tatsächlich in Zeitungen wie der Berliner taz veröffentlicht wurden. Desweiteren sind hier die schriftliche Dokumentationen eines Hörspiels sowie Auszüge aus einem Roman von Úlfur Hródólfsson enthalten, der offensichtlich mit Wolfgang Müller identisch ist. Trotz allem erfährt man viel Wissenswertes über Island und seine Seltsamkeiten, sollte diese Informationen aber am besten persönlich am Ort nachprüfen. Solche Schlitzohren wie Wolfgang Müller darf man nun mal nicht wörtlich nehmen, vor allem, weil da ein recht verschrobener Humor mitschwingt, der mit so ernster Miene dargeboten wird, dass unvorbereitete Menschen in Schleudern geraten könnten. Oder handelt es sich hier etwa doch um Kunst?

(überarbeitete Wiederveröffentlichung, geschrieben im Januar 1999 für Bad Alchemy)

typische Scheiße und nie gehörte musik

April 27, 2010

Various Artists:
Das Dieter Roth oRchester spielt kleine wolken, typische Scheiße und nie gehörte musik
(CD, intermedium rec. 026, 2007)

„Das Dieter Roth oRchester spielt kleine wolken, typische Scheiße und nie gehörte musik“ hatte anno 2006 seine Ursendung auf Bayern2Radio, wo die Hörspiel- und Medienkunst liebevoll gehegt und gepflegt wird. Dabei handelt es sich bei dieser Hommage an den bildenden Künstler Dieter Roth eher um eine Compilation liedhafter Interpretationen dessen literarischer Ergüsse, herausgegeben von Wolfgang Müller und Barbara Schäfer. Roth war auch auf dem schriftstellerischen Gebiet überproduktiv. Diese CD stellt also eher ein Album von Neu-Interpretationen dar und kein Hörstück im eigentlichen Sinne. Die Idee hierzu stammt vom ebenfalls bildenden Künstler und Island-Fan WOLFGANG MÜLLER (alias Úlfur Hródólfsson, ex Die Tödliche Doris) der das Roth-Buch „Frühe Schriften und typische Scheiße“ irgendwann in einem Berliner Wühltisch für 3 Mark entdeckte. Und damit wohl auch seine Geistesverwandtschaft – war der ebenfalls in Island wirkende Dieter Roth nicht auch irgendwie ein, äh, genialer Dilettant, ein Bruder im Geiste? Für sein Projekt holte sich Müller u.a. Unterstützung bei alten Bekannten wie Brezel Göring und Françoise Cactus (Stereo Total, Wollita), bei seinem Bruder MAX MÜLLER sowie dessen Band MUTTER, aber auch bei KHAN, TRABANT (aus Island) oder NAMOSH. Wolfgang Müller, der solo zu trivialem Electro-Pop neigt, steckt wiederum hinter dem WALTHER VON GOETHE QUARTETT und den beiden schwulen Stoffpuppen ARMAND & BRUNO, die sich mit der Häkelpuppe WOLLITA angefreundet hatten als diese als sexistisches (Nicht-) Kunstwerk von der Berliner Boulevard-Presse angefeindet wurde (zu diesem Thema ist übrigens ein Taschenbüchlein mit 3“CD im Martin Schmitz Verlag erschienen). Überraschenderweise ließen sich die Texte von Dieter Roth auch zu wunderbaren Popsongs formen. Die Beiträge von STEREO TOTAL oder WOLLITA sind in dieser Hinsicht zwei Meisterwerke. ANDREAS DORAU schafft es leider nicht daran anzuknüpfen, ihm gelingt trotzdem ein für ihn typisches Electro-Groove-Stück. Überhaupt klingen viele Tracks typisch für ihre Erzeuger. Offensichtlich lassen diese Texte hierzu genügend Spielraum – im Gegensatz zu gängigen Musik-Tribute-Projekten. GHOSTDIGITAL (ein Projekt eines ehemaligen Sugarcubes-Musikers) erinnern mich irgendwie an Therofal von The Blech im bassbetonten Elektronikkleid, welches bei mir wiederum Assoziationen an Werke von Goebbels/Harth aus den 1980ern erweckt. Nach 17 Beiträgen nicht ganz so vieler Künstler gibt es als Zugabe mit „doit again“ noch ein verschroben groovendes Stück von MOUSE ON MARS. Insgesamt gilt: typische Scheiße, interessant aufgearbeitet!

(geschrieben im Oktober 2007 für Bad Alchemy 55)

Séance Vocibus Avium

März 28, 2010

Wolfgang Müller – Séance Vocibus Avium
(CD / 7“-EP mit Buch, Fang Bomb, 2008)
(Hörspiel, Bayerischer Rundfunk, 2008)

Dieser Mann ist gut zu Vögeln, das pfeifen die Spatzen vom Dach. Seit Jahren interessiert sich der Berliner Künstler Wolfgang Müller für allerlei Vogelgezwitscher. Nicht nur Blaumeisen, Kurt Schwitters singende Stare oder gar Riesenalken haben sich in seinem Werk niedergeschlagen – in Büchern, Hörspielen, Skulpturen oder in Form eines in Bronze gegossenen Meisenknödel.

Müllers ornithologisches Interesse geht sogar soweit, dass er für „Séance Vocibus Avium“ den Versuch unternommen hat, Vogelrufe nicht mehr existierender Vogelarten anhand schriftlich überlieferter Beschreibungen zu rekonstruieren. Dabei haben ihn wiedermal ein paar Freunde geholfen und kurze Nachempfindungen eingespielt – u.a. Justus Köhnke, Annette Humpe,  Frieder Butzmann, Max Müller, Françoise Cactus & Brezel Göring (aka Stereo Total), Khan und Namosh. Diese elf in Umgebungsgeräusche eingebetteten Vogelrufe sind auf einer bei Fang Bomb erschienenen 7“-Schallplatte versammelt, zu der auch ein Büchlein mit kurzen Erläuterungen und Skizzen der verstorbenen Vogelarten gehört. Diese tierischen Lautäußerungen klingen ab und zu durchaus skurril und am Ende sogar fast schon erschreckend.

Aber diese kurzen Klangbeispiele sind natürlich nicht alles. Denn eigentlich sind sie Bestandteile des Hörspiels „Séance Vocibus Avium“, das 2008 für den Bayerischen Rundfunk realisiert wurde. Momentan wird es auch online als Podcast zum kostenlosen Download bereitgestellt. Hier werden dem werten Publikum von Claudia Urbschat-Mingues im ruhigen Tonfall mehr oder weniger wissenschaftliche Erläuterungen zu den jeweiligen ausgerotteten Vogelarten verlesen. Aber Wolfgang Müller spielt mit diesen Texten noch etwas herum und bildet daraus erläuternde Assoziationsketten. Da kommt man schon mal ins Schmunzeln. In der 44. Minute muss sogar die kühle Sprecherin kurz lachen.

Dieses Hörspiel wurde übrigens mit dem Karl-Sczuka-Preis 2009 beehrt, eine Auszeichnung, die Asmus Tietchens ja auch schon zuteil wurde.

PS:
Am 05. Mai 2010 wird dieses Hörspiel auf Deutschlandradio Kultur wiederholt – um 21:33 Uhr.

I Wanna Be A Mama

März 27, 2010

Stereo Total – Baby Ouh!
(LP, Disko B / Indigo, 2010)

Okay, es gibt eine neue Platte dieser Rockgruppe aus Berlin; 16 bis 17 neue Songs im guten alten Stereo Total-Sound. Das ist erstmal nicht so ungewöhnlich und man ist dazu bereit diese Platte vorab schonmal unter „just another Stereo Total record“ abzuheften. Aber dann schaffen Brezel Göring und Françoise Cactus wiedermal zu überzeugen, indem sie Referenzen aufzeigen, die dem Party-Charakter ihrer Musik scheinbar widersprechen, oder indem sie einfach ein paar Klassiker der Pop-Geschichte erfrischend aufarbeiten. Auf der B-Seite covern sie gleich drei Titel in Reihe. Zuerst „Wenn ich ein Junge wär“, ein Lied das durch die Nina Hagen Band bekannt gemacht und schon 1963 von Rita Pavone gesungen wurde. Auch der „Radio Song“ von Udo Lindenberg, in dem so rührend-unmoderne Vokabeln wie „Radio“ oder „Plattencompany“ vorkommen, muss daran glauben. Der Hammer ist allerdings die grelle Einlage von Der Grindchor (Das Original Oberkreuzberger Nasenflötenorchester) – spielt da nicht auch Thomas Kapielski mit? – auf „Tour de France“! Ehrfürchtiger Respekt sieht gottseidank anders aus. Der Song „No Controles“ darf einem ruhig spanisch vorkommen, aber so richtig interessant ist eher die Übertragung des Liedes „Voy A Ser Mama“ (Fans kennen beide Songs bereits vom Album „No Controles“) von Almodovar y McNamara aus den frühen 1980er Jahren vom Spanischen ins Englische. War da wirklich Pedro Almodovar mit im Spiel? Kein Wunder bei dem Thema. Wolfgang Müller (ex Die Tödliche Doris) durfte auch wieder textlich etwas beisteuern: „Du bist gut zu Vögeln“ darf zwar vom Partyvolk eindeutig zweideutig und somit für echt lustig gefunden werden – aber Müller ist wirklich an Vögeln interessiert, rein ornithologisch gesehen! Von ihm gibt es ein Blaumeisen-Buch und er hat auch schon mal eine Schallplatte mit Fledermäusen gemacht, aber das gehört nicht hierher. Ansonsten ist „Baby Ouh!“ wieder eine gute Ansammlung von Songs in deutscher, spanischer, englischer und französischer Sprache im treschicen Sequenzer-meets-Rockabilly-Schlagzeug-Sound. Klar, dass da Andy Warhol und Divine auch noch eine Rolle spielen dürfen. Sehr amüsant, das Ganze!

Hier noch eine Non-Album-Kurzversion von “ Wenn ich ein Junge wär“, wie sie im Sommer 2009 im TV zu sehen war:

27.03.2010