Posts Tagged ‘ZickZack’

… klingt gut

Mai 23, 2012

Teekrautzungen

Der Zickzack-Mann bringt drei Promo-CDs vorbei, Teil 3:

BESSERE ZEITEN – Sanktionen im Schutt
(LP/DL, All Rock’n’Roll Speeds Up/Zickzack/Hanseplatte, ZZ2037, 2012)

Für diese Band wünsche ich mir einen Besseren Namen, denn wenn ich „Bessere Zeiten“ lese muß ich Alter Sack / Alte Schachtel an den gleichnamigen Song von Kolossale Jugend (ca. 1988 bis 1991) denken. Und deren ehemaliger Sänger Kirstof Schreuf schreibt dann auch noch den Begleittext zu diesem Album, der allerdings genausowenig erhellend ist wie die Texte der Band. Zu allem Überfluß nimmt Tobias Levin of Capt. Kirk &.-Fame (ca. 1986 bis 1994) diese wohlklingende Platte auf. Das sind mir allzuviele offensichtliche Referenzen an den Kern der sogenannten Hamburger Schule Ende letzten Jahrhunderts.

Krautzungen, immer wieder werden Krautzungen erwähnt. Keine Ahnung, was das sein soll. Eine Wucherung mit Phantasienamen, eine Veranstaltungsreihe, eine Kreuzung von Kunst und Popkultur?

Egal, vielleicht sollte man diesen ganzen Ballast einfach ignorieren, wenn man denn könnte…

Dieses Album, das am 1. Juni 2012 in den Darreichungsformen LP und Download erscheint, enthält zehn Lieder mit deutschsprachigen Texten, eingespielt in der waaahnsinnig originellen Besetzung Gitarre, Bass und Schlagzeug plus Keyboards. Natürlich singt auch noch einer. Die Lyrics vermeiden konsequent Einfachheit und Eingängigkeit. Da hat womöglich wiedermal jemand sein Studium der Literatur zu ernst genommen. Nicht mein Fall sowas. Die Musik klingt super angenehm, fast schon zu perfekt produziert, zwischen elegantem Schmalz („Mexiko“, beispielsweise) und nervösem Rock (beim Titelstück, beispielsweise), auch wenn der Keyboarder ab und zu zweifelhafte Sounds einsetzt. Natürlich gibt es auch ein bedeutungsschwangeres Sprechstück mit atmosphärischer Klavieruntermalung.

Gymnasiasten-Pop /
Germanisten-Rock.

Trotzdem sympathisch.

Video gucken:
Zuweitgehen

GZ,
23.05.2012

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Future Perfect

Mai 14, 2012

Woog Riots live in der Astra Stube Hamburg am 5.5.2012 (Foto: G. Zimmermann)

Der Zickzack-Mann bringt drei Promo-CDs vorbei, Teil 2:

WOOG RIOTS – Post Bomb Chronicles
(LP/CD/DL, Ritchie Records/What’s So Funny About/Broken Silence/Finetunes, SF1967, 2012)

Die Woog Riots kommen mir vor wie ein Schwamm, der so einiges während seines musikalischen Werdegangs aufgesogen und anschließend zu kurzen Pop Songs weiterverarbeitet hat. Wichtige Jahrzehnte dürften für Silvana Battisti und Marc Herbert die Sixites (Geburt? Man beachte die Bestellnummer „1967“!) sowie die 1980er Jahre gewesen sein (in denen deren musikalische Sozialisation stattfand, schätze ich mal). Von ihrem frühen Indie-Schrammel-Pop mit Antifolk-Connection haben sie sich zu einer astreinen Elektro-Pop-Band entwickelt ohne ihre freundliche Sympathie und Wärme zu verlieren. Nur die Stimmen und ein paar Gitarreneinsprengsel sind nicht synthetisch.

In Musik und Text tauchen schlagwortartige Zitate von den B-52’s („Huuh, Huuh“), frühe Depeche Mode, den nicht ganz so frühen Devo, New Order („Power, Corruption & Lies“ wird durch „Rumours“ ergänzt), von The Fall („Repetition / Repetition / Repetition“) und nochmal The Fall („My Disco Is A Rebellious Jukebox„) auf. Und vielleicht hat der Song „One Thousand Roboter“ auch etwas mit der Hamburger Nachwuchsband 1000 Robota zu tun, obwohl nicht nur hier der Kling sehr nach Kraftwerk klangt. Das erinnert mich wiederum an das britische Duo Komputer, welches sich bereits vor 15 Jahren einen Spaß daraus gemacht hat, ein Kraftwerk-Simulakrum zu entwickeln. Allerdings haben die Woog Riots den besseren, fetteren und wärmeren Sound. Nicht nur Musik ansich spielt hier als Einfluss eine Rolle, auch der mehr oder weniger aktuelle Popdiskurs. So werden ebenso Autoren wie Alvin Toffler oder Simon Reynolds verschlagwortet. Retro-Futurismus schwingt immer mit … „Komm Gestern Morgen“ … „Future Shock“.

Trotz dieses popkulturellen Ballasts klingen die Woog Riots munter und eigen und bringen ihre Songs auf den Punkt. Alle 13 Songs sind gleichermaßen toll, machen Spaß und wollen immer wieder am Stück gehört werden. Repetition, Repetition, Repetition…

Prädikat Evergreen!

PS:
Anno 2004 haben die Woog Riots für Zickzack übrigens einen Sampler namens „Perverted By Mark E. – A Tribute To The Fall“ zusammengestellt. Check out!

GZ,
14.05.2012

Holger, Alexander, Evan und Paul

April 14, 2012

Gestern (am 13.04.2012) gab es im Lichtmeß-Kino im Rahmen der 9. Dokumentarfilmwoche Hamburg zwei relativ kurze, wunderbare Musikfilme zu sehen. Erst einer über Holger Hiller und dann ging es weiter mit dem  Schlippenbach Trio. Free Jazz nach Samplingkunst.
Wie es sich für ein Festival gehört, waren die beiden FilmmacherInnen anwesend und ließen sich zu ihren Werken von der Moderatorin und dem Publikum befragen.

Oben im Eck – Holger Hiller
(Janine Jembere, Musik-Dokumentation, 34 min., 2012)

Kurz vor Weihnachten 2011 war Holger Hiller (*1956) mit seiner alten Band Palais Schaumburg, die er nach der ersten LP verlassen hatte, live zu bewundern. Und jetzt hat dieser Film über ihn Premiere. Schöner Zufall!
Hier nähert sich Janine Jembere (*1985) an Hiller an, die dessen Musik nicht von früher kennt sondern erst in einem Seminar damit in Kontakt kam. Ein Jahr bevor Hillers Solo-Album „Oben im Eck“ auf Mute erschien wurde sie in Magdeburg geboren. Daher kommt dieses Portrait erfreulicherweise ohne nostalgische Schwelgereien aus. Aufnahmen aus der Jetztzeit, z.B. von Proben mit zwei Musikerinnen, werden kombiniert mit Archivmaterial – Ausschnitte aus der Fernsehrevue „Dreiklangsdimensionen“ beispielsweise oder dem Video von Ohi Ho Bang Bang u.v.m.
Anhand von Privat-Fotos zeigt Hiller seine Stationen auf: Hamburg, London, Berlin. Es gibt keine Interviews und keine Fakten aus dem Off – im ganzen Film ist fast nur die Stimme von Holger Hiller zu hören, beim Proben, Bilderzeigen, Instruktionsvideogucken und Verlesen für diesen Film selbst geschriebener Texte. Für frei gesprochene Interviews war er wohl nicht zu haben, da er sicher sein wollte, daß keine Ungenauigkeiten verbreitet werden. Das ganze beginnt am Berliner Hauptbahnhof (vermute ich jetzt mal), Hiller auf der Rolltreppe und Jembere im Aufzug, dazu ein Ausschnitt aus dem wunderbaren Hörspiel „Little Present“, in dem er den Besuch bei seinem vierjährigen Sohn in Tokio akustisch verarbeitet hat. Am Ende betritt Holger Hiller zwar zusammen mit den beiden bereits erwähnten Musikerinnen eine Bühne in Paris, dann wird die Leinwand schwarz, Abspann.
Die Palais Schaumburg-Reunion ist hier übrigens kein Thema, die Dreharbeiten waren wohl schon abgeschlossen als diese Idee aufkam. Ein wunderbarer Film über einen wirklich interessanten Künstler.
Diese empfehlenswerte Doku entstand übrigens als Abschlussfilm an der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HFBK) und wird zusammen mit 12 anderen Abschlussfilmen am 26. April 2012 im Metropolis Kino gezeigt.

Aber das Wort Hund bellt ja nicht
(Bernd Schoch, Musik-Dokumentation, 48 min., 2011)

Bernd Schoch (*1971) ist u.a. auch Dozent an eben erwähnter HFBK und war 2009 auf dem Unerhört! Musikfilm-Festival mit „Slide Guitar Ride“ über Bob Log III vertreten.
Jetzt hat er sich den Spaß erlaubt, drei Free Jazzer abzulichten: Alexander von Schlippenbach (*1938, Piano), Evan Parker (*1944, Saxophon) und Paul Lovens (*1949, Schlagzeug). Unter der Firmierung Schlippenbach Trio machen diese Herren jeden Winter eine Tour und an vier aufeinanderfolgenden Jahren wurden ihre Konzerte in immer dem selben Jazzclub in Karlsruhe (Schoch kommt offensichtlich aus dieser Gegend) aufgenommen. Fast wäre es ein Triptychon geworden – jedem der drei wird eine längere Sequenz gewidmet. Die Mitmusiker sind nur zu hören. Als Zuschauer ist man so nah an ihnen und ihren Instrumenten dran, daß man die Personen fast schon nicht mehr sieht. Da gleiten Finger über Tasten, ein Schweißtropfen perlt herab, man glaubt fast selbst im Schlagzeug zu sitzen. Man kann die Konzentration spüren mit der diese Musik entsteht und sehen, wie ein Musiker auch erstmal hineinhört bevor er weiterspielt. Die drei Herren sind nie gleichzeitig im Bild zu sehen und es gibt auch keine langweilige Totale. Statt Interviews gibt es von jedem der Drei ein Statement zu ihrer Musik und den Ritualen auf ihrer Reise zu hören. Diese dienen als Zwischenspiel und Trennung der dann doch vier Konzertsequenzen. „Aber das Wort Hund bellt ja nicht“ ist somit weder eine klassische Doku noch ein herkömmlicher Konzertfilm sondern fast schon selbst Musik. Alles ist im Fluß. Und wie bei einem guten Konzert hätte ich gerne ab und zu mal die Augen geschlossen um mehr zu hören. Aber das wäre ziemlich doof gewesen bei einem so sehenswerten Film!

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Gute Luft

Dezember 17, 2011

Palais Schaumburg live
(Golden Pudel Club, Hamburg, 16.12.2011)

Das hätte ich ja nicht gedacht, daß ich jemals Palais Schaumburg live erleben würde. Und dann auch noch in der Besetzung ihrer ersten Langspielplatte aus dem Jahr 1981, einem Klassiker der Moderne, produziert von David Cunningham (The Flying Lizards). Mit Ralf Hertwig am Schlagzeug und Timo Blunck am Bass (und manchmal auch am elektrischen Upright Bass) hat diese New Wave Band eine hervorragende Rhythmus-Gruppe. Thomas Fehlmann ist für die Elektronik bzw. Synthesizer und die mit Effekten behandelte Trompete zuständig, während Holger Hiller singt, nicht immer Gitarre spielt und ab und zu den Korg erklingen läßt.

Nach 30 Jahren ist dies das erste Konzert von Palais Schaumburg. Zuletzt haben sie wohl in der Hamburger Markthalle gespielt (erzählte Holger Hiller in einer seiner wenigen Ansagen). Nun absolvieren die vier Herren den ersten von zwei mehr oder weniger inoffiziellen Warm-up Gigs im kleinen Golden Pudel Club, unweit vom ehemaligen Hafenklang Studio, in dem sie ihre ersten Singles für das ZickZack-Label aufgenommen haben. Am 30.12.2011 spielt Palais Schaumburg dann ein großes Reunion-Konzert in Berlin.

Aufgeführt wurde fast das komplette Debut-Album, alle ZickZack-Singles und auch der Beitrag zum Sampler „Lieber zuviel als zu wenig“. Trotzdem kamen mir zwei, drei Stücke nicht so bekannt vor (man kann ja nicht alles kennen).  Auch „Herzmuskel“ wurde dargeboten, ein Stück von Holger Hiller solo bzw. Träneninvasion (und geschrieben von Chris Lunch). Live klang das teilweise fast besser als auf Platte, insbesondere den ganz frühen Sachen taten die elektronisch verbesserten Bässe gut. Sehr selten hatte ich den Eindruck, daß die Musiker ihre alten Songs noch nicht so recht auf der Kette hatten. Aber das ist mehr als verzeihbar nach 30 Jahren Bühnen-Abstinenz. Gegen Ende wurde Palais Schaumburg immer lockerer und besser. Fast hätten die Leute angefangen zu tanzen – wäre nur etwas mehr Platz im naturgemäß ausverkauften Etablissement gewesen (ein paar haben natürlich getanzt). Dabei wäre Bewegung die einzige Antwort auf diese hackigen Grooves gewesen. Und irgendwie kam mir das garnicht mehr so sehr nach Post Punk New Wave (und sowieso nicht nach Neue Deutsche Welle oder gar NDW) vor, sondern machte mir eher den Eindruck von zeitloser Musik,  manchmal sogar Jazz (Kontrabass, Trompete und seltene Freak Outs) oder Art Rock (Gitarren-Sounds). Nostalgische Gefühle kamen bei mir nicht auf. Das war damals ebenso authentisch wie heute. Und dafür liebe ich diese Formation.

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Bildnis Alfred Hilsberg

Dezember 6, 2011

Fundstück aus der Zeitschrift ELASTE Nr. 10 August/September 1984:
Die Mitglieder der Band Freiwillige Selbstkontrolle interpretieren ein von Michaela Melián gemaltes Portrait des ZickZack-Label-Machers Alfred Hilsberg.

Herausgeber von ELASTE war u.a. Michael Reinboth, der später Compost Records gründete.

Hier das Ganze auch als PDF:
Bildnis Alfred Hisberg

Newavetumsforschung

August 15, 2011

Günter Sahler – NDW-Archäologie
(Taschenbuch, Edition Blechluft, 2011)

Mit der Edition Blechluft hatte ich bislang nur wenige Berührungspunkte. Der erste fand wohl irgendwann in den sogenannten Nuller-Jahren statt, als ich auf der Mainzer Minipressen-Messe am Stand des Musikers und Künstlers Brandstifter einen Sampler mit dem Titel „Klingende Blechluft in Siedlungsgebieten“ (CD-R?, Blechluft / Frische Ernte, 2003) erstand. Dort war neben Stücken von Brandstifter auch der herrliche Song „Frauen über 30“ der Ernst Neger Revival Band vertreten, ein Ableger der damaligen Bamberger Künstlergruppe Winkelwurst (deren Mitglied Frank Apunk Schneider heutzutage bei Monochrom Wien mitwirkt). Aber auch Sachen mit Felix Kubin, Günter Reznicek oder Frieder Butzmann (Interview-Ausschnitte) sind dort zu hören.

Im Jahr 2011 ist in der Edition Blechluft mit dem Titel „NDW-Archäologie“ nun schon der fünfte Band auf Papier erschienen. Autor Günter Sahler (*1967) forscht in Sachen Post Punk, New Wave und Neue Deutsche Welle und schreibt in diesem Buch über teils obskure, randständige Erscheinungen, aber auch Ikonen der NDW. So erläutert er am Beispiel der D.I.Y.-Künstlerin Sunny, über die man nicht viel weiss, die Quellenlage der Musikforschung (Traditionsquellen versus Überreste oder so). Ein Schwerpunkt dieses Buches liegt auf dem Werdegang der Fehlfarben. Deren Geschichte wird hier nochmal gut zusammengefaßt, allerdings ohne näher auf deren letzte Platte „Glücksmaschine“ (2010) einzugehen.
Desweiteren gibt es eine interessante Abhandlung über die Bands der sogenannten Limbuger Pest – sprich Wirtschaftswunder, Siluetes 61, Die Radierer und Konsorten.
Mehr oder weniger kurze Interviews mit Stef Petticoat oder Thomas Voburka sowie eine kurze Abhandlung über Hirsche Nicht Aufs Sofa und eine Auswahldiskographie (T bis Z) runden dieses Werk ab.
Was eingangs etwas akademisch anmutet entpuppt sich schnell als Fantum.

Für mich als Alter Sack, welcher mit dieser Musik aufgewachsen ist – wenn auch nur aus der Distanz in der Provinz und einen Tick zu spät geboren dafür, ein Schicksal, das ich mit dem Autor Günter Sahler, aber auch mit Frank Apunkt Schneider wohl teile – ist das immernoch interessanter Stoff. Mögen sich dennoch auch jüngere Leute dafür interessieren!

Das Buch kann man für wenig Geld hier bestellen:
www.blechluft.de.vu/

Mr.Boredom über die „Glücksmaschine“ der Fehlfarben:
Respekt!

Mr.Boredom über das Buch „Als die Welt noch unterging“ von Frank Apunkt Schneider:
Kassette sich wer kann!

30 Jahre freiwillig in einer Schachtel

Februar 17, 2011

F.S.K. – Freiwillige Selbstkontrolle ist ein Mode & Verzweiflung Produkt
(3CD-Box, 1980 bis 2009, Disko B)

Schon irgendwie lustig, wenn eine Band mit auf Buback-Label-Tournee geht um ihre bei Disko B erschienene Anthologie der 30-jährigen Bandgeschichte zu präsentieren. Ihr letztes selbstbetiteltes Album war 2009 ihr Debut für Buback. Von da an geht „Freiwillige Selbstkontrolle ist ein Mode & Verzweiflung Produkt“ – so der Name dieser CD-Box – zurück bis ins Jahr 1980, als ihre erste 7″EP auf ZickZack erschien. Diese Compilation ist chronologisch sortiert und beginnt mit Songs aus ihrer frühen Post-Punk-New-Wave-Phase. Anschließend bekommen sie den Blues und interessieren sich eher für amerikanische Musik, allerdings für solche, die von Europa nach Übersee wanderte und holen diese wieder zurück. Das berühmte Transatlantic Feedback also. Da wird der Blue Yodel und die Pennsylfawnisch Schnitzelbank wieder nach Germany gebracht oder alte G.I.-Songs reinterpretiert. Ungereimtheiten und Missverständnisse inbegriffen.

Offensichtlich fließt in die Musik von F.S.K. immer das ein, für was man sich als Band so gerade interessiert. Das sind nicht nur Musikangelegenheiten  (inkl. der Amon Düül-Diskographie), sondern auch Fragen der Philosophie, Gender Trouble und queere Lebensaspekte.

So hat Thomas Meinecke auch zwei Compilations mit solcher in Texas vorgefundener Musik zusammengestellt („Texas Bohemia“ und „Slow Music“, Trikont, 1994/96), ein Hörspiel („Texas Bohemia“, Bayerischer Rundfunk, 1993) produziert und einen Roman geschrieben („The Church of John F. Kennedy“, edition suhrkamp, 1996). Schön nachvollziehbar ist dieses Interesse auch an den Radio-Sendungen, die Thomas Meinecke nachts für bayern2radio macht (und dort sowohl Techno a la Underground Resistance oder Dopplereffekt als auch R&B von Tweet auflegte). Und seine Bücher sind eh ein Parallel-Universum zu F.S.K. – wer „International“ hört, findet in „Tomboy“ das passende Buch dazu.

Nach einer Übergangsphase, in der die Rhythmusbox gegen einen echten Schlagzeuger eingetauscht wurde und man mit David Lowery (von Camper van Beethoven bzw. Cracker) unterwegs war, erschien 1996 eine 12″ mit vier rein instrumental angelegten Tracks. Das war überraschend bei so einer diskursiv-textlastigen Band – aber auch irgendwie zeitgemäß in den Jahren als der sogenannte Post-Rock modern wurde und Techno sowieso. Auf den darauf folgenden Platten hat F.S.K. nach und nach seine Sprache wieder gefunden. Und mit ihrer bereits erwähnten selbstbetitelten Platte knüpften sie dann wieder etwas mehr an ihre wavige Anfangszeiten an. Soweit die Ultrakurzversion dieser Bandgeschichte.

Das letzte Lied dieser Compilation – „Stimme“ – stammt von einem Peter Weibel-Tribute-Album („Der Künstler als junger Hund“, intermedium, 2009) und verweist auf die hörspiel- und medienkünstlerischen Projekte der Band. So hat F.S.K. auch die velvetundergroundeske Musik zur Hörspiel-Produktion „Bambiland“ von Elfriede Jelinek (Regie: Karl Bruckmaier, Bayerischer Rundfunk, 2005) beigesteuert. Davon abgesehen sind Michaela Melián (u.a. mit „Föhrenwald“) und Thomas Meinecke auch solo bereits als Hörspielautoren immer wieder in Erscheinung getreten.

Diese CD-Box ist also eine Zeitreise durch das Werk einer der interessantesten deutschen und deutschsprachigen Nebenerwerbs-Pop-Gruppen (Meinecke ist ja u.a. als Autor unterwegs, Melián als bildende Künstlerin, Wilfried Petzi als Photograph, Justin Hoffmann als Dozent und Kurator, Carl Oesterhelt aka Carlo Fashion als Komponist) und wird durch ein 76-seitiges Büchlein mit vielen Bandfotos und einer diskursiven Abhandlung von Didi Neidhart über F.S.K. ergänzt. Auf einem Faltblatt gibt es noch einen englischsprachigen Text von Franc Myles über die Band zu lesen, dessen Vorderseite die Worte „Heute Disco / Morgen Umsturz / Übermorgen Landpartie“ zieren, die Losung der 1978 gegründeten Zeitschrift „Mode & Verzweiflung“, als deren musikalischer Arm Freiwillige Selbstkontrolle fungiert (und wer will kann diese Losung auch im großen Format DIN B0 ordern). Als kleiner Gimmick liegen der Box noch drei kleine Zahnstocher-Flaggen bei, passend zum Song „Flagge verbrennen (Regierung ertränken)“.

Prädikat wertvoll.

 

Tipp: Michaela Melián live in Hamburg, 29.07.10

Juli 25, 2010

Am 25. Mai 1991 mit Freiwillige Selbstkontrolle in Weikersheim

Konzert-Tipp:

Donnerstag, 29. Juli 2010, 21 Uhr:
MICHAELA MELIÁN
Dockville Kunst / Recreation Ausstellungsprogramm,
Reiherstieg Hauptdeich, Hamburg-Wilhelmsburg

Das Dockville Festival 2010 (13. bis 15. August) wirft seine Schatten voraus – ab 29.07.2010 gibt es schon ein Kunst-Programm mit Ausstellungen, Performances und Konzerten.

Dort wird am oben genannten Termin MICHAELA MELIÁN „ein elektro-akustisches Solo-Konzert auf Olaf Nicolais Arbeit ‚Landschaft‘“ geben. Olaf Nicolai ist der Bruder von Carsten Nicolai (Raster-Noton). Und Michaela Melián ist ebenfalls eine bildende Künstlerin, die man vielleicht eher als Bassistin der Band Freiwillige Selbstkontrolle (bzw. F.S.K. / FSK) kennt, die 1980 ihre erste 7“-EP veröffentlichte und seitdem verschiedenste stilistische Phasen durchgemacht hat (New Wave, Transatlantic Feedback, Instrumental-Musik…).

Vor sechs Jahren erschien ihre erste Solo-Platte „Baden-Baden“, 2007 folgte „Los Angeles“. Mit Unterstützung ihres Band-Kollegen Carl Friedrich Oesterhelt (aka Carlo Fashion) entstand hier reduzierte, pulsierende elektronisch wirkende Musik, die allerdings nicht rein elektronisch produziert wurde. Michaela Melián spielt ja auch Bass und Cello, singt aber eher selten – z.B. auf den beiden Roxy Music-Cover-Versionen, die ihre Solo-Alben jeweils abschließen. Ähnlich faszinierende Musik gibt es auch in der Installation (und gleichzeitig Hörspiel) „Föhrenwald“ zu hören, in der die Geschichte dieser 1937 erbauten Mustersiedlung und späteren Durchgangslagers thematisiert wird. Am 23. September 2010 startet ihr Werk „Memory Loops“, ein virtuelles Denkmal mit „300 Tonspuren des NS-Terrors in München“.

Aber am kommenden Donnerstag freuen wir uns erstmal auf ein Konzert von Michaela Melián.

PS: Schade, dass Michaela Melián an diesem Abend dann doch verhindert war.

Weiterführende Links:

Dockville Kunst Programm
Konzertankündigung

Memory Loops

Seen / Schlösser

Juni 13, 2010

Seen Links Schlösser Rechts
Tuo Men Xiong Haopéngyou / Die Nacht / Kreisel
(7″, Zensor cm 03, 1982)

Gestern fiel mir diese 1982 erschienene Single in die Hände, ein typisches Produkt der damaligen Westberliner New Wave Szenerie. Hinter SEEN LINKS SCHLÖSSER RECHTS scheinen keine allzu bekannten Musiker zu stehen. Bei meiner Internet-Recherche kam zumindest nicht viel heraus. Vokalistin und Trompetenspielerin Manuela Brandenstein könnte mit der gleichnamigen Synchronsprecherin identisch sein (?). Weitere Mitglieder waren Mathias [Fischer-(?)] Dieskau (Keyboards, Electronics), [Achim] Mennicken (Gitarre) und Volker Schönbühler (Saxophon; taucht später bei La Loora auf). Co-Produzent war Robert Crash, der auf ZickZack eine schöne Petticoat/Crash-Single veröffentlich hat.

Der Track der A-Seite hat einen chinesischen Titel, ist aber dreisprachig gehalten (auch englisch und deutsch) und wird andernorts auch als „Gute Freunde“ gelistet. Auf dem Cover sind nur die exotischen Schriftzeichen zu sehen. Insbesondere dieses Stück könnte bei so manchen Leuten in die nichtssagende Kategorie „minimal electro“ fallen. Der Rhythmus kommt von einer Maschine, die elektronische Basslinie ist etwas nervös, dazu noch Saxophon-Einsprengsel, Sprechgesang und Noise-Elemente im Hintergrund. Auf der Rückseite wird es mit „Die Nacht“ eingängiger. Hier handelt es sich um eine Cover-Version des durch Gustaf Gründgens bekannt gemachten Liedes aus dem Film „Tanz auf dem Vulkan“. Eine wunderbare, kurze und zeitgemäße Version! Bei „Kreisel“ kommt dann endlich die no-wavige Gitarre zum Vorschein und neben dem Saxophon ist auch stellenweise die Trompete zu hören. Ein schöner Abschluss dieser kleinen Schallplatte.

Schlimm. Schlimm?

Mai 20, 2010

Ein Interview mit DIE ZIMMERMÄNNER

(zwei Seiten aus Oi Oi Oi! Nr. 1 vom April 1983)